Dienstag, 25. Dezember 2018

Reinheit und Ethik kontra Verfälschung und Verdrehung

Nagarjunas Mittlerer Weg (MMK) und die Gelöbnisse im ZEN 
(Aus meinem Buch "Sternstunden des Buddhismus, Band 3", in Vorbereitung) 

Hinführung beim Mittleren Weg:
In diesem wichtigen Kapitel 23 des MMK untersucht Nâgârjuna wie und warum die ethische Reinheit durch vielfältige Täuschungen, Irrtümern, Illusionen und Verfälschungen in ihr Gegenteil verkehrt wird. 
Und diese Verfälschungen ereignen sich im sogenannte normale Leben und normale Denken der Menschen. Das Sanskrit Wort heißt vipariasa und wird nach Möbius (Sanskrit Lexikon) in Deutsch wie folgt übersetzt: Umwerfen, Wechsel, Vertauschung, Gegenteil, Irrtum, Verkehrtheit, Unglück und Unfall. Dieses semantische Feld charakterisiert meines Erachtens recht gut die zentralen Aspekte, die Nâgârjuna hier angeht. Eine enge Beziehung gibt es dabei zu ethischen Bewertungen, wie rein und unrein, gut und schlecht, heilig und unheilig usw. Nach Buddhas Erfahrungen sind für solche Vertauschungen und Verfälschungen der Wahrnehmung der Gefühle, des Denkens und der Ethik vor allem die drei Gifte Gier, Hass und Verblendung maßgebend. Sie führen zu einem Leben der Passivität, Dumpfheit, der fehlenden Selbstreflexion und Achtsamkeit und der unzureichenden Selbststeuerung. Diese Gifte verhindern die Entwicklung des Menschen auf dem Achtfachen Pfad und die Verwirklichung der Befreiung und Erleuchtung, die Buddha in sieben Bereiche gliedert. Jemand der von den drei Giften abhängig und determiniert ist, unterliegt Täuschungen, Verfälschungen oder auch romantisierenden Illusionen, die er nicht durchschaut und die letztlich ins Leiden führen. Aber Nagârjuna geht es auch um die verfälschenden Wirkungen falscher und schädlicher Ideologien und Doktrinen wie zum Beispiel des Substantialismus unveränderlicher Entitäten. Damit kommen angeblich unveränderliche und ewige Dharmas in den Blick. Und es geht um das unveränderliche und ewige âtman-Selbst der vorbuddhistischen Religiion des Brahmanismus, das Buddha für vieles Leiden und große Plagen der Menschen identifiziert.
 Oft sind dabei subjektiv-doktrinäre Bewertungen vorherrschend, nicht zuletzt um sich selbst entweder zu überhöhen und den Fakten des eigenen Lebens auszuweichen. Das trifft zum Beispiel bei Narzisten zu. Aber auch das Gegenteil kann beobachtet werden: Solche Menschen verdammen sich selbst über die Maßen und verachten sich. Damit kreisen sie um sich selbst, sodass wichtige Lern- und Befreiungsprozesse schwierig sind oder ganz unterbleiben. Diese Menschen sind gerade nicht wach und nicht klar im Augenblick, sind geradezu abwesend gegenüber der Wirklichkeit. Es kann sich um Dumpfheit oder Dösigkeit handeln oder auch um ideologisch aufgeladene Rechthaberei und Indoktriniertheit.
Wie kann es nun zu solchen Täuschungen, Verdrehungen und Verfälschungen kommen, die der Moral und Ethik diametral entgegen wirken? Buddha nennt auf dem Weg des Erwachens und der Emanzipation die berühmten negativen Fünf Hemmnisse, die er nicht zuletzt den sieben positiven Gliedern der Erleuchtung gegenüberstellt. Es handelt sich um folgende Hemmnisse: auf Sinnlichkeit gerichtetes Wollen, das unkontrolliert und rücksichtslos gegenüber den Objekten der Sinnlichkeit entsteht, vorhanden ist und im besten Fall vergeht und überwunden werden kann. Ähnliches gilt für das Übelwollen anderen gegenüber, das oft sogar verdeckt und nicht einfach erkennbar ist. Buddha nennt weiterhin Erstarren und Trägsein, das heißt eben Dumpfheit, laues oder abgestorbenes Interesse und Passivität, die heute im Übrigen nicht zuletzt durch ein Übermaß an Fernsehkonsum und Smartphon-Abhängigkeit und Smartphon-Sucht ("sozialer Zombi")erzeugt werden. Das Gegenteil, aber in ähnlicher Weise negativ wirksam, sind Aufgeregtheit und Unruhe. Dazu sind Stress, ungezügelter Ehrgeiz und krankhafte Konkurrenz zu zählen. Schließlich wird von Buddha die Zweifelsucht genannt, die aus meiner Sicht einem nihilistischen Geist entspringt. Wer an allem und jedem zweifelt, hat keine Möglichkeit der Befreiung und Emanzipation. Der Philosoph Gadamer stellt für chronische Nihilisten ein erhebliches Maß an Unehrlichkeit und Verlogenheit fest, weil auch ein Nihilist überleben will und der Nihilismus vielleicht nur show und Wichtigtuerei ist. Ein Nihilist meint wohl, besonders intellektuell zu sein und durchschaue die Negativität als Wahrheit der Welt. Diese fünf Hemmnisse würde ich ohne Schwierigkeiten dem Thema zuordnen, das in dem Kapitel von Nâgârjuna als Täuschungen, Verdrehungen und Verfälschungen behandelt wird.
In diesem Kapitel geht es nun vor allem um menschliche Einschätzungen und Bewertungen von schön, erfreulich und wahr, aber auch von rein, unrein im Zusammenhang mit Irrtümern, Täuschungen und Verwechslungen und durch die drei Giften Gier, Hass und Verblendung. Wie können wir ´objektiv´ Klarheit bei körperlichen, geistigen und psychischen Problemen gewinnen? Gibt es dabei nicht vielleicht doch absolute Wahrheiten, wie auch die westliche Philosophie der Metaphysik zumindest teilweise behauptet hat? Und wie vermeidet man ideologische Simplifizierungen und dogmatische Verhärtungen zum Beispiel mit einfachen Ja-Nein-Bewertungen, moralischen Diffamierung anderer Menschen oder Gruppen und extremen ideologischen Konzepten? Kalupahana spricht nicht zufällig von Perversionen, die bei Doktrinen und Ideologien gerade bei manchen Religionen, Weltanschauungen oder Vorurteilen zu beobachten sind.[i] Sind die Hexenverbrennungen des späten Mittelalters und der beginnenden Renaissance etwas anderes als furchtbare Perversionen der christlichen Religion der Wahrheit und Nächstenliebe? Es heißt doch: „Liebe Deine Feinde wie dich selbst“. Wohl kaum. Wann und warum entstehen Vertauschungen und Verfälschungen von schön und hässlich, erfreulich und unerfreulich, redlich und unredlich sowie wahr und nicht-wahr.
Das sind zweifellos schwierige Fragen und Themen der buddhistischen Lehre, die in diesem Kapitel einer gründlichen Analyse und Klärung unterzogen werden.
Wenn wir wie Gautama Buddha und Nagarjuna Wechsel-Wirkungen und gemeinsames Entstehen in unserem Leben einbeziehen, können wir nicht mehr von simplen dogmatischen Extremen ausgehen. Aber wie gewinnen wir umgekehrt Klarheit und Sicherheit in unserem Leben, wenn alles relativ und damit unbestimmt oder sogar chaotisch ist?
Wir werden sehen, wie Nagarjuna diese Fragen angeht.
In der westlichen Philosophie hat sich Nietzsche gegen dichotome Simplifizierungen von Ethik und Moral positioniert, vor allem in seinem Werk „Jenseits von Gut und Böse“. Wenn sich Moral zu Doktrinen und Dogmen verhärtet, gibt es nicht zuletzt die große Gefahr der Instrumentalisierung, Disziplinierung und Entmündigung der Abhängigen. Aber Ethik soll keine Unfreiheit bewirken, sondern helfen, dass das Leben gelingt und wir ein gutesLeben führen (Maerten). Hier gibt es erstaunliche Parallelen zu Nagarjunas Kritik der einfache insbesondere substanzhaften und plakativer Lehren zu recht und nicht-recht. Die ist umso beachtlicher, weil das MMK schon vor über 1700 Jahre verfasst wurde.

