Sonntag, 20. September 2015

Buddhismus und Gehirnforschung: Ein Widerspruch ?

(Yudo J. Seggelke)

Die Schulung des Geistes ist ein zentrales Thema Gautama Buddhas, und zwar nicht nur für das Denken, also den Verstand, sondern auch für die Vernunft und damit übergreifend für unser ganzes Leben. Aber es geht Buddha um mehr: Wie erlangen wir die höchste dem Menschen zugängliche Weisheit, prashna paramita, das Erwachen und die Erleuchtung? Wie können wir schlechte Stimmungen, und mehr noch: Leid, Kummer, Gram, Verzweiflung, Angst und Schmerzen überwinden oder besser: verhindern?

Wie sollten wir eine Verbindung von Buddhismus und moderner verlässlicher Forschung angehen und was kann dazu die moderne Gehirnforschung beitragen? Diesen Fragen möchte ich nun nachgehen.

Was sagt der Dalai Lama zur westlichen Forschung?
„Historisch gesehen hat sich der Buddhismus als eine Religion mit einem spezifischen Kanon von Schriften und Ritualen entwickelt, doch genau genommen hat die Erkenntnis, die aus der Vernunft und aus der Erfahrung gewonnen wird, im Buddhismus ein stärkeres Gewicht als die Autorität der Schriften“.

Das ist ein fundamentaler ganz moderner Ansatz. Wir sind also bei jeder überlieferten Aussage aufgefordert, die Vernunft, das Wissen, die wissenschaftlichen Methoden und die heutige Erfahrung einzubringen. Dabei sind die Interpretationen der historischen Schriften von nicht zu überschätzendem Wert, aber nicht absolut bindend. Dies gilt natürlich besonders für grundlegende und schwierige Texte wie z. B. Nagarjunas Mittlerer Weg, MMK.

„Wenn wir einen Tatbestand untersuchen und genügend Gründe und Beweise vorliegen, müssen wir ihn als Wirklichkeit anerkennen; selbst wenn dies einer wörtlichen Auslegung der Schriften, die über Jahrhunderte Gültigkeit besaßen oder einer tiefen Überzeugung oder (historischen) Sichtweise widerspricht.“

Das scheint mir besonders wichtig: die traditionellen Überzeugungen und Sichtweisen müssen gründlich überprüft werden. Das gilt selbstverständlich gerade und besonders für das MMK. Und weiter

„Der Buddhismus bedient sich also ebenfalls der Methode logischen Schließens; ähnlich dem Modell (des Philosophen und Physikers) Carl-Friedrich von Weizsäckers.“

Das heißt jeder einzelne Schritt muss logisch und überzeugend nachvollzogen werden. Die war auch die unumstößliche Lebens-Philosophie meines Lehrers Nishijima Roshi.

Nun zurück zum Gehirn: Wir wissen heute, dass unser Gehirn gewaltige Kräfte und Potentiale besitzt, die dem Bewusstsein nur teilweise oder überhaupt nicht zugänglich sind, die wir aber sehr wirkungsvoll trainieren können, z. B. bei den Zen-Künsten des Bogenschießens, der Bambusflöte, Shakuhachi, der Kalligraphie und anderen Künsten. Und vor Allem: Wir gewinnen Klarheit und Energie durch die Praxis der Meditation, wie es im Zen heißt:

Körper und Geist fallen lassen“ und
Denken aus dem Nicht-Denken

Wir alle haben große, ja praktisch unendliche, geistige und psychische oft ungenutzte Potentiale. Was sagt die Gehirnforschung dazu? Denn: Ohne Gehirn gibt es keinen Geist und ohne Geist gibt es keinen Buddhismus. Welche wichtigen und gesicherten Erkenntnisse gibt uns die neue Gehirnforschung und was können wir daraus für unser Leben nutzen?

