Dienstag, 30. März 2021

Wahres Handeln bei Zen-Meister Dogen

 Der Buddhismus ist eine Lehre der Praxis und des wirklichen Lebens, bei der Handeln und Erfahren besonders wichtig sind. Zen-Meisterin  Doko Waskönig beschreibt zum Beispiel, dass die praktische alltägliche Arbeit für sie wesentlich für den Zugang zum Zen-Buddhismus war:

“Es war die Küche, die gleichsam zum Katalysator für meine Hinwendung zum buddhistischen Weg wurde“.Während in der abendländischen Philosophie dem Denken der höchste Stellenwert eingeräumt wird, wird im Buddhismus seit dem großen Genie Gautama Buddha das Handeln als ganz wesentlicher Bestandteil des Lebens anerkannt und dies entscheidet nicht zuletzt über unser Glück und Unglück über Freude und Leid. Die bevorzugte Stellung und hohe Wertschätzung des Denkens im Westen haben neben kräftigen Impulsen für unsere Kultur auch zu großen Problemen und Katastrophen geführt. Insbesondere der Idealismus, der dem Denken und den Ideen alleinige Wirklichkeit zuschreibt, verzerrt sich oft zu Ideologien. Dies ist zunächst oft kaum zu erkennen, aber gewinnt dann eine Eigendynamik, die nicht mehr aufzuhalten ist. Solche Ideologien führten zu katastrophalen Kriegen, wie etwa dem Dreißigjährigen Krieg sowie dem Ersten und Zweiten Weltkrieg. Ideologen verlieren dann vollständig ein menschliches Gesicht, wie wir in Deutschland durch den Nationalsozialismus bitter erfahren mussten.

Auch der Materialismus gründet in einer Theorie, also im Denken, und nicht in der unverstellten Wirklichkeit des Handelns. Er besagt, dass allein die materiellen Gegebenheiten wirklich real sind. Darüber hinaus solle man die Sinnlichkeit genießen, weil in der Wirklichkeit gar nichts anderes existiere. Materialisten argumentieren, dass der Idealismus und spirituelle Bereiche nur unsinnige Fantasiegebilde seien, also nicht wahr und wirklich. Wir alle kennen jedoch die Probleme des Materialismus: Verödung des Lebens, die Gier nach Profit und materiellem Vorteil, Genuss und Konsum und die Sinnleere im geistigen Leben. Für ein erfülltes und zufriedenes Leben muss nach buddhistischer Lehre der Bereich des Handelns auf dem mittleren Weg hinzukommen. Wahres Handeln eröffnet direkt den Zugang zur Wirklichkeit, und Wahrheit und ereignet sich im Hier und Jetzt der Gegenwart und der Sein-Zeit. Während der berühmte Ausspruch des französischen Philosophen Descartes lautet:, „Ich denke, also bin ich“, sagt Meister Nishijima, „Ich handele, also bin ich“, denn das Denken kann unmöglich das wahre Leben sein, und wir alle wissen, wie häufig sich Gedanken und Wirklichkeit vollständig unterscheiden.

Der Titel dieses wichtige Kapitels kann auch wie folgt übersetzt werden: „Das reine, würdevolle Handeln der Buddhas“. Dabei kann die Bedeutung des Begriffs „würdevoll“ weitgehend mit „wahr“ gleichgesetzt werden. Auf keinen Fall ist damit gekünsteltes und starr an Formen und Vorschriften gebundenes zeremonielles Handeln gemeint, denn es geht um den Alltag des Hier und Jetzt. Dieses Handeln vollzieht sich in der Mitte des Gleichgewichts und ist damit als Tun und Handeln der Buddhas und großen Meister zu verstehen. Die Praxis des Zazen oder die erste Erleuchtung, die „den Körper und (denkenden) Geist fallen lässt“, ist ein wesentlicher Bereich solchen Handelns und darf keinesfalls als statisch verstanden werden. In der Praxis des Zazen befreien wir uns von einengenden und störenden Gedanken, von Zwängen, Ängsten und vor allem von der Gier nach Ruhm und Profit. In diesem Handeln werden der Geist und das Bewusstsein von egoistischen Zwängen befreit, die das Handeln einseitig aus dem Gleichgewicht bringen und uns ins Unglück rennen lassen.

Das reine, wahre Handeln der Buddhas und erwachten Menschen ist nach Dôgen frei von Berechnungen und Tricks. Durch das Handeln selbst eröffnet sich der Zugang zur wunderbaren Wirklichkeit, und diese schenkt den Menschen heitere Gelassenheit, aber auch schnelle und ausdauernde Tatkraft. Wie bekannt, entscheidet sich Wolfgang von Goethe am Beginn des Faust für die Aussage: „Am Anfang war die Tat“, und verwirft den Satz: „Am Anfang war das Wort“.

Dōgen geht in diesem Kapitel zunächst auf den fundamentalen Unterschied zwischen abstrakten Begriffen und Vorstellungen wie „Buddha“ und „Erleuchtung“ einerseits und dem wirklich handelnden Buddha und erwachten Menschen andererseits ein. Er grenzt auch das wahre Handeln von Begriffen wie „allmähliche Erleuchtung“ oder „plötzliche Erleuchtung“ ab und erteilt der Vorstellung, dass man in der Absicht handeln solle, unbedingt Erleuchtung zu erlangen, eine Absage. Er arbeitet heraus, dass Begriffe wie „Buddha“ und „Dharma“ manchmal nur Fesseln sind, die es verunmöglichen, das reine und wahre Handeln zu verwirklichen. Denkgebilde, Fantasien und das durch Begriffe und ehrgeizige Ziele eingeengte Bewusstsein sind demnach wesentliche Hindernisse auf dem Weg des wahren Handelns der Menschen und der Buddhas.

Auch Begriffe und Vorstellungen wie „Buddha-Natur“ und „Dharma-Natur“ führen nach Dōgen häufig in die Sackgasse, denn Denken und Vorstellungen sowie Bilder und Fantasien können zwar vorbereitende und begleitende Theorien und Sichtweisen des Buddhismus sein, aber sie sind nicht in der Lage, die ganze Wirklichkeit im unmittelbaren Erleben und Handeln zu eröffnen.

Dōgen zitiert eine bekannte Stelle aus dem Lotos-Sūtra, wo Buddha sagt:

„Die Lebensspanne, die ich durch meine ursprüngliche Praxis des Bodhisattva-Weges verwirklicht habe, ist auch jetzt noch nicht beendet.“

Er will damit sagen, dass sein Handeln als Bodhisattva und Buddha immer weiter geht, dass es nichts Bestimmtes zu erreichen gibt und dass das Tun und Handeln selbst das Wesentliche ist. Dōgen spricht in diesem Zusammenhang von einer „zehntausend Meilen langen Eisenschiene“ und meint damit, dass es sich nicht um eine begrenzte Zeitspanne handelt, sondern um ein Ganzes, um das Handeln in der Gegenwart, das zeitlich unbegrenzt ist und kein berechnendes Ziel kennt.