Ausgewählte Texte und Interpretationen

Vers 23.1
Es wird gesagt, dass Einbildung die Quelle und Herkunft von Gier, Hass und Verblendung sind.
Diese drei Gifte entstehen in Wechselwirkung mit den Täuschungen und Verdrehungen von freudig und rein sowie nicht-freudig und nicht-rein sowie diesen beiden zusammen. [ii]

Die drei Gifte sind wie folgt mit dem Freudigen und Reinen sowie dem Nicht-Freudigen und Nicht-reinen in Wechsel-Wirkungen:
1. Erregung und Gier mit dem Angenehmen, Freudigen und Reinen.
Dies bedeutet, dass man das Reine oder das als angenehm Empfundene unbedingt haben will.
2. Abneigung und Hass mit dem Nicht-Reinem und Unangenehmen.
Dies werden abgelehnt, weil man will sie gerade nicht haben will.
3. Verblendung mit Täuschungen, Verdrehungen und Pervertiertheiten.
Nâgârjuna baut also die Untersuchung der drei Gifte: Gier, Hass und Verblendung als Gegensatz zu den positiven Zuständen von Freudig und Nicht-Freudig auf und bezieht sie auf Körper, Psyche und Geist oder genauer die fünf Skandhas auf. So verbindet er Gier und Erregung mit Freudigem sowie Abneigung und Hass mit Nicht-Freudigem. Diese Verbindungen bezeichnet er als Täuschungen, Verdrehungen, Irrtümern und sogar mit Perversionen. Die Gier wäre mit einen dringend erstrebter Glückszustand verbunden und ein solcher Zustand wäre mit etwas Reinem und Schönem verbunden. Das wirkt zunächst vielleicht etwas überraschend, hat aber durchaus eine innere Plausibilität. Denn was uns in Erregung versetzt und wonach wie gierig sind, wollen wir unbedingt haben. Wir erwarten davon Glück und Befriedigung. Darauf baut nicht zuletzt unsere moderne Werbung für materielle Güter auf: Diese Güter sollen bei uns positive und schöne Lebensgefühle erzeugen und sie sollen als Gutes und Edles erscheinen. Wir können angeblich nicht nur glücklich damit sein, sondern erwerben auch das Ansehen eines guten und erfolgreichen Menschen. Mir scheint dieser Zusammenhang auch bei zu oberflächlich verstandenem Karma wirksam zu sein: Wer in diesem Leben reich und wichtig sei, habe früher moralisch gutes Karma erworben. Ein solcher Reichtum könne zum Beispiel durch eine großzügige Erbschaft aufgrund des Karmas entstanden sein.
Ähnliches und vielleicht etwas deutlicher kann vom Hass wegen der Ablehnung und Abneigung von etwas Hässlichem, Unreinem und moralisch Minderwertigem gesagt werden. Der interreligiöse Hass ist wohl immer mit den Verachtung des anderen Glaubens verbunden, der als total unmoralisch gebranntmarkt wird: Besonders die Glaubensreligionen von Christentum, Judentum und Islam liefern dafür furchtbare Beispiele. Aber auch die ideologischen und zerstörerischen Weltanschauungen des modernen Faschismus und Kommunismus müssen genannt werden.
Diese Hass-Affekte entwickeln sich als etwas, das als  total falsch,widerwärtig und unrein empfunden und gedacht wird. Zum Beispiel gibt es den unveränderlichen ideologischen Hass der heutigen Islamisten, weil sie die Gegner als unrein hassen, die die Welt verunreinigen und vergiften. Deshalb müssten sie aus der Welt entfernt und total vernichtet werden, damit die Welt wieder rein und schön wird und von Unreinheit befreit wird. Dass dabei ethische fundamentale menschliche Regeln und Gesetze verletzt werden, wird in solchen Fällen total beiseite geschoben und ist in deren Geist und Psyche nicht präsent und völlig unwirksam. Ähnliche Aussagen lassen sich zum Beispiel über den Rassismus in Deutschland sagen: Das Germanische und  Arische waren allein das Reine und das Nicht-Arische war das Un-Reine und sollte ausgemerzt werden. Als bereits entschieden war, dass das Nazi-Deutschland den Krieg verlieren würde, sollen Hitler und seine Hass-Ideologen stolz darauf gewesen sein, das internationale Judentum entscheident bekämpft und geschwächt zu haben. Es ist zu hoffen, dass die AFD-Anhänger sich nicht in solchen Hass versteigen, wenn sie Minderwertiges, Hässliches und angebliche „Schmarotzer“ aus Deutschland verjagen wollen.
Im Laufe dieses Kapitels soll also geklärt werden, wie weit bewertende Grundsätze von rein und unrein, zum Beispiel von Gier und Hass maßgebend sind. Dabei sollen Gier und Hass nicht zuletzt an Verblendungen und Verfälschungen festgemacht werde.


Vers 23.2
Wenn man von einer isolierten unveränderlichen Eigen-Substanz ausgeht (, die angeblich aus sich selbst entstanden ist), werden keine (wahren) Wechsel-Wirkungen des Schönen und Reinen, Unschönen und Nicht-Reinen und beiden zusammen gefunden.
Von daher gibt es die Plagen und Befleckungen nicht aus selbst.
Wenn man die Plagen und Befleckungen und damit auch das Leiden fälschlich als isolierte unveränderliche substantielle Entitäten versteht, die angeblich aus sich selbst entstanden sind, entspricht dies nicht der Wirklichkeit. In der Präambel wird die Wirklichkeit nämlich als gemeinsames Entstehen in Wechselwirkung gekennzeichnet. Isolation und substantiale Entitäten lassen keine Wechselwirkungen zu.
Nâgârjuna kommt auf die Dogmatisierung und extreme Idealisierung zu sprechen, die dadurch zustande kommt, dass schön und unschön sowie rein verabsolutiert und isoliert werden. Sie werden dann wie dinghafte isolierte Entitäten verstanden und aus ihrem lebendigen Zusammenhang und der Wechselwirkung herausgelöst. Dadurch entstehen extreme und oft sogar pervertierte Bewertungen und Einschätzungen von Reinheit und Schönheit, die ein isoliertes Eigenleben entwickeln. Wie beim Rassismus und religiöser Ideologien wird eine  pervertierte Moral wirksam, bei der die bestimmte Menschen verachtet und sogar getötet werden. Eine menschwürdige einschätzung ist dann ausgeschlossen und verwandelt sich in ihr Gegenteil. Nâgârjuna wird auf die Vermeidung der Extreme durch den Mittleren Weg auch im folgenden Kapitel 26 detaillierter eingehen.
Maßgeblich ist hier also, dass Bewertungen von rein, nicht-rein und eine Abwägung beider ins Extrem getrieben werden, sodass sie aus ihrem Zusammenhang der Wirklichkeit, ihrer Wechselwirkung  herausgelöst werden. Damit wird die Wechselwirkung negiert, sodass irreale Welten im verwirrten Geist entstehen, zu wuchern anfangen und Verwirrungen stiften. Sie entstehen also im verwirten Geist selbst und sind nicht durch die äußere Wirklichkeit erzeugt. Dann kann es keine klare Einschätzung der gesamten realen Situation geben.


