Mittwoch, 18. März 2015

Was ist denn die Leerheit wirklich?

(Yudo J. Seggelke mit Elisabeth Steinbrückner)


Mir selbst ging es dabei nicht anders: die Frage, was die Leerheit nun wirklich ist und warum sie eine so hohe Bedeutung im Buddhismus hat, war für mich viele Jahren lang unklar und immer wieder eine große Herausforderung. Warum wird zum Beispiel im Herz-Sûtra gesagt, dass die menschlichen Sinnesorgane wie Augen, Ohren, Nase, usw. leer sind und warum werden dadurch alle Leiden und Zweifel des Lebens beseitigt und kommen zur Ruhe?  

Der Begriff und die Bedeutung der buddhistischen Leerheit sind sicher schwierig und haben häufig zu Missverständnissen und Schein-Wahrheiten geführt. 

Wenn wir untersuchen wollen, was mit Leerheit gemeint ist, müssen wir sicher das große Werk des indischen Meisters Nâgârjuna, die Weisheit des Mittleren Weges, und die Philosophie der Leerheit genau analysieren, denn Nâgârjuna gilt zu Recht als der wichtigste Meister und Denker der Leerheit. Es gibt viele verschiedene Übersetzungen und Kommentare zu diesem zentralen Werk der Leerheit und des Mittleren Weges, das ich in Abkürzung der Bezeichnung in Sanskrit als MMK bezeichnen möchte. Bei mir im Bücherregal stehen allein 14, davon drei in Deutsch. Das MMK umfasst 27 Kapitel, die in einzelne Verse unterteilt sind, und in Sanskrit einen dichterischen Rhythmus haben, den wir im Westen in Deutsch oder Englisch wohl nur unzureichend nachempfinden können. Wie dem auch sei, ich möchte mich hier mit dem buddhistischen Inhalt des MMK beschäftigen.

Wie sollte man methodisch vorgehen? Von großer Bedeutung ist es vor allem, eine vollkommen wörtliche und sehr präzise Übersetzung des Sanskrit-Textes zu verfassen, bevor eine besser verständliche und lesbare deutsche Version erstellt wird und bevor eine valide am Text orientierte Interpretation erarbeitet werden kann. In unserem Fall verfassen Elisabeth Steinbrückner und ich aufgrund ihrer profunden Sanskrit-Kenntnisse für jeden Vers zwei derartige verbal-genaue Fassungen. Wie gehen wir vor?
Zunächst erarbeiten wir eine Fassung Wort für Wort in genau der selben Reihenfolge wie in den Sanskrit-Versen, und zwar ohne irgendwelche Zusätze oder Veränderungen. In einer zweiten wörtlichen Fassung verbessern wir die Verständlichkeit, ohne die wörtliche Genauigkeit zu verlassen; Zusätze werden dabei Klammern gesetzt.
Sie werden vielleicht fragen: Ist das notwendig? Ja, es ist!
Auf der Basis dieser beiden Versionen möchten wir im Folgenden die Frage der Leerheit bei Nagârjuna im MMK untersuchen.

Beim MMK gibt es die sog. vorangestellten Verse die ich als Präambel bezeichnen möchte. Obgleich deren Bedeutung in der Fachliteratur z. T. kontrovers diskutiert wird, sind wir davon überzeugt, dass diese Präambel den Rahmen des ganzen Werkes aufspannt, also die zentralen Aussagen auf wenige Worte und Sätze zusammenfasst. Nâgârjuna arbeitet dann in den folgenden 27 Kapiteln die bedeutsamen Fragen und Probleme im Einzelnen auf.

Die Präambel des MMK
Zunächst wird Gautama Buddha als der größte Lehrer in höchster Wertschätzung geehrt. Das heißt im Klartext, dass Nâgârjuna den frühen Pali-Buddhismus zur festen Grundlage seines Lehrgedichtes wählt, z. B. das sutta der Grundlagen der Achtsamkeit mit den Vier Edlen Wahrheiten und dem Achtgliedrigen Pfad. Bei der Analyse des MMK sind daher diese Texte beizuziehen.

