Dienstag, 9. September 2014

Alles fließt: Gautama Buddha und der griechische Philosoph Heraklit


(Yudo J. Seggelke)

Wenn wir uns auf den Weg nach Indien zur Wirkungsstätte Gautama Buddhas am Ganges machen, könnten wir von Berlin aus nach etwa einem Drittel der Wegstrecke in Ephesus in der heutigen Türkei Halt machen, wo der griechische Philosoph Heraklit etwas mehr als 500 vor der Zeitenwende lebte und wirkte. Er ist also ein Zeitgenosse Gautama Buddhas und im Übrigen auch vom  chinesischen Weisen Laotse. Wir treffen in dieser Zeit auf drei Genies in drei verschiedenen Kulturbereichen, dem antiken Griechenland, Indien und China.

Heraklit und Buddha sprachen und dachten in einer sehr ähnlichen Sprache, nämlich der indo-europäischen Sprachfamilie, die damals den gesamten Kulturkreis von England bis nach Indien umfasste. Die Indo-Europäer stammen nach heutiger Forschung aus dem südlichen Russland, nördlich des Kaukasus, in der Nähe des Schwarzen Meeres. Sie wanderten etwa in der Zeit von 1800 bis 1200 vor der Zeitenwende in die verschiedenen Himmelsrichtungen aus. Der gleiche Ursprung der sich daraus entwickelnden Sprachen und deren Grammatik ist noch heute für Sprachwissenschaftler eindeutig erkennbar und nicht zu bezweifeln.

Ich vermute, dass Gautama Buddha sich noch mit Heraklit hätte verständigen können: Der Unterschied der Mundart könnte etwa so ähnlich gewesen sein, als wenn ein Bayer sich mit einem Holländer oder einem Norddeutschen auf Plattdeutsch unterhält. Vokabeln, Grammatik, Sprachaufbau waren sehr ähnlich. Wir haben es also mit dem großen Bereich indo-europäischer Kultur und deren Sprachwurzeln zu tun: der alten indischen Sprache Sanskrit und der etwas später gesprochenen Sprache Pali. Buddha ist also keineswegs für uns ein ganz fremder exotischer Denker gewesen, wie vielleicht manche vermuten: Er benutzte die leistungsfähige und komplexe indo-europäische Sprache des Sanskrit und beherrschte sie sicher in hohem Maße. Aber er überschritt m. E. dessen manchmal rigiden Grenzen des Denkens, der Sprache und der Weltanschauung, auch durch die Vereinigung mit den bereits hoch entwickelten Kulturen Indiens vor der Ankunft der Indo-Europäer. Diese waren nach unserer Kenntnis ausgesprochen pazifistische Kulturen und hatten u. a. das Yoga als leistungsfähige Meditation entwickelt: den Zugang zum spirituellen und psychischen Gleichgewicht, zur Lebensfreude und zur Stärkung des Immunsystems (!)  durch körperliche Übungen.

Heraklit ist ein eigenständiger und, wie viele sagen, nicht leicht zu verstehender Philosoph der Zeit der Vor-Sokratiker, also vor Sokrates, Platon und Aristoteles. Er blieb in der griechisch-europäischen Philosophie ein besonderer Denker und gründete keine Schule, die zum Beispiel eine direkte Verbindung zum Idealismus Platons und zur Pragmatik und Naturwissenschaft von Aristoteles führte. Heraklit galt sogar als "dunkler" und trauriger Philososph, der manchmal sogar weinend dargestellt wurde. Allerdings haben sich hervorragende westliche Philosophen in neuerer Zeit intensiv mit Heraklit beschäftigt, vor allem Nietzsche und Hegel, aber auch Heidegger hat eine tiefgründige Schrift über ihn verfasst. Das ist wirklich spannend. Warum ist Heraklit heute so aktuell?

Was ist nun das Besondere an diesem alten griechischen Philosophen? Berühmt ist ein Ausspruch, der ihm zugeschrieben wird: „Alles fließt“. Daraus wird deutlich, dass es ihm um die Veränderungen und Entwicklungen der Menschen und der Natur ging und ihn die Suche nach der Wahrheit in dieser Welt im Einklang mit präzisen Beobachtungen antrieb. Was später die Frage nach dem ewigen unveränderlichen Sein in der klassischen Philosophie wurde, war ihm eher fremd.