Vers 23.3
Und auf keine Weise können die Zustände „es existiert“ und „es existiert nicht“ für das Selbst gelingen.“
Wie gelingen dann aber die Zustände „es existiert“ und „es existiert nicht“ für die Plagen und Leiden?

Die Extreme von absoluter Existenz und absoluter Nicht-Existenz ermöglichen nicht das Verständnis eines wirklichen und lebendigen Selbst, sondern nur des doktrinären altindischen und fiktiven âtman-Selbst. Dieses Selbst wird von Buddha und Nagarjuna in aller Klarheit abgelehnt. Daraus folgt, dass die absoluten Zustände der totalen Existenz oder totalen Nicht-Existenz auch nicht für die Plagen und Leiden gelten können.
Nâgârjuna verbindet hier das von ihm abgelehnte âtman – Selbst mit den Plagen, die ihrerseits fälschlich als dinghafte Entitäten und Substanzen angenommen werden. Für derartige doktrinäre Substanzen wird fälschlich gesagt, dass sie absolut existieren oder absolut nicht existieren. Damit werden auch die Wahrnehmung und die phänomenologische genauen Analysen unterminiert, weil die doktrinierten Geisteszustände realitätsnahe Wahrnehmung und realitätsnahes Denken verhindern. Auch die ethische Wirklichkeit und Wahrheit werden damit in ihr Gegenteil verkehrt. Sicher neigte in der brahmanische Glaubenslehre des âtman – Selbst auch zu derartiger einer markanten Entmenschlichung. Die angebliche göttliche „Ordnung“ in erstarrte Kasten und Kastenlose muss in diesem Zusammenhang genannt werden. Nâgârjuna verbindet hier die Verfälschung zum Extremismus mit der Unmenschlichkeit der drei Gifte Gier, Hass und Verblendung. Mit den Doktrinen der Extreme des Substantialismus entstehen dabei neue Täuschungen, die die authentische buddhistische Lehre zur Überwindung der Gifte unterminieren.

Vers 23.4
Denn diese Plagen und Leiden gehören (als Entitäten) nicht zu irgendeinem Menschen. Und zudem kann es einen solchen Menschen nicht geben.
Oder existieren diese Plagen ohne irgendjemanden vielleicht für niemanden?

Wenn man Plagen und Leiden als Substanzen annimmt, so würden sie absolut und isoliert für sich unabhängig von einem Menschen existieren. Sie könnte auch scheinbar substanzhafte Merkmale eines Menschen sein. Solche Plagen und Leiden hängen sozusagen „in der Luft“, denn sie wären isolierte eigenständige Entitäten.
Hier wird also die Verbindung der dinghaft und als Entitäten angenommenen Plagen und Leiden zum Menschen untersucht. Aber nach dem oben Argumenten gibt es auch solche Menschen als Entitäten oder Substanzen gar nicht. Ein solcher Mensch, den es gar nicht gibt, kann daher auch keine Merkmale haben. Wie sollen dann solche Plagen überhaupt als Merkmale existieren, wenn es keinen Träger der Merkmale gibt? Folglich existieren weder solche Plagen und Leiden als auch die Menschen. Beide Entitäten wären nur fiktiv und durch Doktrinen künstlich im verfälschten völlig unklaren Geist erzeugt, in der Wirklichkeit sind aber sie nicht zu finden.

Vers 23.23
Auf diese Weise kommt das Nicht-Wissen zur Ruhe, weil die  Täuschungen und Vertauschungen zur Ruhe kommen.
Das Nicht-Wissen ist zur Ruhe gekommen: Dann kommen die formenden Kräfte und die anderen Komponenten des Menschen (Skandhas) zur Ruhe.

Durch die bisherigen Argumente wird klar, dass die irrtümlichen Verwechslungen, die sich zu Verhexungen steigern können, zur Ruhe kommen, auch und gerade das Nicht-Wissen zur Ruhe gebracht wird.
Wenn das Nicht-Wissen zur Ruhe gekommen ist, werden die Lebens-Dynamik und die formenden Kräfte und die anderen Komponenten des Menschen (skandhas) als Substanzen zur Ruhe gebracht und ein natürliches dynamisches Gleichgewicht wird wirksam. Das bedeutet, dass verwirrende und unheilsamen Doktrinen ihre Kraft verloren haben und die Wirklichkeit unverzerrt wirken kann.
Damit kommt Nagarjuna zu seiner Kernaussage: Die Klarheit des Menschen mit seinen fünf Komponenten (Skandhas) ergibt sich, wenn er nicht den Illusionen und Verfälschungen aufsitzt, dass er ohne Wechselwirkung isoliert und Ego-zentriert lebt oder entstanden ist. Das wäre das Nicht-Wissen der wahren Lehren Buddhas. Dann kommt der Mensch als Ganzes zur Ruhe und ist körperlich, psychisch und geistig im Gleichgewicht.
Dann und nur dann können ethische oder auch sachliche Bewertungen korrekt gelingen. Und wir benötigen solche rechten Bewertungen in der Tat dauernd in unserem Lebens-Prozess. Den schwierigen Befreiungsweg aus Ideologien und Abhängigkeiten finden wir auf diese Weise, und das können wir letztlich nicht durch Kopieren irgendeiner auswendig gelernten Lehre leisten, und sei sie noch weise. Ethisch zu handeln ist viel mehr als nur ethisch zu reden und ethisches Wissen auswendig zu lernen. Ethik wird eigens kreativ entwickelt.

Vers 23.24
Denn falls für irgendjemanden irgendwelche Plagen mit doktrinärer Eigen-Substanz entstanden sind, fragt sich,
wie nämlich diese Plagen aufgegeben werden könnten. Und weiter: Wer wird eine doktrinärer Eigen-Substanz, den âtman, aufgeben?
Niemand kann Unwissen, Plagen und Leiden aufgeben, der nicht auch die Doktrin einer solchen unveränderlichen und ewigen Eigen-Substanz und des Subtanz-Selbst aufgibt oder beendet. Eine solche unheilsame Doktrin wäre ohne Wechselwirkung und Dynamik. Das widerspräche fundamental der Beobachtung, dass die Welt veränderlich ist und sich entwickelt. Damit wird die Doktrin der Unveränderlichkeit destruiert.
Wenn wir die irrige Vorstellung oder verhärtete Ideologie von einem zwar irgend wie gewordenen aber unveränderlichen Eigen-Selbst (svabhâva) haben, können wir unser Plagen nicht beenden und schweren Probleme nicht lösen.
Es gibt tatsächlich immer wieder Menschen, die fest davon überzeugt sind, dass ihre tief sitzenden Leiden und Problemen sich nicht lösen lassen, nicht von ihnen selbst und auch nicht von anderen. Diese Vorstellung ist nach Buddha und Nagarjuna aber unrichtig und entspricht nicht der Wirklichkeit des Lebens und der Welt. Denn dahinter steckt die falsche Vorstellung eines unveränderlichen substanzhaften Selbst und auch substanzhafter Merkmale des Menschen. Jedes wahre Selbst des Menschen ist veränderlich und kann befreit werden, da es verändernde Wechsel-Wirkungen gibt, die gute, heilsame und befreiende Entwicklungen ermöglichen.

