Samstag, 1. Oktober 2022

Die Buddha-Augen im Zen

In diesem Kapitel des Shōbōgenzō („Ganzei“) beschreibt Meister Dōgen mit eindrucksvoller Klarheit das buddhistische Verständnis der Augen und des Sehens.[i] Der Begriff ganzei kommt im Shōbōgenzō häufiger vor und meint unsere körperlichen Augen, mit denen wir sehen.

Wir wissen heute, dass sehr viele Funktionen des Systems Auge-Gehirn „automatisch“ und intuitiv ablaufen und uns nicht bewusst sind. Das Gehirn leistet besonders viel, wenn wir uns bewegen, sich also die gesehenen Objekte in Perspektive und Größe verändern. Dann wird weitgehend automatisch im neuronalen Netz eine „Rückrechnung“ auf einen „statischen Zustand“ der Dinge und Umgebung durchgeführt, während wir uns selbst und die äußeren Gegenstände sich fortlaufend verändern. Das Gehirn berechnet sozusagen aus den Daten der veränderlichen Wahrnehmung ein stehendes Bild, das wir scheinbar sehen. Es entsteht aber in Wirklichkeit nur in unserer Vorstellung und gibt nur scheinbar die konkrete Situation korrekt wieder. Wenn wir uns dessen jedoch bewusst werden, sehen wir mehr: wirkliche Prozesse, das Leben dieser Welt.

Viele Vorgänge bei der Wahrnehmung haben wir also im Laufe des Lebens erlernt, vor allem in der Kindheit. Dabei sind auch psychische Prozesse ausgesprochen aktiv, oft sogar dominant, zum Beispiel wird aus der komplexen Vielfalt nach Wichtigem und Unwichtigem ausgewählt. Weiterhin wird emotional nach angenehm, neutral oder unangenehm bewertet. Vor allem haben wir einen ausgeprägten Sinn für Schönes und Harmonisches. Nicht zuletzt wird die Wahrnehmung durch Vorurteile und Doktrinen verzerrt und je nach Interessen „verbogen“. Selbstverständlich spielt auch die Gier nach Vorteil, Genuss, Macht, Sex und Profit beim gewöhnlichen, noch nicht befreiten Sehen eine große Rolle. Der Wirklichkeit wird also etwas scheinbar Wesentliches hinzugefügt oder weggenommen. Es ist nicht die Wirklichkeit selbst, die wir als Wahrnehmungen im Bewusstsein „sehen“.

Dōgen erläutert in diesem Kapitel, wie wir wirklichkeitsnäher und unverzerrt sehen können, wenn wir mit erwachten Augen sehen, was über die nur physischen und physikalischen Dimensionen hinausgeht. Gerade die Wahrnehmung mit den Augen legt häufig das dualistische Sehen und Verstehen der Welt nahe, so als ob die Dinge außerhalb von uns selbst und getrennt von uns objektiv vorhanden wären. Aber das ist eine oft fatale Verengung der Wirklichkeit. Der Buddhismus lehrt, dass eine solche dualistische Sichtweise zwar für einige Lebensbereiche und Situationen durchaus brauchbar sein kann, tiefer gehende psychische und spirituelle Bereiche damit jedoch nicht erreicht werden können.

Die dualistische Wahrnehmung sowie die unbewusst mitlaufenden Bewertungen und Ideen können die volle Komplexität der Wirklichkeit nur annäherungsweise erfassen und stellen nur Ausschnitte und Teilwahrheiten dar. Wie Gautama Buddha lehrt, ist dies eine wesentliche Ursache für das Leiden in unserem Leben. Durch seine Lehre und Praxis können wir erwachen, also die erste und zweite Erleuchtung nach Nishijima Roshi erlangen und weiter zur Wirklichkeit vordringen. Auch bei den Mystikern im Westen ergibt gerade die Aufhebung der Trennung von Subjekt und Objekt die umfassende Einheitserfahrung mit dem Göttlichen, das heißt dem Nicht-Sagbaren.

Wenn wir auf dem Weg des Buddha-Dharma vorangehen oder sogar erwachen, bedeutet dies nach Dōgen, dass wir die „alten“, begrenzten und verzerrenden Augen verlieren und sich die „neuen“, erwachten öffnen. Dazu müssen wir uns von verzerrenden Affekten und Emotionen, unbewusst gesteuerten Sichtweisen und Vorurteilen sowie lieb gewordenen „Denknestern“ trennen, um zu einer neuen Freiheit des Sehens, Handelns und Denkens zu kommen. Es leuchtet unmittelbar ein, dass ein solches Erwachen nicht mithilfe des unterscheidenden dualistischen Denkens allein möglich ist, da gerade die verzerrende Trennung von Subjekt und Objekt in diesem Denken verankert ist. Durch absolutistische Verzerrungen kommen weitere Probleme hinzu. Oder anders ausgedrückt, können wir auf diese Weise unseren eigenen blinden Fleck nicht selbst sehen.

Dōgen regt an, dass wir einerseits die konkreten Dinge unserer Umwelt sehr genau betrachten sollen, genauso wie sie sind, aber dass unser Sehen über die äußere Form hinausgehen muss, denn nur dann können wir die buddhistische, umfassende Wirklichkeit erkennen. In diesem Zusammenhang zitiert er seinen Meister Tendō Nyojō (Tiantong Rujing):

„Der Herbstwind ist rein und frisch, und der Herbstmond ist klar und hell.

Die Erde, die Berge und Flüsse leuchten klar im Auge.

Tendō sieht sie, und sie begegnen sich neu und frisch.

Sie laufen mit Stöcken rufend umher und prüfen mich, den Flickenmönch.“

 

Dōgen erklärt das Gedicht folgendermaßen: „Den Flickenmönch zu prüfen, bedeutet festzustellen, ob Tendō Nyojō ein wahrer Buddha ist. Das Wesentliche ist hier, dass (die Erde, die Berge und die Flüsse) mit Stöcken und Katsu-Schreien umherrennen, und dies nennt man, sie in jedem Augenblick neu und frisch zu sehen. Das ist das kraftvolle Wirken des Buddha-Auges.“

In der ersten Zeile des Gedichts geht es um die Wahrnehmung des Windes und Mondes im Herbst. Diese Jahreszeit ist in China und Japan besonders beliebt, weil die Hitze und Schwüle des Sommers dann vorbei sind, die Nächte wieder kühl und klar werden und die Chrysanthemen blühen. Das Laub färbt sich in vielfältigen wunderbaren Farbtönen. Das Gedicht von Tendō Nyojō reicht also über eine äußerliche, durch die Form und Materie festgelegte Beschreibung hinaus und vermittelt uns eine große poetische und spirituelle Kraft.

Dōgen spricht von der Begegnung der klaren Erde, Berge und Flüsse mit dem Mönch. Dabei wird deutlich, dass eine Trennung in ein Subjekt, das sieht, und die Natur als Objekt, das gesehen wird, unsinnig ist oder zumindest eine eindimensionale verengte Sichtweise darstellt. In der letzten Zeile wird auf das Erwachen des Meisters verwiesen, der von der Natur geprüft und getestet wird. Das heißt, dass die Natur in besonderer Weise unseren psychischen und geistigen Zustand an uns selbst zurückmelden kann und damit die Wahrheit des Buddha-Dharma lehrt. Wer nach Dōgens Überzeugung in lebendiger Wechselwirkung mit der Natur das große Erwachen erfährt, zum Beispiel durch blühende Pfirsichbäume im Frühling oder den Wind und Mond im Herbst, ist besonders sicher im Gleichgewicht verankert und „fällt nicht in Ideologien und Statik zurück“.

Die Klarheit und Frische des Herbstwindes erfahren und erleben wir genau im Augenblick mit allen Sinnen, wenn wir offen für die Natur und nicht durch eigene Gedanken und Emotionen besetzt oder auch nur abgelenkt sind. Wir alle kennen das tiefe Gefühl der Einheit mit der Natur und die heilende Kraft, die von solchen Augenblicken ausgeht. Dann kann man in der Tat nicht mehr zwischen Außen und Innen unterscheiden, sondern erfährt den einzigartigen Augenblick der Einheit und des Göttlichen. Dōgen führt weiter aus: „Ein solcher Flickenmönch liebt weder das große Erwachen noch das Nicht-Erwachen, sondern er ist selbst das Buddha-Auge.“

Demnach sind also Begriffe wie „Erwachen“ oder „Nicht-Erwachen“ überflüssig und stören die unmittelbare Verbindung. Man benötigt sie überhaupt nicht mehr, denn es geht um das direkte Erfahren und Erleben der Wirklichkeit. Dafür lassen sich zwar Bezeichnungen erfinden, erlernen und verwenden – und diese sind durchaus nützlich für die Kommunikation und die Lehre des Buddha-Dharma –, aber sie sind nicht die Wirklichkeit selbst. Sie sind wie der Finger, der auf den Mond zeigt, aber dieses Zeigen ist nicht die Wirklichkeit des Mondes.

