Donnerstag, 28. Dezember 2017

Neu: Übersetzung und Kommentar. Die Präambel und Ouvertüre des Mittleren Weges

Mit Sanskrit-Basistext


(Aus meinem neuen Buch "Sternstunden des Buddhismus")

Hinführung
Die Präambel des MMK umreißt den Rahmen und ist Ausgangspunkt des Mittleren Weges. Es gab und gibt heftige Kontroversen über Inhalt und Bedeutung dieser ersten Verse. Was sind nun die wichtigen Aussagen und wie ist die Beziehung zum Gesamten dieses fulminanten Werkes? Und wird damit ein „neuer Buddhismus“ von Nagarjuna geschaffen, wie manchmal behauptet wurde?
Nach meinem Verständnis und vielen Jahren des intensiven Studiums meist zusammen mit meinem Lehrer Nishijima Roshi lenkt der Autor unseren Geist auf das große Anliegen Buddhas, uns von bisherigen Begrenzungen und Hemmnissen des Leidens gründlich zu befreien. 

Und er führt die Lebenspraxis mit klarer Vernunft auf Neuland des Lebens: das Erwachen zur psychisch-geistigen Klarheit, zu neuem Handlungspotential, zu neuer Lebensfreude und zur Erleuchtung. Dieses für Buddha dringende Anliegen ist in hohem Maße emanzipatorisch und therapeutisch. Auf dem eröffneten Mittleren Weg können wir bisheriges Leiden überwinden und ein neues Leben mit Freude, innerer Ruhe und im Gleichgewicht führen. Das setzt große neue Kräfte frei und gibt Impulse in die weitere gute Entwicklung von Körper, Geist und Gefühlen.
Als zentrale Verursachung für ein ungutes Leben werden von Nagarjuna die Fixierung auf erstarrte Ideologien und die Abhängigkeit von Gier, Hass, Aggression, Unwissenheit, schwere Defizite der Vernunft und mangelnde Selbststeuerung erkannt und mit philosophischer Präzision untersucht.

Welches ist nun der Weg, den wir zu diesem neuen Leben einschlagen sollten und mit zunehmender Ruhe und mit wachsendem Selbstvertrauen gehen, also mit robuster Selbst-Wirksamkeit? Nagarjunas will m. E. für den authentischen Buddhismus eine belastbare Grundlage und Klarheit zurückgewinnen und gleichzeitig die seit Buddha entstandene positive Entwicklung in Indien integrieren und vital weiterführen. Aber er will auch und gerade die eingetretenen Fehl-Entwicklungen und philosophischen Verwirrungen dingfest machen, einkreisen und einer wirklich radikalen kritischen Analyse unterziehen. Damit gewinnt der Buddhismus neue Klarheit und Dynamik, und das gilt auch und gerade für die buddhistische Gegenwart des Westens. 

Das gelingt ihm ohne Zweifel dank seines brillanten, trainierten und messerscharfen Verstandes ganz ausgezeichnet wie kaum einem anderen Denker vor und nach ihm. Aber seine Texte sind nicht einfach zu verstehen, sie waren und sind vielfältigen Missverständnissen ausgesetzt. Die Präambel des Mittleren Weges, MMK, stößt m. E. das Tor für die wirksame Verbreitung der authentischen buddhistischen Lehre gerade für die Moderne im Westen auf, sie ist die Ouvertüre des Mittleren Weges. Und dass MMK ist der zentrale Basistext der chinesischen Chan- und japanischen Zen- Buddhismus sowie des tibetischen Buddhismus.Oder im Umkehrschluss: Ohne das MMK sind diese späteren Entwicklungen nur schwer zu verstehen.