Vers 23.25
Denn falls für irgendjemanden irgendwelche Plagen mit Eigen-Substanz gar nicht entstanden sind, fragt sich,
wie nämlich (diese Plagen) aufgegeben werden könnten. Wer kann ein nicht-existierendes Seiendes aufgeben?
Wenn für irgendjemanden irgendwelche Plagen nach der dDoktrin einer unveränderliche Eigen-Substanz gar nicht entstanden sind, stellt sich die einfache Frage, ob und wie diese Plagen überhaupt beendet werden könnten und müssten. Denn sie wären ohnehin nur ein irreales Produkt des Geistes, das durch die Doktrin des Substantialismus entstanden ist.
Und wer ist überhaupt in der Lage, solche nicht realen Plagen aufzugeben? Sie sind eigentlich nur Schein wie eine Fata Morgana. Wer wird denn etwas nicht Vorhandenes beenden und aufgeben, das gar nicht existiert? Antwort: Beides ist nicht möglich.

Ertrag beim Mittleren Weg:
Nagarjuna geht also davon aus, dass die Phänomene und Dinge dieser Welt, des Menschen und unseres Lebens in Wechselwirkung und mit Verursachungen entstanden sind. Sie sind wie es im Zen heißt, hier und jetzt da und verändern lassen sich laufend. Wenn man ein statisches unveränderliches Selbst, eine unveränderlich Substanz oder Essenz annimmt, so ist das ein gravierender Fehler der Vertauschung und Verfälschung. Dann wäre die Befreiungslehre Buddhas sinnlos, weil es ja gar keine Veränderungen und Lernprozesse geben könnte. Dann wären auch unsere Plagen und Schmerzen trotz des Achtfachen Pfades nicht zu überwinden.
Und das widerspricht radikal den Erfahrungen der Menschen seit 2500 Jahren. Aber wie können wir uns selbst wirksam von unseren Verirrungen von den Pöagen des Lebens befreien?
Um Irrtümer, Verblendungen und geistige Vergiftungen anzugehen und zu überwinden, brauchen wir den klaren Willen, uns von Scheinwahrheiten und Ideologien zu lösen. Besonders schwierige Widerstände ergeben sich aus erstarrten Einbildungen zum eigenen Ich, sei es ein heldenhaftes Sieger-Ich oder ein klagendes Opfer-Ich. Beides wird jeweils psychisch zu erstarrten und statischen Ich-Biographien verdichtet, fixiert und deterministisch fortgeschrieben, an die sich die Menschen klammern, ohne sich dessen vielleicht bewusst zu sein. Aber letztlich schaden sich die Menschen damit vielmehr, als es ihnen nützt. So lassen sich die Plagen nicht überwinden. Daher ist die Suche nach der psychischen, ethischen und spirituellen Wirklichkeit so wichtig. Sie wird maßgeblich durch eine wirksame Achtsamkeit und ethisch klaren Handeln ermöglicht.


Meister Dôgens ZEN-Buddhismus

Das Empfangen der buddhistischen Gelöbnisse (Jukai)
 In diesem Kapitel beschreibt Dôgen die 16 Gelöbnisse im Mahâyâna-Buddhismus. Sie sind verhältnismäßig pragmatisch gestaltet, direkt formuliert und sollen eine klare Leitlinie in unser Leben bringen, die uns auf dem Buddha-Weg stützt und eine gute Entwicklung verstärkt.
Im traditionellen frühen Buddhismus (Hinâyâna, Theravâda) hatte sich die Anzahl der Gelöbnisse in den ersten Jahrhunderten nach Gautama Buddha zunehmend erhöht, sodass schließlich 250 Gelöbnisse für Mönche und 348 für Nonnen existierten. Sie werden in diesen Traditionen auch heute noch so abgelegt. Mit der Bewegung des Mahâyâna und der Entwicklung des buddhistischen Ideals des Bodhisattva, der sich im sozialen Handeln mit anderen Menschen verwirklicht und die eigene Erleuchtung grundsätzlich zurückstellt, bis alle anderen Lebewesen gerettet worden sind, ergab sich die Notwendigkeit einer Vereinfachung. Dies gilt umso mehr, da die Gelöbnisse auch von Laien empfangen und abgelegt werden und nicht nur von Mönchen und Nonnen, wenn sie in ein Kloster eintreten.
Nishijima Roshi betont, dass es bei den Gelöbnissen überhaupt nicht um Bestrafung, Abwertung oder gar Stigmatisierung derjenigen geht, die angeblich oder wirklich die Gelöbnisse verletzt haben, sondern dass ein Moment der Kräftigung für die Schüler wirksam wird. Mit der bewussten Entscheidung, den Buddha-Weg zu gehen, benötigt man auch ein deutliches Leitbild und bestimmte Ziele oder Vorgaben, um sich im eigenen Leben nicht zu verzetteln und nicht den verschiedensten Verführungen und Ablenkungen zu erliegen, die heute mehr denn je auf uns einwirken. Gerade in der modernen Zeit mit den sehr leistungsfähigen Kommunikations- und Informationsmöglichkeiten werden die vielfältigsten Leitbilder und Lebensphilosophien an uns herangetragen, sodass wir immer erneut verwirrt werden. Hinzu kommt, dass uns viele populistische und suggestive „Lehren“ für das richtige und erfolgreiche Leben erreichen, die von ganz bestimmten Interessen gesteuert werden. Zum Beispiel stammen solch falsche Lehren häufig aus politischen Lagern und dienen in Wahrheit der eigenen Macht. Ähnliches gilt für die Unternehmen der Industrie und Wirtschaft, die mithilfe von Werbeslogans und ästhetischen Bildern versuchen, den eigenen Marktanteil und Gewinn zu vergrößern. Dies wird aber natürlich nicht offen zugegeben, sondern als großartiger Lebensentwurf verpackt. In der Tat scheinen die in Werbespots und -bildern dargestellten Menschen das große Glück, um nicht zu sagen die Erleuchtung, erlangt zu haben. Dies ereignet sich angeblich durch den Kauf der entsprechenden Produkte. Eine Formel dafür könnte etwa lauten: „Erfolgreiche Menschen kaufen dieses Produkt und werden damit noch glücklicher.“ Dass solche Menschen schön und attraktiv aussehen, versteht sich dabei von selbst. Auch in vielen Zeitschriften werden Leitbilder und Lebensphilosophien „verkauft“, die so ersonnen sind, dass sie eine möglichst große Zahl von Lesern in entsprechenden Zielgruppen ansprechen und dadurch sicherstellen, dass diese Zeitschriften auch weiterhin gekauft werden. Selbst ernannte Psychologen und Heilsbringer verkünden dort die verschiedensten Patentlösungen, um glücklich zu werden. Sie erwecken den Eindruck, als ob man bereits durch das Lesen dieser Artikel den Schlüssel für das eigene Glück in Händen halten würde. Ähnliches gilt für die vielen Lockangebote des spirituellen Buchmarktes. Dies hat eine lange traurige Tradition, die bis auf die Zeit Gautama Buddhas zurückgeht.
Bei der gegenwärtigen komplexen und verwirrenden Gemengelage von Informationen und wegen des Verfalls der Bindungskraft der christlichen Gebote gewinnt der praktische Wert der klaren buddhistischen Gelöbnisse erheblich an Bedeutung. Dôgen schildert die buddhistischen Gelöbnis-Zeremonien, die vom jeweiligen Meister geleitet werden. Wer selbst schon eine solche Zeremonie mit einem bedeutenden Meister erlebt hat, wird gern bestätigen, dass sie eine besondere spirituelle und psychische Kraft entwickelt, und will sie keinesfalls auf dem Buddha-Weg missen. Auch Dôgen schätzt die Bodhisattva-Gelöbnisse und die entsprechende Zeremonie sehr. In der Dôgen-Sangha von Nishijima Roshi werden nach wie vor Dôgens wörtliche Formulierungen der Gelöbnisse verwendet. Auch die Zeremonie wird nach seinen Vorgaben durchgeführt. Dôgen gibt einen alten Meister wieder:
„Daher sind die Gelöbnisse das Wichtigste, wenn wir (Za)zen praktizieren und die Wahrheit erkunden. Wenn wir uns nicht von Übertreibungen fernhalten und gegen das Falsche schützen: Wie ist es dann möglich, den Zustand des Buddhas zu verwirklichen und ein Nachfolger im Dharma zu werden?“
Wir sollten die Gelöbnisse keinesfalls als nebensächlich ansehen. Deshalb ist es nach Dôgen sinnvoll, neue und saubere Kleidung dafür anzuziehen, damit wir ganzheitlich die Erfahrung eines neuen Beginns von Körper-und-Geist in unserem Leben machen. Wir sollten die Gelöbnisse gewissermaßen in unser Herz eingravieren, damit sie eine große andauernde Kraft und Energie in unser Leben bringen und sich immer klarer und richtungsweisender entwickeln. Dôgen sagt, dass die so verstandenen Gelöbnisse bereits der „Schatz des wahren Dharma-Auges“ sind, und er betont die authentische Weitergabe von einem Meister zum anderen, die sich gerade bei den Gelöbnissen konkret verwirklichen würde:
„Es kann keinen buddhistischen Meister geben, der die buddhistischen Gelöbnisse nicht empfangen und bewahrt hat. Einige haben sie (direkt) unter dem Tathâgata empfangen und bewahrt. Das bedeutet in jedem Fall, das (wahre) Lebensblut empfangen zu haben.“
Dôgen nennt dann beispielhaft einige große Vorfahren im Dharma – Nâgârjuna, Bodhidharma, Daikan Enô, Seigen und Nangaku – und bedauert sehr, dass es leider auch unverlässliche, angebliche Meister gibt. Durch die Gelöbnisse bekommen wir laut Dôgen einen direkten Zugang zum „inneren Heiligtum“ der Meister. Dies gelte aber nicht für nachlässige und träge Menschen.
Einige Zeit vor der Zeremonie fragt der Schüler den Meister, ob er die Gelöbnisse erhalten und empfangen darf. Nach dessen Zustimmung beginnt die eigentliche Vorbereitung damit, dass der Schüler die neue Kleidung kauft oder selbst anfertigt. Zu Beginn der Zeremonie werden Niederwerfungen vor den Statuen und Bildern des Zentrums oder Tempels, vor den drei Juwelen des Buddhismus und vor den großen Vorfahren im Dharma gemacht. Dadurch wirft man die bisherigen vielfältigen Einschränkungen und Blockaden ab und ist in der Lage, den Körper-und-Geist zu reinigen.