Dōgen erläutert dann, dass quantitative und materielle Begriffe wie groß und klein für die Buddha-Augen nicht angemessen sind. So sei es zum Beispiel nicht sinnvoll, zu sagen, dass der Körper groß und die Augen klein sind. Die physische, materielle Dimension des Auges ist für die hier untersuchten Buddha-Augen wenig geeignet. Dōgen zitiert ein Kōan-Gespräch zwischen dem noch jungen Meister Tōzan (Dongshan Liangjie) und dem älteren Meister Ungan (Yunyan Tansheng), das zunächst schwer verständlich erscheint:

Tōzan sagte: „Ich bitte euch um das Auge, Meister.“

Ungan fragte: „Wem hast du deines gegeben?“

Tōzan antwortete: „Ich habe keines.“

Darauf erwiderte Ungan: „Du hast (bereits) das (Buddha-)Auge. Wohin blickst du?“

Der junge Tōzan beantwortete diese Frage nicht. Stattdessen sagte Ungan: „Das Auge zu erbitten, ist selbst schon das Auge, oder trifft dies nicht zu?“

Tōzan entgegnete: „Es ist nicht das Auge.“

Ich möchte nun versuchen, dieses schwierige Kōan zum Sehen und zur Wahrnehmung zu entschlüsseln. Zu Beginn bittet Tōzan „um das Auge“. Das bedeutet, dass er die Lehre für das Erwachen oder zum Buddha-Dharma erbittet. Sein Lehrer, Meister Ungan, fragt ihn daraufhin, wem er sein Auge gegeben habe, wenn er nun ein neues haben wolle. Dies hört sich so an, als ob das erwachte Auge ein Objekt sein kann, das man jemand anderem gibt, aber das trifft nicht zu, denn beim Buddha-Auge gibt es keine Unterscheidung zwischen Subjekt und Objekt. Deshalb erwidert Tōzan auch: „Ich habe keines.“ Diese Aussage kann ähnlich verstanden werden wie die Frage, ob man die Buddha-Natur hat oder nicht. Eine solche Frage kann aber nicht einfach mit Ja oder Nein beantwortet werden, denn die Aussage würde auf der materiellen Ebene der Objekte bleiben und könnte die Lebensphilosophie und -Wirklichkeit des Erwachens nicht beschreiben. Dōgen erläutert hierzu:

„Wenn Tōzan sagt, er habe kein (Auge), so ist das Wesentliche dabei, dass das Nicht-Haben in seinen Worten besagt, dass er das (wahre) Auge (tatsächlich) hat und damit in irgendeine Richtung blickt.“

Er bittet uns dann, uns intensiv mit diesem Dialog zu beschäftigen und nicht voreilig zu denken, wir hätten alles verstanden. Zum Beispiel fragt er uns, was es bedeutet, wenn man mit erwachten Augen in eine bestimmte Richtung blickt. Auch diese Frage kann nicht konkretistisch durch Denken oder materiell durch Wahrnehmung beantwortet werden. Dōgen erklärt, damit sei gemeint, dass man das Buddha-Auge verwirklichen könne. Im obigen Kōan-Gespräch bleibt Tōzan an einer Stelle die Antwort schuldig. Dies geschieht aber sicher nicht aus Unhöflichkeit, sondern er möchte wohl damit andeuten, dass er das Wesentliche mit Worten nicht ausdrücken kann. Dōgen bemerkt hierzu:

„Das heißt nicht, dass er verwirrt gewesen wäre, sondern sein Schweigen zeigt die Qualität seines karmischen Geistes, der unabhängig und selbstständig war.“ Und er ergänzt: „Hier blitzt das Buddha-Auge plötzlich auf, dieses kraftvolle, lebendige Auge, das (die gewöhnliche Art zu sehen) zerspringen lässt.“

Die letzte Bemerkung von Tōzan, „Es ist nicht das Auge“, bezeichnet Dōgen als das wahre Buddha-Auge, „das sich mit lauter Stimme selbst bekundet“. Wenn wir die gewöhnlichen Augen nicht mehr haben und im Buddha-Dharma vorangeschritten sind, dann begegnen wir nach Dōgen „dem kraftvollen Buddha-Auge, das sich selbst offenbart“. Am Ende seines Kommentars zu diesem Kōan-Gespräch erklärt er:

„Letztlich erfahrt und erforscht ihr das Höchste, wenn ihr direkt in das Buddha-Auge hineinspringt. Dies bedeutet, dass ihr den Bodhi-Geist erweckt, euch schult und die große Wahrheit erfahrt. Dieses Buddha-Auge war von Anfang an weder subjektiv noch objektiv. Da es nirgends auch nur das geringste Hindernis gibt, gibt es auch hierbei überhaupt kein Hindernis.“

Damit macht er deutlich, dass Vorurteile, Doktrinen wie der Substantialismus und festgefügte Meinungen genauso wie ungesteuerte emotionale Anziehung oder Ablehnung auf dem Weg des Buddha-Dharma und vor allem bei der buddhistischen Praxis aufgelöst und überwunden werden. Erst dann kann man mit seinen Augen die unverstellte Wirklichkeit sehen, die über äußere Formen, das Materielle und Ideologien hinausgeht. Denn die Buddha-Wahrheit ist nichts Ausgedachtes, ist keine Doktrin und keine Ideologie, sondern die Wirklichkeit. Dagegen sehen wir mit den gewöhnlichen Augen nur einen Teil dieser Wirklichkeit oder sogar zusätzliche Fantasiegebilde oder Vorspiegelungen. Dies ist dasselbe wie eine Fata Morgana in der Hitze der Wüste, die uns Wasser und eine Oase vorgaukelt, die es aber in der Realität nicht gibt. Wenn man einer Fata Morgana entgegengeht und ihr näher kommt, löst sie sich immer auf, weil uns die Augen vorher getäuscht haben. Diesen Vorgang kann man durchaus mit der heutigen medialen und digitalen Scheinwelt von Film, Fernsehen und den sogenannten sozialen Netzen vergleichen, die meist einen sehr geringen Wirklichkeitswert hat und noch nicht einmal dem Finger gleicht, der auf die Wahrheit des Mondes zeigt. Denn oft geht es in den Medien um die Gier der Akteure nach Ruhm und Profit, und dabei verlieren die Zuschauer wertvolle Zeit ihres kurzen Lebens. Ihr Bewusstsein wird von Scheinwirklichkeiten, flüchtigen Emotionen und Scheinbildern überschwemmt und frakturiert. Nicht zuletzt wird der Geist dumpf und die Kreativität verschwindet. Der Gehirnforscher Manfred Spitzer nennt das „digitale Demenz“[ii].

Dōgen berichtet auch von seinem eigenen Meister Tendō Nyojō, der seine Schüler durch „Bodhidharmas Auge“ zu wirklichen Menschen gemacht habe. Die Abbildungen des indischen Meisters Bodhidharma zeigen ihn meist mit sehr großen Augen, was einerseits wiedergibt, dass seine Augen größer als die der meisten Chinesen waren, aber darüber hinaus soll dies sicher bedeuten, dass er die Buddha-Augen besaß, weil er erwacht war. Dōgen sagt, dass „jeder Mensch (bei der Zazen-Meditation) mit den Buddha-Augen sitzt“. Der von ihm verwendete japanische Ausdruck enthält das Wort taza und bildet damit die Brücke zu der wahren Zazen-Praxis Shikantaza, was „einfach nur sitzen“ bedeutet. Das heißt im Rahmen dieses Kapitels, mit Buddha-Augen zu sitzen. Dōgen sagt hierzu: „Dies ist nichts anderes als das kraftvolle Handeln, das die Menschen in der Zazen-Halle schult.“ Dann folgt ein Gedicht von Tendō Nyojō:

„Gautama verliert seine (bisherigen) Augen.

Nur ein Zweig Pflaumenblüten im Schnee.

Jetzt sind alle Orte beschwerlich und voller Dornen.

Und doch lachen die tanzenden Blüten im Frühlingswind.“

 

Dieses Gedicht sagt aus, dass Gautama Buddha seine alten, gewöhnlichen Augen durch das Erwachen verloren hatte. Er sah deshalb die Welt und Wirklichkeit mit ganz neuen Augen, die über die herkömmliche sinnliche Wahrnehmung hinausführen. Aber die Wirklichkeit der Welt besteht nicht nur aus schönen Blüten, wie hier aus denen des Pflaumenbaums, sondern sie hält auch Dornen und Beschwerlichkeiten bereit. Diese werfen uns aber nicht um, wenn wir uns im Gleichgewicht befinden und die Buddha-Augen erlangt haben. Abschließend werden noch weitere Gedichte von Tendō Nyojō zitiert, darunter dieses:

„Die Sonne im Süden entfernt sich langsam.

Das Licht der Klarheit strahlt in den Augen.

Der Atem strömt durch die Nasenlöcher.“

 

Mit dem Atem und den Nasenlöchern ist das pulsierende wahre Leben gemeint. Zum Schluss betont Dōgen, dass sich die Kraft und Lebendigkeit des Buddha-Auges je im konkreten Augenblick verwirklichen. Die Augen „springen heraus“ in den Augenblick, wir geben alles, und „dies ist der erste Tag“. Er sagt damit nichts anderes, als dass wir jeden Augenblick frisch und neu wahrnehmen, erfahren und erleben können und dass dies die Kraft der Buddha-Augen darstellt.

Ich bin überzeugt, dass Nāgārjuna eine solche Befreiung des Sehens meint, wenn er eindringlich vor falschen Doktrinen warnt.


[i] Dōgen: Shōbōgenzō. Die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges (deutsche Übersetzung), Bd. 3, S. 266ff.

[ii] Spitzer, Manfred: Digitale Demenz. Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen

Montag, 19. September 2022

Die Welt ist dynamisches Handeln

 


Aus buddhistischer Sicht und Erfahrung kann man sagen, dass diese Welt, das Universum und das Leben die Verwirklichung allen Handelns und aller Aufgaben sind.[i] Das dynamische Ganze unseres Lebens ist nichts Statisches, sondern es beruht auf dem Handeln je im Augenblick, in dem wir unsere Aufgaben und Verpflichtungen wahrnehmen und auf natürliche Weise moralisch handeln. Das sind die Augenblicke der Wirklichkeit und der höchsten Wahrheit, die dem Menschen zugänglich ist. Und solche Augenblicke sind nicht absolut voneinander getrennt, sondern prozesshaft verbunden: ohne Prozesse und deren Augenblicke kein Leben und keine Dynamik. Vor allem sind diese Wechselwirkungen zugleich die Voraussetzungen für unsere Veränderungsprozesse und Emanzipation. Buddha hat diese tiefgreifende Transformation des gesamten Menschen erkannt und durch seine Lehre und Praxis für die Menschheit verfügbar gemacht.

