Donnerstag, 5. Januar 2017

Das Geheimnis des Herz-Sutra: Neue Deutung

Neue Klarheit beim Herz-Sûtra durch Nagarjunas Mittleren Weg?
Um es vorweg zu sagen: Zum Verständnis und zur Interpretation des geheimnisvollen Herz-Sutra ist es aus meiner Sicht sinnvoll, die Aussagen Nâgârjunas aus seinem großen Werk des Mittleren Weges (MMK) heranzuziehen. Denn dadurch lassen sich scheinbare Paradoxien und Unklarheiten auflösen. In ähnlicher Weise gehen Kazuaki Tanahashi und Joan Halifax in dem großartigen und umfassenden  Buch "The Heart Sutra" und dessen Übersetzung ins Englische vor. Auch Karl Brunnhölzl geht in seinem wertvollem Buch: "Das Herz Infarkt Sutra. Ein neuer Kommentar des Herz-Sûtra" spannende neue Wege zum Verständnis dieses von Geheimnissen umgebenen Sûtras auf der Grundlage des tibetischen Buddhismus. Er schafft bisher nicht gekannte Detaillierungen und Klarstellungen durch das tibetische Verständnis der Leerheit und den vielfältigen Negationen des Sûtra. Es wäre sicher weiterführend, eine Beziehung zu Nagajunas Weg der Mitte auszuarbeiten.

Von zentraler Bedeutung ist das Verständnis der Wirklichkeit Buddhas und Nâgârjunas als wechsel-wirkendes gemeinsames Entstehen (pratitya samutpada), das bisher meist vereinfachend und nicht ganz exakt als abhängiges Entstehen übersetzt wurde. Genau diese Wechsel-Wirkung wird von Nagarjuna mit  Leerheit bezeichnet. Und: Der Begriff der Leerheit ist für viele von uns schwer zu verstehen und wird bei falschem Verständnis, wie Nâgârjuna sagt, zu einer gefährlichen "giftigen Schlange". Aber Leerheit kann durch das Entstehen in Wechsel-Wirkung der Wirklichkeit ohne Mystifizierung verstanden werden. Wie geht das?

Verkürzt kann man m. E. sagen, dass das Herz-Sutra als Zusammenfassung der sehr umfangreichen Mahayana-Schriften auch eine Kurzfassung des Mittleren Weges ist, also sollten wir dieses Werk Nâgârjunas studieren und daran auch das Herz-Sutra erklären. Das ist bisher nicht konsequent geschehen: Für mich ist es undenkbar, dass beide sich fundamental unterscheiden.


Ohne das obige Verständnis der Wirklichkeit kann nach Nâgârjuna die Befreiungs-Lehre Buddhas weder verstanden noch verwirklicht werden; der weiter führende WEG ist dann blockiert und durch zum Teil abenteuerliche Vorstellungen der Leerheit versperrt oder vergiftet.



Dann bleibt die großartige Wahrheit des Herz-Sutra verborgen und dieses Mantra ist wirkungslos - um es freundlich auszudrücken. Gläubige Naivität, fehlende Reflektion und Verwirrung sind nach Nagarjuna gerade nicht das Anliegen des Buddhismus. Dann ist es schon besser, das Herz-Sûtra in Japanisch, Tibetisch oder auch Deutsch zu rezitieren und die Bedeutung ganz beiseite zu lassen. Aber ist das wirklich die Lösung des Problems? Wohl kaum.

Nârgâjunas Mittlerer Weg:
Im ersten Teil der Präambel des MMK werden acht wichtige buddhistische Begriffe negiert, z. B. „Nicht-Entstehen“, und "Nicht-Vergehen", sowie "Nicht-Abbrechen" und "Nicht-Andauern" usw.. Das sind übrigens genau die selben Begriffe wie in den sechs Negationen im Herz-Sutra. Damit fordert Nâgârjuna uns m. E. auf, die nur oberflächlich verstandenen Begriffe in Frage zu stellen, die nicht selten dogmatisch verhärtet und zu Worthülsen verkommen sind. Sie sollen entschlackt und zu neuer Kraft und zu neuem Leben erweckt werden. Das mag für Viele zunächst ein Schock sein, wie auch Brunnhölzl beschreibt. Es geht aber keineswegs um deren vollständige Verneinung, wie nihilistische Interpreten behauptet haben. Nihilismus ist nämlich eine extreme Philosophie, die nach dem Mittleren Weg gefährlich und abzulehnen ist. Wir dürfen auch nicht die mathematische Logik des Exklusiven-Oders (Ja oder Nein) anwenden, das ist nicht die "Weisheit jenseits der Weisheit" (Tanahashi)

Was sagt nun Nâgârjuna zu diesem Thema?
Die Präambel des Mittleren Weges (MMK) beschreibt in sehr kompakter Form dessen Kern-Aussagen. Sie lenkt unseren Geist und unser Leben auf das große Anliegen Nagarjunas, eine belastbare Grundlage für den authentischen Buddhismus zurückzugewinnen und gleichzeitig die philosophische Entwicklung in Indien seit Buddha einzubeziehen und zu nutzen.