Im ersten Teil der Präambel werden zu unserem Erstaunen acht zentrale buddhistische Begriffe z. B.  Entstehen und Vergehen negiert, nämlich „nicht Entstehen“ und „nicht zur Ruhe kommen“. Denn Entstehen und Vergehen sind im Buddhismus als Veränderung-Prozesse von zentraler Bedeutung für die Überwindung des Leidens und die Befreiung also Erleuchtung. Damit fordert der Autor uns auf, die erstarrten, eventuell nur oberflächlich oder sogar falsch verstandenen und vor allem doktrinären Vorstellungen in Frage zu stellen. Sie sind nicht selten dogmatisch verhärtet und zu Worthülsen oder sogar zum inhaltlichen Gegenteil degeneriert. Zum Teil widersprechen sie dem Buddha-Dharma  daher fundamental und beschreiben irreführende Doktrinen, die menschliche Emanzipationen und Befreiung gerade verhindern und ideologisch blockieren. 

Wenn jeder Fundamentalismus bei den obigen Begriffen überwunden wird, kann allerdings durch den dialektischen Zusammenhang dieser negativen Begriffe mit ihren positiven Bedeutungen  methodisch deren gefährliche Einseitigkeit überwunden werden. Dann kann sogar eine innere Dynamik und Erweiterung der semantischen Felder in Gang gesetzt werden.[1] Aber die absoluten und fundamentalistischen Verhärtungen sind die Hauptgefahr auch im Buddhismus. Das gilt für den erstarrten Substantialismus und den in sich widersprüchlichen Momentanismus, der nicht mit der vitalen Augenblicklichkeit des Zen verwechselt werden darf.

Leider waren nach Buddha sektiererische Gruppen entstanden, die den authentischen Buddhismus entstellten und sogar vor-buddhistische, spekulativ-metaphysische, dogmatische und absolutistische Ideologien wieder belebten: Vor allem die indische spirituelle Sehnsucht nach einer Philosophie der Ewigkeit, Unveränderlichkeit und Auflösung des Selbst im Einheits-Ozean des Nirvana waren sicher maßgebliche treibende Kräfte. Das gilt für den vorbuddhistischen Brahmanismus mit seinem schreienden Unrecht des Kastensystems, das göttlich, religiös und theologisch sanktioniert worden war. Dagegen stellt Nagarjuna seine profunde Analyse.

Wie lautet nun die zentrale positive Botschaft der Präambel des MMK? Die Wirklichkeit der Welt und des Lebens können durch das „wechselwirkende gemeinsame Entstehen, pratitya samutpada“, treffend verstanden und bezeichnet werden und gerade nicht durch verschiedene metaphysische absolute Doktrinen. Diese dynamische Wechselwirkung von Strukturen und Prozessen ist die wirklich belastbare Grundlage für unseren eigenen Weg der Befreiung, Emanzipation, Weiterentwicklung und des Erwachens. Ein solches Verständnis der Wirklichkeit hat eine erstaunlich große Übereinstimmung mit den Ergebnissen der neuesten Gehirnforschung und Öko-Systemforschung. 

Bisher wurde als Übersetzung von pratitya samutpada in allen 14 wichtigen und mir zur Verfügung stehenden Fassungen  der verkürzte Begriff „abhängiges Entstehen“ (dependent arising/origination) verwendet, den ich jedoch nicht wirklich überzeugend finde. Er ist m. E. ungenau, weil die Wechselwirkung und Vernetzung nicht klar zum Ausdruck kommt. Auch in der übrigen buddhistischen Literatur überwiegt der Begriff abhängige Entstehen. Eine Ausnahme macht die Arbeit von Joanna Macy, die die Rückkoppelung im Sinne der Kybernetik erwähnt, allerdings keinen direkten Bezug zum MMK herstellt. 

