Freitag, 6. Oktober 2017

Buddhistische Dynamik des Meisters Nagarjuna


Im fundamental wichtigen siebten Kapitel des MMK des großen indischen Meisters geht es um die Dynamik des Lebens und der Welt. Denn ohne dynamische Prozesse gibt es keine Überwindung des Leidens, keine Weiterentwicklung auf dem Achtfachen Pfad und auch keine Alltags-Erleuchtung, also nach Zen-Meister Dogen: "Erleuchtung ist Feuerholz tragen und Wasser schöpfen". Eine dogmatische oder gar fundamentalistische Welt-Anschauung führt unweigerlich in menschliche Erstarrung, Resignation und Leiden. Das ist die Botschaft Buddhas.

Wie kann man aber dieses Kapitel hoher Präzision und philosophischer Stringenz entschlüsseln? Zeigen die dramatischen buddhistischen Skandale und Fehlentwicklungen der letzten Zeit um Sogyal Rinpoche und Dorin Renpo nicht überdeutlich, dass diese "Lehrer" sich die authentischen Basistexte nicht richtig erarbeitet und nicht richtig verstanden haben? Und genau dort möchten wir ansetzen: Hören-Sagen, Da-gibt-es-Was und "bizarrer Selbst-Buddhismus des Missbrauchs" reichen nun wirklich nicht mehr aus. Wir müssen an die sicheren Quellen herankommen und hier genau kommt dieser zentrale Teil des Mittleren Weges zum Zuge.

Dieses Kapitel des MMK ist sehr umfangreich und detailliert. Es ist daher sicher für die Philosophie und Praxis Nagarjunas von fundamentaler Bedeutung. Wie analysiert er die wichtigen Probleme von Entstehen, Andauern und Vergehen für alle relevanten menschlichen Prozesse und deren Abgrenzung zu Statik, Stillstand und Erstarrung? Und was verbindet diese drei Merkmale bei einem beobachtbaren und phänomenologisch erfassbaren Prozess.? Wie können Fehlentwicklungen durch verzerrte und fundamentalistische Doktrinen erkannt, vermieden und korrigiert werden?

Recht umfangreich ist dazu auch das zweite Kapitel des MMK über den Prozess des Gehens und der Bewegung für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Denn ein Geher auf dem buddhistischen Weg, der sich einbildet zu gehen, aber in Wirklichkeit steht oder liegt, ist kein Geher. Kennen Sie so jemanden?

Auch in diesem Kapitel geht es um die Veränderungen: Entstehen, Andauern und Vergehen bei prozesshaften Entwicklungen. Damit zielt Nagarjuna auf die zentralen Lehren Buddhas: die Vier Edlen Wahrheiten des Leidens und dessen Entstehen und Aufhebung sowie den Achtfacher Pfad in der Praxis unseres Lebens.

In Buddhas sutta „Grundlagen der Achtsamkeit“ heißt es zur Achtsamkeit wiederholt, dass wir das Entstehen, Andauern und Vergehen von Gedanken und Gefühlen genau beobachten und analysieren sollen[1]. Dort wird zum Bereich des Erwachens gesagt:

„Da erkennt ein Mönch, wenn in ihm das Glied des Erwachens der Achtsamkeit, da ist. In mir ist das Glied des Erwachens der Achtsamkeit da.“

Zur Umkehrung wird gesagt, wann die Achtsamkeit nicht da ist. Wie entsteht nun die Achtsamkeit des Erwachens? Wir erkennen, dass das noch
unentstandene Glied des Erwachens, der Achtsamkeit, entsteht.“
Schließlich heißt es, dass diese Achtsamkeit als Teil des Erwachens
„sich völlig entfaltet, auch das erkennt er“.

Zur Freude als Teil des Erwachens heißt es:
„Da erkennt ein Mönch, wenn in ihm das Glied des Erwachens der Freude da ist“ Und weiter wie wir erkennen, dass das noch “unentstandene Glied des Erwachens Freude entsteht und sich völlig entfaltet, auch das erkennt er“.