Damit wird m. E. das Tor für die weite Verbreitung der korrekten buddhistischen Lehre und Praxis über Indien, China, Japan usw. bis hin zur Moderne im Westen geöffnet. Was sind nun die Kern-Aussagen der Präambel, die in den folgenden Kapiteln des MMK im Einzelnen bearbeitet und philosophisch zwingend belegt werden?

Nagarjuna will m. E. ganz klar zwischen den Vorstellungen, Doktrinen und Dogmen in unserem Gehirn und der Realität des Entstehens in Wechsel-Wirkung unterscheiden (z. B. der Lehre der Sarvastivadins der dauerhaften Existenz der Dharmas ). Und diese Realität bezeichnet er als Leerheit! Es geht ihm darum, wann und wo solche Vorstellungen und Dogmen sich in unserem Gehirn verselbständigt und isoliert haben (z. B. der Glaube an eine isolierte unsichtbare Essenz). Dann haben sie den Bezug zur Wirklichkeit verloren, sind Täuschungen und es gibt keine Wechsel-Wirkung von Realität zu unserem Geist. Es ist für mich undenkbar, dass Entstehen und Vergehen usw. falsifiziert werden, denn das wäre die Ablehnung von Veränderung, Lernen und Emanzipation, also der zentralen Lehre des Buddha-Dharma, der Vier Edlen Wahrheiten und des Achtfachen Pfades und der Zwölffachen Kette. Das Gegenteil ist also richtig. Diese führt im Übrigen in einer Folge von Kausalitäten ins Leiden, wenn unser Geist von den Extremen der Existenz und Nicht-Existenz besetzt ist aber zur Freiheit, wenn wir geistig dem Mittleren Weg folgen (Kaccana sutta). 

Dann kommt die zentrale Botschaft des MMK:
Die Realität der Welt und des Lebens kann gerade durch das „wechsel-wirkende gemeinsame Entstehen“ (pratitya samutpada) treffend verstanden werden. Diese Wechsel-Wirkung ist die wirklich belastbare Grundlage für unseren eigenen Weg der Befreiung, Emanzipation und Weiter-Entwicklung, also der Überwindung des Leidens und des Erwachens. Sie ist gleichzeitig der Schlüssel zu dem Begriff der Leerheit, der diese Wechselwirkung bezeichnet, (MMK, Kap. 24, Vers 18 und 19). Damit werden mythologischen Bedeutungen (Ontologie und Metaphysik) der Welt abgelehnt und destruiert. Sie sind Hemmnisse auf dem Weg der Befreiung. Die obigen Negationen sind daher das falsche Weltverständnis einer Wirklichkeit, die keine Wechsel-Wirkung und damit keine Leerheit kennt und gerade nicht mit dem authentischen Buddhismus übereinstimmt. Das berühmte Herz-Sutra stimmt m. E. mit dem MMK und den obigen Aussagen fast wörtlich überein.

Auf dem buddhistischem Weg kommen auch vielfache Fehlentwicklungen unseres Leben zur Ruhe und vergehen, die uns häufig hemmen und verwirren. Sonst würde unser fast unbegrenztes menschliches Potential ungenutzt bleiben, z. B. unseres Geistes: Wir würden es schlicht vergeuden.

Die Präambel des MMK endet: Gautama Buddha zeigte uns als vollkommen Erwachter diesen Weg der Befreiung. Nagarjuna verehrt ihn als den größten Lehrer und den „besten der Sprechende


Zurück zum Herz-Sûtra:
Alle Extreme sind nach dem Mittleren Weg gerade kein brauchbares Verständnis der Wirklichkeit. Deshalb sind Nicht-Existenz, absolute Negationen und Nihilismus mit dem Buddhismus nicht vereinbar (Quelle: Kaccana sutta und MMK). Aber im Herz-Sûtra gibt es doch so viele Negationen. Wie soll man diese verstehen, empfinden und erfahren?

Alle Doktrinen ohne wechsel-wirkendes gemeinsames Entstehen und damit ohne Leerheit sind wie oben dargestellt unzureichend. Sie beschreiben eine unveränderliche, statische und erstarrte Welt von Gegenständen und Gegebenheiten, die es nicht gibt und nicht geben kann. Dann kann es z. B. kein Entstehen, kein Vergehen, keine Veränderungen, keine Emanzipation und keine Erleuchtung geben. Solche Doktrinen können überhaupt nicht als Grundlage für Buddhas praktischer Philosophie zum Erkennen und Überwindung des Leidens verwendet werden (MMK, Kap. 24). Es sind Doktrinen, die meist von einer unsichtbaren Eigen-Essenz der Dinge und Phänomene dieser Welt ausgehen, die isoliert, aus sich selbst und ohne Wechselwirkung entstanden sind. Aber so Etwas ist nach Buddha Täuschung und gefährliche Illusion.

