Donnerstag, 13. August 2020

Der authentischem Text der ZEN-Meditation von Meister Dogen


(Übersetzung von Nishima Roshi und mir)
Im Folgenden wird die neue, wörtliche Übersetzung in der Fassung des Rufu-Bon des Zazen  wiedergegeben[i] 

Allgemein gesagt ist die Wahrheit, wenn wir sie untersuchen, ursprünglich vorhanden und durchdringt das ganze Universum! Das buddhistische Fahrzeug der Wirklichkeit existiert ganz natürlich. Warum ist es daher für uns notwendig, dass wir sowohl auf der Praxis aufbauen und als auch vertrauensvoll auf unsere Erfahrung setzen?
Der ganze Körper existiert jenseits von Staub und Schmutz. Außerdem sind die Methoden, die zum Erreichen der grundlegenden Prinzipien des Buddhismus nützlich sind, überall vorhanden. Warum ist es für uns daher notwendig, von der fortdauernden Anstrengung, sie zu erreichen, erschöpft zu werden.[ii]

Darüber hinaus haben wir buddhistischen Mönche schon vollständig den weltlichen Abfall und Staub abgeschüttelt. Warum ist es dann für irgendjemanden überhaupt noch erforderlich, an die Notwendigkeit der Praxis-Methoden zu glauben, (die dazu dienen sollen, Abfall und Staub) wegzubürsten und abzuwischen?

Grundsätzlich können wir menschlichen Wesen unseren angemessenen Ort im Dharma nicht verlassen. Warum ist es dann für uns notwendig, dass wir einen Teil unserer Beine und Füße nur ein wenig für diesen Zweck benutzen?

Wenn jedoch tatsächlich nur irgendeine kleinste Abweichung (von der buddhistischen Wahrheit) existiert, dann wird diese Lücke der Abweichung (zum Beispiel durch Gedanken) sehr viel breiter und übertrifft sogar den ungeheuren Abstand zwischen Himmel und Erde. Wenn sich daher der kleinste Unterschied irgendeiner Art (zwischen Praxis und Augenblick beim Zazen) ereignet, müssten wir wegen dieser Trnnung unsere geistige und körperliche Ausgeglichenheit vollständig verlieren.

Obgleich wir vielleicht stolz auf unser klares Verständnis und reich mit klugen Entscheidungen ausgestattet sind, obgleich wir noch zusätzliches ausgezeichnetes Denken und die Wahrheit erlangen, obgleich wir den Geist klären, den Willen ertüchtigen und den Himmel großartig durchstoßen und den Kopf in den Bereich des denkenden Handelns bringen, misslingt es uns (ohne diese Praxis) vollkommen, unseren Körper tatsächlich in den Bereich des wahren Handelns selbst zu bringen.

Darüber hinaus können wir die historisch bleibenden und eindeutigen Tatsachen des Genies Gauthama Buddha ansehen, der am Ort von Jetavana Anathapindikarama selbst sechs Jahre lang authentisch (im Zazen) saß. Der historische Meister (Bodhidharma) im Shaolin-Tempel, der das zentrale Symbol des Buddhismus nach China brachte und neun Jahre vor der Wand saß, hat auch heute noch seine authentische Ausstrahlung. Andere große alte Meister haben uns weitere hervorragende Beispiele gegeben. Wie kann es angehen, dass wir, die heutigen Menschen, die Zeit verstreichen lassen, ohne überhaupt Zazen zu praktizieren?

Daher sollten wir die Anstrengungen beenden, verbale Begriffe zu suchen und intellektuell zu verstehen. Es ist für uns notwendig, dass wir lernen, innezuhalten und uns zurückzunehmen, das Licht nach innen zu richten und uns selbst gründlich zu analysieren und zu hinterfragen. (Dann wird das fixierte Bewusstsein von) Körper und Geist auf natürliche Weise in wenigen Minuten verschwinden, und unser ursprüngliches Gesicht und unsere ursprünglichen Augen werden sich sofort natürlich manifestieren. Wenn wir etwas Unfassbares (die große Wahrheit jenseits des Denkens) sofort erlangen wollen, sollten wir sofort etwas Unfassbares praktizieren, das ist Zazen!