Dann folgt die zentrale folgende Aussage:
Gautama Buddha habe die beglückende Lehre von der Entstehung in Wechselwirkung verkündet, auf Sanskrit pratitya samutpada. Diese Formulierung wurde häufig als abhängiges Entstehen oder bedingtes Entstehen übersetzt. Wie ich an anderer Stelle ausgeführt habe, ist diese Übersetzung aus unserer Sicht zwar nicht falsch, aber erfasst nicht die gesamte Bedeutung des Sanskrit-Begriffes. Denn es geht vor allem um die Wechselwirkung und Rückkopplung also die Vernetzung, die wir heute z. B. bei Ökosystemen, bei allen Lebewesen und nicht zuletzt in der Gehirnforschung des neuronalen Netzes als wirklichkeits-nahe Beschreibung verwenden. Der Kosmos und alle Lebewesen wirken unauflösbar in großartiger Vernetzung und Wechselwirkung zusammen: Kein Lebewesen kann einzeln und isoliert überleben, nur in der Co-Existenz von vernetzten Prozessen sind wir lebensfähig! Wir sind sicher, dass Gautama Buddha und Meister Nâgârjuna diese Tatsache umfassend erkannten, das ist die große Wirklichkeit von pratitya samutpada.

Diese lebendige Vernetzung ist von maßgeblicher Bedeutung für jede Entwicklung und jedes Lernen, denn das kann niemals isoliert gelingen. Denken wir nur an die menschliche Sprache in der Kommunikation: wir lernen sie automatisch etwa in den ersten drei Lebensjahren durch die Wechselwirkung mit anderen Menschen vor allem natürlich mit den Eltern. Wie aus historischen Beispielen bekannt ist, kann ein Mensch niemals isoliert für sich allein das Sprechen erlernen und die Kommunikation unter Menschen meistern: z. B. die Wolfskinder, die historisch belegt in Indien aufgefunden wurden, in einer Wolfsfamilie aufwuchsen und zunächst nicht sprechen konnten. Trotz großer Mühe haben sie niemals richtig Sprechen gelernt und hatten gegenüber Menschen eine viel höhere intuitive Distanz und auch Ablehnung als gegenüber Hunden und Wölfen. Wir beherrschen unsere Muttersprache, weil wir vernetzt in einer menschlichen Gesellschaft aufwachsen.

Nâgârjuna wiederholt in seiner Präambel des MMK einen Kernpunkt der buddhistischen Lehre, nämlich das Entstehen und Werden in Wechselwirkung. Er betont, dass dies beglückend und befriedend ist, also für uns Menschen von großer Bedeutung zur Gestaltung unseres Lebens und zur Überwindung des entstehenden und vorhandenen Leidens ist, eine Realität in unserem Leben. Damit ist auch der helfende therapeutische Ansatz Gautama Buddhas angesprochen, denn er hat es als seine zentrale Aufgabe gesehen, den Menschen zu helfen, das Leiden zu verringern oder ganz zu überwinden. Es ist unter Buddhisten Konsens, dass er sich weniger als Philosoph und Denker verstanden hat, der vielleicht große, abstrakte und beeindruckende philosophische Denkgebäude errichtet, sondern als Helfer.

Nâgârjuna betont, dass durch dieses Erkennen des Entstehens und Werdens in Wechselwirkung die Verwirrungen, Unklarheiten, Irrtümer und Täuschungen in unserem Leben aufgelöst werden können. Der Sanskrit-Begriff hierfür heißt prapanca. Dieses Wort hat vielfältige Bedeutungen und z. B. auch „Lobhudelei“ und menschliche „Dialoge, die zum Lachen sind“. Es ist also nicht zuletzt die Scheinwelt der Worte damit gemeint, die uns zum Beispiel von populistischen Rednern, Politikern oder trickreichen Verkäufern vorgegaukelt wird, um Menschen zu manipulieren und um den eigenen Vorteil zu verwirklichen, ohne dass die Anderen das bemerken. Aber die künstlich erzeugte Scheinwelt entspricht nicht der Wirklichkeit. Für mich zählen zu solchen Menschen z. B. im Extrem Hitler und Göbbels, die mit ihren Lügengeweben und Ideologien so viel Unglück über die Menschheit gebracht haben. Lügengewebe ist m. E. eine durchaus treffende Übersetzung von prapanca. Das Erwachen bedeutet im Gegensatz dazu, dass wir aus derartigem Gewirr von Ideologien, Täuschungen und Worten herausfinden und wirkliche Klarheit gewinnen, um ein gelungenes Leben zu führen. Eine solche Klarheit sehen wir als die zentrale Aufgabe, die sich Nâgârjuna mit dem MMK stellt.