Über den Prozess der Selbsterkenntnis, der am Anfang des Weges steht, auf dem man die Hemmnisse des Erwachens überwindet, wiederholt Buddha:

„Geistige Gegebenheiten sind da, so ist seine Achtsamkeit gegenwärtig, soweit sie eben dem Wissen dient, soweit es der Achtsamkeit dient. Unabhängig lebt er, und er haftet an nichts in der Welt.“

Buddha beschreibt auf diese Weise u. a. die sieben Glieder der Erleuchtung und die fünf Hemmnisse auf dem Weg des Erwachens. Bei den Hemmnissen geht es natürlich vor allem darum, dass sie klar erkannt werden und wie sie vergehen.

Bei uns entstehen leider immer wieder unreflektiert Affekte, extreme Gefühle, Erregungen und bohrende Gedanken. Wir werden durch sie dann nicht fixiert, wenn sie durch die buddhistische Praxis erkannt werden und wenn sie also vergehen. Hierbei handelt es sich grundsätzlich um ein zeitliches und verbundenes Nacheinander, das vereinfachend in die drei Bereiche Entstehen, Bestehen und Da-Sein sowie Vergehen gegliedert werden kann. Dabei muss nach Nagarjuna beachtet werden, dass es sich in der beobachtbaren Wirklichkeit nicht um getrennte und isolierte Abschnitte oder Entitäten handelt, sondern dass ein kontinuierlicher Zusammenhang besteht.

Da der Buddhismus den prozesshaften Veränderungen als Entstehen und Vergehen beim Menschen zentrale Bedeutung gibt, leuchtet es ein, dass diese Frage sehr genau untersucht werden muss, um Fehlinterpretationen, substanzhafte falsche Doktrinen und falsche Verdinglichungen zu vermeiden.

Die Präambel des MMK spricht vom Prozess des gemeinsamen Entstehens in der Wirklichkeit, dessen Verständnis, wie „wegführende Fehlentwicklungen“ zur Ruhe kommen können.

Es ist in der Geschichte des Buddhismus leider nicht ausgeblieben, dass tief greifende Missverständnisse und Irrlehren entstanden sind, die in diesem Kapitel von Nagarjuna radikal destruiert und richtig gestellt werden: Vor Allem falsifiziert er unveränderliche abgegrenzte Dharmas mit ebenfalls unveränderlichen abgegrenzten Merkmalen des Entstehens, Andauerns und Vergehens. Dabei werden also sogar diese Merkmale als eigenständige isolierte Entitäten verstanden, sie haben Ähnlichkeiten mit isolierten Atome der Welt.

Es leuchtet ein, dass dann menschliche Entwicklungs-Prozesse der Überwindung des Leidens und der Emanzipation zur Erleuchtung nicht sinnvoll erklärt werden können. Und damit sind wir beim Thema dieses Kapitels für Prozesse der Veränderung.

Die Semantik der Dharmas ist für uns westliche Menschen nicht einfach zu verstehen. Eine direkte Übersetzung ist „Dinge und Phänomene“, die Nishijima Roshi gern verwendete. Dabei benennen die Dinge eher einen statischen Aspekt, während Phänomene nicht zuletzt prozesshafte Eigenschaften haben.

Durch die Kombination und Zusammenfügen dieser Dharmas solle die Vielfalt Welt entstehen, dies charakterisiert gleichzeitig die vorbuddhistische Philosophie in Indien. Wie wir heute allerdings wissen, ist diese Annahme physikalisch und chemisch nicht einmal für Atome haltbar, da im subatomaren Bereich weitere Teilungsmöglichkeiten möglich sind. Wie viel weniger ist eine solche Doktrin für lebende Prozesse der Wechselwirkung haltbar.

Bei Buddha geht es hauptsächlich um Veränderungs-Prozesse, so dass das Modell unteilbarer kleiner Einheiten und Atome nicht sinnvoll ist. Denn dann könnten Veränderungen und positive Entwicklungen nicht angemessen erklärt werden.