Wissenschaftlich betrachtet sind die wichtigen Prozesse in der Natur nicht-linear eben durch die Rückkoppelung und Vernetzung. Daher sind lineare Begriffe wie abhängiges Entstehen oder bedingtes Entstehen m. E. nicht wirklich geeignet, um Klarheit für die Überwindung des Leidens und die Befreiung zur Erleuchtung zu erlangen. Ich bin fest überzeugt, dass Buddha diesen Zusammenhang mit intuitiver Klarheit erkannt hat und dass dieses Wissen in der Folge außer bei Nagarjuna leider weitgehend verloren gegangen ist. Durch die wissenschaftlichen Fortschritte nicht zuletzt der Gehirnforschung haben wir neue Möglichkeiten, die geniale Lehre Buddhas besser zu verstehen und für unsere Weiterentwicklung zu nutzen: Je stärker die Wechselwirkungen im neuronalen Netz unseres Gehirns ist, desto höher und integrativer sind die Leistungen des Geistes, der Ethik, der Emotionen, des sensomotorischen Systems usw.. Und desto weniger benötigen wie verzerrende und grob vereinfachende Ideologien und Doktrinen zum Leben.

Die Bedeutung des gemeinsamen Entstehens in Wechselwirkung entspricht im übrigen in markanter Weise der allgemeinen Systemtheorie von Niklas Luhmann und geht über die damalige Kybernetik weit hinaus. Aber das MMK erschöpft sich selbstverständlich nicht mit der Systemtheorie.

Und weiter: Durch unsere eigene Einwirkung („Wirk-Kraft“) im Geist und im Handeln, also durch gewollte und bewusste Veränderungen, erreichen wir das „gemeinsames Gelingen des Lebens in Wechsel-Wirkung“. Damit wirken wir auf die Selbststeuerungen aktiv ein. Das ist ohne Zweifel ein zentraler Schlüssel des Buddhismus, denn damit gelingt ein gutes Leben.

In unserem Leben entstehen vielfache wegführende Fehlentwicklungen Sackgassen und Verirrungen, die nach Buddha und Nagarjuna durch die buddhistische Lehre und Praxis zur Ruhe kommen. Dann hemmen und verwirren sie uns nicht mehr auf dem Mittleren Weg, der kraftvollen  Wirkung des Buddhismus, sodass unser fast unbegrenztes menschliches Potential entwickelt und genutzt werden kann, ein Potential das sonst wohl vergeudet würde. Der große Padmasambhava bezeichnet dies als unsere unaufhörliche, sich immer weiterentwickelnde schöpferische Fähigkeit.[2]

Nach meinem Verständnis gibt es in der Präambel zwei Schlüsselbegriffe, die fundamentale Bedeutung haben und auch in das große Werk des MMK einführen:
Wechsel-wirkendes gemeinsames Entstehen“ als konstruktive positive Aussage der buddhistischen Befreiung und „wegführende Fehlentwicklungen“ durch Doktrinen, Dogmen und Ideologien als Hemmnisse und Erstarrung. Die ersten acht Negationen betreffen die falschen Doktrinen, die im Sinne Nagarjunas als nicht-leer und damit irreal bezeichnet werden müssen. Diese Auffassung wird auch von David J. Kalupahana[3]  vertreten.

Wechselwirkung ist für alles Lebendige der Welt typisch und charakteristisch; eine Beschreibung als eindimensionales unidirektionalesabhängiges Entstehen“ ist zwar nicht ganz falsch, verengt aber die Semantik und erschwert das Verständnis des MMK nachhaltig. M. E. wird mit diesem Paradigmenwechsel die Verständlichkeit, Klarheit und Wirkkraft des MMK gegenüber dessen vorliegenden "klassischen" Literatur deutlich verbessert. Gleichzeitig wird damit der Anschluss zur Gehirnforschung, Öko-Systemforschung und allgemeinen Systemtheorie hergestellt, ohne allerdings zu behaupten, dass sich das MMK auf diese neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse beschränken lässt.