Wenn wir leben, handeln wir meist automatisch, selbst wenn unser Geist etwas festhalten will, sich isoliert oder wenn aufgeladene Emotionen und Bewertungen uns wie in einem Gefängnis eingemauert haben. Dann sind dogmatische und eindimensionale Theorien nicht mehr weit, und die Menschen klammern sich an erstarrte, angeblich authentische Lehren und Begriffe. Genau davon werden wir durch den buddhistischen Weg befreit – durch das wirkliche Gehen, das Nāgārjuna in Kapitel 2 des MMK präzise analysiert und das mit dem Substantialismus eben nicht richtig erfasst werden kann. Dieser scheitert bei den wichtigen Entwicklungsprozessen des Lebens und den Augenblicken der großen Wirkkräfte.

Das Handeln im Fluss und im Augenblick sollte nicht von düsteren Gedanken des Todes oder von anderen Ängsten überschattet werden, denn es vollzieht sich im Hier und Jetzt der Gegenwart. Nur dies sei die Wirklichkeit und dann seien wir frei von einengenden Gedanken und Sorgen, erklärt Dōgen. Die große Wahrheit der Buddhas und Vorfahren im Dharma ist diese Befreiung vom Leiden und die Öffnung für ein von Dogmen, wie zum Beispiel dem Substantialismus, freies und erwachtes Leben. Es bedeutet Verwirklichung, wenn wir handelnd das Leben meistern. Dann befreit nach Dōgen das wahre Leben unser bisheriges eingeengtes Leben, und der wahre Tod befreit uns von den Ängsten des Todes. Auf diese Weise meistern wir in der Wahrheit Leben-und-Tod.

Gerade im Augenblick in der Gegenwart wird das Leben wahrhaftig gelebt. Dies überschreitet nach Dōgen Begriffe und Vorstellungen wie groß oder klein und auch von einer großen oder begrenzten Welt. Die üblichen Maße für die lineare Zeit haben keine Bedeutung mehr und lösen sich auf. Das Leben ist dann auch kein nur gedachter Vorgang des Erscheinens und Vergehens und auch nicht die Erwartung der zukünftigen Verwirklichung der Erleuchtung. Es ist dann wirkliches Entstehen und Vergehen. Die Welt offenbart sich als dynamisches Handeln, indem wir praktizieren, unsere Aufgaben wahrnehmen und unseren Verpflichtungen gerecht werden. Dies schließt auch die vielfältigen materiellen Dinge und Zusammenhänge um uns herum ein, die wir als Basis und Strukturen dringend für unser Tun und Handeln in der Wirklichkeit benötigen. Aber wir sollten auch unser Handeln nicht einfach leichtgläubig hinnehmen, sondern gründlich bedenken, mahnt uns Dōgen. Jedes einzelne Ding, jeder einzelne Dharma und jeder Augenblick sind Teile des wechselwirkenden Lebens. Dōgen sagt hierzu:

„Es gibt keinen einzigen Augenblick und keinen einzigen Dharma, die nicht das Leben sind, und es gibt keine einzige Tatsache und keine einzige Funktion des Geistes, die nicht das Leben sind.“

Er beschreibt dann das aufschlussreiche Gleichnis von einem auf dem Meer gleitenden Segelboot, das von den Menschen im Boot bedient wird und dadurch mithilfe des Windes im Wasser vorwärtskommt:

„Das Leben kann damit verglichen werden, dass zum Beispiel ein Mensch in ein Boot steigt: In diesem Boot setze ich den Mast, ich führe das Ruder und ich bediene das Segel. Ich werde von dem Boot getragen und es gibt (eigentlich) kein Ich, sondern nur (mein Handeln mit) dem Boot. Durch mein Handeln mit dem Boot wird dieses Boot erst zu einem (wirklichen) Boot.“

In diesem Gleichnis stehen keinesfalls die materiellen Gegenstände wie das Boot, das Ruder, das Segel oder der Mast im Mittelpunkt, denn damit wäre eine Trennung der Objekte von dem handelnden Subjekt behauptet. Sondern Dōgen stellt ganz im Sinne Nāgārjunas fest, dass erst durch das gesamte wechselwirkende Tun und Handeln des Menschen mit dem Boot dieses zu einem wirklichen Boot wird. Er formuliert es folgendermaßen:

„Der Himmel, das Wasser und die Küste kommen zusammen und werden der Augenblick des Bootes. Und sie unterscheiden sich von anderen Augenblicken abseits vom Boot.“

Das Leben ist genau das, was ich tue, und auch ich selbst bin das, was ich mache. Ganz ähnlich formuliert der Gehirnforscher Manfred Spitzer die Funktion und das Lernen unseres Gehirns.[ii] Das Ich besteht also laut Dōgen aus den Augenblicken des Handelns im sinnvollen Ganzen. Es existiert nicht als dauerhafte getrennte Entität, die quasi wie ein Ding gedacht wird und eine unveränderliche substanzhafte „Seele“ – vergleichbar mit dem ātman der vorbuddhistischen Zeit – besitzt.

Dōgen zitiert einen alten Meister, der sagte: „Das Leben ist die Offenbarung und Verwirklichung der Welt des Handelns und aller Funktionen; der Tod ist die Offenbarung und Verwirklichung aller Handlungen und Funktionen.“ Es geht dabei nicht um den Beginn oder das Ende der Welt oder des eigenen Lebens, sondern es geht um die Gegenwart, in der sich das Handeln als Bewegung in der Welt und als Selbst offenbart und verwirklicht. Die Welt baut sich sozusagen aus verbundenen Handlungselementen auf, die sich dynamisch verändern und je in der Wirklichkeit existieren.

Dōgen bittet uns, dies gründlich zu erfahren und zu erforschen und nicht einfach gläubig hinzunehmen. Wenn wir nur im Kopf denken, dass die Erde und der Raum eine Einheit bilden, so unterliegen wir einem Irrtum. Solche Gedanken und Worte entspringen nur dem Gehirn, sind absolut und stellen nicht die Wirklichkeit im Hier und Jetzt dar. Die Wirklichkeit und Dynamik des Universums bestehen jenseits von Vorstellungen, Hoffnungen und Ängsten des Lebens und des Todes. Diese wirkliche Welt als Leben und Tod existiert, „wenn zum Beispiel ein starker Mann seinen Arm beugt und anspannt und wenn ein Mensch im Schlaf die Hand nach hinten ausstreckt und nach seinem Kissen greift“, erläutert Dōgen.[iii]

In dieser Welt des dynamischen Handelns gibt es wunderbare Kräfte sowie große Klarheit und Schönheit. Die Welt und die Menschen entwickeln ihre ganze großartige Kraft im gegenwärtigen Augenblick.


[i] Dōgen: Shōbōgenzō. Die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges (deutsche Übersetzung), Bd. 2, S. 62ff.

[ii] Spitzer, Manfred: Geist im Netz. Modelle für Lernen, Denken und Handeln

[iii] Dōgen: Shōbōgenzō. Die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges (deutsche Übersetzung), Bd. 2, S. 22ff.

Dienstag, 30. August 2022

Das verwirklichte Leben und Universum im Zen

Was sagt nun Zen-Meister Dōgen über die Wirklichkeit und die fundamentalen Eckpunkte der buddhistischen Lehre und Praxis? Wie beschreibt er den wahren Befreiungsweg? In der Fachwelt wird das Kapitel Genjō-kōan, das dritte im Shōbōgenzō, mit seinen Kernaussagen zur Verwirklichung eines erfüllten und befreiten Lebens hoch geschätzt.[i] Ich folge dieser Ansicht und möchte es daher dem ersten Kapitel des MMK gegenüberstellen.

Die wörtliche Übersetzung des japanischen Titels Genjō-kōan lautet „das verwirklichte Gesetz der Welt oder des Universums“, was Buddha-Lehre oder Buddha-Dharma bedeutet. Durch die Verwirklichung kommt es zu einer Ganzheit von diesem Gesetz und dem wahren Leben in dieser Welt, sodass sich die ganze Wirklichkeit voll entfaltet.

Was sagt uns Dōgen, im Einklang mit Buddha  in der vollen Tiefe der Bedeutung von Genjō-kōan? Antwort: Dies ist das wahre Gesetz des Menschen,  des Lebens und der Natur! Und wie lautet dieses Gesetz? Die Natur und unser Leben werden geprägt durch das gemeinsame Entstehen in Wechselwirkung, pratitya samutpada, ohne Extreme! Wo wurde dieses Lebens-Gesetz von uns in neuer Zeit nachhaltig verletzt? Bei den Ökosysteme unsere Erde mit der Folge der Klima-Katstrophen, der Ausbeutung der Natur und der Isolation des Menschen. Wodurch kam das?  Durch das aus dem Ruder geratene Ego, durch Machtgier, Geldgier, Ruhmgier, Hass und den völlig übertriebenen Individualismus! Das musste in die soziale Isolation für viele Menschen führen. Wir hätten rechtzeitig auf Buddha hören sollen! 

Wie funktionieren Geist und Gehirn wirklich?  Mit Modularität und Plastizität, also veränderlich, lernfähig und im Gleichgewicht. Wie von Buddha und Dōgen gelehrt. Das westlicher Menschenbild war zu statisch und dogmatisch, wie Buddha wusste und die Gehirnforschung heute weiß. Wir sollten umlernen und unser Leben aus einer stabilen Mitte heraus umgestalten! Dann werden wir mit mehr innerer Sicherheit, größerem Glück und mit mehr Freude leben.