Ganz wesentlich bei buddhistischem Handeln ist die moralische Reinheit, die das tut, was im Augenblick in der bestimmten Situation getan werden muss, um anderen auf dem Bodhisattva-Weg des Buddhismus zu helfen. Dies wird besonders durch das Zitat des Meisters Daikan Enō deutlich: „Gerade diese Reinheit ist es, welche die Buddhas immer bewahrt und beherzigt haben.“ Er fährt dann in seinem Gespräch mit Meister Nangaku fort: „Du bist so, ich bin so, und die alten Meister in Indien waren ebenso.“

Eine solche Reinheit des Handelns unterscheidet nach Dôgen nicht, ob ich selbst etwas tue oder ob du handelst, denn ich und du bilden im reinen, wahren Handeln eine Einheit. Damit ist der Dualismus aufgehoben. Es geht also um Praxis und Erfahrung und nicht um irgendwelche Begriffe wie „Essenz“, „Form“ oder „Prinzip“, und man kann nicht unterscheiden, ob ein Ich als „Subjekt“ handelt oder ob mit mir als „Objekt“ gehandelt wird. Beide Begriffe und Vorstellungen versagen auf dieser Ebene. Wir sehen, dass im Tun, Handeln, Erfahren und Praktizieren als existenzielle Wahrheit eine dualistische Unterscheidung von Subjekt und Objekt sinnlos ist. Bei einer solchen Trennung, die allerdings in unserer Sprache tief verankert ist, wird das Wesentliche, die Wirklichkeit und Wahrheit, verschleiert und verdeckt.

Das Handeln soll nach Dōgen nicht mit Gedanken und Vorstellungen überfrachtet und damit unnötig verzerrt werden, sondern „es handelt ganz natürlich“, so, wie es ist. Wenn das Handeln also verengt und verkürzt wird, verliert es seine Natürlichkeit, Kraft und Reinheit, sodass ein solches verzerrtes Handeln die Wirklichkeit sogar ausklammert. Wahres Handeln kann durch Denken nicht ausgeschöpft und nicht erfasst werden und kann theoretisch und philosophisch nur begrenzt beschrieben werden. Im reinen, wahren Handeln ist der Körper nach Dōgen entspannt und gewissermaßen durchlässig, und trotzdem kraftvoll und voller Energie.

Wir müssen uns von quälenden Vorstellungen und Gedanken lösen, dass wir geboren wurden und sterben müssen, denn beides ist eigentlich nur unmittelbares Handeln. Die im Buddhismus früher üblichen Unterscheidungen der Geburt aus dem Schoß, aus der mystischen Verwandlung, aus dem Ei oder aus der Feuchtigkeit sind nach Dōgen zunächst und vor allem nur Begriffe und Ideen. Sie verbergen oft mehr, als sie offenlegen, und sind nur dann sinnvoll, wenn man ihre Begrenztheit in der Kommunikation und Lehre klar erkennt.

Bei genauer Betrachtung können wir daher nicht sagen, dass Gautama Buddha gestorben sei, denn seine Lehre und sein Wirken und nicht zuletzt seine moralische Reinheit offenbaren sich im Handeln der Menschen im Hier und Jetzt. Sein körperliches Sterben erweist sich als weniger wichtig, da seine Wahrheit lebt und authentisch bis zum heutigen Tag weitergegeben wurde. Das wahre und reine Handeln im Zazen und im Alltag wird durch nichts eingeschränkt und lebt aus sich selbst. Es besitzt also umfassende Freiheit, die aber niemals auf Kosten anderer geht.

Dōgen untersucht dann ein wichtiges Koān-Gespräch zweier Meister. Seppō lehrte: „Die Buddhas der drei Zeiten sind in der Flamme (des Kohleofens hier) und drehen das große Dharma-Rad“.

Sein Schüler Meister Gensa äußerte sich dazu wie folgt: „Die Flamme lehrt den Dharma für die Buddhas der drei Zeiten, und die Buddhas der drei Zeiten stehen auf dem Grund und hören den Dharma.“

Was ist mit diesen Aussagen in Bezug auf das wahre, reine Handeln und den Dharma gemeint? Gibt es Unterschiede bei diesen beiden großen buddhistischen Meistern, die in der Blütezeit des Buddhismus im neunten Jahrhundert in China gelebt haben? Warum wird die Flamme als Gleichnis für den Dharma und damit für die Wirklichkeit und Wahrheit des Handelns verwendet?

Zunächst ist festzustellen, dass ein enger Bezug zum Lotos-Sūtra besteht, in dem das Lehren und Hören dieses Sūtra sehr hoch geschätzt wird. Dōgen behauptet aber nicht, es sei höherwertig, den Dharma zu lehren, als ihn zu hören, denn beides ist reines Handeln im Sinne des Buddhismus. In der ersten Aussage von Meister Seppō heißt es, dass die Buddhas der drei Zeiten in der Flamme sind und das Dharma-Rad drehen. Flamme und Buddha sind also identisch, und im dauernden Veränderungsprozess offenbart sich der Dharma oder, wie es im Buddhismus häufig heißt, dreht sich das Dharma-Rad. Es hat also überhaupt keinen Sinn, etwas festhalten zu wollen und es als dauerhaftes Ding oder statische Sache zu verstehen, sondern das Leben oder das Dharma-Rad drehen sich wie das Handeln des Alltags.

Meister Gensa stellt bei seiner Aussage etwas anderes in den Mittelpunkt: Er spricht davon, dass die Flamme den Dharma für die Buddhas verkündet, dass die Buddhas auf der Erde stehen und den Dharma hören. Das heißt, die Buddhas hören achtungsvoll zu und tun dies ohne Ablenkung und Eigennutz. Es wäre zu kurz gegriffen anzunehmen, dass die Flamme hier als Subjekt erscheint, das den Buddhas etwas mitteilt. Es ist sicher gemeint, dass die Buddhas und Erwachten mit den Regeln und Gesetzen der Welt und des Universums eine Einheit bilden und dass diese Einheit wesentlich für die buddhistische Lehre ist. Die Buddhas denken sich nicht selbst irgendeine Lehre aus, sondern sie geben achtungsvoll das reine Gesetz der Welt wieder, und dadurch gelangen die Menschen zur Wirklichkeit und Wahrheit. Im Lotos-Sūtra heißt es weiter, dass es schwierig ist, den wahren Dharma zu lehren und zu hören. Wesentliches in dem notwendigen Lern- und Befreiungsprozess wird nach Dōgen durch die Praxis des Zazen verwirklicht.