Für den Menschen, der nach buddhistischer Vorstellung aus fünf Komponenten (skandhas) besteht und keine isolierte Ich-Substanz oder -Essenz im Sinne der alten vorbuddhistischen Lehre des âtman hat, gilt es die Möglichkeiten zu nutzen, um Erstarrungen und Vorurteile zu überwinden, die eine Weiterentwicklung erschweren oder gänzlich unmöglich machen.

Nâgârjuna behandelt in diesem Kapitel m. E. in besonders präziser Weise eine solche unbrauchbare Weltanschauung von unveränderlichen Entitäten für Merkmale, die im Gegensatz zu Prozessen und zeitlichen Verläufen stehen. Dazu gehören die Doktrin der unveränderlichen Substanz der Dharmas der Sarvastivadins und die Doktrin der zeitlich total isolierten Ereignisse der Sautrantika. Diese sollen aus dem Nichts plötzlich entstehen und dann genau so plötzlich wieder verschwinden. Auch eine solche Doktrin von Entstehen und Vergehen ist nach Nagarjuna fundamental falsch.

Ein markantes Beispiel für Entstehen, Andauern und Vergehen ist der menschliche Dialog zu einem bestimmten Thema. Er entsteht durch den Beginn des Gesprächs, dauert eine Zeit lang an und ist dabei mehr oder minder fruchtbar, kreativ und läuft dann aus, zum Beispiel wenn die beiden Menschen auseinander gehen oder ein anderes Thema ansprechen.

Der Prozess des Entstehens, Andauerns und Vergehens kann auch recht genau bei unseren Gefühlen beobachtet werden. Es ist ein Hauptanliegen des Buddhismus, vergiftende Gefühle wie Gier, Neid und Hass entweder gar nicht erst entstehen oder zur Ruhe kommen zu lassen, wenn sie bereits entstanden sind.

Gautama Buddha beschreibt bewährte Möglichkeiten, wie derartige negative Emotionen gar nicht erst entstehen oder so frühzeitig erkannt werden, dass man gegensteuert und sie psychisch unwirksam werden. Er beschreibt auch die positiven Gefühle in analoger Weise und sagt zum Beispiel, dass liebevolle Zuwendung entstehen soll und wir genau beobachten, dass solche Gefühle in uns da sind und sich lebendig entwickeln.

Die moderne Gehirnforschung sagt kurz gefasst: „Das Gehirn ist genau das, was es macht“. Wenn wir also positive Gefühle und Gedanken entstehen lassen und pflegen, wird unser Gehirn in dieser Weise gebahnt und ist für weitere Assoziationen, kreative Gedanken und Gefühle entsprechend vorgebahnt tätig. Gefühle und Gedanken sind dabei miteinander eng gekoppelt und treten gemeinsam auf. Es gibt also eine intensive Wechselwirkung in unserem neuronalen Netz für Gefühle und Gedanken.

Nâgârjuna destruiert in diesem Kapitel eine verfestigte und erstarrte Weltanschauung von isolierten Entitäten oder isolierter „Zeit-Atome“, die zusammenhängende Werdens-Prozesse nicht beschreiben können und damit den Befreiungs-Prozess blockieren. Fließende psychische Entwicklungs-Prozesse dürfen  nicht „zerhackt“ werden, die wie getrennte Entitäten in isolierte Teile des Entstehen, Bestehens und Vergehen verstanden werden.  Schließlich sei noch erwähnt, dass auch materielle Gegenstände bestimmte Veränderungs-Prozesse durchlaufen, obgleich das nicht immer leicht erkennbar ist, da sie z. T. sehr viel mehr Zeit benötigen.

Der Vorgang von Veränderung der Dharmas wird nach den unrichtigen Doktrinen daher in drei statische Merkmale unterteilt. Diese so geglaubten und gedachten Merkmale sind danach abgegrenzte absolute Entitäten. Wie ist dieser Glaube nun mit den Prozessen des Entstehens, Andauerns und Vergehens nach Buddhas authentischer Lehre in Einklang zu bringen?