In der Präambel des MMK von Nâgârjuna wird der Begriff Leerheit (Shûnyatâ) explizit nicht erwähnt, sondern es wird das beglückende und uns befriedende Entstehen in Wechselwirkung verkündet.

Weiterhin werden fundamentale acht Kernbegriffe der buddhistischen Lehre aufgeführt, die zentrale Änderungs- und Lernprozesse unseres Lebens beschreiben: z. B. Vergehen und Entstehen, Beenden und Andauern sowie Einheit und Vielheit. Das heißt: Durch ein falsches Verständnis der buddhistischen Lehre (prapanca) werden diese Zentralbegriffe ebenfalls falsch und wirkungslos, sie führen dann in die Irre und sind bei genauer Analyse kontrovers und paradox. Sie sind dann für Buddhisten sogar sehr gefährlich und führen niemals zur Befreiung auf dem großen Weg. Nach unserem Verständnis ist das genau dann der Fall, wenn wir die Wirklichkeit der großartigen Vernetzung und Wechselwirkung im Kosmos, in der Welt und in unserem Leben ignorieren und behaupten, dass es isolierte Dinge, Menschen, Worte und Eigenschaften in der Welt gibt, die ohne Wechselwirkung und Vernetzung existieren.

Das ist falsch, und dann kann es überhaupt keine Entwicklungs- und Lernprozesse geben. Das wäre in der Tat schon nach der Ökosystemforschung, Systemtheorie der Sozialwissenschaften und der Gehirnforschung blanker Unsinn. Oder einfacher gesagt: schwierige und komplexe Aufgaben kann man sinnvoller Weise nur im Team bearbeiten. Aus der Gehirnforschung wissen wir, dass höhere geistige Leistungen eine besonders intensive Vernetzung haben: je höher die Leistung im Netz, desto stärker die Wechselwirkung und das gemeinsame Lernen. Einer allein ist da überfordert: ein Team arbeitet zusammen in Wechselwirkung und ist weit mehr als die Summe der einzelnen Menschen. Und umgekehrt: wer einsam und isoliert ist, leidet, und dieses Leiden ist dasselbe wie körperlicher Schmerz, das weiß die Gehirnforschung. Menschen sind soziale Wesen und nicht dazu geschaffen, isoliert und vereinsamt zu leben. Ganz davon abgesehen, dass jeder immer ein Minimum an Zusammenarbeit benötigt, z. B. um überhaupt Essen und Trinken zur Verfügung zu haben. Und der Starke ist am schwächsten allein, genauer, er kann nicht überleben.

Aber zurück zum MMK von Meister Nâgârjuna. Das Hauptwerk besteht  in den Kapiteln 1 bis 23 aus scharfsinnigen Argumentationen und Beweisen gegen fundamental falsch verstandene Heilslehren, Theorien und Philosophien des Buddhismus. Er beweist für die verschiedenen Bereiche der buddhistischen Lehre, dass wir in unauflösbare und oft groteske Widersprüche geraten, wenn wir die Wirklichkeit der Wechselwirkung und der vernetzten lebenden Prozesse negieren. Er arbeitet heraus, dass dann das gesamte Gebäude des Buddhismus in sich zusammenfällt und dass vor allem die heilende Kraft, also die Therapie des Buddhismus, völlig unwirksam ist und sich sogar in ihr Gegenteil verkehrt.