Vers 1
anirodham anutpādam anucchedam aśāśvatam /
anekārtham anānārtham anāgamam anirgamam //

(Buddha zeigte)
Nicht-zur-Ruhe-Kommen, Nicht-Entstehen,
Nicht-Abschneiden, Nicht-Dauerhaftigkeit,
nicht einen Zweck habend, nicht viele verschiedene Zwecke habend,
Nicht-Ankunft, Nicht-Fortgehen.
(als nicht richtige Doktrinen isolierter unveränderlicher Entitäten)

Das sind die irreführenden Doktrinen und Ideologien, die Buddha als solche aufzeigte. Diese acht Begriffe werden im MMK einer gründlichen Analyse und De-Konstruktion unterzogen. Sie sind nach Nagarjuna falsche Doktrinen der Fehlentwicklungen, soweit sie als absolutistische Wahrheiten verstanden werden. Sie sind unwahr und nicht leer, weil sie der erfahrbaren Wirklichkeit widersprechen. Die obigen Zeilen kennzeichnen vier falsche Doktrinen. :

1. Es gibt dann keine Veränderungen und Prozesse, sondern getrennte substantialistische Entitäten.
Alles ist unveränderlich, ewig und statisch. Das Seiende und das Sein sind in diesem Sinne ebenfalls unveränderlich und ewig. Das ist die falsche Ideologie des Substantialismus, einer absoluten unveränderlichen und innewohnenden Substanz.
2. Es gibt dann das angebliche Beenden und Abschneiden von absoluten und zeitlich isolierten Ereignissen ohne Folgewirkungen und Verbindungen. Das ist der zeitliche Momentanismus. Das Abschneiden führt ins Nichts. Dann gibt es keine ethische Verantwortung für das eigenen Handeln.
3. Dies ist die falsche Ideologie der absoluten Identität und absoluten Differenz, ohne jede Wechsel-Wirkung. Das bedeutet irrealer Dualismus und die Dichotomie als etwas Absolutes, also die totale Identität und Differenz. Beide Begriffe und Semantiken sind Extreme und damit nach Buddha unwirklich und irreführend.
4. Es gibt dann keine zusammenhängenden Prozesse. Dann gibt es keine Verbindung von Anfang und Ende eines Prozesses, sondern isolierte zeitliche Entitäten von Ankunft und Fortgehen.
Vermutlich wird noch ein andere Irrtum angesprochen: Buddha sagte, dass der Ur-Anfang und das endgültige Ende der Welt und des Lebens nicht erfassbar sind. Das wurde später fälschlich so verstanden, dass es nach Buddha keinen Anfang und kein Ende gäbe.

Vers 2
yaḥ pratītya-samutpādaṃ prapañcopaśamaṃ śivam /
deśayāmāsa saṃbuddhas taṃ vande vadatāṃ varam //

Buddha, der vollkommen Erwachte, zeigte das  wechsel-wirkende gemeinsame Entstehen und den Mittleren Weg. 
Er zeigte damit das beglückende Aufhören der wegführenden Fehlentwicklungen und Verwirrungen.
Ihn, den besten der Sprechenden und Lehrenden, verehre ich.

Ergebnis:
Nach verschiedenen Falsifizierungen von Doktrinen durch die obigen acht Negationen für die Dharmas, das sind die Dinge, Phänomen und Prozesse als "Elemente" der Welt, wird im zweiten Vers die Ganzheit des Menschen analysiert. Dabei wird der direkter Bezug auf die lebenden Wechselwirkungen und deren Faktoren als das rechte Verständnis genommen.


Besonders der Begriff Entstehen wird im ersten und zweiten Vers zum Schlüssel des Verständnisses des MMK: Im ersten Vers wird das Nicht-Entstehen (an-utpāda) als falsche Doktrin von isolierten Entitäten oder behaupteten ewigen Substanzen genannt. Dann kann es gar kein wahres Entstehen geben. Diese Doktrin ermöglicht bei genauer Analyse keine Veränderung, Befreiung und Emanzipation und widerspricht damit fundamental der Kernlehre des Buddha. Im zweiten Vers heißt es gemeinsames Entstehen (samutpāda), also Co-Entstehen und Verändern in Wechselwirkung. Nur mit diesem Verständnis kann die fortlaufenden Veränderung in der vernetzten Dynamik des Lebens und der Welt und damit die neue Lehre Buddhas sinnvoll erfasst werden. Nur so machen die Vier Edlen Wahrheiten, der Achtfache Pfad und die Befreiung in 12 kausal verknüpften Phasen Sinn.