Zuflucht zu Buddha, Dharma und Sangha
Der Schüler wird entsprechend der Überlieferung am Anfang der Zeremonie gebeten, die Worte zu sprechen, dass er zu Buddha, zum Dharma und zum Sangha Zuflucht nimmt.
Der Begriff „Zuflucht“ hat sich im buddhistischen Sprachgebrauch durchgesetzt und wird deswegen auch hier verwendet. Er trifft allerdings nicht genau die Bedeutung dieses wesentlichen Schrittes, sich zu Buddha, Dharma und Sangha zu bekennen, denn es handelt sich nach Dôgen nicht um eine Flucht und schon gar nicht um eine Flucht aus der Welt, sondern um einen ersten positiven Schritt zur Befreiung und zum Erwachen. Dieser erste Schritt auf dem buddhistischen Weg eröffnet neue Möglichkeiten, um beengende und lästige Behinderungen abzuschütteln und den Weg zur befreienden Wirklichkeit anzutreten und voranzugehen. Auch die Zazen-Praxis entwickelt dann neue nachhaltige Wirkungen.
Der Meister sagt nach diesem ersten Teil der Zeremonie:
„Gute Söhne (und gute Töchter), jetzt haben Sie das Falsche verlassen und sich dem Wahren gewidmet. Die Gelöbnisse umgeben Sie bereits. Sie sollen jetzt die drei Zusammengefassten Reinen Gelöbnisse empfangen.“

Die drei allgemeinen Gelöbnisse
Das erste dieser Gelöbnisse betrifft die Einhaltung der buddhistischen Regeln, das zweite ist das moralische Gesetz und das dritte ist das Gelöbnis, dass wir allen Lebewesen Gutes tun und sie retten. Diese grundsätzlichen Gelöbnisse werden vom Meister als Frage jeweils dreimal formuliert und vom Schüler jeweils dreimal mit den Worten „Ich kann es.“ beantwortet.
Dann sagt der Meister:
„Die drei vorherigen Zusammengefassten Reinen Gelöbnisse dürfen nicht verletzt werden. Können Sie diese Gelöbnisse von Ihrem gegenwärtigen Körper bis zum Erlangen von Buddhas Körper halten, oder nicht?“
Die Antwort lautet: „Ich kann es.“
Dies wird ebenfalls dreimal wiederholt.

Die zehn speziellen Bodhisattva-Gelöbnisse
Anschließend wird die Zeremonie mit den zehn einzelnen und sehr viel konkreteren Bodhisattva-Gelöbnissen in der gleichen Weise fortgesetzt. Der Meister fragt den Schüler zu jedem Gelöbnis dreimal, ob er dieses einhalten kann, und der Schüler antwortet jedes Mal: „Ich kann es.“

Die Gelöbnisse lauten wie folgt:
1. Nicht zu töten

2. Nicht zu stehlen

3. Sich nicht der Gier hinzugeben
Dieses Gelöbnis wird häufig sexuell interpretiert. Es hat dann den Sinn, niemanden sexuell zu missbrauchen. Damit wird also keineswegs die sexuelle Liebe insgesamt abgelehnt, sondern es soll der Missbrauch, zum Beispiel durch Machtausübung, psychischen Terror, finanzielle Abhängigkeit und dergleichen, verhindert werden.

4. Nicht zu lügen

5. Keinen Alkohol zu verkaufen
Nishijima Roshi vermutet, dass dieses Gelöbnis ursprünglich verhindern sollte, dass übermäßig viel Alkohol getrunken wird und eine Abhängigkeit und damit Alkoholkrankheit entsteht. Er meint, dass in den nördlichen Ländern, insbesondere im nördlichen China, der mäßige Konsum von Alkohol allerdings hilfreich war, um während der langen winterlichen Periode der Kälte und Dunkelheit durchzuhalten. Wer jedoch sein Geld damit verdient, Alkohol zu vertreiben und zu verkaufen, ist in der Tat moralisch in einem sehr schwierigen Beruf tätig. Wir wissen von den meisten hoch im Norden gelegenen Ländern, zum Beispiel Finnland, Schweden und Norwegen, dass dort große Alkoholprobleme bestehen und daher ein grundsätzliches Verbot des Kaufs und Verkaufs von Alkohol verhängt wurde. Erwähnt sei noch, dass Mohammed im Islam den Alkohol ebenfalls für schädlich hielt und daher verboten hat.

6. Nicht die Überschreitungen und Verfehlungen anderer Bodhisattvas zu diskutieren
Dieses Gelöbnis soll verhindern, dass emotionalisierte Diskussionen zwischen den Mitgliedern eines Sangha, also von Menschen, die sich auf dem Buddha-Weg befinden, geführt werden. Oft geht es in solchen Streitgesprächen darum, dem jeweils anderen vorzuwerfen, dass er die Gelöbnisse verletzt oder gebrochen habe. Wer die Wirklichkeit in den buddhistischen Gruppen und Sanghas kennt, weiß, dass dies tatsächlich ein Problem darstellt. Nishijima Roshi erläutert dazu, dass das besondere Engagement für eine gute buddhistische Lebensführung zur überzogenen Kritik an anderen führen kann. In diesem Fall verkehrt sich die idealistische buddhistische Lebensphilosophie zur Ideologie, ohne dass es dem Handelnden bewusst wird. Die Fehler werden dann in übergroßer Klarheit beim anderen Menschen gesucht und gefunden. Solche Diskussionen haben oft zur Folge, dass es zu tiefgreifenden Spannungen und Trennungen kommt.