Solche falschen Ideologien hatten sich zur Zeit Nâgârjunas (und bis in die heutige Zeit) wieder im Buddhismus verbreitet und wurden von ihm einer präzisen De-Konstruktion (ähnlich beim französischen Philosophen Derridá) unterzogen (Kap. 1).

Schlussfolgerung:
Nach Nâgârjunâ kann man analog zum Mittleren Weg konkret zum Herz-Sûtra Folgendes sagen:

Der Bodhisattva ist ein voll Erleuchteter mit Körper, Geist und Handeln, der anderen tatkräftig hilft, ohne für sich selbst einen spirituellen Vorteil anzustreben. Er  hat das Höchste des möglichen Wissens erreicht und ist frei von schädlichen Doktrinen und Vorurteilen.

Die Komponenten des Menschen (skandhas) werden am Beispiel der Form, des körperlich Materiellen, in ihrer Wirklichkeit beschrieben (Kap. 4): Sie unterliegen dem  gemeinsamen Entstehen in Wechsel-Wirkung und der Vernetzung der Wirklichkeit (Präambel und Kap. 1), die Nâgârjuna als Leerheit bezeichnet. Daher sind die Form und die anderen skandhas leer

Die wirkliche Form ist also in Wechsel-Wirkung und genau deswegen ist sie leer, leer von allem Unveränderlichem, dem âtman, einer unsichtbaren Eigen-Essenz oder einer isolierten Eigen-Substanz. Die Komponenten des Menschen sind in der Wirklichkeit nicht voneinander getrennt und nicht isoliert, sondern vernetzt, in Wechsel-Wirkung und ohne Eigen-Essenz. Aber sie sind auch nicht nur materiell zu verstehen, sondern gehen über Materielles hinaus. Sie übersteigen auch die Ebene der Sprache und Worte und der Intellektualität und der mathematischen Logik. Alles andere sind unwirkliche Doktrinen, die wie die des âtman ins Leiden und in Abhängigkeit führen. 
Brunnhölzl spricht sehr anschaulich von isolierten aufgeblasenen Luftballons, die platzen müssen.

Die Negationen im Herz-Sutra benennen m. E. falsche Doktrinen, einer unsichtbaren Eigen-Essenz, ohne wechsel-wirkendes Entstehen und damit ohne Leerheit. Mit ihnen verirren wir uns in eine imaginäre Scheinwelt, die unveränderlich und substanzhaft ist. Dann gibt es kein Entstehen und Vergehen (Kap. 7) und keine Entwicklung, Befreiung und Emanzipation des Menschen. Buddhas Befreiungs-Weg ist mit solchen Täuschungen obsolet. Die Negationen des Herz-Sûtra sind aber kein Nihilismus, der behauptet, dass es weder Augen, Ohren usw. in der Wirklichkeit gibt!

Mit der falschen Doktrin von unveränderlichen unsichtbaren Essenzen beim Menschen und der Welt gäbe es auch keine wirkliche unverstellte sinnliche Wahrnehmung (Kap. 3), keine Organe des Menschen, usw., sie wären reine Illusionen und falscher gefährlicher Zauber. Gleiches gilt für geistige Tätigkeiten, Wissen,  Ethik, Achtsamkeit, Meditation, Ziele des Erreichens, der Befreiung, Erleuchtung und die anderen Bereiche von Buddhas Lehre.

Wir besitzen heute verlässliche Forschungsergebnisse aus der Öko-Systemforschung und der Gehirnforschung, nämlich der Plastizität, Bahnungen, Vernetzung, des modularen Aufbaus und der permanenten synaptischen Aktivitäten des Lernens und Veränderns. Sie haben keinen materiellen oder informationellen Kern, sondern sind vernünftige Netze, die meist im Gleichgewicht funktionieren und von uns beeinflussbar sind. Sie sind im Einklang mit Buddhas und Nâgârjunas Leerheit. Ist das nicht erstaunlich!

Die Schluss-Aussage des Herz-Sutra "gegangen" bedeutet, dass die falschen Doktrinen, Vorstellungen und Konzepte verlassen wurden, und zwar in die vernetzten Wirklichkeit von Körper, Geist, Psyche und Handeln des Hier und Jetzt. Ein metaphysischer Glauben an ein jenseitiges Nirvana ohne Entstehen und Vergehen ist nach Nâgârjunâ auch nicht erforderlich und führt meist zu Illusionen und Verwirrungen.

Elisabeth Steinbrückner und ich arbeiten übrigens an einer modernen deutschen (hoffentlich verständlichen) und genauen Fassung von Nagarjunas MMK, die bisher leider fehlt.


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