Denn das genial Neue der Lehre Gautama Buddhas ist es gerade, dass wir selbst in einem klaren Lernprozess das Leiden überwinden können und ein zufriedenes und glückliches Leben erreichen. Dazu werden in den Vier Edlen Wahrheiten und dem Achtfachen Pfad sehr genaue Hilfen und Richtlinien zur Überwindung des Leidens gegeben. Diese Beschreibungen sind nicht philosophisch abgehoben und abstrakt, sondern konkret auf das ganz normale Leben von uns allen zugeschnitten. Ergänzt wird diese Lehre durch viele Gleichnisse, Gespräche und weitere helfende Geschichten und Beschreibungen, die uns authentisch überliefert sind. Dabei sind z. B. die Himmlischen Verweilungen zu nennen.

Stand der Untersuchungen zur Leerheit im MMK
Im Folgenden möchte ich den Stand unserer vertieften Analysen zum MMK wiedergeben. Dabei knüpfe ich an den Arbeiten meines Lehrers Nishijima Roshi an, der über zwanzig Jahre an der Analyse des MMK gearbeitet hatte, nachdem er seine grundlegenden Ergebnisse zum Zen-Buddhismus des großen Meisters Dôgen, "Die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges, Shôbôgenzô" vorgelegt hatte. Er ist bei der Interpretation des MMK völlig neue Wege gegangen, die durch seine ausgezeichneten Erfahrungen und Kenntnisse des Zen-Buddhismus ermöglicht wurden. Mein Dharma-Bruder Brad Warner hat an der Schlussfassung übrigens wesentlich mitgearbeitet. Erwartungsgemäß hat diese neue Interpretation einige Diskussionen hervorgerufen, da sie sich von den bisherigen MMK-Analysen z. T. deutlich unterscheidet. Da das MMK bereits ca. um 400 ins Chinesische übersetzt wurde, kannte Dôgen diese wichtige Quelle sicherlich. Das lässt sich an mehreren markanten Kapiteln des Shôbôgenzô nachweisen.

Diese Kontroversen haben mich u. a. dazu veranlasst, ganz konsequent auf den Wort-genauen Sanskrit-Textes selbst zurück zu gehen und zusammen mit der Indologin Elisabeth Steinbrückner die erwähnte präzise Wort-für-Wort-Übersetzung zu erarbeiten. Auf diese Weise wollen wir sicherstellen, dass eine wirklich valide Basis bereit steht. Wir werden diese wörtlichen Übersetzungen später ins Netz stellen; sie kann dann für weitere Arbeiten, Interpretationen und Kommentare auch von anderen Forschern benutzt werden.

Vielleicht sagen Sie jetzt: "Was ist denn nun die zentrale Botschaft der Leerheit? Ich bin sicher, dass Meister Nâgârjuna sagen würde: "Eine ausgezeichnete Frage!"

Dazu gibt uns das zentrale Kapitel 24 des MMK über die Vier Edlen Wahrheiten, das Entstehen in Wechselwirkung (pratitya samutpada) und die Leerheit (shûnyatâ) Auskunft.

Nâgârjuna gibt uns dazu in Vers 18 dieses Kapitels die fundamentale Aussage:

„Was Entstehen in Wechselwirkung (ist), das benennen wir als Leerheit.
Diese Bezeichnung ergriffen habend, (ist) nämlich ein mittlerer Zugang“.

In der ersten Zeile wird demnach klipp und klar gesagt, dass die Leerheit ein Begriff ist, mit dem wir das Entstehen in Wechselwirkung also die Wirklichkeit unserer vernetzten Welt bezeichnen und beschreiben. Die Entstehung in Wechselwirkung (pratitya samutpada) ist daher die Wirklichkeit selbst, die einer direkten Erfahrung zwar in gewissem Umfang zugänglich ist und die mit unsere Sprache und den Worten beschrieben wird, aber nicht mit der Wirklichkeit identisch ist und nicht sein kann. Auf der Sprachebene benötigen wir Begriffe, um miteinander zu kommunizieren oder die Lehre schriftlich darzulegen: Und der zentrale Begriff Nâgârjunas und des gesamten Mahâyâna ist die Leerheit.