Die Aussagen der beiden oben genannten Meister, Seppō und Gensa, dass die Buddhas in der Flamme sind, dass die Flamme den Dharma verkündet und die Buddhas zuhören, sind in der Tat nicht leicht zu verstehen. Sie entwickeln jedoch, je mehr man sich mit ihnen beschäftigt, eine erhebliche Tiefenschärfe und spirituelle, poetische Kraft. Die Flammen sind zweifellos auch Symbol der Reinheit und der Wärme. Verweisen darauf, dass das wahre Handeln nicht von Ehrgeiz und Mutwillen angetrieben werden sollte, sondern dass zum Handeln auch das Geschehenlassen und Sichereignen gehört. Dōgen verwendet häufig die Formulierung des Handelns und Geschehenlassens, also der Tat und der Tatkraft einerseits und des verantwortungsvollen Geschehenlassens in einer bestimmten Situation andererseits.

Außerdem ist das Feuer nach alter indischer Lehre eines der konkreten Elemente des Universums wie Wasser, Erde und Luft, und daher keine Spekulation oder Fantasie, sondern unmittelbar und konkret zu erfahren wie das Handeln selbst.

Mittwoch, 24. März 2021

Herz-Sutra, neue Übersetzung aus dem Urtext

 

Buddha, dem großen Wissenden

(Mit Erläuterungen von Yudo J. Seggelke)

 

Das Herz-Sutra ist eines der wichtigsten kurzen Texte des Buddhismu. Es gibt mehrere ausgezeichnete Fassungen, aber auch Anlass zu Verwirrungen und sehr eigenartigen Interpretationen. Ich möchte daher bei einer sehr genauen Übersetzung des Sanskrit-Textes ansetzen, die auf einer wörtlichen Wort-für-Wort-Übersetzung des Urtextes basiert. Diese Methode haben die Indologin Elisabeth Steinbrückner und ich bei der Bearbeitung des Mittleren Weges (MMK) von Nagarjuna und der Lehrgedichte des Yogacara von Vasubandhu konsequent angewendet. Dadurch konnten m. E. einige bisherigen Unklarheiten beseitigt werden. Übrigens ist mein Zen-Lehrer Nishijima Roshi bei der Bearbeitung des Shobogenzo von Meister Dogen in gleicher Weise vorgegangen. Er hat damit eine erste verlässliche Gesamtfassung dies fundamentalen Werkes erarbeitet. Meine eigenen Arbeiten zum Zen beruhen überwiegend auf seinen Texten, die eine hohe Validität haben.

Hier möchte ich zum Herz-Sutra einige Erläuterungen und Interpretationen einfügen, die bei einer wörtlichen Übersetzung klarer erkennbar sind. Später sollen detailliertere Untersuchungen folgen.

In der buddhistischen Forschung setzt sich eine ganz neue historische Einordnung des Herz-Sutras immer mehr durch, dass es sich nämlich um einen ursprünglich chinesische Text aus dem siebten Jahrhundert handelt Dieser sei dann ins Sanskrit übersetzt worden.[1] Es wird weiter vermutet, dass diese Übersetzung den Sinn hatte, die Glaubwürdigkeit und buddhistische Authentizität in China zu unterstützen. Ich halte diese Hypothese für sehr beachtenswert. Das Herz-Sutra beginnt:


Der Bodhisattva „edler Avalokiteshvara“, der die Praxis in der tiefen Prajnâpâramitâ praktiziert, blickte herab. Er sah die fünf Komponenten des Menschen, skandhas, als leer.


Man sollte hinzufügen als leer von den drei Giften Gier Hass und Verblendung und besonders durch eine eingebildete Substanz für die Komponenten des Menschen, Skandhas. Diese fiktive Substanz sei unveränderlich und ewig. Sie ist aber eine Schein-Substanz (svabhâva) und unheilsame Illusion, weil sie als unveränderlich und isoliert gedacht wird. Sie ist daher eine gefährliche und illusionäre Ideologie der Dinge und Phänomene, Dharmas, und führt zum Leiden. Wer einer solchen Ideologie anhängt und von ihr ergriffen ist, kann die Wirklichkeit der Welt und des Menschen nicht annähernd klar erkennen und lebt in einer Scheinwelt voller Leiden und Plagen. Es heißt wörtlich:


Hier: Form - Leerheit / Leerheit - wirkliche Form.

Von Form nicht gesondert Leerheit; von Leerheit nicht gesondert Form.

Was Form, das Leerheit; was Leerheit das Form

Diese wörtliche Übersetzung des Urtextes wirkt sicher zunächst eigenartig, hat aber nach meinem Verständnis genau so eine große Bedeutung. Die bisherigen Übersetzungen lauten meist: "Form ist Leerheit und Leerheit ist Form" Oder auch "Form ist Leere und Leere ist Form" . Das "ist" gibt es aber nicht im Urtext, es ist also schlicht zugesetzt und stiftet bei vielen erhebliche Verwirrung. Dadurch entsteht die Gefahr, dass eine Identität von Form und Leerheit geglaubt wird. Im Buddhismus wird jedoch die totale Identität als Schein-Wahrheit abgelehnt, denn es handelt sich um die Dualität von Identität und Differenz. Durch den Zusatz von "ist" ergibt sich in diesem Sinne aus meiner Sicht ein unlösbares Paradox, das typisch für dualistisches Denken ist, von Buddha als falsch entlarvt wurde.

Wie kann man die Formulierung des Urtextes wirklich verstehen? Antwort: Der Autor des Textes fordert uns auf über die wahre Bedeutung und den Zusammenhang von Form und Leerheit jeweils im Sinne des Buddhismus zu kontemplieren. Das heißt besonders, das Dogma des Dualismus und der Scheinsubstanz muss überwunden werden, um die Wirklichkeit zu sehen und zu erfahren.

Und was ist die Bedeutung von Leerheit? Dies klärt Meister Nagarjuna im MMK.[2]  Leerheit ist die Bezeichnung für das natürliche gemeinsame Entstehen in Wechselwirkung. Das ist vor allem die Wirklichkeit ohne die drei Gifte, ohne die verzerrende Dogmatik der Dualität und unveränderlicher Schein-Substanzen. Es geht schlicht um die wahre Form des Menschen ohne dogmatische und ideologische Perversion!

Diese Wirklichkeit der Form also ist leer von einer eingebildeten isolierten Schein-Substanz und damit leer von Dualität, also von eingebildetem Subjekt und Objekt. Damit wird klar, dass die Form des Menschen nicht isoliert und statisch verstanden werden darf. Sie ist dagegen in lebendiger Wechselwirkung mit den anderen Komponenten des Menschen, den Skandhas, und der Umwelt.