Im Folgenden des MMK wird der Begriff der Leerheit als Bezeichnung für das gemeinsame Entstehen in Wechselwirkung eingeführt. Gerade das Verständnis der Leerheit stiftet oft tief greifend Verwirrungen, wird aber im MMK präzise geklärt.

Die Leerheit hat verkürzt folgende Bedeutung: Sie ist die Bezeichnung der Wirklichkeit ohne Mystifizierungen, doktrinäre Verzerrungen, ohne Gier, Hass und Verblendung, ohne leidenschaftliche Abhängigkeiten und mit funktionierender Selbst-Steuerung und Selbst-Kontrolle. In diesem Sinne ist die Semantik Leerheit  eng verwandt mit Reinheit und damit Befreiung. Das ist die Grundlage des ethischen Handelns und ist die dynamische „Wirklichkeit wie sie wirklich ist und sich fortlaufend verändert“. Philosophisch gilt: Das ist die Wirklichkeit ohne die Doktrin einer innewohnenden, unsichtbare und unveränderlichen Substanz (Substantialismus, âtman und svabhâva). Die Wirklichkeit ist also leer und "rein" von solchen unsichtbaren ewigen und absoluten substantialistischen Entitäten. Leerheit bedeutet aber gerade nicht Nihilismus und ist kein Nichts.

Die Dynamik der Wirklichkeit ist durch Entstehen, Vergehen, Veränderungen usw. gekennzeichnet. Diese Veränderungen sind Voraussetzungen sowohl für die Überwindung des Leidens als auch die Befreiung, Weiterentwicklung, Emanzipation und Erleuchtung des Menschen.

Die Vernetzung und Wechselwirkung der Prozesse und Strukturen der Wirklichkeit sind weiterhin wichtig. In der Wirklichkeit können wir keine Isolation, keine totale Unabhängigkeit und kein Entstehen ohne Wechselwirkung und kein Entstehen nur aus sich selbst heraus erkennen. Dabei ist die Interaktion in der Vernetzung des Ganzen von zentraler Bedeutung. Wirklichkeit ist durch Veränderung gekennzeichnet.

Bedeutsam ist die konsequente Vermeidung von gedachten oder geglaubten Extremen auf dem Mittleren Weg. Wie brauchen Klarheit über die Möglichkeiten und die Grenzen von Verzerrungen auch der Sprache und der Vernunft :„Weisheit jenseits des Intellekts“. Dazu gehört auch die Überwindung einer angeblich „gelehrten“ Scholastik und der mathematischen Logik, vor allem des simplen ausschließenden „Entweder-Oder und der Identität“ (ausgeschlossenes Drittes nach Aristoteles).

Ohne die wirkliche Bedeutung der Leerheit nach Nagarjuna ist es m. E. sehr schwer, das MMK und die weitere Entwicklung des Buddhismus zu verstehen.

Im ersten Teil werden acht Negationen von zentralen buddhistischen Begriffen aufgeführt. M. E. kann es allerdings auch sinnvoll sein, sie mit ihren jeweiligen positiven Begriffen zu verbinden, um den vollen Umfang der Bedeutungen zu erkennen. Das entspricht der Dialektik, aber nicht den Extremen des Absolutismus. Die Präambel bezeichnet die Negationen der absoluten unabhängigen und dogmatischen Bedeutungen der Begriffe. Damit ergibt sich zusätzlich ein erweiteter Bedeutungsumfang, der philosophisch durch die Verbindung von dialektischen negativen und positiven Formulierungen erreicht wird.