Gehirnforschung und unsere Entwicklungs-Phasen
Die Lernphase des Menschen ist eng mit der Entwicklung des Gehirns verbunden, das von der Geburt bis zur vollen Reife etwa 21 Jahre benötigt. Diese Entwicklung ist wesentlich länger als bei allen anderen Lebewesen. Warum? Weil wir viel mehr lernen und aus unserem Leben machen können als alle anderen Lebewesen. Während bei Pflanzen die gesamte genetische Information im Samen enthalten ist und sich nach dem Keimen genau diejenige Pflanze oder derjenige Baum entwickelt, der genetisch gespeichert ist, ist unsere Gehirnstruktur wegen der großen Lernfähigkeit des Menschen fundamental anders aufgebaut. Es wird deutlich, dass das Modell von Samen und Pflanze zur Beschreibung der menschlichen Entwicklung wirklich ungeeignet ist. Ähnliches gilt für Tiere, deren Instinkte ebenfalls genetisch weitgehend, wenn auch nicht vollständig, festgelegt sind. Tiere entwickeln sich daher überwiegend gemäß ihrer Instinkte, die unmittelbar nach der Geburt wirksam werden.

Es kommt bei ihnen natürlich zu gewissen sozialen Lernprozessen besonders im engen Kontakt zum Muttertier, sodass die veränderlichen Bereiche des Gehirns weiter geprägt und ausgebildet werden. Eine solche Lernmöglichkeit gibt es natürlich vor allem für Primaten und für andere Tiere, die sozial in Gruppen zusammenleben wie z. B. frei lebende Elefanten. Es gibt dabei durchaus erstaunliche Lernpotentiale vor allem in den Tier-Gruppen, bei denen sich Rollen für die verschiedenen soziale Aufgaben und Funktionen herausbilden. Beispielsweise führt eine alte „weise“ Kuh eine Elefanten-Herde, die im höheren Alter auf ihre lebenslangen Erfahrungen vertrauen kann und dadurch die Gruppe auch in schwierigen Situationen sinnvoll leitet. Bei Gefahren bildet die Elefantengruppe einen Ring, in deren Mitte die schwächsten und jüngsten Elefanten von den Anderen wirkungsvoll geschützt werden. Dabei gibt es durchaus umfangreiche soziale Lernprozesse. Die Elefantenbullen sind bekanntlich nicht Teil der Herde, sondern leben allein und paaren sich mit den jüngeren Elefantenkühen der Herde.

Die moderne Gehirnforschung hat durch neue bildgebende Verfahren in den letzten Jahren gewaltige Fortschritte gemacht und ganz neue präzise Unersuchungen ermöglicht. Allerdings sollte man sich vor unrealistischen Spekulationen hüten, denn auch Gehirnforscher sind keine allwissenden Weisen, obgleich sich manche vielleicht gern eine solche Rolle aneignen möchten.

Grundsätzlich gilt, dass das menschliche Gehirn eine hohe Plastizität hat, sich also viel stärker als früher angenommen durch Aktivitäten und Lernen verändern lässt. Der bekannte Gehirnforscher Manfred Spitzer sagt daher, das Gehirn ist das was es macht. Im Umkehrschluss kann man sagen, das Gehirn ist nicht das, was es nicht macht. Wenn wir unser Gehirn nicht nutzen und trainieren, verschwinden die erlernten Fähigkeiten und es kommen keine neuen hinzu. Das Gehirn ist mindestens so trainierbar wie unsere Muskeln. Und jeder weiß, wie die Muskeln verkümmern, wenn man sie nicht benutzt: Erinnern Sie sich noch wie z.B. der Arm verkümmert war, als der Gips nach einem Bruch abgenommen wurde?

Wir wollen nun in einigen Eckpunkten die Entwicklung des menschlichen Gehirns nach dem heutigen gesicherten Stand wiedergeben und Verbindungen zur buddhistischen Lehre herstellen, die sich m. E. seit 2500 Jahren ausgezeichnet in Praxis und Theorie bewährt hat.

Im Wesentlichen besteht unser neuronales Netz, also das Gehirn, aus drei verschiedenen Elementen: den Neuronenzellen, den Gehirnfasern als Leitungsverbindungen und den vernetzten Synapsen, die wesentliche Steuerungsprozesse übernehmen und maßgeblich für unsere Lernfähigkeiten sind. Je intensiver und vielfältiger die Wechselwirkungen in unserem Gehirn ablaufen, desto leistungsfähiger ist es.