7. Sich selbst nicht zu loben und andere nicht zu kritisieren und herabzusetzen
Im gleichen Sinne, aber weiter präzisiert, soll das siebte Gelöbnis verhindern, dass man sich selbst lobt und überschätzt und den anderen abwertet und kritisiert. Auch ein solches Verhalten ist leider in buddhistischen Gruppen zu beobachten. Bei derartiger Selbstüberschätzung und Überheblichkeit können wir davon ausgehen, dass dies den Handelnden oft nicht bewusst ist. Die angeblichen oder wirklichen Fehler und Unzulänglichkeiten des anderen werden dabei erheblich vergrößert. Die Kritik hat dann meist das psychische Ziel, sich selbst über den anderen zu erheben und ihm moralische Minderwertigkeit zu bescheinigen. Ein solches Phänomen tritt verständlicherweise besonders dann auf, wenn jemand irrtümlich meint, er habe die große Erleuchtung erlangt und sei daher vollständig im Recht und es sei sogar seine Pflicht, andere zu kritisieren und zu „erziehen“. Ähnliche Fehlentwicklungen lassen sich bei der Übung der Achtsamkeit feststellen, wenn man sich selbst als sorgfältig und achtsam ansieht und den anderen entsprechende Unachtsamkeit vorwirft. Formulierungen wie „Du stehst weit unter mir und ich bin auf dem Niveau der großen Meister.“ sind dabei durchaus anzutreffen. Derartige Selbstüberschätzungen kommen beim Denken, Reden und Handeln vor, wenn es um eigene Interessen geht, die dem Handelnden jedoch ebenfalls meist nicht voll bewusst sind. Im Buddhismus ist in diesem Zusammenhang vor allem das Streben nach Ruhm, Anerkennung und Macht zu nennen, das dazu führt, dass andere Menschen, die zum Beispiel auf demselben Gebiet arbeiten, als Konkurrenten und Feinde empfunden und bekämpft werden.

8. Anderen nicht den Dharma oder den Besitz von Materiellem zu missgönnen
In diesem Gelöbnis geht es darum, dass man freigiebig und von ganzem Herzen anderen etwas gibt oder sie beschenkt. Wie Dôgen erläutert, muss es sich dabei nicht unbedingt um materiell wertvolle Dinge handeln, denn auch kleine Aufmerksamkeiten können eine menschliche Beziehung wesentlich verbessern und Abneigung in Sympathie umwandeln. Dôgen erwähnt hier besonders, dass man die Lehre des Buddha-Dharma großzügig an andere geben soll, wenn diese darum bitten oder es für sie wichtig ist. Man soll daher anderen den Dharma nicht missgönnen und vorenthalten, um selbst ein Gefühl der spirituellen Überlegenheit zu haben oder den anderen in Abhängigkeit zu bringen. Dies erinnert an die Situation in der Schule, wenn ein „Streber“ sein Wissen nicht an andere weitergeben will. Der Dharma ist aber keine Materie und kein einfaches Wissen, das man für sich behalten und horten kann, sondern er sollte anderen freimütig gegeben werden. Es kommt im Sangha sogar vor, dass ein Schüler buddhistische Informationen, die er von seinem Meister erhalten hat, nicht an andere weiterleiten will. Er verhält sich so, als ob diese Informationen eine Erbschaft seien, die nur ihm allein zusteht. In diesem Zusammenhang muss auch erwähnt werden, dass manche Meister ihre buddhistische Lehre leider nur zu hohen Preisen an die Schüler vermitteln wollen. Die Begründung dafür lautet etwa wie folgt: „Wenn die Lehre nicht teuer ist, wird sie nicht geachtet.“ Im Gegensatz dazu arbeitete Gautama Buddha darauf hin, dass religiöse Zeremonien möglichst kostenlos abgehalten werden, nicht zuletzt weil die „Preise“ der damaligen Brahmanen immer weiter gestiegen waren. Selbst Mitglieder der Mittelschicht mussten große Anteile ihres Einkommens für Zeremonien und Unterweisungen aufbringen. Ärmere Menschen mussten dann aus Kostengründen auf derartige spirituelle Hilfen ganz verzichten.
Die Gelöbnisse 6 bis 8 weisen einen klaren Bezug zum sozialen Handeln der Menschen auf. Dies ist im Einklang mit dem Ansatz des Mahâyâna und dem Ideal des helfenden Bodhisattva zu verstehen. Im Vergleich mit den zehn Geboten des Christentums fällt auf, dass es dort eine direkte Entsprechung zu diesen drei buddhistischen Gelöbnissen nicht gibt.

9. Nicht wütend zu werden

10. Die drei Juwelen des Buddhismus nicht zu beleidigen
Dass wir als Buddhisten die drei Kostbarkeiten Buddha, Dharma und Sangha schätzen und in Ehren halten, versteht sich eigentlich von selbst, wird aber in den zehn Gelöbnissen zum Schluss noch einmal ausdrücklich hervorgehoben.






[i] David J. Kalupahana: Nâgârjuna, The Philosophy of the Middle Way, S. 312 ff.
[ii] Nagarjuna verwendet hier das Wort s´ubha, nach Mylius: schön, schmuck, angenehm, erfreuhlic, günstig, tüchtig, reich, redlich und wahr.


Mittwoch, 5. Dezember 2018

Nāgārjunas Mittlerer Weg: Erneuerung und Weiterentwicklung von Buddhas Lehre

(Aus meinem neuen Buch "Sternstunden des Buddhismus")
Nāgārjuna wollte aus meiner Sicht im MMK keine völlig neue buddhistische Lehre entwickeln, wie es einige Interpreten[i] darstellen, sondern vielmehr den zentralen Kern der authentischen Lehre Buddhas herausarbeiten und seinem Zeitgeist entsprechend gestalten.[ii]

     
Die authentische Lehre war in Indien im Verlauf von etwa 600 Jahren nach Buddha durch verschiedene, zum Teil hoch komplexe Philosophien verfremdet und durch dogmatische Sekten und Ideologien verzerrt worden. Zudem hatte die vorbuddhistische Glaubensreligion des Brahmanismus neue Kraft und Verbreitung in der Bevölkerung erlangt und drängte den Buddhismus als Volksglauben zurück. Diese Tendenz verstärkte sich in den folgenden Jahrhunderten immer weiter. Dabei wurden Teilbereiche der buddhistischen Weisheitslehre vom sich entwickelnden Hinduismus durchaus übernommen.
                                                       Nishijima Roshi  


Viele Kapitel des MMK dienen dem Ziel der Destruktion irreführender philosophischer Meinungen, Ideologien und falscher Lehrtraditionen wie dem Substantialismus und Momentanismus. Es ist spannend zu beobachten, dass alte Weltanschauungen und Vorstellungen aus der vorbuddhistischen Zeit unter dem Deckmantel buddhistischer Schlüsselbegriffe oft unbemerkt wieder auftauchten.[iii] Diese doktrinäre Verwendung von Begriffen hatte Buddha aber gerade als unheilsam abgelehnt. Ähnliche Fehlentwicklungen sind leider mehr oder weniger bei vielen Religionen und großen Weisheitslehren zu beobachten: Nach einer fruchtbaren Zeit werden zunehmend alte, bequemere oder romantisierende Ideen von Populisten unter Begriffe subsumiert, die ursprünglich von dem großen Weisheitslehrer neu eingeführt und mit Leben erfüllt worden waren, um das alte beengende Denken und den festgefahrenen Geist zu überwinden.