Um noch einmal kurz an die Präambel des MMK zu erinnern: die beglückende Lehre des Entstehens in Wechselwirkung wird also Leerheit genannt. Wenn wir in buddhistischen Texten auf den Begriff der Leerheit stoßen, und er kommt im Mahâyâna wie zum Beispiel im Herz-Sûtra häufig vor, steht er für das Entstehen in Wechselwirkung. Damit wird der Begriff der Leerheit wesentlich klarer und verliert die manchmal zu beobachtende Schwammigkeit und unnötige Mystifizierung.

Aber wir sollten fragen: warum gerade dieser zumindest im Westen schwer zu verstehende und ungebräuchliche Begriff der Leerheit? Wenn wir im Sanskrit-Lexikon nachschauen, finden wir für shûnya die Bedeutungen leer, öde, unbeschäftigt, müßig, zerstreut, ziellos, allein, ohne, eitel, unnütz, nichtig, unsinnig. Außerdem ist aufgeführt: Fehlen, Mangel, Nichts und die mathematische Null. Es gibt außerdem die Bedeutung frei und befreit. Dabei ist shûnya ein Adjektiv und shûnyatâ das entsprechende Substantiv, also in unserem Fall die Leerheit.

Zunächst mag die Bedeutungsvielfalt dieses semantischen Feldes verwirren, zudem konnotiert sie nach westlichem Verständnis eher negativ und ist dem Nichts und Nihilismus sehr nahe. Aber das ist nicht richtig.

Es geht Nâgârjuna im MMK u. E. darum, zentrale und häufig auftretende Fehler und Täuschungen der buddhistischen Lehre zu benennen, zu erkennen und auszuschließen, damit die wahre Bedeutung herausgearbeitet werden kann und Klarheit gewinnt, die fundamental für die Relevanz des buddhistischen Befreiungsweges ist, nämlich die Vernetzung und Entstehung in Wechselwirkung.
Mit dem obigen Zitat haben wir den richtigen Schlüssel zum Begriff Leerheit (shûnyatâ) in der Hand: da die Welt vernetzt und in Wechselwirkung ist, gibt es keine isolierten und voneinander unabhängigen Dinge, Lebewesen und Prozesse, sie ist leer davon.

Die Welt ist leer von solchen gedachten isolierten Entitäten, denn alles ist miteinander in Wechselwirkung und ist nur lebensfähig durch diese Vernetzung. Es gibt weder „unbelebte“ Materien und Dinge, noch Lebewesen wie Pflanzen, Tiere und Menschen, die isoliert und unabhängig von einander in der Realität der Welt und des Kosmos vorkommen.

Solche Entitäten können schlicht nicht gefunden werden, wie Nâgârjuna sagt. Und daher ist die Welt leer von solchen gedachten aber nicht wirklich vorhandenen isolierten starren sich nicht verändernden Entitäten, die daher nicht real sind. In der buddhistischen Literatur wird für diese Entitäten auch der Begriff „inhärente Existenz“ verwendet, der allerdings m. E. keineswegs zur Klarheit beiträgt, sondern das Verständnis insbesondere für ´normale Menschen´ wesentlich erschwert. Eine Formulierung wie „leer von inhärenter Existenz“ bezeichnet also ganz schlicht das Entstehen in Wechselwirkung als die großartige Realität dieser Welt. Das wird mit Leerheit bezeichnet.

Die zweite Zeile des obigen Verses besagt, dass wir damit den Zugang zum Mittleren Weg des Buddhismus gefunden haben, wenn wir den Begriff der Leerheit erfasst haben. Das Mittlere kann man auch so erklären, dass einerseits die Wirklichkeit als solche anerkannt und bestätigt wird und dass wir andererseits auf der Ebene der Worte und Begriffe operieren, um uns zu verständigen und die buddhistische Lehre überhaupt mündlich oder schriftlich weitergeben und erläutern zu können. Weitere Bedeutungen werden in der buddhistischen Literatur häufiger erwähnt: das Vermeiden der Extreme, des einseitigen Idealismus und ignoranter Ideologien und nicht zuletzt einer blinden Wortgläubigkeit auch bei der buddhistischen Lehre.

