Montag, 19. Mai 2014

Nâgârjuna: Wahres Gehen, Philosophie der Mitte

(Yudo J. Seggelke mit Elisabeth Steinbrückner)

Der große indische Meister Nâgârjuna verfasste etwa im ersten Jahrhundert nach der Zeitenwende das berühmte und fundamentale Werk Zum Weg der Mitte und zur Leerheit (in Zukunft MMK genannt), das maßgebliche Grundlage des Mahâyâna-Buddhismus und nicht zuletzt des tibetischen Buddhismus wurde und auch in Ostasien in neuerer Zeit zunehmend vertieft analysiert wird. So haben G.W. Nishijima und Brad Warner kürzlich eine Übersetzung und Interpretation des MMK vorgelegt, die ganz neu ansetzt und sich von den bisherigen traditionellen Fassungen des MMK deutlich unterscheidet. Die Fachwelt hat entsprechend unterschiedlich reagiert: die Kommentare reichen von begeisterter Zustimmung bis zu heftiger Kritik.

Mit G. W. Nishijima habe ich selbst mehrere Jahre an dem Verständnis und der Übersetzung des MMK gearbeitet. Als sein Dharma-Nachfolger sehe ich es als meine Aufgabe an, diese Arbeiten fortzusetzen und mögliche Ungenauigkeiten zu beheben, weil ich überzeugt bin, dass er auf der Grundlage seiner jahrzehntelangen tiefen Erfahrung der buddhistischen Lehre und Praxis Wesentliches für das Verständnis des MMK beizutragen hat.

Da meine Sanskrit-Kenntnisse für diesen schwierigen Text des MMK nicht ausreichen, habe ich eine Zusammenarbeit mit einer erfahrenen Indologin begonnen, um sicher zu sein, dass sich bei der Übersetzung keine grammatikalischen Fehler einschleichen und die Semantik der Schlüsselbegriffe korrekt wiedergegeben wird. Bekanntlich weist Sanskrit eine für unsere Verhältnisse hohe Komplexität der Grammatik auf: Es gibt z. B. acht Fälle in der Deklination. Zudem ist die semantische Bandbreite der Sanskrit-Vokabeln ungewöhnlich weit aufgefächert, und dies erklärt sicher nicht zuletzt die große Varianz der Übersetzungen und Interpretationen des MMK. Ich folge dabei konsequent der Methode G. W. Nishijimas, der sich auf die verlässlichen Lexika des Sanskrit stützt und nicht ungeprüft die geläufigen tradierten Bedeutungen der Schlüsselbegriffe des MMK übernimmt.

Ein zentraler Begriff des Buddhismus ist zweifellos pratitya samutpada, das üblicherweise als abhängiges Entstehen übersetzt wird. Wie Joanna Macy überzeugend nachgewiesen hat, ist diese Übersetzung durchaus kritisch zu sehen, da sie eine Abhängigkeit nur in einer Richtung von einer Ursache zu einer Wirkung suggeriert, also unidirektional ist. Unter Verwendung der zeitgemäßen Systemtheorie, die z. B. in den Neurowissenschaften aber auch in der Ökologie von zentraler Bedeutung ist, plädiert sie dafür, pratitya samutpada als Wechselwirkung zu verstehen, also eine Rückkopplung zu fordern und nicht nur eine unidirektionale Wirkung zu unterstellen. Dies entspricht der ursprünglichen Bedeutung in Pali und Sanskrit. Sie nennt diese Wechselwirkung mutual causality, das in Deutsch etwa mit dem Begriff Wechselwirkung oder genauer wechsel-wirkendes Entstehen bezeichnet werden kann. Ich möchte ihrer Argumentation folgen.

In ähnlicher Weise arbeitet der Neurowissenschaftler, Systemtheoretiker und Buddhist Francisco J. Varela in seinem fundamentalen Werk „Der Mittlere Weg der Erkenntnis“ heraus, dass die moderne Systemtheorie mit den wesentlichen Aussagen des Buddhismus und insbesondere von Nâgârjuna übereinstimmt oder zumindest harmoniert. Bemerkenswert ist dabei, dass Varela eng mit dem Dalai Lama und auch mit dem deutschen Gehirnforscher Wolfgang Singer zusammenarbeitete. Er hatte zusammen mit Humberto R. Maturana vorher das Bahn brechende Buch „Der Baum der Erkenntnis“ verfasst, das wesentliche Fortschritte der Systemtheorie für lebende biologische Systeme erbrachte. Da sowohl Macy als auch Varela tief im Buddhismus verankert sind, kann ihren Arbeiten zur Modernisierung des Buddhismus durch die Neurowissenschaft und Systemtheorie hohes Vertrauen entgegen gebracht werden. Ich möchte auch anmerken, dass Joanna Macy wie ich selbst jahrzehntelang in der Ökologie und im Umweltschutz tätig war.