Auf dem Buddha-Weg ist es wichtig, dass wir uns sowohl der Vielfalt der Welt als auch der umfassenden Lehre des Dharma anvertrauen und nicht durch unnötigen Aktionismus versuchen, die Erleuchtung und Verwirklichung der Wahrheit mit Gewalt und zum eigenen egoistischen Vorteil zu erreichen. Dies geht auch aus Buddhas Ausführungen über die Hemmnisse des Erwachens hervor. Aber ohne stete Bemühung geht es natürlich nicht. Die Täuschungen, die im ersten Satz des folgenden Dōgen-Zitates angesprochen werden, sollten wir so klar wie möglich erkennen und sie nicht selbst weiter verstärken und fortsetzen. Dadurch würden wir uns immer weiter vom Dharma, also von dem wahren Gesetz der Welt, entfernen, denn es geht im Buddhismus um die Transformation der menschlichen Persönlichkeit.

Auch Nāgārjunas großes Anliegen ist es, solche Täuschungen und Ideologien auszuschalten. Selbst mit äußerst geschärften Sinnen, also dem ganzen Sein von Körper und Geist, ist es unmöglich, die Wirklichkeit und Wahrheit dieser Welt vollständig zu erkennen. Eine darauf sich stützende Erfahrung offenbart immer nur eine begrenzte Sicht, ist blind für andere Seiten und führt leider oft zu Ideologien und sogar Fanatismus.

Im Folgenden möchte ich den ersten zentralen Absatz von Dōgens Kapitel genauer untersuchen. Dabei wende ich die von Nishijima Roshi entwickelte Interpretation des Inhalts an, die meines Erachtens sehr stimmig ist. Denn sonst besteht die Gefahr, sich in Widersprüche zu verstricken. Widersprüchlichkeit lehnte Dōgen selbst entschieden ab. Er sagte, dass die Lehre des Buddhismus gerade im Zen niemals unlogisch, paradox und gegen die Vernunft sei – wer das behaupte, habe den Zen-Buddhismus überhaupt nicht verstanden.

„(1) Wenn alle Dharmas (also Dinge und Phänomene, nur) als Buddha-Lehre (Idealismus) verstanden werden, dann gibt es Täuschung und Verwirklichung, gibt es Praxis, gibt es Leben und Tod und gibt es Buddhas und gewöhnliche Wesen.

(2) Wenn die unzähligen Dharmas nicht vom Selbst (Materialismus, ohne denkendes Subjekt) sind, gibt es keine Täuschung und keine Verwirklichung, keine Buddhas, keine (gewöhnlichen) Wesen und kein Leben und keinen Tod (Materie gibt es jedoch immer).

(3) Die Wahrheit des Buddhas übersteigt aber ursprünglich Überfluss und Knappheit (Bewertungen), und daher gibt es (wirklich) Leben und Tod, gibt es Täuschung und Verwirklichung, und daher gibt es (gewöhnliche) Wesen und Buddhas.

(4) Und obgleich dies so ist, fallen nur die Blüten, während sie geliebt werden, und gedeiht das Unkraut, während es ungeliebt ist (und bekämpft wird).“

 

Zweifellos gehören diese Sätze zum Kern der zenbuddhistischen Lehre, werden aber nicht selten missverstanden oder als unverständlich beiseitegeschoben. Beim genauen Lesen können wir erkennen, dass in diesem Abschnitt verschiedene Sichtweisen oder besser gesagt Lebensphilosophien dargestellt werden.

Im ersten Satz wird ausgedrückt, dass zwischen Täuschung und Verwirklichung, zwischen Praxis und Handeln, zwischen Leben und Tod und zwischen Buddhas und gewöhnlichen Menschen unterschieden wird, wenn die Welt und das Leben auf der Grundlage einer vorgestellten idealistischen Methode des Denkens verstanden werden. Zu diesem Denken und diesen Ideen gehören auch die Theorie und Lehre des Buddha-Dharma. Dem liegt meistens die Vorstellung eines isolierten, denkenden Ich zugrunde. Ich möchte hier an den ersten und dritten Vers des MMK erinnern, in denen ein isoliertes unveränderliches Ich klar falsifiziert wird.

Im zweiten Satz wird dagegen eine ganz andere Grundlage und Methode des Denkens gewählt. Es handelt sich hier um den materialistischen Standpunkt, der durch die Formulierung „wenn die unzähligen Dharmas alle nicht vom Selbst sind“ gekennzeichnet ist. Das heißt, dass kein subjektives Denken besteht und scheinbar die objektive Welt erkannt wird. Dann gibt es überhaupt keinen Unterschied zwischen Täuschung und Verwirklichung, Buddhas und gewöhnlichen Menschen oder Leben und Tod. Mit anderen Worten: Die Bedeutungen dieser Begriffe und Gedanken können dann gar nicht erkannt und verstanden werden, denn aus materialistischer Sicht kann man zum Beispiel nicht von Täuschung oder Verwirklichung und von Buddhas oder gewöhnlichen Menschen sprechen. Die materielle Sicht erkennt nur das wahrgenommene Äußere an und kennt keine spirituellen oder geistigen Inhalte.

Die materielle Sichtweise entspricht weitgehend dem Verständnis der westlichen Naturwissenschaft und Technik. Allerdings ist bekannt, dass Albert Einstein, der wohl größte Physiker des vergangenen Jahrhunderts, ein religiöser Mensch war und die Grenzen eines materiellen Verständnisses der Welt klar erkannt, formuliert und überwunden hat. Für die ebenfalls überragenden Physiker, Max Planck und Werner Heisenberg, gilt Ähnliches. Wir können daher feststellen, dass ein rein materialistisches Weltbild auch in der modernen Naturwissenschaft seit mehr als einem Jahrhundert überholt ist. Naturwissenschaft kann immer nur eine Teilwirklichkeit erforschen. Auch der Sozialwissenschaftler Niklas Luhmann erklärte, dass die Welt von unendlicher Komplexität sei und mahnt uns damit zur geistigen Bescheidenheit. Ein rein materielles Weltbild muss daher in der Tat als naiv und oberflächlich bezeichnet werden. Ein glückliches Leben ist im Materialismus nicht zu erreichen.

Der erste und zweite Satz im obigen Zitat geben demnach die Weltanschauungen und Sichtweisen des subjektbezogenen Idealismus und des objektbezogenen Materialismus wieder. Beide fallen in die Gruppe intellektueller, verstandesmäßiger Philosophien der Teilwahrheiten und werden auch von Nāgārjuna eindeutig abgelehnt. Sie sind etwas grundsätzlich anderes als die praktischen, unmittelbaren und daher wahren Dimensionen der Wirklichkeit, die Gegenstand des dritten und vierten Satzes sind.

Im dritten Satz wird die umfassende Buddha-Wahrheit beschrieben und die Lebenspraxis dargestellt, die über Theorie, intellektuelles Denken und Bewertungen hinausgeht. Sie ist die wahre Wirklichkeit, die uns Befreiung geben kann.

Im vierten Satz sagt Dōgen, dass wir nicht in einer idealen Welt wie in einem Paradies oder im Nirvāna leben, sondern dass wir es mit fallenden Blüten und wucherndem Unkraut zu tun haben, aber dass wir uns davon nicht entmutigen lassen sollen, da wir im Besitz der Buddha-Wahrheit und der Übungspraxis sind. An den Blüten können wir uns erfreuen, solange sie blühen: im Hier und Jetzt. Und Unkraut müssen wir bekämpfen, um nicht Hunger zu leiden.

Mit diesen Formulierungen werden keine starren Ding-Einheiten oder Entitäten, sondern Abläufe, Vorgänge und Prozesse beschrieben, so wie sie in der Wirklichkeit geschehen. Dōgen betont an anderer Stelle, dass insbesondere unsere Vorstellungen und vor allem unsere Bewertungen oft statisch und dauerhaft sind und dass wir diese häufig mit der Wirklichkeit verwechseln. Wenn wir das erkennen und im Leben verwirklichen, erwachen wir im Sinne von Gautama Buddha.

Dann geht Dōgen auf das für ihn so wichtige Handeln des Menschen ein und erklärt, dass wir uns bei Zielen, die dem Eigennutz dienen, selbst in Täuschungen und Illusionen verfangen. Wenn dagegen die zehntausend Dharmas dieser Welt uns aktiv und in Wechselwirkung zum Tun und Handeln bringen, wir also ohne Gier nach Ruhm oder Profit und ohne Neid so handeln, wie es die Situation erfordert, ist dies Erwachen. Dies sind auch Kernaussagen zur richtigen Zazen-Praxis, die nicht mit der Gier nach Erleuchtung, also fragwürdigen Konzepten und Ideologien, belastet und verzerrt werden darf. Anschließend erläutert Dōgen den Weg der Wahrheit wie folgt:

„Buddhas Wahrheit zu erlernen bedeutet, uns selbst zu erlernen. Uns selbst zu erlernen bedeutet, uns zu vergessen. Uns zu vergessen bedeutet, von den vielen, vielen Dharmas der Wahrheit erfahren zu werden. Von den vielen, vielen Dharmas erfahren zu werden bedeutet, unseren eigenen Körper und (denkenden) Geist und den Körper und Geist der äußeren Welt fallen zu lassen.“

Wir müssen uns also auf dem Buddha-Weg von vorgefassten, eingefahrenen und erstarrten Gedanken, Vorstellungen und Gefühlen befreien, um offen für eine neue Entwicklung und Wahrheit zu sein. Dabei ist es notwendig, sich für die Vielfalt der Welt zu öffnen und sie zu erfahren. Weiterhin ist es wesentlich, sich von der Fixierung auf den subjektiven Körper und den subjektiv denkenden Geist, also dem vorgestellten Ich, zu befreien und, wie Dōgen sagt, „Körper und (denkenden) Geist fallen zu lassen“. Wir können uns also nur dann wirklich selbst erkennen, wenn wir unser altes Ich vergessen: „Zen-Geist ist Anfänger-Geist“, nannte das Meister Shunryu Suzuki.