Es ist heute unbestritten, dass unser Gehirn sich in relativ klaren Phasen entwickelt und nicht alle Fähigkeiten unmittelbar nach der Geburt vorhanden sind, wie das bei manchen Tieren der Fall ist. Pro Neuronenzelle gibt es im Durchschnitt etwa zehntausend Vernetzungen, also Verbindungen der Nervenfasern zu anderen Neuronenzellen, wobei die lernfähige Steuerung vor Allem durch die Synapsen geleistet wird, die jeweils zwischen die Neuronen geschaltet sind.

Wie fängt alles beim Kind an?
Zu allererst entwickeln sich automatische Reflexe und Reaktionen, indem zum Beispiel die Motorik von Gehirn, Nerven, Muskeln und Sehnen bestimmte reflexartige Bewegungen auslöst und steuert. Diese Lernprozesse beginnen bekanntlich bereits vor der Geburt, wenn der Embryo strampelt, sich bewegt und damit bereits erste Lernprozesse für die Bewegungsabläufe im Gehirn auslöst.

Obgleich bei der Geburt praktisch bereits die volle Anzahl der Neuronenzellen, Nervenfasern und verbindenden Synapsen vorliegt, arbeitet zunächst jedoch nur ein kleiner Teil des Gehirns mit seiner vollen Funktionsfähigkeit und das sind die einfachen Reflexe. Woher kommt das? Warum wächst der Kopf eines Kindes während der ersten Lebensjahre, obgleich die Anzahl der Nervenzellen, Nervenfasern und Synapsen weitgehend konstant ist und sich fast gar nicht vermehrt? Was passiert im Gehirn, wenn wir aufwachsen und lernen zu stehen, zu gehen, Sprache zu verstehen und selbst zu sprechen, ja uns zu unterhalten usw.?

Wesentlich für die Vergrößerung des Gehirn-Volumens unseres Gehirns sind die elektrisch isolierenden Ummantelungen der Nervenfasern, die in den ersten Lebensjahren immer weiter Schicht für Schicht weiterentwickeln. Kurz gesagt werden durch diese Isolationen, die aus einem fetthaltigen Gewebe bestehen, erst Schritt für Schritt die volle Funktionsfähigkeit und Leitfähigkeit des Gehirns ermöglicht. Ein ganz junges Gehirn hat nur sehr wenige Bereiche, die bereits diese funktionsfähige Isolationsschicht aufweist, die so entscheident für unsere Lern- und Funktionsfähigkeit ist. Zunächst werden vor allem die motorischen Bereiche der Bewegung, der Koordinierung der verschiedenen Gliedmaßen usw. entwickelt. Zum Beispiel müssen wir beim Stehen und noch mehr beim Gehen lernen, unser Gleichgewicht zu halten und die Bewegungen flüssig auszuführen. Das erfordert geniale Programmsteuerungen, die ein Roboter mit den leistungsfähigsten Computern wohl niemals leisten wird. In dieser Zeit ist noch kein Ich-Bewusstsein und kein Reflektieren über die Welt und sich selbst ausgebildet.

In den folgenden Jahren werden immer weitere Bereiche des Gehirns durch diese langsam wachsende Isolationsschicht zur vollen Funktionsfähigkeit gebracht und im Zusammenhang damit können die Entwicklungs- und Lernprozess des jungen Menschen ablaufen. In einem recht späten Stadium werden dann die höheren Bereiche des Gehirns ausgebildet, die mit unserer ethischen Selbststeuerung zusammenhängen; das geschieht etwa im 16. und 17. Lebensjahr. Wir können also vereinfacht sagen, dass die ethische Selbststeuerung eines Menschen früher überhaupt nicht möglich ist, weil die entsprechenden Bereiche des Gehirns noch nicht voll ausgebildet sind. Bis dahin ist eine überzeugende ethische Außensteuerung vor allem durch die Eltern und ältere Vertrauenspersonen notwendig. Das vollzieht sich im Wesentlichen durch ethisch Richtungs-weisendes Handeln, aber kaum durch Verbote und schon gar nicht durch Erniedrigung. Falls sich wirkliches Handeln und verbale Informationen der Erwachsenen und Eltern diametral widersprechen, was auch als double-bind bezeichnet wird, entstehen beim Kind schwere psychische Schäden.