Es besteht gerade ein unüberwindlicher Widerspruch, der zur Falsifizierung dieser Doktrin der Sarvastivadins führen muss. Es liegt auf der Hand, dass auf jeden Fall große Probleme auftauchen, um die empirischen und phänomenologischen zusammenhängenden Prozesse von Veränderungen damit widerspruchsfrei zu erklären.

Genau diese Fragen mit den in sich widersprechenden Schlussfolgerungen klärt Nagarjuna. Denn nach diesen Doktrinen haben die drei Merkmale der zusammengesetzten Dharmas: Entstehen, Andauern und Vergehen jeweils einen unveränderlichen eigenständigen und unzerstörbaren Kern. Den Anhängern dieser Lehre waren offensichtlich die unlösbaren Widersprüche zur authentischen buddhistischen Lehre wenig bewusst. Ich folge Nagarjuna, dass bei solchen metapysischen ja magischen Annahmen die  Lehre Buddhas für die Befreiung und Emanzipation nicht mehr stimmig ist.

Nagarjunas Auflösung der gravierenden Widersprüche und Halbwahrheiten der beiden genannten Sekten basiert auf Buddhas Verständnis der Wirklichkeit als gemeinsames Entstehen in Wechsel-Wirkung (pratitya samutpada). Im dem maßgeblichen Vers dieses Kapitels heißt es:

Was auch immer in Wechsel-Wirkung wird und entsteht, das ist beruhigt und im Gleichgewicht.

Damit ist auch gesagt, dass die beiden obigen Doktrinen kein Gleichgewicht des Menschen bewirken, sondern im Gegenteil zu Unruhe, Zerrissenheit, Leiden, Vereinsamung und Depression führen.

Nagarjuna bekräftigt mit seiner Argumentation die suttas der frühen buddhistischen Lehre, bei denen es um tief greifende nachhaltige positive Veränderungen und Weiterentwicklungen beim Menschen und in der Welt geht: das Entstehen und die Überwindung des Leidens-Prozesses sowie die Befreiung, Emanzipation und schließlich das Erwachen. Buddha begnügt sich bei seiner realistischen Weisheits-Lehre nicht mit der reinen Erkenntnis, sondern lehrt ganz praktisch ganzheitliche und wirkungsvolle Befreiungs- und Emanzipations-Prozesse des Menschen: Die Ablehnung von absoluten Extremen, die ideologiefreie Lehre von Kausalität und Verursachung und nicht zuletzt eine praktikable Ethik, die verlässliche Grundlage des Lebens bietet.

Ergebnis:
Es gibt nicht drei isolierte Teile von Entstehen, Andauern und Vergehen in der wirklichen dynamischen und prozesshaften Welt. Eine solche falsche Doktrin setzt substanzhafte unveränderliche und isolierte Entitäten voraus, wie dies von der "buddhistische" Sekte der Sarvastivadins behauptet wurde. Auch heute gibt es derartige Anschauungen, denn die Sehnsucht nach Ewigkeit und Dauerhaftigkeit verführt dazu, die Wirklichkeit nach unseren Wünschen zu verzerren. Daraus ergibt sich z. B. auch die falsche Aussage, dass für den Buddhismus Nicht-Entstehen wahr sei. Auch heute kann man so etwas manchmal in buddhistischen Kreisen hören, und nicht nur der darauf beruhende extreme Fundamentalismus schafft genau das Gegenteil: Starrheit, Rücksichtslosigkeit und Intoleranz.

Der Prozess des Entstehens, Andauerns und Vergehen kann auch nicht von der entgegen gesetzten Doktrin für getrennte „Zeit-Atome“ oder unverbundene zeitliche Ereignisse sinnvoll verstanden werden. Dies ist die Doktrin der Sautrantikas, die eine Kette von unverbundenen Ereignissen behaupten, die trotzdem irgendwie metaphysisch verbunden sind. In beiden Fällen gibt es gerade nicht etwas Zusammengefügtes der obigen drei Teile. Warum denn auch fließende dynamische Prozesse zerteilen?
Im Gegensatz dazu gibt es im Leben und in der Welt das gemeinsamen Entstehen und Vergehen in Wechselwirkung, das sind vernetzte und zusammenhängende Prozesse von Entstehen, Andauern und Vergehen in handelnder Verantwortung.