Wir müssen auch die sogenannte objektive Welt des Äußeren und des Körpers sowie den eigenen ruhelosen Geist „fallen lassen“. Im Sinne von Nishijima Roshi bedeutet dies nichts anderes, als sich von den Lebensphilosophien und Lebensdimensionen des einseitigen Idealismus oder Materialismus zu trennen und sich von den damit verbundenen beengten Vorstellungen und erstarrten Gedankenkonstrukten zu befreien. Solche Erstarrungen der buddhistischen Lehre möchte auch Nāgārjuna im MMK identifizieren und falsifizieren.

Die meisten Menschen haben eine mehr oder minder feste Vorstellung von einem unveränderlichen eigenen Ich oder Selbst, das sich zwar im Lauf des Lebens in gewissem Umfang äußerlich verändert und vielleicht auch weiterentwickelt, das aber doch einen konstanten Ich-Kern besitzt. Gautama Buddha hat in aller Klarheit darauf hingewiesen, dass dies ein Irrtum und eine uns vielleicht lieb gewordene Illusion ist und unsere Weiterentwicklung und Befreiung verhindert.

Dōgen erläutert diesen Zusammenhang durch ein Gleichnis: Wenn man in einem Boot sitzt, auf dem Meer fährt und dabei nur das ferne Ufer und Land beobachtet, denkt man, dass man selbst unverändert an einer Stelle auf dem Meer sitzt und sich das Land, also die Außenwelt, bewegt. In diesem Sinne glauben wir an ein feststehendes und dauerhaftes Ich. Wenn wir im Boot jedoch nach unten schauen, also die Bootskante und direkt das durchfahrene Wasser ansehen, stellen wir fest, dass wir uns selbst bewegen und das Land und die Küste ruhig daliegen. In ähnlicher Weise ist es Meister Dōgen zufolge ein grundsätzliches Missverständnis, dass der Körper und denkende Geist, also das Ich, dauerhaft und unvergänglich sind und sich nur die Umgebung verändert oder – zum Beispiel aus ideologischer Perspektive – verändern muss. Wenn wir dagegen die Illusion eines statischen und „dinghaften“ Ich aufgeben und das Handeln im Augenblick in den Mittelpunkt unseres Lebens stellen, können wir unmittelbar in der Wirklichkeit und Wahrheit leben. Darin sind sich Buddha, Nāgārjuna und Dōgen einig.

In einem weiteren Gleichnis bittet uns Dōgen, unter Berücksichtigung der Wechselwirkung die verschiedenen Dinge, Phänomene und Zustände in dieser Welt ganz genau und im Detail zu beobachten: Wenn das Feuerholz zu Asche verbrannt ist, sind Feuerholz und Asche zwei verschiedene Zustände, die im Hier und Jetzt jeweils unabhängig voneinander da sind, obgleich wir sie durch unser Denkvermögen meistens unbemerkt und automatisch verbinden. Diese Verbindung darf unseren Geist aber nicht blind für die Gegenwart machen, denn sie ist in der jetzigen Wirklichkeit nicht zu beobachten, sondern nur in der Vorstellung vorhanden. Dies ergibt wiederum die Anfälligkeit für Ideologien und Scheinursachen. In der Wirklichkeit kann sich die Asche niemals wieder zurück in das Feuerholz verwandeln. Das Feuerholz und die Asche haben damit je ihren eigenen Platz in der Welt und im Dharma. Sie sind nicht total gleich und nicht total verschieden.

Ähnlich ist es beim Menschen: Das Leben und der Tod sind jeweils eigenständig, und nach dem Tod kann sich das Leben nicht wieder in sich zurückverwandeln. In der wahren Sichtweise des kurzen Augenblicks bei Prozessen der Gegenwart gibt es damit eigentlich kein Entstehen und Vergehen, aber es gibt den so wichtigen Impuls zu Veränderungen, zur Suche nach der Wahrheit und zur Freiheit. Die Umstände existieren je für sich und offenbaren dann den wahren Dharma und die Wahrheit. Für einen solchen Zustand der Wahrheit oder Erleuchtung verwendet Dōgen das im Buddhismus häufige Bild des Mondes:

„Ein Mensch, der Verwirklichung erlangt, ist wie der Mond, der sich im Wasser spiegelt und verweilt: Der Mond wird nicht nass, und das Wasser wird nicht zerteilt. Obgleich das Licht (des Mondes) weit und groß ist, verweilt es in einer (kleinen) Fläche von einem Fuß oder einigen Zentimetern (der Breite und Länge). Der ganze Mond und der ganze Himmel verweilen sich in einem Tautropfen auf einem Grashalm und in einem einzigen Wassertropfen.“

Dieses poetische Bild des sich spiegelnden und verweilenden Mondes macht deutlich, dass es in der Wirklichkeit keine gegenseitigen Behinderungen, Einengungen oder Verkrampfungen gibt, sondern wahre Wechselwirkungen.

Am Beispiel der Fische im Wasser und der Vögel in der Luft erläutert Dōgen dann, dass jedes Lebewesen seinen eigenen Platz, seinen Lebensraum, sein Handeln, seine Verwirklichung und seine Wahrheit in der Welt hat. Wenn ein Fisch das Wasser verlässt, also falsch handelt, muss er sterben, und wenn ein Vogel vom Himmel auf die Erde herunterfällt, stirbt er ebenfalls. Wenn der Fisch und der Vogel in ihrem angestammten Element leben und handeln, haben sie ihren richtigen Platz in der Welt und im Dharma.

Schon Gautama Buddha wies darauf hin, wie vielfältig die jeweiligen Sichtweisen in der Welt sind: Der Ozean ist für die Fische ein Palast, für die Götter eine Perlenkette. Der Buddha-Weg bedeutet, dass wir aus dem Staub und Dunst des sogenannten normalen Lebens hinaustreten, sodass die üblichen räumlichen oder psychischen Grenzen und Hindernisse nicht mehr bestehen. Dōgen sagt weiter:

„So können wir das Wasser als Leben verstehen und den Himmel als Leben verstehen. Vögel sind Leben, und Fische sind Leben. Es mag wohl sein, dass Vögel und Fische Leben sind. Und jenseits dessen mag es immer noch eine Weiterentwicklung geben. Genau so ist es mit unserer Praxis-und-Erfahrung, mit (unserer) Lebenszeit und unserem Leben.“

Wenn wir so unseren Platz finden, ist dieses Handeln ohne jeden Zweifel die Welt und das Universum selbst. Weiter heißt es:

„Wenn ein Mensch in diesem Zustand Buddhas Wahrheit praktiziert und erfährt, erlangt er einen Dharma und durchdringt einen Dharma, und er begegnet dem Handeln und vollzieht das Handeln. In diesem Zustand existiert der Ort und wird der Weg gemeistert, und daher ist der zu erkennende Bereich nicht (unbedingt für den verengten Verstand) offensichtlich.“

Am Ende dieses wichtigen Kapitels gibt Dōgen eine Kōan-Geschichte wieder: Ein Meister fächelt sich zur Kühlung Luft zu, weil es heiß ist, als ein Mönch vorbeikommt und offensichtlich eine intelligente Bemerkung anbringen will: Er sagt, die Luft habe die allgemeine Eigenschaft, überall anwesend zu sein. Das ist philosophisch betrachtet eine ontologische Aussage. Aber welche Relevanz hat sie in dieser konkreten Situation? Dem Meister ist sofort klar, dass der Mönch abstrakten allgemeinen Gedankengängen verhaftet und nicht offen für das praktische und konkrete Hier und Jetzt ist. Er ist sicher tief von seiner eigenen großartigen Intelligenz und seinem Wissen über die Buddha-Lehre überzeugt und glaubt, dass sein Denken und Reden ihn schon nahe an die wunderbaren Früchte der Erleuchtung herangeführt hätten, die Früchte, die er schon fast greifen könnte. Dazu sucht er die Bestätigung durch den Meister. Aber er unterliegt einem großen Irrtum. Auf die folgende Frage dieses Mönchs, warum sich der Meister denn die Luft zufächle, antwortet dieser daher einfach, es gebe in der Tat keinen Ort in der Welt, an dem keine Luft vorhanden sei – inhaltlich also genau die gleiche ontologische Aussage, die der Mönch vorher verkündet hatte. Durch diese eigentlich logisch überflüssige Wiederholung wird dem Mönch jedoch schlagartig klar, dass allgemeine theoretische Kenntnisse auch der Buddha-Lehre und angelernte sogenannte Weisheiten etwas ganz anderes als die Wirklichkeit selbst sind, die man unmittelbar erlebt und erfährt. Wenn einem zu heiß ist, kann man sich durch den Fächer direkt Kühlung verschaffen und erfährt direkt die kühlende Luft, und das genau ist die Wirklichkeit. Daher setzt der Meister die Unterhaltung mit dem Mönch nicht fort, sondern fächelt sich einfach weiter die kühlende Luft zu. Durch dieses Handeln des Meisters gelangt der Mönch von allgemeinen und abstrakten Ideen und seinem angelernten Wissen unmittelbar zur Wirklichkeit des Hier und Jetzt, es fällt ihm wie Schuppen von den Augen und vom Geist: Sein Körper-und-Geist erfahren eine ganz neue, frische Kraft. Dies ist das verwirklichte Leben und Universum – über Ideen, Ideologien und materielle Dinge hinaus.

 



[i] Dōgen: Shōbōgenzō. Die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges (deutsche Übersetzung), Bd. 1, S. 57ff.