Form und Leerheit sind also weder absolut identisch noch absolut isoliert und different. Die wirkliche Form ist durch Leerheit gekennzeichnet und damit nach Buddha genau dann die wahre Form und keine Illusion. Und die Form ist auch nicht identisch mit der Leerheit oder der Leere.

In diesen ersten Versen möchte der Autor aus meiner Sicht sagen, dass wir tiefgründig und gründlich klären, dass es keine absolute Identität oder keine absolute Differenz gibt. Oder genauer: Diese können in der Wirklich des Lebens und der lebendigen Vernetzung nicht beobachtet werden. Heute wissen wir aus der Öko-Systemforschung und Gehirnforschung, dass Wechselwirkung und Vernetzung die Grundprinzipien des Lebens sind. Das haben Buddha und Nagarjuna bereits vor zweitausend Jahre durch genaue Beobachtung der Menschen, Tiere, Dinge und Phänomene der Natur erkannt und zur philosophischen Grundlage ihrer Lebenshilfe und Therapie gemacht!

Genau so Gefühl, Wahrnehmung, formende Kräfte und Bewusstseine.

Die obige Klärung für die wirkliche Form gilt damit auch für die anderen Komponenten des Menschen, Skandhas.

Shâriputra, alle Dinge und Phänomene, Dharmas, haben das Merkmal der Leerheit.


Das bedeutet also die von den drei Giften Gier Hass und Verblendung befreite und entleerte Wirklichkeit. Wenn wir aber im Gegenteil durch Dogmen und Vorurteile verblendet, starr und vergiftet sind, dann glauben wir fälschlich:


Die Komponenten des Menschen sind unentstanden, unvergangen, (dualistisch) ohne Flecken oder frei von Flecken, (unveränderlich, also) nicht weniger (oder) nicht mehr.


Nun spricht der Autor Buddhas großen Schüler Shariputra an, der für seine Klugheit und geistige Weisheit berühmt war. Damit wird die Gültigkeit des Herz-Sutra für die im Mitgefühl handelnden Bodhisattvas und die in großer Mitglieder der Sangha mit ihrer geistigen Klarheit betont. Das Herz-Sutra hat beide im Blick.


Von daher, Shâriputra, in Leerheit (erkennt man) nicht (die eingebildete dogmatische Substanz) von Form, nicht Gefühl, nicht Wahrnehmung, nicht formende Kräfte, nicht Bewusstseine.


Nach den Komponenten des Menschen werden nun die Wahrnehmung und deren angeblich getrennten Obejekte analysiert, wenn sie in der Blindheit der Dualität tätig sind. Dann gilt:


Nicht Auge-Ohr-Nase-Zunge-Körper- Denkorgan.

nicht Form-Ton-Duft-Geschmack. (Keine wirklichen Phänomene,) Dharmas des Berührbaren; nicht (die Wirklichkeit des) Augenbereichs bis Denkorganbereichs.


In der Leerheit gibt es keine eingebildete Dualität, denn das wäre:

Nicht Wissen und nicht Nichtwissen. Nicht Schwinden von Wissen


Keine eingebildete Dualität und eingebildete Substanz und Starrheit bei

Nicht Altern, Sterben und nicht Schwinden von Altern und Sterben. Nicht Leiden, Entstehen, Auflösung, Weg, nicht Wissen, nicht Erlangen.


Jetzt wird die Befreiung von der perversen Ideologie der Starrheit, Unveränderlichkeit und eingebildeten Substanz der Dinge und Phänomene beschrieben. Das ist die tiefe Weisheit des gemeinsamen Entstehens in Wechselwirkung, pratitya samutpada, und die höchsten dem Menschen mögliche Weisheit.

Und ein Bodhisattva, der sich auf die prajnâpâramitâ gestzt hat, verweilt mit einem Geist mit (Leerheit von) Hemmnissen. Aus der Nicht-Existenz eines Geistes mit Hemmnissen ist er ohne Schrecken, hat das Gegenteil erklommen, ist gegründet im Nirvâna.


Dabei kann man das Nirvana gemäß Meister Nagarjuna als die Befreiung von Leiden und Plagen im Hier und Jetzt verstehen

Alle in den drei Wegen/Zeiten wurzelnden Buddhas haben sich auf die pranjâpâramitâ gestzt und sind in das höchste rechte Erwachen völlig erwacht.


Nun geht es um die generelle Wirklichkeit und Wahrheit der Vier Edlen Wahheit der Überwindung des Leidens und des Herz-Sutras:

Deshalb soll erkannt werden das große prajnâpârami-mantra, das große vidyâ-mantra, das allerhöchste Mantra, das alle Leiden stillende, die Wahrheit die aus der Nicht-Falschheit kommt, das in der prajnâpâramitâ gesprochene Mantra, und zwar:

Gate gate pâra-gate pâra-saágate bodhi svâhâ .


Gegangen,  gegangen,  hinüber gegangen und  völlig hinüber gegangen. Bodhi svâhâ.

Damit hat der Mensch die Freiheit und den großen Frieden verwirklicht. Er hat die Perversion und Plagen von Dualismus und auch der eingebildeten, ewigen und unveränderlichen Substanz überwunden.

 

Weiterlesen 

[1] Tanahashi, Kazuaki: The Heart Sutra.

[2] Nagarjuna: Mittlerer Weg, MMK, Die Vier Edlen Wahrheiten, Kap. 24. Aus meinem Buch "Sternstunden des Buddhismus" Bd. 3

Samstag, 20. Februar 2021

Nach der Verwirklichung der Buddha-Wahrheit

Meister Dōgen beschreibt in diesem Kapitel (Butsu kōjō nu ji), dass ein erwachter Mensch, der die Buddha-Wahrheit und den großem Frieden verwirklicht hat, ganz natürlich weiterlebt, sich weiterentwickelt und geistig nicht stehen bleibt. Dies kann man auch als´ Leben nach der Erleuchtung´ bezeichnen. Drei starken Pfeiler eines solchen Lebens sind Zazen-Meditation, Bodhisattva-Handeln und Überwindung des Leidens.  Wer erwacht ist, versucht nicht den Zustand eines Erleuchteten unbeweglich und mit Gewalt festzuhalten, sondern praktiziert und handelt natürlich weiter, auf menschlich hohem Level. Er ist nicht verkrampft auf die angebliche übernatürliche Erleuchtung fixiert. Dann wird er nicht weiter kommen. Er hat also viel Freude im Leben und macht anderen viel Freude. Um es mit Buddha zu sagen: Er praktiziert und übt das gemeinsame, heilsame Entstehen in Wechselwirkung und ist ´gut drauf´. Ich hatte das große Glück, Nishijima Roshi als Lehrer zu haben, der genau so lebte. Und Buddha sagte klar und deutlich, dass jeder Mensch die grundsätzliche Veranlagung dazu hat. Jeder hat also das Potential und die Möglichkeiten, sein Leben tiefgreifend zu Besseren zu verändern. Meister Dôgen sagt ganz klar, dass diese Verwandlung fast von allein geschieht, wenn man die Übungen jeden Tag verlässlich praktiziert. Ich vertraue Buddha und Dôgen dabei voll und ganz.