Heraklits Schriften sind nur in Fragmenten überliefert und bilden daher keine zusammenhängende Lehre. Er kritisierte die selbst erfundenen Weltanschauungen von Menschen, die sich naiv oder borniert als Super-Zentrum dieser Welt sehen und sich insofern für etwas ganz Besonderes halten, sie wollen nicht das Ganze sehen. Er sagt, alle Zitate nach Hans-Georg Gadamer:

„Drum tut es Not, dem gemeinsamen Geiste zu folgen. Obwohl der Sinn der Rede der des gemeinsamen Geistes ist, leben die Vielen doch, als hätte jeder seine eigene Vernunft“.

Daraus wird deutlich, dass Heraklit einen oberflächlichen Individualismus ablehnt und das Gemeinsame der Menschen aber auch des ganzen Kosmos als wesentlich ansieht. Wir wissen heute, dass ein derartiger geistiger Egoismus und eine Ich-zentrierte Weltanschauung zwangsläufig in Schwierigkeiten führen muss, das Leiden erzeugt und es geradezu anzieht. Aber wir sollten nicht dem Irrtum verfallen, voreilig an ein System von absoluten ewigen Ideen zu glauben, denen Idealisten häufig anhängen, sich damit nur allzu schnell von der Wirklichkeit entfernen und aus der konkreten Welt des Hier und Jetzt verabschieden. Genau diesem Fehler sind Buddha und die großen Zen-Meister nicht erlegen.

Ich betrachte Heraklit als wesentliches Bindeglied der griechischen Philosophie zu Gautama Buddha und möchte dazu zwei weitere Zitate anführen. Zum Fließen sagt Heraklit wörtlich:
„Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen. Er teilt sich und geht wieder zusammen. Es kommt heran und es geht wieder weg."
Und weiter:
„Wenn wir in denselben Strom steigen, so ist es doch immer Anderes und anderes Wasser, das da heran fließt".

In einem anderen wichtigen Zitat übersetzt Gadamer:

„In den gleichen Strom steigen wir hinein und steigen wir nicht hinein. Wir sind und wir sind nicht“.

Das hat in der Tat große Ähnlichkeiten mit einem Kôan-Ausspruch des Zen-Buddhismus in China und Japan und fordert unsere Interpretation heraus. Wie deuten Sie diese Sätze?

Zentrale Aussage Heraklits ist, dass sich der Fluss laufend verändert, aber dass wir uns auch selbst laufend verändern. Wo bleibt da das unveränderliche Selbst des Westens oder der dauerhafte Ich-Kern des Atman im alten Indien der vor-buddhistischen Zeit, den Buddha so eindeutig ablehnte?

In manchen Interpretationen wird ein festes dauerhaftes Ufer des Flusses als Gegensatz zum fließenden Wasser herausgestellt. Dies halte ich nicht für richtig. Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass Heraklit nicht weit von dem Fluss des Mäander lebte, der nur wenige Kilometer von seiner Heimatstadt Ephesus entfernt lag. Dieser Fluss gab dem Mäander-Zeichen und Symbol die charakteristische Form, die von den Griechen häufig als Randverzierung verwendet wurde.

In seinem breiten fruchtbaren Tal fließt der Mäander in großen Schleifen von Ost nach West der Ägäis zu. Dabei verändert er dauernd sein Bachbett, denn gerade dadurch entstehen die ausladenden Flussschleifen, die sich manchmal auch wieder schließen, weil sie an der engsten Stelle durchbrechen und dadurch eine direkte Verbindung für den Fluss schaffen. Der Mäander ist also sicher unbestritten das Symbol für einen Flusslauf, der sich laufend verändert und laufend an seinen Böschungen und seinem Flussbett arbeitet.

Es erscheint mir ausgeschlossen, dass Heraklit dies nicht in seine Überlegungen einbezog, das heißt, dass sowohl der Fluss wandert als auch das Wasser sich laufend in Bewegung befindet und in dem sich verändernden Flussbett nach Westen fließt. Wir haben es also hier mit mindesten zwei Veränderungen zu tun, die nur zeitlich unterschiedliche Werte haben.