Auch der einseitige Materialismus muss zur Aushöhlung unseres Lebens führen. Weder Ideen, Worte und Idealismus noch das Materielle umfasst die volle Wirklichkeit, sondern es handelt sich dabei immer nur um Teilwahrheiten, die nach Gautama Buddha oft fälschlich als ganze Wahrheit angesehen und gedacht wird, bevor wir erwacht sind. Meister Dôgen hat diese fundamentalen Aussagen vor allem in seinem Werk Shôbôgenzô in Kapitel 3, Das verwirklichte Universum in großer Prägnanz beschrieben.

Mir erscheint zudem eine weitere Bedeutung des Mittleren Weges sehr wichtig: Das dynamische Gleichgewicht des vernetzten Ganzen der Welt. Denn die Prozess-Vernetzung muss im Gleichgewicht sein, damit überhaupt ein Leben möglich ist. Dies gilt natürlich besonders für uns Menschen: Wir leben am besten, wenn wir unsere Mitte und damit unser wahres Wesen gefunden haben. Dann eröffnet sich für uns ein Maximum an Freiheit, Kreativität und Lebensfreude im Hier und Jetzt.

Vereinfacht können wir sagen, dass die Sprache und die Worte lebensnotwendig für den Menschen als soziales Wesen sind und sie insbesondere notwendig sind für die Übermittlung der buddhistischen Lehre. So spricht Meister Dôgen davon, dass die wesentlichen Reliquien Gautama Buddhas nicht seine Zähne und Knochen sind, sondern seine Schriften, also die Sûtras. In der Tat ist es diese buddhistische Lehre, die die Welt und Menschlichkeit aus meiner Sicht radikal verändert hat. Deshalb ist es auch unsinnig, Worte und Beschreibungen in Bausch und Bogen abzulehnen und insgesamt als Täuschung zu bezeichnen. Richtig ist aber, dass sie nur auf die Wirklichkeit hinweisen und dass wesentliche und gute Texte eben weiter an die Wirklichkeit heranreichen als schlechte und täuschende Formulierungen oder gar aufgebauschte Lügengewebe (prapanca).

Im folgenden Vers 19 dieses Kapitels beleuchtet Nâgârjuna die umgekehrte Situation, dass es in der Welt keine Wechselwirkung gibt, dass wir also von dem Irrtum ausgehen, es gäbe keine Entstehung in Wechselwirkung. Für diesen Fall sagt er ganz einfach, dass es überhaupt keine Dinge und Phänomene (Dharmas) gibt, dass wir uns also bei einem solchen Verständnis der Leerheit in einer total verworrenen und von Illusionen und Täuschungen wuchernden Scheinwelt verloren haben. Eine solche Welt ist nicht zuletzt durch fixe Ideen und fragmentierte Schein-Realitäten geprägt. Dabei sind natürlich Gier und Hass treibende Kräfte, weil sie unseren Geist einengen und schrumpfen lassen und uns selbst in eine lebensfeindliche Isolation treiben. Wir bilden uns dann Dinge und Schein-Wirklichkeiten ein, die es überhaupt nicht gibt und die in dem wahren Netzwerk der Welt nicht vorkommen. Bei klarem Geist und erwachtem Bewusstsein können wir eine solche Illusionswelt der Ideen und Worte dann erkennen, sie überwinden oder wie es im Text heißt: wir lassen sie zur Ruhe kommen (nirodha).

In einigen Versen dieses Kapitels zu den Vier Edlen Wahrheiten beweist Nâgârjuna ganz klar, dass der Begriff der Leerheit keineswegs das Nichts bedeutet. Nâgârjuna war kein Nihilist, der jede Wirklichkeit in der Welt leugnet. Das wäre ein grobes Missverständnis, das im Übrigen im Westen leider immer noch anzutreffen ist und früher das Verständnis vom MMK wesentlich geprägt hat. Das Gegenteil ist richtig. Die Leerheit bezeichnet das vernetzte Entstehen in Wechselwirkung, das frei und leer von Täuschungen und Illusionen ist, sie beschreibt die lebendige Fülle dieser Welt im Hier und Jetzt.