Schichten der Gehirn-Entwicklung
Die Entwicklung des Gehirns kann man sich in Form von Schichten vorstellen: Die frühesten Schichten umfassen Reflexe und schnelle motorische Reaktionen auf die entsprechende Reize. Sie werden am Anfang trainiert und ausgebildet, wenn die entsprechenden Gehirnteile funktionsfähig sind. In verschiedenen Schichten werden dann im zeitlichen Ablauf immer mehr Bereiche des Gehirns durch die fortschreitende Isolierung der Nervenfasern funktionsfähig und genau dann sind sie voll lernfähig. Und wie wird gelernt? Durch Benutzung, am besten mit positiver Motivation. Wenn das Gehirn in diesen Entwicklungsphasen nicht benutzt und trainiert wird, entstehen Defizite, die später nur schwer zu beseitigen sind.

In den Entwicklungsprozessen bilden sich dann Teilnetzwerke im Gehirn, die in der Lage sind, bestimmte Funktionen zu übernehmen. Von großer Bedeutung ist dabei das Teilsystem des Sehens, das etwa ein Drittel des gesamten Gehirns ausmacht. Ein zweites großes Teilsystem ist die Motorik, die ebenfalls etwa ein Drittel ausmacht. In der Gehirnforschung werden heute etwa 700 Teilsysteme, unterschieden, die einerseits spezialisiert auf bestimmte Funktionen sind, und andererseits wesentlich in Wechselwirkung und Vernetzung mit anderen Teilsystemen unsere Lebensmöglichkeiten überhaupt erst erschaffen. So gibt es bekanntlich Teilsysteme für Hören, für Sprache und Worte usw. Vereinfacht kann man zum Beispiel sagen, dass sich bei einem Musiker ein bestimmtes Teilsystem der Motorik besonders differenziert herausbildet und in einer hohen Vernetzungs-Dichte mit anderen Teilsystemen wie zum Beispiel Hören, Noten-Lesen, Erinnern usw verbunden ist.

Der Geist eines halben Gehirns
Das Gehirn hat eine unglaubliche Fähigkeit sich zu verändern, wenn es z. B. bei Beschädigungen eines Teils und diese Funktionen in andere Bereiche des Gehirns verlagert. Es gibt verlässliche Informationen über ein holländische Mädchen, deren Gehirn wegen einer schweren Krankheit zur Hälfte entfernt werden musste, dem man aber im normalen Leben später fast nichts anmerken konnte und das fließend Holländisch und Türkisch sprechen konnte. Das verbliebene Gehirn hatte nämlich die notwendigen Funktionen übernommen und ausgebildet. Daraus wird klar, wie viel wir selbst mit unserem ganzen Gehirn leisten könnten!

Grundsätzlich entwickelt sich das Gehirn also in Stufen, oder wenn man so will in Schichten, wobei jeweils die vorherige Schicht maßgeblich dafür ist, ob die folgende sich voll und solide entwickeln kann. Wenn demnach bei einem Kind in der frühen Phase die Motorik nicht voll ausgebildet und trainiert wurde, gibt es in späteren Phasen erhebliche Schwierigkeiten höhere geistige Fähigkeiten auszubilden. Wenn die Basis gewissermaßen labil und nicht voll entwickelt ist, können sich die späteren Schichten nicht darauf aufbauen. Den Menschen fehlen später wichtige Fähigkeiten zum Leben.

Die frühen Lernprozesse hängen maßgeblich davon ab, dass möglichst alle Sinneskanäle und die bereits ausgebildeten Bereiche des Gehirns in Wechselwirkung sind und sich weiter entwickeln können. Ein Kind kann also nur richtig lernen, wenn die verschiedenen Sinnesmodalitäten wie Sehen, Hören, Riechen, Tasten usw. im Kontakt mit lebenden Menschen einbezogen sind und sich dadurch weiter differenzieren und ausbilden. Die einzelnen Sinnes-Fähigkeiten verstärken sich dabei in Wechselwirkung und Vernetzung.