Montag, 1. August 2022

Die acht Wahrheiten eines wirklich großen Menschen

Für Zen-Meister Dōgen ist der Wille zur Wahrheit im menschlichen Leben von zentraler Bedeutung für den Weg aus dem Leiden zur Klarheit und zum Erwachen. Es geht in seinem fulminanten Werk Shōbōgenzō dabei um eine klare und ganz praktische Wahrheit im Gegensatz zu Täuschung und Dumpfheit, aber nicht um abstrakte und metaphysische Theorien der absoluten Wahrheit. Es werden auch kein extremer Idealismus und keine unerfüllbaren ethischen Forderungen beschrieben: Dōgen schöpft aus seiner umfassenden Lebenserfahrung, die er auch auf seiner Chinareise sammeln und für die Nachwelt übermitteln konnte. Dabei gibt es eine Beziehung zu den Themen der Präambel zum Mittleren Weges, MMK. Wie er diese aufgreift und weiterführt, soll im Folgenden anhand von Dōgens Kapitel „Die acht Wahrheiten eines wirklich großen Menschen“ aufgezeigt werden. Das MMK steht vor allem für Nāgārjunas unverrückbaren Willen, den authentischen Buddhismus wieder aus sektiererischen Fehlentwicklungen herauszuarbeiten. Das ist auch Dōgens zentrales Anliegen etwa eintausend Jahre später im Zen-Buddhismus Japans. Es geht vor allem darum, übertriebenen und sogar extremen Idealismus zu überwinden, weil er von den Leiden und der Befreiung der Wirklichkeit hier und jetzt wegführt und in philosophische Höhen abgleitet. Diese Höhen sind dann nur noch von Spezialisten zu verstehen.

Nach der Überlieferung lehrte Gautama Buddha kurz vor seinem Tod die acht Wahrheiten eines wirklich großen Menschen, also eines Buddhas oder eines Bodhisattva. Sie sind eine Zusammenfassung der Weisheit des Mittleren Weges. Im letzten Kapitel des Shōbōgenzō, das Dōgen niederschrieb, als er schon schwerkrank und vom Tode gezeichnet war, sind die acht Wahrheiten ebenfalls das Thema.

Diese letzte Lehrrede („Hachi-dainingaku“) fasst die wichtigsten Regeln für ein wahres buddhistisches Leben recht einfach und praxisorientiert zusammen.[i] Die Regeln sind keine Dogmen, sondern ähnlich wie die Bodhisattva-Gelöbnisse als Hilfe für unser tägliches Leben zu verstehen. Sie zeugen vom Realitätssinn des Mittleren Weges und von der konsequenten Vermeidung von idealisierten und dogmatisierten Übertreibungen und Extremen im Zen. Sie beinhalten keine Extrem-Aussagen und moralisch überzogenen Forderungen, die auch manchen Traditionen des Buddhismus leider nicht fremd sind, aber bei Buddha nicht vorkommen. Mit solchen Doktrinen kann man das Leiden nicht überwinden und keine Erleuchtung erlangen, sondern hemmt durch Angst und Negativität die eigene Entwicklung und Emanzipation.

Dōgen schreibt am Anfang seines Kapitels, dass man den ruhigen und ausgeglichenen Lebenszustand erreicht, wenn man diese acht Wahrheiten verwirklicht. Dabei verwendet er wie Nāgārjuna den Ausdruck „zur Ruhe kommen“. Er spricht davon, dass man in das Nirvāna eingeht und meint damit vor allem den Zustand des Gleichgewichts und der Befreiung im Hier und Jetzt. Im Folgenden werden die acht Wahrheiten dargestellt und kurz erläutert.

Geringe Begierde haben: Diese Regel beinhaltet, dass wir nicht Dingen nachjagen sollen, die wir noch nicht besitzen, aber unbedingt haben wollen. Dazu gehören vor allem die Objekte der Begierden, die durch die Wahrnehmung mit den fünf Sinnesorganen – den Augen, Ohren, der Nase, Zunge und Haut – hervorgerufen und angestachelt werden. Dōgen zitiert hierzu Buddha, der warnte, dass das Leiden grenzenlos ist, wenn wir diesen Begierden hemmungslos, extrem und unkontrolliert nachgeben. Hat man sie jedoch „im Griff“, kann sie steuern und hält sie klein, befreit man sich von ihrer Dominanz und damit auch vom Leiden. Solche Menschen schmeicheln auch nicht um des eigenen Vorteils willen und kriechen nicht vor denjenigen, von denen sie die Objekte der Begierden erhalten möchten. Nur auf diese Weise seien wir ohne Sorgen und Furcht, haben umfassende Freiheit und großen Spielraum im eigenen Leben und sind zufrieden. Allerdings sagt Dōgen nicht, dass wir alles Wollen und Wünschen asketisch unterdrücken sollen, denn das würde dem Mittleren Weg widersprechen und nicht zur Erleuchtung führen, wie Buddha selbst erfahren hatte.

Erkennen der Zufriedenheit mit dem, was man hat :Hier wird vor allem die Fähigkeit angesprochen, mit den Dingen, die wir besitzen, und unseren Lebensumständen zufrieden zu sein und nicht immer Extremen nachzujagen. Wenn wir eine solche Zufriedenheit klar erkennen, dann überwinden wir die verschiedenartigen Leiden in unserem Leben und erleben einen Ort des Reichtums, der Freude und des Friedens. Kennen wir eine solche Zufriedenheit jedoch nicht, könnten wir sogar an einem himmlischen Ort leben und wären trotzdem ständig unzufrieden, frustriert und wollten immer noch mehr. Neid und Missgunst sind die Feinde der Zufriedenheit und schaden uns selbst am meisten. Dōgen zitiert dazu Buddha: „Jene Menschen, die die Zufriedenheit nicht kennen, sind arm, selbst wenn sie reich sind, und jene, die die Zufriedenheit kennen, sind reich, selbst wenn sie arm sind. Jene, die die Zufriedenheit nicht kennen, werden ununterbrochen von den fünf Begierden gesteuert.“

Freude an der Stille haben: Wir sollten uns von lärmenden, unruhigen Gruppen und Veranstaltungen fernhalten und einen ruhigen Ort suchen. Das ist in der heutigen hektischen Zeit – auch angesichts des extremen Unterhaltungsangebots der Massenmedien – besonders wichtig. Viele empfinden in der Abgeschiedenheit große Langeweile, aber der dauernde exaltierte Trubel ist sicher der falsche Weg für ein Leben im Gleichgewicht. Buddha vergleicht diese Situation mit einem Schwarm von Vögeln, die auf einem Baum sitzen und ständig in großen Sorgen und Ängsten sind, dass dieser zusammenbricht und umfällt, obgleich er leicht die auf ihm sitzenden Vögel tragen kann. Außerdem sagt er: „(Jene), die an die Welt gefesselt sind und ihr anhaften, versinken in verschiedenartiges Leiden, wie ein alter Elefant, der im Sumpf versinkt und selbst nicht in der Lage ist, wieder herauszukommen. Dies wird genannt ‚sich fernzuhalten’.“

Mit Fleiß und Ausdauer praktizieren: Dabei kommt es darauf an, ausdauernd zu praktizieren und nicht in seinen Bemühungen zu erlahmen. Laut Buddha wird dann überhaupt nichts schwierig und unüberwindbar sein: Wir sollten Fleiß und Ausdauer praktizieren wie „ein steter Tropfen Wasser, der andauernd niederfällt und wirklich in der Lage ist, einen Felsen zu durchbohren“, erklärt er.

Das Gegenteil davon sei ein hektischer oder träger Mensch ohne Ausdauer, der Feuer durch schnelles Reiben zweier Hölzer aneinander erzeugen will, aber leider aufhört, kurz bevor die Hölzer heiß genug sind und das Feuer sich tatsächlich entzündet. Extreme sowie hektisch und ohne Ausdauer verfolgte Ziele führen häufig zu schweren Rückschlägen und unterminieren die Kraft, etwas Sinnvolles zu tun. Das ist das Gegenteil von Selbstwirksamkeit.

Nicht die rechte Achtsamkeit verlieren: Hier geht es vor allem um die wahre Achtsamkeit für andere und nicht um den sentimentalen Selbstbezug und das Selbstmitleid, die heute häufig festzustellen sind. Der Begriff der Achtsamkeit ist also nach Dōgen umfassend zu verstehen. Wenn man dauernd um sich selbst kreist, sich krampfhaft beobachtet und interpretiert, entspricht das bestimmt nicht der sinnvollen Achtsamkeit. Dōgen setzt dabei vor allem auf gute Lehrer, denen wir uns anvertrauen und unter deren Anleitung wir auf dem Mittleren Weg Buddhas weiterlernen. Gestärkt durch eine solche Achtsamkeit können uns „die Banditen der Not“ nicht erobern und wir bleiben im Gleichgewicht. Wir sollten deshalb unsere Gedanken und Gefühle steuern, vor Extremen bewahren und sie im richtigen Ort des Geistes halten. Wer seine Achtsamkeit verliert, verliert seine Tugend und Lebensfreude. Durch die Achtsamkeit seien wir im Kampf des Lebens wie durch einen Panzer geschützt.

Das Gleichgewicht der Zen-Meditation verwirklichen: Dies bedeutet, dass wir ohne Störung im Gleichgewicht der Meditation und im Buddha-Dharma verweilen. Nishijima Roshi betont, dass es ohne die Meditation, zum Beispiel des Zazen, keinen Buddhismus gibt, und Gautama Buddha erklärt, dass durch die Steuerung des Geistes der Zustand der inneren und äußeren Balance eintritt. Dann zerstreut sich unser Geist nicht, sondern ist gesammelt. Buddha vergleicht ihn mit einem Leitungssystem für Trinkwasser, das kein Leck hat und dicht ist, sodass kein Wasser unnütz versickert und verloren geht.