In den letzten, umfangreichen Kapiteln des MMK – Buddha Tathāgata, Die Vier Edlen Wahrheiten, Nirvāna und die Befreiung und Emanzipation des Menschen in Zwölf Phasen – bezieht sich Nāgārjuna noch einmal ausführlich auf die authentische Lehre Buddhas, die er schon in der Präambel kurz behandelt hat. Im Kapitel über das Nirvāna und die Befreiung befasst er sich mit einigen Sichtweisen und Konzepten von der falsch verstandenen Wiedergeburt und Ontologie der Welt, die auch Buddha abgelehnt hat.

An dieser Stelle möchte ich einige Überlegungen zum Verhältnis zwischen westlichen philosophischen Ansätzen und der Lehre Gautama Buddhas vorstellen. Seit der Antike bis zu den neueren Philosophen stehen die ontologischen Fragen „Was ist?“ oder „Was existiert?“ im Mittelpunkt philosophischer Arbeit und Analyse.[iv] Die umgekehrte Aussage und Negation lautet folglich: „Was ist nicht?“ oder „Was existiert nicht?“. Diese Gegensatzpaare kann man als das exklusive Entweder-Oder der Dichotomie oder als Satz vom ausgeschlossenen Dritten verstehen, was nach dieser Philosophie die wesentliche Grundlage der Reflexion über die Welt sei und sein müsse.

So ist Platon von unveränderlichen ewigen Ur-Ideen ausgegangen, die schon immer in der Welt seien, an denen der Mensch mehr oder weniger teilnehmen könne und dadurch einen höheren oder niederen Zustand des Lebens erreiche.[v] Aber wie diese Entwicklungsprozesse ablaufen könnten, wird kaum behandelt. Platons metaphysische und spekulative Ideen werden als selbstständige, unabhängige und unveränderliche Entitäten in der Welt angesehen und bilden das philosophische Muster des Seins der Welt und des Lebens. Sie sind jenseits der empirischen und phänomenologischen Forschung und Erkenntnis und werden daher „metaphysisch“ genannt. Kurz gesagt bedeutet das, dass die Ontologie dieser Philosophie davon ausgeht, dass es metaphysische unveränderliche Entitäten oder Eigen-Substanzen gibt, die hinter oder besser gesagt über den konkreten dinglichen Realitäten existieren. Die dinghafte Realität wird hierbei als das Seiende bezeichnet. Dementsprechend könne man die Erscheinungen des Seienden wahrnehmen und untersuchen, während sich das Sein als solches der konkreten Analyse entziehe und hinter den Gegebenheiten angenommen wird.

Schon Heraklit[vi] hatte im Gegensatz dazu erklärt, dass es nicht nur das einzig Richtige oder Falsche gebe, sondern auch dazwischenliegende Varianten wie teilweise richtig und teilweise falsch. Dies gelte vor allem für Prozesse, Bewegungen und Veränderungen. Eine statische Ontologie ist auch aus meiner Sicht für die Beschreibung und Analyse dynamischer Prozesse, wie zum Beispiel der Entwicklung und Emanzipation des Menschen im Buddhismus, weniger geeignet.

Wie der moderne französische Philosoph Jacques Derrida erklärt, ist unsere Sprache auf das Grundmodell von Dingen, Entitäten und Substanzen der Welt zugeschnitten.[vii] Danach gibt es ein Subjekt und davon getrennte Objekte. Das Subjekt wird als aktive Form betrachtet, das Objekt als passive, das heißt, das Subjekt handelt aktiv, und ein Objekt (das auch ein Mensch sein kann) erduldet passiv und lässt auf sich einwirken. Unsere Begriffe suggerieren, dass es sich in der Welt um reale oder ideale Dinge und Entitäten (Signifikate) handelt, die von einem Begriff (Signifikant) bezeichnet werden. In diesem Ansatz besteht eine Entität für sich als unveränderliche Einheit oder Ur-Einheit in der Welt. Unsere Worte neigen also dazu, Sachverhalte, Zusammenhänge und sogar Prozesse zu verdinglichen, zu vereinfachen und nahezulegen, dass dahinter die wahren Entitäten zum Beispiel als Ideen stehen würden.

Ein derartiges Weltbild tendiert zur Statik und sogar zur Erstarrung, sodass Erweiterungen und Veränderungen, die von sich aus Prozesscharakter haben, als untergeordnet und nebensächlich erscheinen. Typisch hierfür ist zum Beispiel die Philosophie des Griechen Zenon[viii], der durch spitzfindige und scheinbar hoch intelligente Argumentationen beweisen wollte, dass es überhaupt keine Änderungen und Bewegungen geben könne. Am bekanntesten ist sein scheinbarer Beweis, dass der schnellste Läufer in der Mythologie der Antike, Achill, niemals eine Schildkröte im Lauf überholen könne, wenn er ihr einen Vorsprung gewährt. An diesem scheinbaren Paradox haben sich über 2000 Jahre intelligente Denker versucht. Eine einfache Lösung hat sich schließlich durch die mathematische Differential- und Integralrechung ergeben, die allerdings erst im 17. Jahrhundert entwickelt und endgültig im 19. Jahrhundert bewiesen wurde.[ix] Die Differentialrechnung baut auf Veränderungen auf und beschreibt Prozesse, sie führt zu eindeutigen mathematischen Lösungen.

Im Gegensatz zu solchen philosophischen Ansätzen, die das Unveränderliche betonen, stehen bei Gautama Buddha Veränderungen, Erweiterungen, die Befreiung und Emanzipation des Menschen im Vordergrund, damit er aus seinen Leiden, seinem Elend und seinen Schmerzen herauskommen und sogar die höchste menschliche Lebensform des Erwachens bzw. der Erleuchtung erreichen kann. Ihn interessierte also weniger die ontologische Frage „Was ist?“ oder „Was existiert?“, sondern welche Veränderungen es bei gegebenen Zusammenhängen und Wechselwirkungen im wirklichen Leben gibt. Seine Fragestellung zielt weniger auf das Seiende oder das Sein ab, sondern auf das Werden, Entstehen und Verändern. Meines Wissens ist dieser fundamentale Paradigmenwechsel in der Menschheitsgeschichte zuerst von Gautama Buddha vollzogen worden, um den Menschen nicht nur Wissen über das, was ist und was existiert, zu vermitteln, sondern wie sich der Mensch befreien und emanzipieren kann, um zu seiner jeweiligen höchsten Lebenswirklichkeit zu kommen.

Da nun aber alle indoeuropäischen Sprachen wie auch das Sanskrit ähnlich aufgebaut und nach Subjekt, Objekt, Aktiv, Passiv usw. gegliedert sind und überwiegend latent auf unveränderliche Entitäten des Wesens und der Existenz rekurrieren, traten auch in der indischen buddhistischen Philosophie die Tendenzen zu statischem, entitätsbezogenem Ewigkeitsdenken auf. Dadurch wurde die von Buddha entwickelte Befreiungslehre des Werdens und Entstehens unterminiert.

Offenbar empfinden fast alle Menschen eine tiefe Sehnsucht nach dem unveränderlichen Wesen und den Ur-Ideen und Ur-Bausteinen unserer Welt, die in ewiger Wahrheit als sichere Fixpunkte des eigenen Lebens und der eigenen Existenz wirksam sind – die Sehnsucht nach dem, was die Welt im Innersten zusammenhält. Schon bei oberflächlicher Betrachtung wird jedoch deutlich, dass bei dieser Sichtweise Glaubenskämpfe und Verhärtungen in Ideologien und Doktrinen unvermeidlich sind. Weil die unendlich komplexe Wirklichkeit unserem Verstand nicht zugänglich ist, werden derartige Scheinrealitäten in eine andere angenommene heile Welt verlagert, die als ewig, wahr und wesentlich angenommen wird.