Damit wird deutlich, dass durch die  digitalen Medien große Gefahren für Kinder entstehen, weil dann die elementaren motorischen Fähigkeiten der Kinder unterentwickelt sind. Der bekannte Gehirnforscher Manfred Spitzer spricht daher von digitaler Demenz, weil das Gehirn sich durch die digitalen Schäden in der Kindheit nicht richtig entwickeln kann. Leider ist diese fundamentale Tatsache der Gehirnentwicklung bislang nicht allgemein bekannt, sonst würden die Eltern mit großer Entschiedenheit verhindern, dass ihre kleinen Kinder mehr als eine halbe Stunde pro Tag fernsehen oder mit digitalen Spielprogrammen vom wirklichen Spielen und der Entwicklung motorischer Fähigkeiten abgehalten werden. Kinder lernen diese Form von Basis-Intelligenz vor allen Dingen beim Spielen mit anderen und das bildet die Grundlage für alle späteren Fähigkeiten und Leistungen des Gehirns.

Mit dem Wachsen der Fähigkeiten des Gehirns werden immer neue Bereiche des Lebens in Wechselwirkung mit der Umwelt vor allem anderen Menschen entwickelt. Diesen Lernprozessen kommt eine zentrale Bedeutung zu. Wir wissen heute, dass dabei vor allem Freude und positive Motivation wichtig ist, und umgekehrt kann man vereinfacht sagen: Angst macht dumm. Hierarchischer Druck erzeugt Angst und hat geringes Selbstwert-Gefühl zur Folge und verhindert ´zuverlässig´ gute Gehirn-Fähigkeiten. Leider sind derartige pädagogische Fehlentwicklungen vor allem in der Mathematik festzustellen, sodass viele Kinder aus dem mathematischen Lernprozess aussteigen, weil ihnen Angst und Minderwertigkeitsgefühle anerzogen werden. Mathematik ist lernbar wie jedes andere Fach und es ist keinesfalls so, dass man entweder sprachlich oder mathematisch begabt ist. Die Unterschiede entstehen vor allem durch Angst und Stress vor Versagen. Manfred Spitzer spricht daher von einer „flächendeckenden Demotivation“ zur Mathematik in deutschen Schulen. Und er fügt hinzu, dass selbst erfolgreiche Männer und Frauen im erwachsenen Alter bei mathematischen Konfrontationen immer wieder unter Angst und Stress geraten, die sie in der Schule dauerhaft gelernt haben. Dies spricht sicherlich nicht gerade für die pädagogischen Fähigkeiten der Mathematiklehrer und –Lehrerinnen in Deutschland.

Die Wolfsmädchen aus Indien
Im vorigen Jahrhundert wurden in einem abgelegenen Gebiet in Indien zwei Wolfsmädchen von einer Missionarsfamilie gefunden, die in einem Wolfrudel also einer Wolfsfamilie aufgewachsen waren und später fundmentale grundsätzliche Probleme hatten, sich in eine menschliche Gesellschaft einzugliedern. Das eine Mädchen war etwa acht Jahre alt und das Andere etwa zwölf. Beide liefen auf allen Vieren und ernährten sich am liebsten von rohem Fleisch. Sie kannten keine menschliche Kommunikation durch die Sprache, bevor sie in die Obhut der Missionarsfamilie kamen. Es war dann ein sehr mühsamer Lernprozess, dass sie überhaupt einige Worte und einige wenige Sätze lernten und dass sie aufrecht gehen konnten.

 Aber selbst nach längerer Zeit liefen sie wie in alten Zeiten bei den Wölfen auf allen Vieren und zwar immer dann, wenn sie es eilig hatten und wenn es schnell gehen musste. Die Menschen um sie herum hatten immer ein starkes Gefühl der Fremdheit diesen beiden Mädchen gegenüber, so als ob sie eigentlich keine richtigen Menschen sind. Umgekehrt fühlten sich diese beiden Mädchen eher zu Hunden und Wölfen hingezogen, aßen am liebsten aus dem Napf vom Boden wie die Hunde und fühlten sich durchaus isoliert und fremd innerhalb der menschlichen Gesellschaft. Wir können dabei sicher annehmen, dass die christliche Missionarsfamilie mit großer Geduld und Liebe versuchte, aus diesen beiden Mädchen richtige Menschen zu machen.