Die zentrale Stoßrichtung Nagarjunas trifft alle absolutistischen Begriffe und extremen Semantiken des Buddha-Dharma! Daraus ergibt sich das rechte Verständnis der Leerheit, die große Bedeutung für den späteren Buddhismus des Madyamika und Mahayana hat. Falsch verstandene Deutungen der Leerheit haben sicher dazu beigetragen, dass Nagarjuna als Nihilist abgewertet wurde oder ihm ein Weltbild von statisches Entitäten unterstellt wurde. Das wäre aber eine radikale Kehrtwendung des authentischen Buddha-Dharma.






[1] Hegel: Phänomenologie des Geistes
[2] Guenther: Wirbelndes Licht
[3] Kalupahana, David, J.: Nâgârjuna,The Philosophy of the Middle Way, S. 102

Donnerstag, 21. Dezember 2017

Rad und Nabe des Dao: Dynamik des Lebens oder falsche Leerheit?



Für diesen nicht leicht verständliche Text bitte ich um Nachsicht. Ich bin allerdings davon überzeugt, das es sich lohnt, ihn zu analysieren. Besonders lohnend für Experten!

Der Chan-Buddhismus im China der Tang-Zeit hat sich auf der Grundlage der großen Philosophie des Dao De Jing entwickeln können: Zwei epochale Kulturströmungen sind sich im China ab dem vierten Jahrhundert begegnet und in außerordentlich fruchtbare Wechselwirkungen eingetreten. Diese Entwicklungen hält nicht zuletzt durch die Werke Dogens im Zen bis heute an und hat den Westen nunmehr voll erreicht.

Der Einfluss des Mittleren Weges von Nagarjuna, ein Höhepunkt buddhistischer Philosophie, ist im Chan-Buddhismus unverkennbar und für mich auch bei Dogen markant. Vereinfacht kann man sagen, dass sich die z. T. metaphysischen und rational schwer fassbaren tiefen und poetischen Weisheiten des Daoismus mit der pragmatischen und präzisen Philosophie des Buddhismus verbunden haben: Ein kraftvoller ja explosiver neuer Kulturstrom auf der Suche nach Wahrheit und Wirklichkeit für die Befreiung des Menschen. Der Chan und der Zen haben immer die Bodenhaftung des realen Lebens bewahrt:

"Erleuchtung ist Feuerholz tragen und Wasser schöpfen".

Das ist die Alltags-Erleuchtung, die wir im Zeitalter überbordenden digitaler virtueller Schein-Wirklichkeiten und allgegenwärtiger fake news dringend benötigen. Was ist wirkungsvoller gegen Stress, Daddeln im Netz und unsinniges Multitasking als die Meditation des Zazen, die Kunst des Bogenschießens, die Bambus-Meditationsflöte Shakuhachi oder andere Zen-Künste?

Zum Dao De Jing, im Kapitel 11 heißt es:

"Dreißig Speichen umringen die Nabe,
wo nichts ist,
liegt der Nutzen des Rades[1]"

Die Formulierung "wo nichts ist" wird meist als das Nichts oder auch als Leerheit, interpretiert. So schreibt der bekannte Psychotherapeut und Zen-Lehrer Graf Dürckheim, dass er beim Lesen dieser Zeilen des Nichts und der Leerheit die Erleuchtung erlangt habe. Aber um welche Leerheit handelt es sich eigentlich? Was schreibt dazu der große buddhistische Meister Nagarjuna in seinem berühmten epochalen Werk des Mittleren Weges (MMK) zur Leerheit? Denn zweifellos ist er der wichtigste Autor zur Leerheit und darf bei deren Interpretation auf keinen Fall beiseite gelassen werden.