Dōgen verwendet dabei den Begriff „Buddha“ auch für die großen alten Meister in China, beschränkt ihn also nicht auf Gautama Buddha oder die legendären alten indischen Buddhas. Er spricht häufig von einem ewigen Buddha, wenn er die großen Meister wie Nāgārjuna, Bodhidharma, Daikan Enō, Seppō, Gensa oder Tendō Nyojō usw. meint. Er sagt von Ihnen, dass sie als „Buddhas“ eigentlich gar nicht mehr wahrgenommen werden können, weil sie eine natürliche höchste Form eines Menschen verwirklicht haben. Dōgen verehrte diese Meister sehr, er sah allerdings bei ihnen durchaus Unterschiede und hinterfragte oder kritisierte zum Teil sogar ihr Verständnis des Buddha-Dharma. Außerdem ist der Zustand eines Buddha in dauerndem Wandel begriffen, ist alles andere als statisch und fixiert. Er hat die Doktrinen von scheinbaren unveränderlichen Substanzen für den Menschen und für die die Dinge und Phänomene überwunden.

Die großen Meister entwickeln sich immer weiter. Dabei ist es nach Dōgen unbedingt erforderlich, die buddhistische Übungspraxis, also vor allem Zazen als Shikantaza, fortzusetzen und das eigene Handeln in immer bessere Übereinstimmung mit der Ethik des Buddha-Dharma zu bringen. Denn ohne ethisch gutes Leben kann sich die Erleuchtung nicht ereignen.

Wenn man heute hört, dass die selbst ernannte Meister verkünden, nicht mehr praktizieren zu müssen, weil sie voll erleuchtet seien, so ist dies Unsinn. Es ist vielmehr ein sicheres Zeichen dafür, dass sie keine wahren Meister sind, sondern dies nur vorgeben. Nishijima Roshi wird nicht müde zu lehren, dass man an jedem Tag praktizieren solle. Denn im Zen gibt es keine Trennung von Praxis und Erleuchtung, sie verwirklichen sich zugleich. Die aus der asiatischen Tradition erwachsene hierarchische Rolle eines Meisters verführt eventuell zu Selbstgerechtigkeit und Überheblichkeit. Dies wird oft noch von einer zur Schau gestellten Unterwürfigkeit der Schüler verstärkt, sie werden zu "devoties" und entwickeln sich nicht mehr weiter. Manchmal werden sie sogar immer höriger und unselbständiger. Dabei werden von solchen falschen „Meistern“ häufig schwer verständliche und intellektualisierte Begriffe wie „Leerheit, Tranzendenz, Überwindung des Dualismus“ usw. verwendet, um sich selbst den Glanz eines Meisters zu geben, der dies alles einschließlich der buddhistischen Paradoxien „versteht“. Ein wahrer Buddha handelt dagegen nach Dōgen einfach, direkt, unkompliziert, offen und mitfühlend gegenüber jedem Menschen, ohne sich sonderlich von ihm abzugrenzen und auf ein Podest zu stellen. Ihm gelingt eine positive lebendige Wechselwirkung mit den Schüler und Teilnehmern der buddhistischen Gruppe. Dôgen verdeutlicht, dass ein wahrer Meister sein einfaches Leben im Alltag fort, als ob nichts Besonderes geschehen sei, und praktiziert laufend weiter.

Im Zen-Buddhismus gibt es viele Berichte, dass der Meister und Abt eines Klosters für einen unerfahrenen Dritten überhaupt nicht erkennbar war, weil er ganz normal mitarbeitete. Die Erleuchtung ist nach Nishijima Roshi ein Leben des Mittleren Weges im Gleichgewicht, und zwar vor allem in der Balance des vegetativen Nervensystems. Es ist also keinesfalls nur ein wunderbares Gleichgewicht des isoliert gedachten Geistes, sondern des ganzen Menschen. Nachdem die großen Meister und Buddhas die Wahrheit verwirklicht haben, leben sie also einfach und fast unauffällig weiter. Sie handeln im gegenwärtigen Augenblick, im Hier und Jetzt je nach der Situation. Dōgen bezeichnet sie als Menschen der „Menschen jenseits von Buddha“. Er meint damit nicht zuletzt, dass fixierte Begriffe und doktrinäre Vorstellungen von "Buddha" überwunden sind. Er gibt die folgende Geschichte wieder: Ein großer alter Meister sagte in einer Dharma-Rede:

„Wenn ihr den Zustand jenseits von Buddha vollkommen mit dem Körper erfahren habt, habt ihr wirklich die Hilfsmittel, ein wenig zu sprechen.“

Ein Mönch aus der Zuhörerschaft hatte jedoch offensichtlich besondere Vorstellungen vom Zustand der Erleuchtung und fragte daher:

„Was ist diese Sprechweise?“

Um den Mönch in die konkrete Wirklichkeit zu holen, sagte der Meister:

 „Wenn du Mönch (zum Beispiel) redest, kannst du nicht zuhören.“

Der Mönch war natürlich verblüfft über diese Antwort und fragte weiter:

„Hört der Meister selbst, während er spricht, oder nicht?“

Der Meister sagte darauf trocken:

„Wenn ich nicht rede, dann höre ich zu.“

Nishijima Roshi vermutet, dass der der Mönch vielleicht romantische Vorstellungen vom übernatürlichen Zustand des Erwachens und der Erleuchtung hatte, die er selbst unbedingt erreichen wollte. Er dachte wohl, dass dann das Leben total anders ist und einen völlig neuen Glanz erhält. er hoffte, dass bei ihm ganz großartige neue und übernatürliche Fähigkeiten entstehen würden, die er vorher überhaupt noch nicht ahnte und kannte. Vermutlich meinte er auch, dass man als ein großer erleuchteter Meister und Buddha gleichzeitig reden und hören kann. Vielleicht dachte er sogar, dass man beim Reden in übernatürlicher Weise versteht, was die anderen sagen wollen, ohne die Worte des anderen zu hören. Der Meister sagte ihm daher nüchtern, dass man immer das, was man gerade tut, mit ganzem Herzen, ganzer Aufmerksamkeit, also mit Körper und Geist, tun soll. Wenn man redet, soll man wahrhaftig, klar und treffend reden, um anderen das Wichtige lebendig zu übermitteln. Wenn man dagegen zuhört, sollte man dies auch mit ganzer Aufmerksamkeit und mit dem ganzen Körper und Geist tun.