Was ist die wesentliche Aussage dieser durch Fotos belegten und dokumentierten Situation der Wolfsmädchen, wenn wir an die Ausbildung des Gehirns denken? In den entsprechenden Phasen der Entwicklung des Laufens und noch mehr des Sprechens waren zwar die Potentiale im Gehirn grundsätzlich vorhanden, aber sie wurden nicht durch Benutzung entwickelt und trainiert. Daher der Satz der Gehirnforscher:

Das Gehirn ist genau das, was es macht.
Durch die wachsende grundsätzliche Funktionsfähigkeit des Gehirns werden bestimmte Fähigkeiten in den entsprechenden Phasen erlernt, und zwar in der positiven sozialen Interaktion vor allem mit Erwachsenen und in der Familie. Diese Phasen konnten sich jedoch durch die Integration in die Wolfsfamilie bei den Mädchen nicht wie bei ´normalen´ Menschen entwickeln.

Geistige Entwicklungen und Fehler
Ein zweiter wichtiger Bereich des Lernens ist die Wiederholung. Manfred Spitzer erzählt gern, dass ein Kind, das in frühem Alter lernen will zu stehen, immer wieder aufsteht und wieder auf den Po fällt, weil das Gesamtsystem aus Gleichgewicht, Motorik, Steuerung usw. noch nicht voll ausgebildet und geschult ist. Aber es wäre völlig falsch zu sagen, dass das vergebliche Aufstehen und Hinunter-Fallen ein Misserfolg sei. Ganz im Gegenteil: die gesamte Folge dieser sog. Misserfolge ist genau das notwendige Trainingsprogramm, das überhaupt erst das spätere Stehen ermöglicht. Und jeder einzelne Schritt in diesem Lernprozess, den wir von außen als Misserfolg ansehen, ist ein Schritt vorwärts in der Entwicklung, bei dem immer weitere Bereiche des Gehirns trainiert und miteinander verknüpft werden. Es ist ja sicher kein Geheimnis, dass die menschlichen Fähigkeiten zum Stehen und Gehen außerordentlich komplex sind und eben nicht von Natur aus alleine vorhanden sind, sondern erlernt werden, wie das Beispiel der Wolfsmädchen zeigt.

Wir können also feststellen, dass die Lernfähigkeit oder Plastizität des Menschen und insbesondere des neuronalen Netzes viel größer ist, als früher angenommen wurde. Denn wirkliche Begabungen zeigen sich ohnehin erst, wenn die Menschen ausgebildet und austrainiert sind und nicht früher, wenn überhaupt noch keine Trainingsprozesse durchlaufen sind. Die Grenzen der Begabung und damit das Potential der Gene zeigen sich also erst deutlich im späteren Lernprozess und nicht am Anfang. Und aktive geistige Entwicklungs-Prozesse sind in unserem Leben nie zu Ende und reduzieren die Gefahr von Demenz und Alzheimer im Alter ganz wesentlich.

Genetische und karmische Grundlagen sind m. E. nur die Ausgangssituationen und Grundbedingungen für fortlaufende Entwicklungs-Prozesse, die allen Menschen offen stehen. Und sie determinieren uns viel weniger als früher angenommen wurde. Die von Buddha genannten fünf Hemmnisse können wirkungsvoll ausgeschaltet und stattdessen die sieben Zweige der Erleuchtung aktiviert werden.

Menschen unterscheiden sich grundsätzlich von dem genetischen System der Pflanzen: Samen-Pflanze-Blüte-Frucht-Samen. Das gleiche gilt für die instinktiven Automatismen durch genetischen Steuerung bei Tieren, die ebenfalls weitgehend festgelegt sind und nur in einem gewissen Umfang durch Schulungs-Prozesse verändert werden können. Tiere habe leistungsfähige Instinkte, die ihr Überleben im Laufe der Evolutions-Geschichte ermöglicht haben, während Menschen lebenslang erstaunlich lernfähig sind, sie haben durch ihr Gehirn und ihre Lernfähigkeit überlebt und erfolgreich die ganze Welt besiedelt.