Ich möchte daher die Untersuchung der obigen Zeilen des Dao mit dem Verständnis Nagarjunas vornehmen, gewissermaßen den Philosophen Lao-tzi mit den Auge und dem Geist des  Buddhisten Nagarjuna lesen. Es ist m. E. kaum anders möglich, den frühen Chan-Buddhismus auf diese Weise zu interpretieren.
Im Mittleren Weg (MMK) heißt es:

Die Leerheit ist die Bezeichnung des gemeinsamen Entstehens in Wechselwirkung (pratitya samutpada).[2]

Diese Wechselwirkung sei das Reale, wenn es ohne wegführende Verwirrungen und Doktrinen verstanden und erfahren werde. Dabei ist die Doktrin des Substantivismus besonders irreführend, denn sie behauptet eine meist unsichtbare Substanz, die ewig und unveränderlich sei. Das ist eine fatale Verdrehung des authentischen Buddhismus, der sagt: Alles wandelt und verändert sich, es entsteht und vergeht. Dieser Aussage folge ich.

Die Doktrin des Substantivismus basiert auf der Behauptung der absoluten Existenz oder Nicht-Existenz oder dem Nichts. Das ist aber gerade nicht die Leerheit Nagarjunas, sondern wird von ihm konsequent destruiert. Die Leerheit ist damit das Wirkliche. Im Gegensatz dazu ist die Nicht-Leerheit genau Fiktion und Täuschung. Das klingt sicher gewöhnungsbedürftig. Leerheit bedeutet: Ohne die Fiktion oder Doktrin einer metaphysischen inneren ewigen und unveränderlichen Substanz, die im übrigen alle Befreiungs- und Emanzipations-Prozesse des Menschen unmöglich machen würde.

Der Sinn und Nutzen des Wagens ist Bewegung und Transport von Menschen und Waren. Er benötigt als Ganzheit mindestens zwei sich drehende Räder, nur dann ist er real und damit leer. Die Räder sitzen mit ihrer Nabe auf der Achse, Nabe und Achse sind leer also real, wenn sie ordentlich verbunden sind und funktionieren.
Ein Rad als getrennte und abmontierte Entität macht keine Sinn, es ist funktionslos und nicht-leer und damit nicht real. Es existiert dann als nicht-leeres materielles Ding oder als nicht-leere Idee. Ein sich nicht drehendes Rad gibt es also nach Definition und Funktion in der Wirklichkeit nicht, so wenig wie es einen nicht gehenden Geher gibt[3]

Der sich bewegende Wagen mit sich drehenden Rädern ist gleichzeitig Metapher der Befreiung und Emanzipation des Menschen. Ein stehender Wagen bedeutet Stillstand der Befreiung. Ein einzelnes abmontiertes Rad bedeutet Destruktion, Vereinzelung, Sinnlosigkeit, Funktionslosigkeit, fehlende Dynamik und Leblosigkeit des Menschen. Das Rad kann sich vorwärts bewegen, aber nur wenn es Teil des fahrenden Wagens ist. Es ist sinnlos darüber zu spekulieren, was des Wesen oder die ewige Substanz eines abmontierten Rades sei. Buddha würde eine solche statische Ding-Metaphorik schlicht unbearbeitet beiseite lassen.

Die gleiche Argumentation gilt im Kapitel 11 des Dao-te-king für einen Topf ohne Benutzung und Inhalt und für ein Haus ohne Türen und Fenster, da es nicht benutzbar zum Leben und ohne Sinn ist.

Zu Kap. 40 des Dao-te-king:
Dieses offensichtlich zentrale Kapitel betrifft aus meiner Sicht zugleich das Werden als Bewegung, Dynamik und Leben (z. B. neuronales Netz des Gehirns und Ökosysteme) als auch das Gleichgewicht von Sein und Seiendem der Dinge und Phänomene. Diesen beiden Aspekte sind auch sinnvoll, um die unendliche niemals erfassbare Komplexität der Welt "handhabbar" zu machen, also sinnvoll zu reduzieren.