Für das so tief empfundene Wesentliche werden dann die verschiedensten Begriffe verwendet, wie Rasse und Blut bei den Nationalsozialisten, der Markt bei Wirtschaftsgläubigen, religiöse Dogmen und Doktrinen in den Glaubensreligionen, sodass dann sogar daran geglaubt wird, Mord sei der Weg zur Verwirklichung der ewigen Wahrheit und der Reinigung von Unwahrem. Dadurch wird die Gesellschaft gespalten, gegeneinander aufgehetzt und mit Hass infiziert; bei den entsprechenden Akteuren ergibt sich geradezu zwanghaft der ethische und moralische Niedergang. Es kommt zu Vorgängen, die man umgangssprachlich als Gehirnwäsche bezeichnet, so zum Beispiel bei den Mitgliedern des „Islamischen Staates“ und der neonazistischen Bewegung.

Die philosophischen Grundlagen der Ontologie sowie der tiefe Glaube an Ur-Wesen und Ur-Ideen, aus denen sich die konkreten Dinge und Phänomene angeblich entwickelt haben, werden im MMK eingehend behandelt und sorgfältig destruiert. Danach gibt es eine meist unsichtbare innere Substanz und äußerlich wahrnehmbare Merkmale. Nāgārjuna verwendet dafür unter anderem den Begriff svabhāva, der schwer ins Deutsche zu übersetzen ist, weil diese Semantik im Westen bisher nur ansatzweise herausgearbeitet wurde. Er weist nach, dass diese angebliche Substanz illusionär und eine Täuschung ist. Sie ist also ein Produkt des denkenden Geistes, der sich selbst täuscht, und ist eine der Hauptursachen des Leidens. Ich möchte dafür den Begriff Eigen-Substanz, Aus-sich-selbst-Seiendes oder Selbst-Substanz verwenden, wobei Substanz weitgehend illusionär, spekulativ-metaphysisch im Sinne von Ur-Idee und Ur-Wesen zu verstehen ist. Man könnte auch den Begriff Selbst-Identität verwenden, weil die Ur-Idee und das Ur-Wesen selbst-identisch und selbst-genügsam sein sollen, sich ohne Wechselwirkung mit anderen erhalten und in den Dingen und Phänomenen der Welt manifestieren.

Eine umfassende Lebensphilosophie muss jedoch sowohl das Seiende, das weitgehend als Zustand oder Dinghaftes gedacht wird, und das Werden als auch den wirklichen Augenblick des Lebens umfassen. Nāgārjuna untersucht im MMK die einzelnen wechselwirkenden Faktoren und bringt sie mit den im Buddhismus so wichtigen Früchten, also der buddhistischen Transformation der Persönlichkeit, in Verbindung. So beschreibt er prozesshafte Abläufe am einfachen Beispiel des Gehens und destruiert dabei Weltanschauungen, die für lebendige Prozesse völlig ungeeignet sind. Diese praktische Philosophie möchte ich als Differential-Ontologie bezeichnen. Denn es geht um aktive Veränderungen zur Befreiung und Emanzipation und nicht um Sachen, Zustände und Substanzen. Eine solche Differential-Ontologie wurde m. E. in Europa zu wenig beachtet und entwickelt, da leider die "klassische" Substanz-Ontologie im Vordergrund stand und steht.

Zudem bezieht er sich direkt auf ein berühmtes Lehrgespräch Gautama Buddhas, in dem die Extremaussagen des sogenannten „gesunden Menschenverstandes“, zum Beispiel zu Existenz und Nicht-Existenz sowie zu absolut wahr und falsch, behandelt und abgelehnt werden. Solche Extremaussagen, die das exklusive „Entweder-Oder“ verwenden, sind also gleichbedeutend mit einem dinghaften, ontologischen Weltbild, das grundsätzlich wenig geeignet ist für Veränderungen, Entstehen und Vergehen und dadurch zu großen Problemen und Leiden führt.

Nāgārjuna begeht jedoch nicht den Fehler, dass er unklare buddhistische Lehrmeinungen in Bausch und Bogen ablehnt und damit ausdrückt, dass diese überhaupt nicht existieren. Auf diese Weise hätte er die absolutistische Methode der Extreme selbst angewendet, die er gerade überwinden möchte. Stattdessen geht er realistisch und pragmatisch vor, untersucht die fruchtbaren Beziehungen zwischen positiven und negativen Annahmen, analysiert deren Wechselwirkungen in der Wirklichkeit und stellt sie angemessen dar.

Nach meinem Verständnis entspricht dies der Bedeutung der différance, die der Philosoph Jacques Derrida[x] beschrieben hat. Sie steht für eine Auffassung von Sprache, bei der Zusammenhänge und Wechselwirkungen scheinbar gegensätzlicher Aussagen und Begriffe im Mittelpunkt stehen. Laut Derrida gibt es also kein absolut und dogmatisch Richtiges oder Falsches in der Form eines exklusiven Entweder-Oder, sondern es kommt gerade auf die Übergänge, Erweiterungen und Verschiebungen von Vorstellungen und Begriffen an. Dadurch werden radikale Gegensätze vermieden, die es in der Realität gar nicht gibt, denn der menschliche Geist assoziiert mit einer positiven Aussage fast automatisch deren gespiegelte negative Aussage. Dementsprechend sind die scheinbar radikalen Negationen bei Nāgārjuna auch in Bezug zu ihren positiven Begriffen zu verstehen und nicht als ein-eindeutige ewige negative Wahrheit. Das wurde meines Erachtens bisher zu wenig beachtet, und das europäische Denken in Gegensätzen und Extremen wurde meist unbewusst bei der Interpretation angewendet.

So dürfen zum Beispiel die sogenannten acht Negationen wichtiger buddhistischer Begriffe in der Präambel des MMK nicht als extreme Aussagen im Sinne von „sie existieren nicht“ verstanden werden. Vereinfacht kann man sagen, dass Nāgārjuna diese acht Begriffe einer De-Konstruktion unterzieht, also deren falsches Verständnis destruiert, was er durch die Negativform der Begriffe deutlich macht. Aber gleichzeitig arbeitet er ihre positive wirkliche Bedeutung heraus. Dadurch gewinnt er eine erhebliche neue Freiheit bei der Interpretation der Begriffe und kann sie auf die von ihm verstandenen Bedeutungen im authentischen Buddhismus zurück- und darüber hinausführen. Extreme wie erstarrte Doktrinen und rechthaberische Machtideologien sind absolutistischer Natur und werden von Buddha und Nāgārjuna enttarnt. Dies eröffnet für die Menschen neue Horizonte der Erweiterung und Emanzipation.




[i] Weber-Brosamer, Bernhard; Back, Dieter M.: Die Philosophie der Leere, S. 2
[ii] Nagarjuna: Fundamental Wisdom of the Middle Way. Nagarjuna’s Mulamadhyamakakarika. Translation by Gudo Wafu Nishijima
Kalupahana, David J.: Nāgārjuna: The Philosophy of the Middle Way, Mūlamadhyamakakārika
[iii] Kalupahana, David J.: A History of Buddhist Philosophy
[iv] von Parmenides über Platon, Aristoteles und weiter
[v] Platon: Hauptwerke
[vi] Capelle, Wilhelm: Die Vorsokratiker (Heraklit), S. 126ff.
[vii] Derrida, Jacques: Die Schrift und die Differenz
[viii] Capelle, Wilhelm: Die Vorsokratiker (Zenon), S. 171ff.
[ix] Leibniz und Newton
[x] Derrida, Jacques: Randgänge der Philosophie