Nâgârjuna arbeitet im ersten Kapitel des MMK heraus, dass der Kosmos und alles uns Bekannte immer in Wechselwirkung entstehen und niemals isoliert aus sich selbst allein entstanden und erwachsen sind. Er verwendet dafür im Vorspann des MMK den Begriff pratitya samutpada also das Entstehen, Wachsen und Lernen in Wechselwirkung und in Vernetzung. Nach der buddhistischen Lehre gibt es keinen unveränderlichen „Kern“ des Menschen, der altindisch Atman genannt wurde, sondern der Mensch besteht aus fünf veränderlichen Komponenten, den Skandas: Form, Gefühl, Wahrnehmung, formende Kräfte/Handeln und Bewusstsein. Diese Komponenten sind wechsel-wirkend vernetzt, also nicht isoliert und eigenständig überlebensfähig, sondern wirken im Menschen immer zusammen.

Nâgârjuna untersucht im zweiten Kapitel des MMK den scheinbar einfachen Vorgang des Gehens, wahres Gehen, und entwickelt daran grundlegende buddhistische Gedanken auf Grund praktischer Erfahrungen für sein gesamtes folgendes Werk. Daher ist es von großer Bedeutung, dieses Kapitel über wahres Gehen gründlich und sorgfältig zu analysieren und die Fundamentalaussagen der lebendigen kreativen Wechselwirkung einzubeziehen, also jede Art von unabhängigen isolierten Eigenwesen oder Selbst-Sein des Menschen zu vermeiden, in Sanskrit heißt dies svabhava. Dadurch würde die Wirklichkeit des Menschen, der Erde und des Kosmos buddhistisch und systemtheoretisch verengt, sodass wesentliche Zusammenhänge nicht mehr erkannt werden könnten und vor allem der buddhistische Erlösungsweg blockiert wäre. Daraus ergibt sich zwingend, dass der Mensch im sozialen Bereich und in seiner Umwelt ebenfalls wechselwirksam vernetzt ist, also niemals isoliert leben und überleben kann.

In der obigen Abbildung habe ich diese Zusammenhänge durch die jeweiligen Pfeile dargestellt, die sowohl von der Umwelt als auch von dem Boden/Untergrund, auf dem ein Mensch geht, in beiden Richtungen zeigen. Dafür kann man z. B. für das Körperliche eine ganz einfache Erklärung anführen: wenn man geht, braucht man einen Untergrund oder Boden, auf dem man gehen kann, sonst können wir überhaupt nicht gehen, und wenn wir gehen, müssen wir atmen, also die Luft aus der Umwelt einatmen, den Sauerstoff für unseren Körper entnehmen und die verbrauchte Luft wieder auszuatmen. Aber die Wechselwirkung mit der Umwelt geht natürlich weit darüber hinaus, insbesondere wenn wir uns neben dem Körper die anderen Komponenten/Skandas anschauen z. B. die Wahrnehmung. Wir können unseren Weg in der Welt nur finden, wenn wir sehen oder anders wahrnehmen, wie der Weg begrenzt oder markiert ist, auf dem wir gehen. Ohne Wahrnehmung also keine Bewegung, kein Gehen und kein Vorwärtskommen. Gleiches gilt natürlich für die formenden Kräfte und das Handeln beim Gehen selbst und für unser Bewusstsein, dass wir nämlich wissen und erinnern, welches der richtige Weg ist und wie wir wieder zurück finden.

Wir müssen nun die zentrale Frage stellen, ob es im wissenschaftlichen Sinne eine Systemgrenze des Menschen gibt und wie er mit seiner Umwelt wechsel-wirkend interagiert. Ich habe daher in der obigen Abbildung den Menschen symbolisch als durchbrochenen offenen Kreis dargestellt und will damit ausdrücken, dass es sowohl eine relative Abgrenzung gibt, als auch eine notwendige Offenheit und Durchlässigkeit zur Umwelt und zu anderen Menschen. Die Systemgrenze hat nach Maturana/Varela also eine doppelte Funktion, sie schützt in einem gewissen Maße die inneren interaktiven Prozesse des Lebewesens und seiner inneren Teilsysteme selbst und ist auf der anderen Seite existentiell zwingend mit der Umgebung und anderen Systemen gekoppelt. Wenn sich z. B. ein Mensch hermetisch abschließt, muss er sterben und zwar sowohl körperlich als auch sozial und psychisch. Umgekehrt ist eine völlig hemmungslose Offenheit gegenüber allen Einflüssen der Umgebung falsch und führt ebenfalls in die Katastrophe.