Die Philosophie des Seins und Seiendes, auch wenn man versucht sie existentiell "aufzuladen", bringt allein ohne die Veränderung des Werdens dabei nicht viel. Ohne den Ansatz des Werdens kommt man nicht weiter. Das ist auch die Bedeutung der rückgekoppelten Prozesse von pratitya samutpada, also der Leerheit der Wechselwirkung. Leerheit ist also nicht zuletzt durch die Freiheit des Entstehens und Werdens gekennzeichnet, und d. h. gleichzeitig das "Ohne-Sein" des Zen von Gier, Hass und Verblendung durch Ideologien und andere Extreme.

Den Zustand des Seienden und Seins nach westlicher Philosophie gibt es m. E. in einem Augenblick der dynamischen Vernetzung. Das Sein kann daher in der Wirklichkeit nicht ewig sein, es kann nur als absolute Idee des Menschen ewig sein. Die unendliche Komplexität bleibt Geheimnis, weil sie kein Mensch vollständig erfassen kann. Wer das anerkennt, kann freier leben. Und niemand ist allwissend, auch und gerade nicht der Mensch Buddha.

Dao als Gesetz oder Wahrheit der Welt hat also die Qualität von Sein-Werden. Ein isoliertes Sein oder Nicht-Sein kann nicht beobachtet werden. Die Semantik von statischem Sein und Nicht-Sein, insbesondere in Form von Absolutheit , bringt daher wenig für unser Welt-Verständnis und unsere Emanzipation. Darüber hinaus kann allerdings sinnvoll das Nicht-Sein und Nicht-Seiendes nur als Veränderung und Dynamik verstanden werden, nämlich nicht die Sichtweise des Statischen. Dynamik hat dabei Priorität, weil sich alles andauernd verändert und nichts statisch ist. Wir können in den Flow kommen und uns dabei gründlich verändern: Das ist die menschliche Transformation im Buddhismus.

Diese Fakten werden besonders klar beim neuronalen Netz, unseres Organs das Geistes: Es verändert sich ohne Unterbrechung und bildet und verändert laufen Synapsen und Nervenfasern, es ist niemals statisch und unverändert. Es gibt auch keine unveränderlich gespeicherten Infos im Gehirn, so sehr das ein alter Menschheits-Traum sein mag.

Werden und Sein sind zwei "Gesichter" der wirklichen Welt und bedingen sich wechselseitig. Es gibt kein Sein ohne Werden und kein Werden ohne Sein.

Damit kann Kap. 40 des Dao-te-king relativ leicht entschlüsselt werden:
Aus dem Werden, der Dynamik, also der Nicht-Statik, dem Nicht-Sein entsteht der Zustand des stabilen Seins und umgekehrt. Dies ist ein fortlaufender rückgekoppelter und vernetzter Prozess. Diese Seiende des Seins lässt alle Dinge und Phänomene erscheinen.

Eine solche Bewegung des Dao kann als Rückkehr und Rückkoppelung verstanden werden. Da diese Prozesse und Zustände natürlich sind, benötigen sie keine zusätzlichen antreibenden Kräfte, Insofern sind sie schwach und im Gleichgewicht.

Insgesamt erscheint mir manches beim Dao, soweit ich es verstehe, mythisch, philosophisch sprunghaft und vor-vernünftig aber von tiefer Poesie. Es bedurfte daher einer deutliche Fundierung durch den vernünftigen Buddhismus, um Chan und Zen zu entwickeln. Dazu eignet sich m. E. besonders der frühe Buddhismus und Madyamika des Mittleren Weges.





[1] Lao.tse: Tao-te-king, Übersetzung Schwarz, Ernst, Kösel-Verlag,1995
[2] Nagarjuna: Mittlerer Weg, Kap. 24.18 u. 19
[3]Nagarjuna: Mittlerer Weg, Kap. 2