Lebenslange Entwicklung
Früher wurde angenommen, dass die Schulungs- und Lern-Fähigkeit des Gehirns mit dem Alter von Anfang oder Mitte Zwanzig weitgehend zu Ende geht und dann immer weiter abnimmt. Wir wissen heute, dass eine solche Meinung grundlegend falsch ist. Aber für einen Erwachsenen sind aktive Impulse zur Weiter-Entwicklung maßgeblich und können bis ins hohe Alter große Flexibilität ermöglichen und neue Bereiche erschließen. Mein Lehrer Nishijima Roshi hat zum Beispiel mit Ende Sechzig die altindische Sprache Sanskrit erlernt, um den Urtext des großen indischen Meisters Nâgârjuna zum Mittleren Weg im Originaltext studieren zu können.

Als er 75 war, bin ich ihm das erste Mal in Tokio begegnet: Er arbeitete intensiv an der Übersetzung dieses Hauptwerkes Nâgârjunas zum Mittleren Weg und zur Leerheit und hat später die Ergebnisse zusammen mit dem bekannten Zen-Meister Brad Warner als Buch veröffentlich. Ich selbst habe mit Anfang 60 angefangen, die japanische Meditations-Flöte Shakuhachi zu erlernen. Sicher werde ich kein virtuoser Solist dieses Instruments mehr werden, aber die Meditation mit der Bambusflöte ist ein wesentlicher Teil meines Tagesablaufes geworden, der viel Freude macht und neue wichtige Bereiche erschließt. Ich muss hinzufügen, dass ich mich seit der Kindheit gegen das Flöten-Spielen gesperrt habe und diese gerade nicht lernen wollte; vermutlich weil die Qualität der damaligen Blockflöten so schlecht war, dass sie bei mir Aversionen und negative Gefühle hervorriefen. Aber das hat sich durch den japanischen Shakuhachi-Meister Hanada fundamental geändert.

Nach meiner festen Überzeugung ist die wesentliche Botschaft Gautama Buddhas, dass wir große Entwicklungs-Kräfte und Lernfähigkeiten haben, sodass wir Leiden und Schwierigkeiten überwinden können und darüber hinaus durch weitere Enntwicklung unseres Lebens das Erwachen von geistig-psychischen Barrieren und die Erleuchtung erlangen können. Gautama Buddha sagt klipp und klar: Jeder Mensch kann Erleuchtung erlangen und jeder kann die Buddha-Natur durch Handeln und Geist in sich entwickeln und verwirklichen, denn die Buddha-Natur ist der Lebens-Prozess der Verwirklichung: Entstehen in Wechselwirkung, pratitya samutpada. Jeder kann sich und sein Gehirn vor allem durch Tun und Übung entwickeln: Wir sind genau das, was wir machen.

Typisches Beispiel dafür ist der Achtfache Pfad zur Überwindung des Leidens, der die wesentlichen Eckpunkte des Entwicklungs-Prozesses zusammenfasst. Er sagt eindeutig, dass vieles Leiden gerade nicht Natur-gegeben ist und überwunden werden kann, obgleich Leiden und Schmerzen, wie wir wissen, in der Welt weit verbreitet sind. Das müssen wir an den Flüchtlingen wieder erleben: häufig durch andere Mensch verursacht. Aber die Flüchtlinge haben ihr Schicksal in die eigene Hände genommen, wir müssen ihnen dabei helfen.

Wie arbeitet unser Gehirn?
Was geschieht nun bei Entwicklungs-Prozessen in unserem neuronalen Netz? Ganz kurz gesagt werden durch Benutzung die jeweiligen Synapsen die Verbindungen von Nervenzellen und Neuronen im Netz trainiert, sodass sie immer durchlässiger für die entsprechenden Informationen werden. Das Ganze muss man sich als hoch leistungsfähiges Netzwerk vorstellen, das sich selbst-lernend genau so entwickelt wie es benutzt wird: im Guten und im Bösen.

Beim Lernprozess sind selbstverständlich immer unsere Emotionen wirksam. Wir wissen, dass durch Ablehnung und negative Emotionen die Lernprozesse erheblich erschwert wenn nicht unmöglich gemacht werden. Umgekehrt stärkt Freude und Glück die damit verbundenen geistigen Prozesse und vor allen Dingen das Lernen außerordentlich. Es ist sicher naheliegend, dass ein Erleuchtungserlebnis einen starken Lern-Turbo auslöst, bei dem viele Teilsysteme des Gehirns, die vorher wenig miteinander in Wechselwirkung waren, schnell und effizient verbunden werden. Dadurch werden auch wesentliche Zusammenhänge dem Bewusstsein zugänglich, die vorher unklar oder unbewusst waren. Wir wissen heute zudem, dass Menschen, die meditieren, eine bessere interne Vernetzung ihrer verschiedenen Gehirnregionen haben und daher geistig sowohl einen besseren Überblick haben als auch die Details genauer sehen, denken und beschreiben können.