Diese Aussage ist von größter Bedeutung für alle Veränderungs- Lern- und Emanzipations-Prozesse und damit für unsere Befreiung aus dem Leiden des Lebens und für unsere prozesshafte Erleuchtung im Alltag.






[1] Vergl.: Gäng, Peter: Meditationstexte des Pali-Buddhismus I, S. 17 ff., Sutta Grundlagen der Achtsamkeit

Freitag, 8. September 2017

Buddhismus, Shinjinmei und zwei ausgewählte Kapitel des Dao De Jing: Gegensatz oder nicht?



Wir arbeiten an der Entschlüsselung des zentralen Basis-Textes des Zen-Buddhismus "Shinjinmei" und versuchen die Beziehung zum Daoismus, sowie dem frühen Buddhismus und dem Mittleren Weg bzw. der Leerheit des großen indischen Meisters Nagarjuna zu klären. Das erscheint uns sehr spannend und schützt vor dem falschen Verständnis des Buddha-Dharma. Was gibt es dabei Neues?
Wegen der z. T. nicht einfachen Argumente bitte ich um Nachsicht.

Für mich ist es historisch nahezu sicher, dass der Autor des Shinjinmei, Sosan, der dritte große Meister des Chan-Buddhismus in China, das MMK, den Mittleren Weg Nagarjunas, kannte und als Grundlage verwendete. Diese Texte lagen spätesten seit der Übersetzungs-Arbeit Kumarajivas vor. Es ist weiter sicher, dass Meister Sosan die Grundlagen des Dao De Jing verwendete und so der Chan- und Zen- Buddhismus vom Daoismus maßgeblich geprägt wurde. Schließlich führte Bodidharma die "Alltags-Erleuchtung" und Praxis des Hier und Jetzt sowie die Zazen-Meditation in China ein. Außerdem nehme ich meine eigenen direkten Erfahrungen mit Nishijima Roshi von über 17 Jahren gemeinsamer Arbeit für das Verständnis von Meister Dogen und des Buddhismus hinzu.

Die obigen Meister sind wahre Giganten des buddhistischen Geistes, von denen wir  besonders profitieren können. Was sagen sie uns und gibt es bei ihnen auch Gegensätze?

Demgegenüber halte ich die europäische eher statische Philosophie des Seins und Seienden von Parmenides bis zu Heidegger und seiner Fundamentalontologie, soweit ich sie verstehe, für weniger hilfreich. Diese Philosophie hat wenig zum Verständnis des Werdens und der Prozesse beigetragen und verliert sich m. E. zu leicht in intellektuelle Abstraktionen und in der Tendenz zum Allgemeinen. Dabei droht auch Gefahr von der aristotelische Logik des dichotomen Richtig/Falsch, also des exklusiven ODER. Diese vom Geist künstlich erzeugten absoluten Gegensätze bezeichnet man im Buddhismus bekanntlich auch als Dualismus, der zum Leiden führt und zu überwinden ist.

Eine derartige Logik ist m. E. hauptsächlich zur Falsifizierung geeignet (wie auch bei Nagarjuna), nicht aber zur angemessenen Reduktion der Komplexität der Wirklichkeit von Prozessen und damit dem Gewinn an realem Welt-Verständnis. Unsere westlich Philosophie untersucht m. E. eher Zustände und das abstrakte Seiende und Sein, aber weniger Veränderungen, Befreiung und Emanzipation. Gleichwohl ist die Aufforderung von Kant: "Habe den Mut, selbst zu denken!" für unsere Arbeit am Buddhismus von zentraler Bedeutung. Hierarchische  "Belehrungen" und "Belehrt-Werden" sind nun wirklich überholt.