Vor allem heißt es, dass es die Tatsache des Leidens in unserer Welt wirklich gibt, aber dass das Leiden nicht von sich aus und nicht schon immer da ist, sondern dass es aufgrund der Ursachen und Vernetzungen entstanden ist und dass es vor allem überwunden werden kann. Das Leiden vergeht, wenn wir den richtigen Lernprozess durchlaufen, also im Sinne der buddhistischen Lehre den Buddha-Weg gehen. Leiden ist von Natur aus nicht erstarrt, unveränderlich und hat keine dauerhafte und eigene Existenz, wie manche vielleicht subjektiv annehmen. Es ist in Wechselwirkung mit anderen Menschen, Dingen und uns selbst entstanden und es hat seine Verursachungen, die wir erkennen und auch beseitigen können. Dabei hat die Überwindung von Gier, Hass und Verblendung, der drei Gifte des Buddhismus, eine zentrale Bedeutung.

Wer die Leerheit falsch verstanden hat meint, dass sie das Nichts ist. Nâgârjuna kontert dagegen ganz präzise, dass das bedeuten würde, dass dann auch die gesamte buddhistische Befreiungslehre ein Nichts und daher irrelevant ist. Das Gegenteil sei richtig. Durch den Begriff der Leerheit und das Entstehen in Wechselwirkung gewinnt der buddhistische Befreiungsweg erst seine fundamentale Bedeutung und reale Wirksamkeit.

Ohne das klare Verständnis der Leerheit sei die Welt und die Wirklichkeit verhüllt.

Meister Nâgârjuna war sich bewusst, dass der Begriff der Leerheit zu gravierenden Missverständnissen führen kann und gefährlich ist: er sagt daher im Vers 11 dieses Kapitels:

„Schlecht erschaute Leerheit richtet den, der geringe Einsicht besitzt, zu Grunde wie eine schlecht ergriffene Schlange oder schlecht ausgeführte Zauberkunst“.

Giftschlangen hatten und haben in Indien eine große Bedeutung und sind gefährlich. Es gibt einen sicheren und guten Griff von oben hinter dem Kopf der Schlange, so dass diese nicht in der Lage ist, den Menschen zu beißen und das tödliche Gift einzuspritzen. Wer aber die Schlange falsch ergreift und ungeschickt ist, der wird vermutlich gebissen und muss an dem Gift zugrunde gehen. Viel drastischer lässt sich wohl kaum ausdrücken, wie gefährlich der Begriff und die Vorstellung der Leerheit sein kann, wenn er geistig falsch ergriffen wird. Dann sei es sicher besser, von dem Begriff der Leerheit überhaupt abzulassen und sich nicht darauf zu versteifen.

Die Leerheit könne nämlich eine falsche Zauberkunst sein. Nâgârjuna bezieht sich vermutlich auf falsch ausgeführte religiöse Zeremonien, die ebenfalls erheblichen Schaden anrichten können. Wer an falsche Zauberkunst glaubt, ist in der Tat sehr gefährdet. Er verliert den Blick für die Wirklichkeit und wird irgendwann in seine eigenen ´ideologischen Messer´ laufen. Das ist das Gegenteil des buddhistischen Heilsweges, der die heilenden Kräfte des Menschen selbst entwickelt, um in einem solchen Prozess das Leiden zu überwinden. Zen-Meister Dôgen verbindet diese Wahrheit in einem großartigen Kapitel des Shôbôgenzô mit der Wirklichkeit der Buddha-Natur, die als isolierte Idee wenig Sinn macht, sondern sich im ganzheitlichen Handeln der Wirklichkeit also im Bodhisattva-Handeln zeigt und realisiert.

Sicher ist der ganze Umfang und die ganze Tiefe des Begriffs der Leerheit und des Entstehens in Wechselwirkung im MMK mit den obigen Ausführungen nicht vollständig erschöpft, weitere Arbeiten sind dazu sinnvoll. Vor allem geht es darum dann auch die Wirklichkeit des Nirvana in der buddhistischen Lehre im Sinne von Nâgârjuna einzubeziehen und verschiedene falsche Lehren zu identifizieren und auszuschließen. Wir hoffen trotzdem, dass in dem nicht einfach durchschaubaren und oft verminten Feld der Leerheit mit den obigen Analysen ein Stück Klarheit gewonnen werden kann.