Die Entwicklung unserer menschlichen Gehirne verläuft zusammengefasst also wie folgt: Das zunächst eher reflexhafte Handeln des Kleinkindes wird zunehmend bewusster, und es entwickeln sich die Fähigkeiten der Wahrnehmung wie Sehen, Hören, Schmecken, Tasten usw.  zusammen mit der Ausbildung der entsprechenden Teilsysteme des Gehirns, die in jungen Jahren Schritt für Schritt leistungsfähiger werden und in den Gesamtprozess des Gehirns integriert werden. Durch die fortschreitende Verbesserung der Isolation der Nervenfasern ist das grundsätzliche Potential des Gehirns etwa mit 16 bis 17 Jahren voll entwickelt. Im Einklang damit können die entsprechenden Lernprozesse des Geistes und der Ethik vor allem der Selbst-Reflexion und der Selbst-Steuerung stattfinden. Aber die Lernprozesse sind natürlich in diesem Alter nicht abgeschlossen. Ganz im Gegenteil: Es sind ja erst die Voraussetzungen für die wesentlichen Lebens- und Erfahrungsprozesse des späteren Lebens ausgebildet und gewissermaßen bereitgestellt.

Die Zwölf Phasen bei Meister Nagarjuna
Nach meinem Verständnis hat Gautama Buddha zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte die Entwicklungs- und Lernprozesse des Menschen in den Mittelpunkt einer Lebensphilosophie gestellt. Das bedeutet in einfachen Worten, dass wir lernen können, unser Leiden zu überwinden und dass wir ein gutes gelungenes Leben entwickeln, dessen wesentliches Ziel die Erleuchtung ist oder wie es Gautama Buddha bezeichnet, das Erwachen. Aber wir müssen unsere Lebens-Ziele vielleicht gar nicht zu hochschrauben: Wie gelingt es uns ganz schlicht, unser Leben zu verbessern, ein sinnvolles Leben zu führen, glücklicher zu leben und weniger Angst zu haben?

Fast alles hängt von den Entwicklungs- und Trainingsprozessen unsere Potentiale ab, die uns ja erst an die Grenzen unserer Begabung heranführen und im Allgemeinen viel wichtiger und leistungsfähiger sind, als man bisher in der Pädagogik und auch beim sog. gesunden Menschenverstand angenommen hat.

Vielleicht noch ein aufschlussreiches Beispiel aus dem tibetischen Buddhismus, bei dem der Glaube an Wiedergeburt und Karma besonders ausgeprägt ist. Im Zen-Buddhismus geht es dem gegenüber eher um die existentielle Klarheit im Augenblick, oder genauer gesagt: um die Einheit von Handeln, Denken, Fühlen und Körper im Augenblick, nicht zuletzt in der Meditation des Zazen.


Kurz gesagt werden die großen buddhistischen spirituellen Führer in Tibet in deren Kindheit von anderen erwachsenen Weisen erkannt und als Wiedergeburt früherer großer Weisen und buddhistischen Meistern identifiziert. Sie besitzen also gemäß dieses buddhistischen Glaubens ein besonders gutes Karma aus früheren Leben. Die Ausbildung und Schulung dieser besonderen Kinder wird mit größter Sorgfalt und den besten Lehrern durchgeführt. Denn ohne eine solche sorgfältige Ausbildung dürfte das gute Karma in diesem jetzigen Leben kaum richtig zum Zuge kommen. Man zieht sich keinesfalls aus der Fortbildung dieser jungen Menschen zurück, mit dem Argument, sie hätten ja alles schon im früheren Leben erlernt und dies sei alles schon durch das gute Karma wunderbar festgelegt. Wenn das zuträfe, wäre die sorgfältige Ausbildung und Schulung durch die besten verfügbaren Lehrer und Meister ja überflüssig, aber das ist sie gerade nicht.

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