Das Handeln des Sprechens und Hörens setzt sich nach dem großen Erwachen und dem Erlangen der Wahrheit des Buddhismus nach Dōgen jeweils einfach fort. Es wird eher noch einfacher und unmittelbarer als vorher. Dabei erkennt ein Dritter die Lebensfreude und den Optimismus des Erwachten. Dem ist Meister bewusst, dass auch die Sprache ihre Grenzen hat und nicht alles ausdrücken kann. Dōgen sagt hierzu:

„Denkt daran: Sprechen, und ist weder vom Hören noch vom Nicht-Hören verunreinigt. Daher ist das Hören oder Nicht-Hören unwichtig für das Sprechen.“

Beim wahren Sprechen entsteht eine neue positive Verbindung der Beteiligten, so dass man zwischen Subjekt und Objekt nicht mehr sinnvoll trennen kann. Es entsteht die von Buddha betonte gemeinsame Wechselwirkung, ein Kernstück der Lehre auf dem Weg der Erleuchtung. Die Verunreinigungen breiten sich dagegen durch unheilsame Doktrinen aus, besonders durch Gier, Hass und Verblendung. Darauf hat nicht zuletzt Jürgen Habermas hingewiesen. Es geht vor allem nicht darum, dass jeweils einer sich durch seinen Beitrag hervortut. Man kann auch nicht von Geben und Nehmen der Informationen sprechen, etwa so als ob ein Sprechender ein Informations-Ding oder eine Substanz an den Zuhörer übergibt. Wir würden heute sagen, dass dies die wesentlichen Merkmale einer wirklichen Kommunikation sind, die lebendig im Augenblick alle Anwesenden erfasst und damit dynamisches Neuland im Geist und im Fühlen erschließt. Es wird nach Niklas Luhmann ein neues, lebendes, soziales System erzeugt, das über die getrennte Individuen hinausgeht. Auch Hans-Peter Dürr und Ulrich v. Weizsäcker betonen die Kreativität der Kommunikation, die etwas Neues bewirkt und im positiven Sinne „ansteckend“ ist.

Ein nur auf sich selbst bezogener Gedanke beim Reden wie, „ich bin jetzt jenseits von Buddha“, wäre dabei sehr hinderlich und würde die lebendige Kraft und Wechselwirkung des Gesprächs stören oder ganz verhindern. Ein solches Verhalten würde sich wie eine Milchglasscheibe zwischen die Menschen schieben und ein lebendiges, kreatives Gespräch ausschließen. Im Zustand jenseits von Buddha verwirklicht sich dagegen das wahre Sprechen, das die individuelle oder sogar isolierte Person übersteigt. aber Dôgen betont, dass auch, das es kein perfektes Sprechen und allwissendes Denken gibt. So etwas ist Illusion und Extrem und daher unwahr.

Der Buddhismus verwirklicht sich besonders beimm Handeln, und dieses wird selbst als Erwachen verstanden und erlebt. Aussagen wie der „Zustand jenseits von Buddha“ oder auch unsere Vorstellungen sind nur Abstraktionen und führen eher aus dem Handeln im Hier und Jetzt heraus. das Handeln im Hier und Jetzt ist die Qualität der Wirklichkeit, während konstante oder fixierte Zustände, Gegenstände und unveränderliche Personen abstrakte Vorstellungen sind. Diese werden zwar irgend wie vomm Handeln abgeleitet aber sie können unmöglich die umfassende natürliche Wirklichkeit sein. So ist das handelnde Sprechen jeweils im Augenblick niemals das Hören. Wir können dies so ausdrücken: Der wahre augenblickliche Zustand jenseits von Buddha verwirklicht sich in der obigen Geschichte, wenn der Meister direkt spricht, und der Meister kann nicht gleichzeitig reden und zuhören. das wäre im übrigen falsches multi-tasking. Weiterhin wird das Handeln des Sprechens nicht vom Hören gestört, oder, wie Dōgen dies ausdrückt, ist das Sprechen „weder vom Hören noch vom Nicht-Hören verunreinigt“.

Die Formulierung „Hören und Nicht-Hören“ besagt, dass es sich um doktrinäre Unterscheidungen des Verstandes und der Begriffe auf einer recht hohen Abstraktionsebene handelt, die von der unmittelbaren Wirklichkeit des Augenblicks wegführen. Das Sprechen ist nach Dôgen in sich verwoben und vernetzt, weil die einzelnen Worte ihren Sinn erst im Zusammenhang ergeben. Das ist die zentrale Bedeutung des gemeinsamen Entstehensw in Wechselwirkung, pratitya samutpada. Denn ein einzelnes Wort, das von anderen Worten isoliert ist, ergibt beim Sprechen keinen Sinn. Es wären nur ein zusammenhangloser Begriff und sinnlose Geräusche. Die Worte beziehen sich also in lebendiger Weise aufeinander und ergeben das, was Dōgen „die Entwicklung jenseits von Buddha“ nennt. Sie sind eine wahre Dharma-Rede eines großen Meisters. Es ist unsinnig anzunehmen, dass ein solcher Meister von seiner eigenen Rede selbst verliebt beeindruckt ist und dass er seiner eigenen Rede ergriffen lauscht. Die Rede nicht mehr oder weniger als einfaches Handeln.

Der Meister wartet während seiner Rede auch nicht verspannt darauf, dass er bald selbst zuhören kann, denn dies würde seine Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt ausdünnen. Er tut das, was er gerade tut, ganz und wirklich. Er bewertet nicht, ob es besser oder schlechter ist, zu reden oder zu hören, sondern er handelt unmittelbar wie es die Situation mit den Zuhörern erfordert. Es hat auch keinen Sinn zweifelnd darüber nachzudenken, ob das Reden beendet werden soll, um danach lieber zuzuhören. Reden und Zuhören haben jeweils ihre eigene Bedeutung und ereignen sich lebendig je im Augenblick.