Ganz vereinfacht bedeutet Leerheit: Dass wie frei von Täuschungen und unrealistischen Weltanschauungen der Isolation und Vereinzelung sind , sondern das großartige Netzwerk von kreativen Wechselwirkungen des Kosmos und dieser Welt erfahren, von der wir selbst ein lebendiger Teil sind und mit der wir daher unauflösbar verbunden sind. In der Wirklichkeit des Netzwerkes gibt es keine Dualität.

Nishijima Roshi betont in gleicher Weise, dass der Begriff der Leerheit (emptiness) immer wieder Missverständnisse hervorruft und häufig in die Irre geht. Er vermeidet daher diesen Begriff und verwendet stattdessen den Zustand des Gleichgewichts (balanced state). Damit verbindet er die Zen-Meditation mit der Leerheit, vor allem Shikantaza, die übersetzt etwa „nur sitzen, Körper und Geist fallen lassen“ bedeutet. Diese Meditation ist nach meiner festen Überzeugung gleichzeitig die vierte Vertiefung der Meditation des Achtfachen Pfades.

Bei der Vernetzung und Wechselwirkung spielen Gleichgewichts-Zustände eine zentrale Rolle, da sonst überhaupt kein Leben entstehen und fortgesetzt werden kann.: das wird genau in der Meditation erfahren. Gerät das Gleichgewicht außer Kontrolle, so ist es unausweichlich, dass Extreme und Katastrophen entstehen, die eine gravierende Bedrohung des Lebens sind und häufig sogar zum Tod führen. In einem solchen Gleichgewichts-Zustand der Meditation verschwinden Illusionen und Täuschungen, und nicht zuletzt die Illusion egozentrischer Abgegrenztheit des Menschen, die unabhängig von der Vernetzung sind. In einem solchen Gleichgewichts-Zustand entsteht die Klarheit über die wirkliche Welt, die Voraussetzung für das Erkennen der wahren Ursache unseres Leidens und des Weges zur Leidens-Überwindung: das wird im Buddhismus als Erwachen zur Wahrheit bezeichnet.

Nishijima Roshi betonte, dass auch die sinnliche Wahrnehmung z. B. beim Sehen in der Lage ist, illusionäre Gedanken und Phantasien zu entdecken und zu enttarnen, ohne dass wir sie überschätzen. Gleichwohl kann mit der sinnlichen Wahrnehmung der Augen, Ohren, usw. selbstverständlich nicht die ganze Wahrheit der Realität erkannt werden.

Aufschlussreich ist die tibetische Übersetzung der Leerheit: stong. Dieser Begriff bedeutet leer im üblichen Sinne von shûnya, aber gleichzeitig, und das ist das Spannende: tausend, viele, alle Welten, eine Billion Weltsysteme/Universen. Durch diese Semantik wird m. E. von Anfang an der Irrtum ausgeschlossen, dass es sich um das Nichts handelt, sondern es wird gleichzeitig auf die Vielfalt und auf die Realität verwiesen. Ich bin Peter Gäng dankbar, der mich kürzlich darauf aufmerksam machte.

Die Übersetzung System und viele lässt sich nahezu bruchlos mit den oben vorgestellten Bedeutungen des Begriffs Leerheit für das Entstehen in Wechselwirkung und die umfassende Vernetzung der Welt (pratitya samutpada) verbinden.

Zusammenfassung:

Die Welt ist leer (shûnya) von isolierten unveränderlichen Entitäten wie : Dinge, Ideen, Worte, Handlungen, Willens-Impulse, Gefühle, Energien,  Pflanzen, Tiere und Menschen usw.. Solche Entitäten gibt es nicht, sie sind Illusionen und Täuschungen!

Es gibt in der Wirklichkeit auch keine isolierte unveränderlich Entität "Ich" oder "Selbst".

Die Menschen, Tiere, Pflanzen,  Ideen, Worte, Gefühle, Handlungen, Willens-Impulse, Energien, Dinge usw. der Welt entstehen, verändern sich und lernen (z. B. Menschen)  in Wechselwirkung und Vernetzung (pratitya samutpada). 

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