Allgemein gesagt ist es vorzuziehen, einen ruhigen Raum zu benutzen, wenn wir Zazen authentisch praktizieren wollen. Wir sollten nur in Maßen essen und trinken. Die vielfältigen Umstände (unseres Lebens) sollten wir wegwerfen und alle Arten von Aufgaben vollständig beenden. Denkt nicht an Gut oder Schlecht! Sorgt euch nicht über Richtig und Falsch! Stoppt die Bewegungen des Geistes, des Willens und des Bewusstseins! Stoppt Überlegungen, Gedanken und Reflexionen! Erstrebt niemals, niemals das Ziel, ein Buddha zu werden! Ein solcher Zustand der Anstrengung (des Zazen) kann niemals auf das gewöhnliche Sitzen oder Stehen beschränkt werden.
Auf dem Boden, wo wir im Zazen sitzen, breiten wir normalerweise eine dicke Matte aus und legen ein dickes rundes Kissen zum Sitzen darauf. Entweder praktizieren wir die Haltung des vollen Lotossitzes oder des halben Lotossitzes. 

Beim vollen Lotossitz legen wir zuerst den rechten Fuß auf den linken Oberschenkel, und dann legen wir den linken Fuß auf den rechten Oberschenkel – oder umgekehrt. Beim halben Lotossitz drücken wir mit dem linken Fuß auf den rechten Oberschenkel – oder umgekehrt. Wir sollten unsere Kleidung über den Beinen und Füßen ausbreiten und darauf achten, dass sie geordnet ist. Dann legen wir beim ganzen Lotossitz die rechte Hand auf den linken Fuß und die linke Hand in die rechte Hand, sodass sich die Spitzen der Daumen gegenseitig berühren. Entsprechendes gilt für den halben Lotossitz.

Dann nehmt die authentische Sitzhaltung mit gestreckter, aufrechter Wirbelsäule ein und bleibt in dieser Haltung. Neigt die Wirbelsäule nicht nach links oder nach rechts. Sitzt nicht gekrümmt nach vorn und lehnt euch nicht nach hinten. Die Linien der Ohren und der Schultern müssen in der Waagerechten parallel zueinander verlaufen. Die Nase und der Bauchnabel sollten in einer senkrechten Linie gehalten werden. Legt die Zunge an den oberen Gaumen und haltet die Lippen und Zähne geschlossen. Die Augen sollten natürlich offen gehalten werden.

Atmet sanft durch die Nase. Nachdem ihr die Sitzhaltung bereits (noch einmal) reguliert habt, atmet einmal tief ein und lasst den Oberkörper nach rechts und links pendeln. Dann sitzt ohne Bewegung im Berg-stillen Zustand und denkt den konkreten Zustand des Nicht-Denkens. Wie ist es für uns möglich, den konkreten Zustand des Nicht-Denkens zu denken? Er unterscheidet sich fundamental vom (üblichen) Denken. Dies ist kurz gefasst genau die Technik des Zazen.

Was Zazen genannt wird, ist ganz verschieden vom Zazen der Konzentration und des (angestengten) Lernens, denn es ist genau das Tor des Friedens und der (natürlichen) Freude zum Universum und zur Dharma- Wahrheit. Es ist die (Einheit von) Praxis-und-Erfahrung, um die Wahrheit zu klären. Das System des Universums ist dann bereits verwirklicht, denn die Netze und Käfige (der Verstrickung) sind bei uns überhaupt noch niemals angekommen.

Wenn wir den Zustand erreicht haben, der beim Zazen angestrebt wird, sind wir vermutlich in derselben Lage wie ein Drache, der das Wasser bekommen hat, oder ein Tiger, der einen Berg als Schutz von hinten hat. Wir sollten genau erkennen, dass die Dharma-Wahrheit sich sofort natürlich manifestiert und sowohl die Dunkelheit als auch die Ungenauigkeit vorher zerstört worden sind.

Wenn wir uns vom Sitzen erheben, bewegen wir zuerst allmählich und langsam den Körper, und dann stehen wir stabil auf. Wir sollten niemals hastig oder gewaltsam sein.
Indem wir die alten Zeiten (des Buddhismus) bedenken (wird uns klar), dass alles auf der Kraft beruht, die durch die Praxis geübt worden ist: das Überschreiten des gewöhnlichen Menschverstandes und das Übersteigen des Heiligen. (Wie berichtet wird, kommt aus dieser Kraft) das friedliche Sterben während des Sitzens, oder dass ein alter Meister sanft im Stehen aus dem Leben scheidet.

Außerdem liegt der wesentliche Kernpunkt, um den sich alles dreht, weit jenseits von Entscheidungen durch gedankliches Überlegen oder irgendwelche Bewertungen. Er ist die klar erkannte Erfahrung des Fingerzeigs von Meister Gutei, des Niederholens des Flaggenmastes durch Meister Ananda, der Benutzung einer Nadel durch Meister Nâgârjuna, um (seinen Schüler) Kanadewa zu lehren, des Schlagens eines Blockes, der von Meister Manjusri benutzt wurde, oder der bekannten Verwendung eines Wedels, einer Faust, eines Stabes oder eines Schreis.