Es wäre nach Dōgen sehr abstrakt zu denken, dass sich das Hören sozusagen in der Rede verbirgt, so als ob es bereits vorhanden wäre, aber noch nicht von außen erkannt werden kann oder will. Das wäre substantialistische Doktrin, die von dem indischen Meistern Nagarjuna und Vasubandehu überzeugend falsifiziert wird. Es leuchtet unmittelbar ein, dass dies nur eine gedankliche Konstrukte ist, die beim wahren Reden nicht weiterführen, sondern hinderlich sind. Buddha fasst solche Fehlentwicklung in den fünf Hemmnissen des Erwachens zusammen, dabei sind besondern Kritiksucht, Übelwollen und Hektik und Trägheit zu nennen. Während positiv als Faktoren der Erleuchtung Genauigkeit, Freude und Gelassenheit genannt werden. Wenn man spricht, erfährt man dies mit dem ganzen Körper-Geist, und wenn man aufgehört hat zu reden, erfährt man dies ebenfalls mit dem ganzen Körper-Geist, und dann hört man zu. Das handelnde Reden und Hören ist die charakteristisch für die buddhistischen Wirklichkeit, sie ist der Zustand jenseits von Erleuchtung und Buddha und vollzieht sich in einem erweiterten intuitiven udn vor allem klaren Bewusstsein.

Dōgen zitiert den großen Meister Tōsan, er war der zweite Nachfolger von Meister Daikan Enō in seiner eigenen Linie war. Er lehrte :

„Ihr sollt wissen, dass es Menschen im lebenden Zustand jenseits von Buddha gibt.“

Er bezog die Weiterentwicklung nicht auf abstrakte und heilige Lehrinhalte eines Buddha oder großen Meisters, sondern meinte damit die Entwicklung als Handeln selbst, und zwar Handeln in der Zazen-Praxis, im Alltag, im Denken, Reden, Fühlen, Zuhören usw. Daher antwortete ein Meister auf die Fragen des Mönches, was ein Mensch jenseits von Buddha eigentlich ist:

„Ein Nicht-Buddha.“ Das heißt, er ist nicht Vorstellung oder Doktrin von Buddha sondern die von Doktrinen entleerte Wirklichkeit und gerade kein hohler Begriff.

Andere Meister sagen:

„Wir können es nicht benennen und wir können es nicht mit Worten beschreiben: Deshalb nennen wir es "Nicht-Buddha ist Nicht". Oder

„als geschicktes Hilfsmittel nennen wir es Buddha.“

Die Sprache reicht damit nicht aus, um das, was Buddha ist, erschöpfend zu beschreiben und wir können den Begriff nur als geschicktes Hilfsmittel für den Buddha-Dharma verstehen. Aber ohne Sprache geht es auch nicht, wir sollten sie sinnvoll verwenden. Diese Aussagen verdeutlichen, dass es um die Wirklichkeit selbst geht. Das Handeln wird natürlich und wie selbstverständlich fortgesetzt, wenn man den Zustand eines Buddha oder eines großen Meisters und damit die Wahrheit erlangt und Doktrinen überschritten hat. Dōgen bedauert dabei, dass es in den verschiedenen Linien des Buddha-Dharma große Meister gegeben habe, die diesen Zusammenhang nicht klar erkannt hätten. Man müsse den Zustand jenseits von Buddha auch mit dem Körper, als ganzer Mensch, also handelnd erleben, um „ein wenig zu sprechen" wie es heißt.

Ein Meister sollte sich der Begrenztheit der sprachlichen Möglichkeiten zwar bewusst sein, wenn er den Dharma lehrt, aber wenn er im Zustand jenseits der Idee von Buddha redet, ist es möglich, wirklich zu sprechen. Dann bewegt es die Menschen und führt sie auf den Weg der Befreiung. Die Praxis und Erfahrung dieser Menschen ist immer ganz real und auf das Hier und Jetzt bezogen. Das kraftvolle Handeln, das dann möglich wird, gewinnt dabei nach Dōgen etwas Leichtes fast Spielerisches und löst sich aus Verkrampfungen und Starrheit. Es ist nicht eigensinnig und ich-bezogen, sondern fügt sich in die gesamte Umgebung der Menschen und die Umstände harmonisch ein. Es biedert sich aber nicht an und ist nicht lasch.

Wir sollten unbedingt wissen, dass es solche Menschen wirklich gibt, und uns gleichzeitig davor hüten, sie verkrampft und verbissen zu suchen, weil wir sie unbedingt finden wollen. Denn auf dem authentischen Buddha-Weg ereignet sich die Erleuchtung wirklich. Darauf könnt ihr vertrauen, das ist kein Gerede und keine abgehobene Ideologie. Dann sind Bezeichnungen wie „Buddha“ oder „Erleuchtung“ eigentlich überflüssig, so dass man auch sagen könnte „kein Buddha“. Sagen kann man alles, wie mein Lehrer Nishijima Roshi gern sagte. Wichtig ist: , dass Idee und Handeln sind in kraftvoller Wechselwirkung sind. Denn der erwachte ist, wie Dōgen sagt, ein natürlicher Mensch mit zwei Beinen, der wie alle auf der realen Erde geht und sich vollständig von fixierten Ideen und illusionären Bildern befreit hat.

Ein großer Meister beschrieb einmal einen Menschen, der sich über die Vorstellung von Buddha hinaus entwickelte:

„Es ist ein großer Mensch, der keinen (nur gedachten) Samen der Buddha-Natur besitzt. Wenn er den (nur begrifflichen) „Buddha“ trifft, tötet er einen solchen Buddha. Wenn er nur die Bezeichnung „Vorfahren im Dharma“ trifft, tötet er solche „Vorfahren im Dharma“. Der Himmel kann ihn nicht annehmen und auch die Hölle hat kein Tor, um ihn einzulassen. Mönche! kennt ihr einen solchen Menschen oder nicht?“

Nach dieser Frage entstand eine Pause bei den Zuhörern, und der Meister fügte hinzu:

„Der Mensch, der vor euch steht, ist nicht besonders klug. Er schläft viel und redet eine Menge im Schlaf.“ Zweifellos: Dieser Meister war voll erwacht!

Was bedeutet ein solcher fast brutaler Zen-Spruch nun wirklich? Ist damit gemeint, dass man den wahren lebenden Buddha töten muss, um frei zu werden und sich weiterzuentwickeln? Das kann wohl nicht sein.