Weisheit verwirklichen: Zu dieser Regel erläutert Buddha: „Wenn ihr Mönche Weisheit habt, dann werdet ihr ohne Gier und Anhaftung sein.“ Es sei wichtig, dass wir uns sorgfältig beobachten und darüber reflektieren, wie wir denken, fühlen und handeln, was sich also in unserem Geist und unserer Psyche ereignet und ob wir durch extreme Gefühle und Gedanken hin und her geworfen werden. Wir sollten möglichst schnell durchschauen, wenn wir von der Gier nach Ruhm und Profit oder von Übelwollen getrieben werden. Dadurch verweilen wir in der Wahrheit des Dharma und erreichen die Befreiung und Emanzipation. Ist dies nicht der Fall, dann unterscheiden wir uns grundsätzlich von den Menschen der Wahrheit, seien es Nonnen, Mönche oder Laien. Die Weisheit sei wie ein stabiles Schiff, mit dem wir den Ozean des Alterns, der Krankheit und des Todes überqueren wollen und können. Sie sei ein großartiges Licht für die Dunkelheit der Unwissenheit und eine gute Medizin für kranke Menschen. „Wenn ein Mensch das Licht der Weisheit besitzt, ist er auch mit den körperlichen Augen jemand mit klarer Sichtweise. Dies wird ‚Weisheit’ genannt“, stellt Buddha fest.

Sich nicht in müßigen Diskussionen engagieren: Indem wir uns von exaltierten Unterscheidungen, einseitigen Abwertungen anderer und fundamentalistischen Streitereien fernhalten, verwirklichen wir die reale Form und Wirklichkeit des Lebens. Aufgebrachte affektive Diskussionen mit extremen und ideologischen Haltungen verwirren dagegen laut Buddha den Geist. Wir können uns dann nicht von diesen Verwirrungen befreien, selbst wenn wir in ein Kloster eingetreten sind. In der Tat sind derartig hitzige, oft aggressiv geführte Streitgespräche wenig geeignet, um auch nur ein Stück Wahrheit zu finden und zu befördern.

Dann zitiert Dōgen noch einmal Buddha: „Ihr Mönche solltet euch dauerhaft anstrengen, mit ungeteiltem Geist die Wahrheit der Befreiung anzustreben. Alle Dharmas dieser Welt, die sich bewegen oder bewegungslos sind, vergehen ohne Ausnahme und haben keine statische Form. Ihr solltet jetzt für eine Weile innehalten und nicht mehr reden. Die Zeit muss weitergehen und ich schicke mich an, zu sterben. Dies ist meine letzte Unterweisung.“

Dōgen bedauerte, dass zu seiner Zeit viele Menschen die acht Wahrheiten des Mittleren Weges nicht kannten und auch nicht erlernen wollten. Wer jedoch Zugang zu ihnen habe, könne sich glücklich schätzen, weil er auf diese Weise gute Wurzeln für sein eigenes Leben besitze. Er bezeichnet seine eigene Zeit als heimtückisch und dekadent und mahnt uns: „Solange der wahre Dharma des Tathāgata die tausendfache (Welt) durchdringt und solange die reine Lehre noch nicht verschwunden ist, sollten wir sie ohne Verzug erlernen. Seid nicht träge oder nachlässig.

Das ist der wahre Weg der Mitte und Lebens-Energie.

 



[i] Dōgen: Shōbōgenzō. Die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges (deutsche Übersetzung), Bd. 4, S. 291ff.

Samstag, 23. Juli 2022

Die leuchtende Klarheit und die Schweine-Augen: der große Gegensatz

Die japanische Bezeichnung in diesem Kapitels des Shobogenzo lautet Kômyô, wobei leuchtend, strahlend und hell bedeutet und myô die Klarheit ist. Im Buddhismus wird die leuchtende Klarheit der ganzen Welt und des Universums gelehrt, die Menschen selbst erfahren können, wenn sie nach der wahren Lehre von Gautama Buddha leben und erwachen. Dann leben und existieren sie in der leuchtenden Wirklichkeit des Hier und Jetzt. Sie verlieren sich nicht in idealistischen Träumereien und Verblendungen durch Gier, Hass, Machthunger, Dominanzstreben, Spaltung von Handeln und Karma, Neid, Dogmen usw.. Vasubandhu zählt in seinem genialen Lehrgedicht des Yogacara der dreißig Verse eine Vielzahl derartiger Verblendungen auf. Überhaupt gib es aus meiner Sicht viel engere buddhistische Beziehungen von Vasubandhu zum Zen als in der Literatur bisher beachtet wurde,denn dieser große indische Meister wird überwiegend dem Idealismus zugeordnet. Das halte ich nach neuer Buddhismusforschung doch für zu einseitig. Zen ist nun wirklich kein abgehobener Idealismus.

Materiell orientierte Menschen haben dagegen kein Verständnis für spirituelle oder ideale Ziele. Sie erhoffen sich von materiellen Gütern und Reichtum das Glück auf dieser Erde, weil dies das einzige Reale sei. In der buddhistischen Lehre werden die idealistischen und materialistischen Dimensionen des Lebens als zu einseitig eingestuft. Auch das rechte Handeln darf nicht vernachlässigt werden. Extreme eröffnen gerade nicht den Weg der Befreiung und Überwindung des Leidens, wie Buddha gelehrt hat. Dieser Weg ist die Kraft der Mitte und das gemeinsame Entstehen in Wechselwirkung.

Meister Dôgen erklärt in diesem Kapitel, dass das ganze Universum klar und leuchtend ist und dass wir durch die Buddha-Lehre und die Übungspraxis daran lebendiger Teil der Welt werden. Durch das reine Handeln und des Gleichgewichts im Hier und Jetzt öffnen wir uns für die leuchtende Klarheit und werden Teil von ihr. Der große Meister Nagarjuna sagt im berühmten Gesang des Mittleren Weges, dass die große Wahrheit des Lebens "das gemeinsame Entstehen in Wechselwirkung" ist (pratitya samutpada). Das ist der Türöffner zur Befreiung und Erleuchtung. Das ist das Prinzip der Zusammenarbeit im Buddhismus, nicht zuletzt bei der gemeinsamen Arbeit an den authentische Texten.

Unser Körper, Geist und unsere Gefühle erfahren dadurch nach Dôgen eine unerwartete Stärkung durch heilsame Energien, die wir vorher nicht einmal denken konnten und die sich jäh ereignen. Er zitiert einen alten Meister:

„Das ganze Universum der zehn Richtungen ist die leuchtende Klarheit des Selbst.

In der leuchtenden Klarheit dieses Selbst existiert das ganze Universum der zehn Richtungen.

Im ganzen Universum der zehn Richtungen gibt es keinen einzigen Menschen, der nicht dieses Selbst ist.“

Was will der alte Meister damit sagen? Ist das nicht viel zu optimistisch bei all den Kriegen, Unterdrückungen und Ausbeutungen, die wir erleben müssen? Vom Zen heißt es doch, dass er klar und nüchtern sei und sich nicht in spirituellen Märchen und Fantasien verliert. Mich überzeugt Dôgens Text zur leuchtenden Klarheit im Hier und jetzt, beim Meditieren und Handeln. Wie wird er die Wahrheiten des Leuchtens herausarbeiten?

Nach der indischen Lehre haben das Universum und die Welt zehn konkrete Himmelsrichtungen. Diese werden hier mit dem Selbst in strahlender Klarheit gleichgesetzt, also ein leuchtendes Selbst in allen Himmelsrichtungen. Das Selbst ist nicht das abgegrenzte Ich des Egoismus, sondern hat die Trennung von Subjekt und Objekt überwunden und sich zum ganzen Universum hin geöffnet und verbunden. Das ist die große heilende Wechselwirkung! Es bildet eine großartige lebende Einheit. Bei dieser Öffnung entsteht nach dem obigen Zitat die leuchtende Klarheit, bei Abtrennung und Isolation entsteht sie überhaupt nicht. Dieses so erlebbares Selbst ist in allen Menschen ausnahmslos vorhanden und möglich. Aber ganz von allein, ereignet sich natürlich  nichts oder nicht viel. Es ist sinnvoll und wirksam, diese Buddha-Wahrheit in der Praxis und mit Ausdauer zu erlernen. Man muss dran bleiben, ohne Übertreibungen und kleinkariertem Jammer-Pessimismus. Wenn man so ausdauernd handelt, entfernt man sich nicht mehr von dieser Wahrheit. Dôgen sagt hierzu sogar:

„Es gab nur wenige alte Meister, die die leuchtende Klarheit auf der Grundlage solcher Anstrengungen studiert und verwirklicht haben.“

Der Buddhismus wurde früh im ersten und zweiten Jahrhundert nach China gebracht, allerdings ohne die Praxis des Zazen und des Handelns im Alltag. Dort kam es zu einigem tief greifenden Wechselwirkungen mit dem bis dahin vorherrschenden Daoismus. Als Meister Bodhidharma dann Anfang des sechsten Jahrhunderts als authentischer Dharma-Nachfolger in der direkten Linie von Gautama Buddha nach China kam und den Dharma an seinen eigenen Schüler Taiso Eka weitergab, war dies laut Dôgen ein

„historisches Ereignis der leuchtenden Klarheit der Buddhas und Vorfahren im Dharma. Vorher hatten die Menschen (in China) die Klarheit der Buddhas und Vorfahren im Dharma weder gesehen noch gehört. Wie hätten sie ihre eigene leuchtende Klarheit erkennen können?“

Mit Bodhidharma kam die buddhistische Praxis nach China, wo bis dahin theoretische und recht abstrakte Lehren vorgeherrscht hatten, denen nach Dôgen die lebendige Einheit von Theorie und Praxis fehlte. Die leuchtende Klarheit des Buddhismus ist genau diese Verschmelzung von theoretischer Lehre und der Praxis des Zazen sowie des Handelns im Alltag. Die leuchtende Klarheit ist also keine romantische Vorstellung, kein Wunschdenken und keine Flucht aus der Wirklichkeit. Dôgen erklärt, dass man sie sich nicht konkretistisch nur als rotes, weißes, blaues oder vergoldetes Licht vorstellen solle. Bilder von romantischen oder heroischen Feuern sind genausoÜbertreibungen, die bald verblassen genau so wie Idealisierungen des Wassers. Selbst der Glanz einer Perle und das Glitzern eines Diamanten bleiben häufig auf der Ebene der äußeren materiellen Wahrnehmung hängen. Sie können dann nicht die umfassende leuchtende Klarheit des Buddha-Dharma als Wirklichkeit entstehen lassen. Dôgen schildert, dass die Buddhas und großen Meister diese Klarheit praktizieren und erfahren und genau dabei „werden sie Buddha, sitzen als Buddha und erfahren Buddha.“ Es wird klar, dass Dôgen hier die Einheit der leuchtenden Klarheit, der buddhistischen Praxis und des Handelns in den Mittelpunkt stellt. Das heißt schlicht und einfach, dass man ohne ein solches Handeln die leuchtende Klarheit nicht erfahren kann.