Wie wäre es für irgendeine mystische Fähigkeit, Praxis oder Erfahrung möglich, die Fähigkeit zu haben, (dies) mit dem Verstand zu erkennen? (Was darüber hinausgeht) mag die wahre reine Form jenseits von Stimmen und Farben sein. Nur so ist es (für die alten Meister) möglich, der Maßstab für das Denken und die Wahrnehmung zu sein.
Wir sollten daher niemals nach Fähigkeiten auswählen (und urteilen), wer klüger oder dümmer ist. Wir sollten niemals einen klugen Menschen einem einfältigen Menschen gegenüber vorziehen und über höhere Weisheit oder niedrigere Dummheit diskutieren.
Wenn wir ehrlich die Probleme bedenken, muss es nur das Streben nach der Wahrheit sein. Praxis-und-Erfahrung sollen sich niemals gegenseitig beschmutzen, und das angestrebte Handeln sollte im Gleichgewicht und dauerhaft sein.

Ganz grundsätzlich bewahren diese (japanische) Welt und ein anderes Land genauso wie das westliche Land Indien und das östlich Land China die charakteristischen Merkmale des Buddhismus und umfassen nur das authentische Verhalten.
Wir praktizieren allein sorgfältig und genau Zazen und sind ganz auf diesen bewegungslosen Zustand fokussiert. Obgleich unsere Lebenssituationen so unterschiedlich sind und so viele Unterschiede aufweisen, praktizieren wir allein sorgfältig und genau Zazen, um nach der Wahrheit zu streben. Wie wäre es möglich, dass wir unseren eigenen Zazen-Sitzplatz wegwerfen, um hier und dort in fremden staubigen Ländern herumzuwandern, ohne jede Orientierung? Auch wenn wir nur einen einzigen Fehler bei unserem Schritt machen, müssen wir unseren Fehler genau im gegenwärtigen Augenblick zugeben.

Wir haben zu unserem großen Glück schon einen hervorragenden, wertvollen menschlichen Körper. Wir sollten niemals die wertvolle Zeit verstreichen lassen, ohne etwas Nützliches zu tun.

Wir menschlichen Wesen haben schon die außerordentlich wichtige Fähigkeit für die buddhistische Moral. Wie wäre es daher für irgendjemanden möglich, die überaus wertvolle Zeit sinnlos zu verschwenden und für eine seichte, flüchtige Freude zu opfern? Außerdem ist die körperliche Substanz so vergänglich wie ein Tautropfen auf dem Blatt des Grases. Das fragile Leben ist dem Aufleuchten eines Lichtstrahls sehr ähnlich. Beide verschwinden ganz plötzlich und vollständig; sie verlöschen selbst sehr schnell.
Ich möchte daher die edlen Menschen (und Freunde) bitten, den Buddhismus in der Praxis zu erlernen und sich nicht davor zu fürchten, dem Wirklichen Drachen tatsächlich zu begegnen, obgleich sie sich an die Nachahmungen vom Drachen gewöhnt haben. Praktiziert sorgfältig Zazen und vertraut der einfachen, direkten Anstrengung beim Streben nach der Wahrheit. Verehrt den Menschen, der das rein theoretische Lernen überschritten und vordergründige Absichten vergessen hat.

Wir werden vollkommen eins geworden sein mit der Höchsten Wahrheit vieler Buddhas, und wir empfangen authentisch den Zustand des Gleichgewichts (für das vegetative Nervensystem) des Samâdhi vieler großer Meister. Wenn ihr beständig dieses Etwas des Unfassbaren praktiziert, wird sich das Schatzhaus der Juwelen auf natürliche Weise öffnen, und es wird für euch leicht möglich sein, sie zu empfangen und zu verwenden – genau so, wie ihr es wollt.“




[i] Der folgende Text wurde von mir auf der Grundlage der im Internet-Blog von Nishijima Roshi veröffentlichten englischen Fassung übersetzt.
[ii] Dôgen erinnert hier an die berühmte Begebenheit der Dharma-Übertragung auf Daikan Enô und den fundamentalen Optimismus Gautama Buddhas, dass wir von Natur aus ohne Verunreinigung sind. Warum sei es dann überhaupt erforderlich, dass wir ausdauernd Zazen praktizieren und die buddhistische Ethik im Alltag handelnd verwirklichen? Dôgen gibt im Folgenden dazu sehr prägnante Begründungen.

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