Als Zwanzigjähriger bin ich Anfang der 60iger Jahre in einem alten VW-Käfer von Ephesus in das Mäander Tal gefahren. Es war Frühling, alles war saftig und grün und in dem weiten Mäander Tal, das von Hügeln begrenzt ist, schimmerte das gewundene Band dieses wunderbaren Flusses. Eine ganz besondere Landschaft, die sich mir tief eingeprägt hat und die ich noch nach vielen Jahrzehnten als genaues Bild vor dem geistigen Auge habe. Dies ist die Umgebung, in der Heraklit seine tiefgehenden philosophischen Untersuchungen anstellte.

Aber auch der Mensch wandelt sich und verändert sich laufend, wie Heraklit sagt. Wenn jemand in einen Fluss steigt und wieder herauskommt, ist er schon ein anderer. Er ist zwar sich selbst ähnlich aber er ist niemals genau der selbe von vorher. Eine Interpretation, die in den Mittelpunkt stellt, dass gerade die Individualität des Menschen in dem sich verändernden Fluss identisch und unveränderlich sei, ist daher meines Erachtens unsinnig. Dies wird allerdings von westlichen Denkern manchmal etwas naiv behauptet: Der Mensch als Konstante und das Wasser als die veränderliche Umgebung.

Heraklit ist dagegen ein genauer Beobachter: er spricht davon, dass der Fluss sich auch besonders dort ändert und teilt, wo der Mensch sich aufhält, wenn er in den Fluss steigt, und dass der Fluss sich wieder zusammenbewegt, wenn der Mensch heraus gestiegen ist, also den Raum wieder ausfüllt, in dem vorher der Mensch war.

Auch diese Beschreibung zeigt, dass sich Heraklit hauptsächlich mit den Veränderungen beim Menschen und in der Natur beschäftigt. Nicht zuletzt geht es ihm um die menschliche Gesellschaft und um deren laufenden Veränderungen; wie auch Buddha lehrt: wer diese Veränderungen leugnet und verdrängt, sich ihnen also nicht stellt, wird kein gutes Leben haben. Sicher haben viele Sehnsucht nach etwas Dauerhaftem und Ewigem, so wie es philosophisch mit dem Begriff des Seins gekennzeichnet wird.

Aber ein genauer Beobachter stellt fest, dass sich die Welt laufend verändert, dass die Natur in stetem Wandel ist und dass auch wir Menschen niemals dieselben sind, wenn sich die Zeit bewegt, wir also von einem Augenblick in den nächsten gelangen. Bei Dôgen stehen daher die Wirklichkeit und Wahrheit des Augenblicks im Mittelpunkt seiner Philosophie, das Jetzt in der Veränderung. Die lineare Zeit können wir nicht aufhalten, ganz gleich welche gewaltigen psychischen Energien wir aufbringen. Diese Energien verpuffen ohne brauchbare Wirkungen für unser Leben.

Typisch für den Philosophen Heraklit ist m. E. weiterhin, dass er Gegensätze und Unterschiede akzeptiert und nicht als unvereinbar betrachtet, sondern gerade deren Beziehung zueinander bedenkt: Das Ganze braucht die Einzelheiten und die Einzelheiten brauchen das Ganze. Auf der Sprachebene gibt es in solchen Fällen viele Begriffspaare, wie hell und dunkel, hoch und tief, hart und weich, usw., sie beziehen sich aufeinander und bilden insofern auf einer höheren Ebene eine Einheit.

Spannend ist dabei im Übrigen, dass die neue Gehirnforschung festgestellt hat, dass derartige Begriffspaare nahe beieinander im Gehirn gespeichert sind, und daher in enger Wechselwirkung bewusst und nicht bewusst erlebt werden. Wenn man den einen Begriff im Bewusstsein hat, taucht im allgemeinen sehr schnell der andere auf. Es handelt sich also um gut vernetzte assoziative Verbindungen im neuronalen Netz, die in enger Wechselwirkung miteinander gespeichert, erinnert und erfahren werden, die also keineswegs logisch völlig unabhängig von einander gespeichert sind.