Es muss also ein lebendiges gutes Gleichgewicht zwischen Abgrenzung und Schutz einerseits und Offenheit und Interaktion andererseits wirksam sein, und es ist sicher nicht unsinnig, dies als Mittleren Weg und Gleichgewicht zu bezeichnen. Beide Extreme, die im Buddhismus und insbesondere bei Nâgârjuna immer wieder als falsch herausgearbeitet werden, sind unsinnig: die totale Isolation und die totale schutzlose Offenheit. Dabei wird bereits die spannende Frage angerissen, dass es für die im Buddhismus gelehrte Offenheit gegenüber Allem in der Welt und insbesondere anderen Menschen einer inneren Stärke und Ruhe bedarf, um nicht von zerstörerischen oder kriminellen Kräften fundamental geschädigt zu werden. Der buddhistische Entwicklungsweg hat also den wesentlichen Sinn durch Meditation, Selbstbeobachtung und fortlaufendes Training die eigenen menschliche Kräfte und Kapazitäten zu entwickeln, um die Offenheit, Hilfsbereitschaft zu stärken und zu ermöglichen, die notwendig sind, für den Weg der Befreiung und Unabhängigkeit.



Die genannten Zusammenhänge habe ich in der obigen Zeichnung versucht zu skizzieren. Dies mag zunächst einen naturwissenschaftlichen Anschein erwecken, geht aber m. E. über eine enge materielle Sicht weit hinaus. Die dargestellte Situation integriert die buddhistische Lehre von pratitya samutpada und den fünf Skandas mit dem heutigen Wissen der Systemtheorie, Ökologie und Neurowissenschaften, und dies ist nicht zuletzt das große Anliegen des Dalai Lama.

Wenn also ein wahres Gehen im Sinne des Buddhismus und Nâgârjunas gelingt, muss dies immer in der Einheit mit dem Boden und der Umwelt sein. Dabei wird im zweiten Kapitel des MMK mehrfach herausgearbeitet, dass die Erinnerung an früheres Gehen und zukünftiges zu erwartendes Gehen nicht so wesentlich ist, wie das Gehen genau im jetzigen Augenblick: Erinnerung und Erwartung sind gerade kein wirkliches Gehen. Wichtig ist auch zu erwähnen, dass wir etwas ganz Natürliches tun, wenn wir gehen, eine natürliche Bewegung, die uns weitgehend überhaupt nicht bewusst ist.

Wir wissen aus den Neurowissenschaften, welche gewaltige Leistungen der Informationsverarbeitung für den einfachen Vorgang des Gehens erforderlich sind, nicht zuletzt weil das Gehen selbst ein Gleichgewicht ist, das nur auf unseren zwei Beinen und zwei Füßen zusammen mit dem Bewegungsablauf auch der Arme und anderer Teile des Körpers geleistet wird., Wie haben bekanntlich nicht wie bei vielen Tieren vier oder mehr Beine zur Verfügung, die eine physikalische Stabilität einfacher ermöglichen. Gehen ist in seiner Funktion selbst immer ein Gehen im Gleichgewicht, in einer Umwelt, die permanent einbezogen wird, ob wir davon wissen oder nicht. Dies ist m. E. auch ein fundamentales Gleichnis für den Buddhismus in der Praxis und Theorie selbst. Die Selbstverständlichkeit und Natürlichkeit des Gehens ist analog zu verstehen, wie die unmittelbare Fähigkeit, Leid zu erkennen und anderen zu helfen, die im Bodhisattva-Ideal nicht zuletzt von Nâgârjuna selbst herausgearbeitet wurde: unmittelbares klares Handeln im Augenblick.

In der Systemtheorie wird für intelligente Systeme, die wechsel-wirkend vernetzt sind, der Begriff der Selbstorganisation verwendet. Er bedeutet, dass ein lebendes System sich genau so selbst organisiert, dass es weiter lebt, sich also selbst in seiner lebenden Art und Weise erhält. Dies bedeutet aber keinesfalls, dass es im Detail immer identisch bleibt, sondern dass lediglich eine gewisse Grundstruktur da ist. Alle biochemischen und informationellen Prozesse verändern sich dauernd und sind mit einander im Austausch. Wenn man also die wissenschaftliche Dimension von pratitya samutpada betrachtet, kann man dafür auch den Begriff der Selbstorganisation sinnvoll verwenden. Im buddhistischen Sinne geht es darum, den Befreiungsweg in der Form der Selbstorganisation und dauernden Veränderung zu gehen, sich also weiterzuentwickeln, die eigenen kreativen Möglichkeiten zu entfalten und zerstörerische Extreme zu vermeiden. Wenn Lebewesen in eine Extremsituation getrieben werden, können sie sich meistens nicht regenerieren und müssen vorzeitig sterben. Selbstorganisation heißt daher auch immer im Gleichgewicht zu interagieren.


Der buddhistische Erlösungsweg der Mitte des MMK von Nâgârjuna geht über die naturwissenschaftliche Dimension hinaus, allerdings verlaufen alle natürlichen lebenden Prozesse nach meiner festen Meinung immer im Einklang mit den Naturprozessen, die zum Beispiel von der Naturwissenschaft erforscht werden. In diesem Sinne behandelt Nâgârjuna im MMK keine Wundergeschichten, die dem ganzheitlich verstandenen Logos widersprechen. Nishijima Roshi spricht in diesem Zusammenhang gern von umfassender intuitiver Intelligenz im Gegensatz zur linearen einfachen Intelligenz, auf die wir im Westen so viel Wert legen.

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