Er geht dann auf das Lotos-Sûtra ein, in dem es heißt, dass die vielen Buddha-Länder des Ostens von der leuchtenden Klarheit erhellt werden. Diese solle man sich aber nicht nur quantitativ vorstellen. Den Osten, wo die Sonne und das Licht am Morgen aufgehen, darf man sich nicht nur materiell denken und nicht auf die äußere Wahrnehmung der Sinne beschränken. Denn der hier gemeinte Osten ist überall, wo die Buddha-Lehre aufgeht und lebendig ist. Sie existiert vor allem in uns selbst oder, wie Dôgen es ausdrückt, „im Inneren des Auges“. Erinnerst du jetzt an die leuchtenden Augen eines deiner lieben Menschen? Davon bin ich überzeugt. Vielleicht meint Dôgen genau diese leuchtenden Augen, vielleicht leuchtete dabei die Buddha-Natur genau in diesem Augenblick auf. Was sagst du?

Dôgen erzählt die Geschichte eines chinesischen Kaisers der Tang-Dynastie, dem Reliquien von Gautama Buddha in seinen Palast gebracht wurden. Diese leuchteten in der Dunkelheit der Nacht und strahlten deutlich mit ihrem Licht. Das veranlasste viele Untergebene, Höflinge und Karrieristen bei Hofe zu übertriebenen Lobeshymnen und Gedichten auf den Kaiser. Sie sagten, dass diese strahlende Klarheit des Gautama die grenzenlose Tugend des Kaisers bedeuten würde. Es gab jedoch einen klar denkenden, nicht unterwürfigen Dichter und Zen-Meister, der sich solchen Schmeicheleien und Wunderglauben nicht anschließen wollte. Er verstand das große Leuchten tiefer und hatte vermutlich eigene Licht-Erfahrungen, weil er mit großer Gründlichkeit die Buddha-Lehre studiert und regelmäßig praktiziert hatte. Er wurde dann zum Kaiser zitiert, der sehr irritiert war, dass er die leuchtende Klarheit der Reliquien nicht in detr großartigen Dichter-Sprache besingen würde. Diese Wunder werde doch im ganzen Land gerühmt und besungen. Der Dichter antwortete ihm:

„Buddhas leuchtende Klarheit ist nicht einfach eine Farbe wie blau, gelb, rot oder weiß. Dieses hier ist nicht Buddhas leuchtende Klarheit sondern nur das Licht, das irgendein Drachengott hütet.“

Der Kaiser war über diese Aussage wenig erfreut und fragte bohrend und sogar drohend: „Was ist Buddhas Klarheit?“ Der Schriftsteller erkannte sofort, dass der Kaiser unfähig war, selbst zu erfahren, was diese große Klarheit Buddhas bedeutet. Er entschied sich trotz der Gefahren für sich und sein Leben und nicht zu antwortete. Konnte er vielleicht dem mächtige Kaiser daraus für dessen Leben einen neuen Impuls geben? Leider nicht. Dieses "Schweigen voller Leuchten" wurde ihm als Aufsässigkeit und Unverschämtheit ausgelegt, sodass er vom Hofe verbannt wurde und seine Karriere dort beendet war.

Dôgen lobt die Standhaftigkeit und Aufrichtigkeit dieses Menschen, weil er die Unzulänglichkeit von Worten für die wirklich umformenden Kräfte erkannt hatte. Eine positive Wechselwirkung kann nur bei Resonanz und Willen zur gemeinsamen Weiterentwicklung gelingen, auch wenn es die mächtige Sprache eines Dichters ist. Der Zen-Meister konnte die leuchtende Klarheit nicht einem Menschen erklären, der an seichte Wundergeschichten glaubte, die dem Mächtigen von Abhängigen und Untergebenen wohlfeil verabreicht wird.

Nishijima Roshi erklärt diese Leuchten übrigens der Reliquien einfach mit dem Vorgang der Phosphoreszenz. So kann das beschriebene Phänomen heute physikalisch einfach und natürlich erklärt werden. Die Helligkeit der Knochen durch die Phosphor-Strahlung kann man keineswegs mit der leuchtenden Klarheit gleichsetzen. Diese könne man nur erfahren und durchdringen, wenn man keine Ängste, Vorurteile und keine Eigeninteressen haben. Solche materiellen und politischen Tatsachen bleiben so dürr wie sie sind, selbst wenn man wunderbar reden kann und die Sûtras des Buddhismus beflissen und beredt auslegt, als wenn

„Blumen vom Himmel regnen“. Dôgen sagt weiter:

„Die wirkliche leuchtende Klarheit ist dasselbe wie das Wahre (dieser Welt), also die Wurzeln, Stämme, Zweige, Blätter, Blumen, Früchte und deren Licht und deren Farbe.“ Aber nur wer selbst die leuchtenden Augen hat, kann das sehen und erkennen. Wer Schweine-Augen hat, sieht überall nur Schweine.

Er fordert uns auf, die Aussagen der großen Meister in allen Einzelheiten zu untersuchen, zu erfahren und in der Wirklichkeit zu praktizieren. Nur dann verwirklichen wir die leuchtende Klarheit, diese leuchtende Selbst, das über das Gewöhnliche und sogar das Heilige hinausgeht. Wenn man die Übungspraxis aber nur als anstrengendes Hilfsmittel ansieht, um die ersehnte Erleuchtung zu erlangen, trübt man genau diese leuchtende Klarheit. Dôgen behandelt diesen fatalen Fehler eingehend mit seiner profunden Erfahrung in den Kapiteln über die Zazen-Praxis. Diese hatte für ihn persönlich eine ganz große Bedeutung: Das wahre Selbst ist eins mit dem ganzen Universum. Man kann nicht zu irgendeinem anderen Ort fliehen, an dem es nach dem eigenen Wunschdenken viel schöner, paradiesischer und ohne Hemmnisse sei als hier. Warum auch? Die eigenen Probleme würden mit uns fliehen. Dôgen zitiert dann Meister Unmon, den Nachfolger von Meister Seppô, der die Mönche fragte

„Jeder Mensch existiert vollständig mit der leuchtenden Klarheit. Wenn er sie gierig sucht, ist sie unsichtbar in der tiefsten Dunkelheit. Was ist diese leuchtenden Klarheit, die in allen Menschen lebt?“

Da die vor ihm versammelten Mönche nichts antworteten und wohl auch nicht antworten konnten, sagte er selbst: „Die Mönchshalle, die Buddha-Halle, die Küche und die drei Tore." Dôgen schätzt diese Aussage des alten Meisters sehr, denn sie sei die wahre Buddha-Lehre. Sie ist keine Spekulation, sondern die Wirklichkeit selbst.

Dann beschreibt er die obigen Passagen aus der Sicht und Erfahrung der vierten erwachten Lebensphilosophie der Erleuchtung, die heute von Nishijima Roshi gelehrt wird. Dôgen stellt mehrere Fragen, die nicht einfach mit linearem Geist zu beantworten sind. Dabei verwendet er zwar auch die Dimension der Vorstellung und des Denkens, die als Idealismus bezeichnet werden, ohne darin hängen zu bleiben. Auch die Dimension der Formen und materiellen Wahrnehmung, die wir Materialismus nennen, sei viel zu eng. Wichtig sind darüber hinaus das Handeln sowie die Aufhebung der Trennung von Subjekt und Objekt, also die Ausschaltung des Dualismus. Diese stellt Meister Vasubanhu in den Mittelpunkt seine präzisen Analysen das wahren Geistes. Im obigen Beispiel bedeutet dies, dass der Meister eine lebendige Wechselwirkung des Kloster-Lebens mit seinen Mönchen Wirklichkeit werden lässt.

Schließlich zitiert Dôgen Meister Seppô, der zu seinen versammelten Mönchen sagte: „Vor der Mönchshalle bin ich euch begegnet.“ Hierzu muss man wissen, dass die Zazen-Halle der damaligen chinesischen Klöster vor der sogenannten Mönchshalle lag, in der die buddhistischen Texte gelehrt wurden, also die Theorie und Philosophie Buddhas und der großen Meister. Seppô drückte damit aus, dass er bei der Zazen-Praxis allen Mönchen begegnet. Dies ist keine allgemeine abstrakte Aussage, sondern die Wirklichkeit des Augenblicks, genau an dem gemeinsamen Ort. Sie ist jedoch nicht nur auf das Klostergebäude beschränkt, sondern umfasst auch die weitere Umgebung, deren Schönheit im ganzen Land gerühmt wurde. Dazu gehört die Begegnung im schönen Busho-Pavillon und auf dem sanft geschwungenen Useki-Berg. Dôgen ist der Ansicht, dass es wenig Sinn macht, mit vielen Worten zu spekulieren, was denn das Schönste sei.

Es ist das Wichtigste, dass alle zusammen und jeweils mit Meister Seppô ihre jeweiligen Aufgaben handelend fortführen. Theorie macht nur mit der Praxis und Erfahrung wirklich Sinn. Dies verwirklicht sich auch in der Zazen-Halle, um dort zu praktizieren. Nach Dôgen verwirklicht sich so die leuchtende Klarheit in diesem Buddha-Land. Wenn Du dann dem anderen begegnest, leuchten seine Augen.