Ganz im Gegenteil: Wenn der eine Begriff oder der eine Gedanke auftaucht, ist der andere meistens schnell zur Stelle und schwingt als dazugehörig mit. Der Gehirnforscher Manfred Spitzer empfiehlt daher, sich derartiger Gedächtnisstützen zu bedienen, wenn uns ein Begriff mit aller Gewalt nicht einfallen will. Das Gehirn speichert also überwiegend assoziativ und nicht formal logisch nach ja und nein im Sinne des Exklusiven Oder: Denken Sie jetzt sofort an keinen rosa Elefanten! Das ist kaum zu schaffen, schon ist der rosa Elefant in unserem Geist.

Derartige Gegensätze, die in der Logik als unvereinbar definiert sind, haben also geistig und psychologisch eine ganz enge Beziehung und verweisen aufeinander. Das kann man vereinfacht als die Einheit von Unterscheidungen bezeichnen, die zum Beispiel auch in der neuen Philosophie wieder aufgegriffen wurde und intensiv bearbeitet wird (z. B. George Spencer-Brown). Es wäre also völlig falsch, Heraklit als irrational und dunklen Mystiker zu bezeichnen, der sich in unverstehbaren Paradoxien ergeht, die der menschlichen Vernunft nicht zugänglich sind. Er sagt selbst ganz im Gegenteil:

„Vernünftig Denken ist die höchste aller Tugenden, und Weisheit ist es, das Wahre zu sagen und im Handeln auf die Natur der Sache zu hören"

Daraus wird deutlich, dass er mit dem Begriff Logos etwas viel Umfassenderes versteht, als was wir in der heutigen Zeit meistens mit Logik bezeichnen. Wir sind es gewohnt als selbstverständlich anzunehmen, dass eine Aussage entweder richtig oder falsch ist und dass eine Situation eindeutig hell oder dunkel ist. Das ist aber sehr abstrakt und nicht die Realität. Etwas sich Wandelndes und Vermischtes wird dabei meistens ausgeschlossen und die Welt auf Ja-Nein-Aussagen reduziert. Dies mag für dogmatisches und auch bestimmtes naturwissenschaftliches und technisches Denken nützlich sein, ist aber für psychologische und spirituelle Bereiche wenig leistungsfähig.

Heraklit hat m. E. ein Verständnis der Vernunft und des Logos, das die wahre Wirklichkeit der Natur, des Menschen und des Kosmos mit guter Komplexität erfasst. Er bewertet die Theorie und Philosophie nicht höher als die Wirklichkeit dieser Welt; er sagt aber auch, dass die Vernunft, die er als Logos bezeichnet, in der Welt und im Kosmos wirksam ist.


Für mich sind damit große Ähnlichkeiten zur Erfahrung und Lehre Buddhas erkennbar: Das Leben und die Welt als Zusammen-Entstehen in Wechselwirkung, pratitya samutpada. Auf dieser Grundlage der Weisheit und des Handelns kann m. E. eine tragfähige realistische Lehre des menschlichen Glücks und der Überwindung des vermeidbaren Leidens entwickelt werden: Die Vier Edlen Wahrheiten und der Achtfache Pfad. Und es kann zum Flow ohne Blockaden kommen, ein Ansatz, der in der heutigen Psychologie erhebliche Bedeutung erlangt hat. Auch dabei ist Heraklit von ganz neuer Aktualität.

1 Kommentar:

  1. Dies ist die Botschaft eines Physikers:
    Ja, was von Heraklit durchgesickert ist, erinnert an die Botschaften des Buddhismus oder früherer indischer Philosophie.
    In der Physik haben wir heute die Situation, dass wir das Werden bis auf 10 Stellen genau voraussagen können (ich meine z.B. Streumatrixelemente der Quantenelektrodynamik), die in den Gleichungen dauerhaft stehenden Dinge dagegen, welche zum Werden führen, nicht fassbar sind. Weder lassen sie sich, so wie sie in den Gleichungen stehen, in einem Detektor messen, noch erscheinen sie mathematisch glaubwürdig: allerorten müssen Unendlichkeiten weggeschwatzt werden, damit die Theorie nicht auseinanderfliegt (Renormierung, etc.).

    Vielleicht gibt es ein Sein im Sinne unserer gewohnten Vorstellungen überhaupt nicht, nur ein Werden, welches einer uns bizarr vorkommenden Algebra gehorcht und eine Vorliebe für Symmetrien zu haben scheint.

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