Dōgen erläutert, dass sich ein solcher Mensch aus der einseitigen Abhängigkeit von seinen eigenen sechs Sinnen befreit hat. Das wäre Materialismus. Seine Augen uns, dass er nicht von Gier, Leidenschaften, Hass Narzismus und ungesteuerten Emotionen bewegt und getrieben wird. Er hat die fantastischen Bilder und Vorstellungen einer goldenen Buddha-Figur hinter sich gelassen, denn diese sind letztlich nur Bilder und nicht die Wirklichkeit des buddhistischen Lebens. Genauso hat er die negativen Sichten eines „Schlamm-Buddha“ verlassen, und sein Buddha ist einfach aus Holz geschnitzt, wie dies früher häufig in China anzutreffen war. Seinen Geist hat er in der buddhistischen Praxis viele Jahre lang geschult und geklärt, so dass er einem „alten zerbrochenen Holzlöffel“ gleicht, der viele Jahre lang benutzt wurde. So hat er die theoretischen oder abgehobenen Vorstellungen und Bilder von Buddha getötet, denn er dem wahren Buddha als der großer Wahrheit direkt begegnet. Beeindruckende aber illusionäre Vorstellungen und Worte von Himmel und Hölle sind ihm fremd, sie sagen ihm nichts. Wenn es sie gäbe, würde er selbst in der Hölle gar keine Aufnahme finden, weil er nicht hineinpasst. Er wäre zum Beispiel als Höllenwächter völlig ungeeignet. Er muss nicht überragend intelligent sein und hat vielleicht kein großartiges komplexes Wissen aufzuweisen. So steht er einfach da, lächelt und lebt sein natürliches Leben mit den anderen. Und jeder sieht: Er ist ein befreiter zufriedener Mensch.

Aber er hat ein umfassendes, tiefes Verständnis der Berge und der ganzen Erde; sie sind ihm vertraut und ans Herz gewachsen. Dōgen formuliert es folgendermaßen:

„Sein ganzer Juwel- und Steinkörper ist in hundert Teile und Stücke zersprungen.“ Er ist zur lebendigen Natürlichkeit erwacht.

Diese eigenartige Formulierung, die der Ausdrucksweise im Kapitel des Shobogenzo über den ewigen Spiegel ähnelt, bedeutet nach Nishijima Roshi, dass alle fantastischen, juwelenartigen, aber nicht wirklichen Bilder und Vorstellungen zersprungen sind, genauso wie die gewöhnlichen Abbildungen aus Steinen und Edelsteinen. Damit werden von Dōgen die täuschenden nur idealistischen und auch die vordergründigen materiellen Bereiche des Lebens überschritten.

Dôgen untersucht anschließend die Bedeutung des Namens eines Menschen. Er stellt fest, dass die üblichen Familiennamen, an die wir uns gewöhnt haben, bei der Entwicklung jenseits von Fixierung auf "Buddha" keine Bedeutung mehr haben. Man mag an diesen Namen hängen oder nicht, man hat sich vielleicht an sie gewöhnt, aber zur Frage des Standes jenseits von Buddha ist dies alles unwesentlich. Ob man seinen bürgerlichen Namen als Mönch weiterhin verwendet oder nicht, hält Dōgen für unwichtig. Man kann es tun, wenn es für die gute Kommunikation hilfreich ist. Manche Buddhisten hängen dagegen sehr an ihrem Dharma-Namen. Dōgen würde dies nicht unterstützen, es kann sogar gefährlich für die wahre eigene Entwicklung werden. Darauf sollten wir achten.

Man kann das Handeln jenseits des Zustandes von Buddha ganz von einem einzelnen individuellen Menschen loslösen und besser von einem Weg der Weiterentwicklung sprechen. Diesen Weg findet man vor allem durch die buddhistische Übungspraxis und die authentische Lehre. Letztlich kann der Weg nicht von einem Heiligen auf einen anderen übertragen werden. Dieser eigene Weg überschreitet die Möglichkeiten ihrer Weisheit und Heiligkeit des bestimmten Menschen.

In dem Zustand des Lebens und Handelns jenseits von "Buddha" gibt es keine Trennung mehr von Subjekt und Objekt, von außen und innen, von der „Spitze eines Stockes und der Sonne“ und dem Mond. Das ist die fruchtbare Wechselwirkung von Subjekt, Wahrnehmung, Denken und Objekt. Wie der große Meister Vasubandhu lehrte.

Ein anderer Meister sagte zu diesem Thema:

„Der weite Himmel behindert nicht das Dahin-Schwebens der weißen Wolken.“

Er versucht auf diese Weise mit einer poetischen Formulierung die Freiheit und Friedlichkeit des Handelns jenseits der Vorstellung von „Erleuchtung“ zu beschreiben. Behinderungen beim Handeln sind dann überwunden, und alles fügt sich harmonisch in den Gesamtzusammenhang ein. Dabei werden keine esinseitigen ehrgeizigen Ziele verfolgt, keine Positionen erkämpft oder verteidigt. Es wird nicht behauptet, dass man selbst den Buddhismus besser verstünde und in ihm tiefer verankert sei als jemand anders, sondern es ist dasselbe, als wenn weiße Wolken am Himmel dahin ziehen; Ego-Sucht und Ego-Stolz haben sich aufgelöst und hindern nicht mehr.

Dōgen erinnert an die älteren Meister des Zen-Buddhismus, die den Zustand der Entwicklung jenseits von Buddha noch nicht kannten und daher auch nicht lehren konnten. Er zitiert einen kundigen Meister, der zu seinen Mönchen in diesem Zusammenhang sagte:

„Wenn ihr die Augen und das Denken dieses Zustandes (jenseits von Buddha) habt, werdet ihr bei den religiösen Gruppen (in der Welt) das Falsche vom Wahren unterscheiden“

Dôgen sagt dazu: „Eine solche Wahrheit, der vom Meister ausdrückt wird, wurde aus der Vergangenheit von den Buddhas und Vorfahren im Dharma von Buddha-zu-Buddha und Meister-zu Meister übertragen. Er wird der Schatz des wahren Dharma-Auges und der feine Geist des Nirvana genannt. Obgleich er im Selbst möglich ist, mag es notwendig sein, ihn (durch authentische Praxis) zu kennen. Obgleich er im Selbst gegenwärtig sein kann, ist er noch nicht bekannt und aus der Verborgenheit befreit.“ Eine solche Erleuchtung kann sich weiter und wunderbar entfalten.

Dōgen bedauert, dass auch große Meister und Buddha das Handeln als Weiterentwicklung jenseits von Buddha nicht oder nicht klar genug erkannt hatten, und legt besonders großen Wert auf diesen Teil der Buddha-Lehre. Ein großer Buddha geht demnach immer weiter auf seinem Weg, er praktiziert, lehrt und bleibt nicht stehen und verharrt schon gar nicht in einer noch so angesehenen „spirituellen Position“. Dōgen sagt sogar:

„Dieser Punkt ist das wichtigste Auge des Lernens in der Praxis“.

Eine solche Weiterentwicklung umfasst den ganzen Menschen und damit auch seinen Körper. Sie erfasst nach Buddha alle Fünf Skandhas, die realen Komponenten des Menschen, und deren lebendige Wechselwirkung. Denn Erleuchtung und Buddha sind kein statischer Zustand und erschöpfen sich schon gar nicht im Begriff und der Vorstellung. Denn sie sind die ganze Fülle des Lebens. Und sie sind offen für Gegenwart und Zukunft!