Welche Sätze des Buddhismus dürfen Shinjinmei nicht widersprechen?
Mindestens die folgenden 14 Aussagen des Buddhismus sind beim Shinjinmei und Daoismus klärungsbedürftig: Es gilt generell im Buddhismus die Priorität von Verändern, Werden, Entstehen und Vergehen gegenüber Statik und Substanz (konkret oder abstrakt, Seiendes und Sein), Unveränderlichkeit und Ewigkeit. Dieses Verändern ist Voraussetzung für die Überwindung des Leidens, Wachsen, der Emanzipation, Befreiung, Erleuchtung usw. Die Ruhe und Ausgeglichenheit sind dem gegenüber Voraussetzung der Zazen-Meditation: "Körper und Geist fallen lassen".

1. Rechte Entscheidung und Zielsetzung
2. Rechte Rede
3. Rechtes Handeln
4. Rechte Achtsamkeit, klare Eigen-Beobachtung beim Denken, Fühlen und Handeln
5. Rechte Meditation, hier als Zazen jeden Tag
6. Trägsein und Erstarrung als Hemmnis
7. Aufgeregtheit und Unruhe als Hemmnis
8. Unterscheidung als Teil der Erleuchtung
9. Freude als Teil der Erleuchtung
10. Ausschluss der Extreme von Existenz/absolutem Sein und Nicht-Existenz/absolutem Nicht-Sein
11. Absolutes substanzhaftes Entstehen und Nicht-Entstehen als falsche Doktrin
12. Absolute Differenz und Identität als falsche Doktrin
13. Substanzhafte Entitäten für Eines und Vieles als falsche Doktrin
14. Getrennte dichotome Entitäten von Beginn und Ende als falsche Doktrin im Gegensatz zu prozesshafter Verbindung
12 Totales Entstehen und Vergehen/Abschneiden aus dem und in das Nichts als falsche Doktrin
13. Zur Ruhe-Kommen anstatt totales dichotomes Vergehen, Vernichten und Abschneiden
14. Wechselwirkendes gemeinsames Entstehen, pratitya samutpada, als "Definition" der Leerheit und des Mittleren Weges

Was ist Leerheit?
Es gibt diverse Vorstellungen und teils geheimnisvolle Beschreibungen oder Definitionen von Leere und Leerheit. Maßgeblich kann m. E. nur die "Definition" des wichtigsten Meisters der Leerheit, Nagarjuna, sein. Damit sind besonders mystische Fantasien der Leere vom Tisch, die dem Nihilismus gefährlich nahe kommen. Was wird nun im MMK gesagt?
Von zentraler Bedeutung ist Vers 24.18 des MMK (Übersetzung Elisabeth Steinbrückner und Yudo Seggelke):

„Das gemeinsame Entstehen in Wechselwirkung sehen wir als Leerheit an.
Indem wir uns diese Bezeichnung angeeignet haben, ergibt sich eben der Zugang zum mittleren Weg.“

Dieser Vers ist zweifellos von fundamentaler Bedeutung: Nagarjuna beschreibt in großer Klarheit die Bedeutung und Funktion des Begriffes der Leerheit für die Sichtweise der unverzerrten Realität des gemeinsamen Entstehens in Wechselwirkung und den Mittleren Weg. Alle drei Bereiche und Begriffe sind nahezu gleichbedeutend.

Diese Realität hat keine Abhängigkeit von den Giften, Dogmen und Doktrinen. Sie ist „ohne“ (Hui neng) und dieses „Ohne“ bedeutet Leerheit („Ohne-heit“). Nicht mehr und nicht weniger! Eine „absolute Leerheit“ gibt es im MMK und nach Buddha nicht. Wahrheit und Leerheit, richtig und falsch usw. werden also gerade nicht absolut sondern konkret-phänomenologisch verstanden.
Die „höchste Wahrheit“ ist gerade keine „absolute Wahrheit“, und sie ist auch keine „absolute Leerheit“, denn dann wäre sie ein Extrem, ohne Wechselwirkung und isoliert. Sie müsste daher aus sich selbst entstanden sein, aber das kann nicht beobachtet werden.

Leerheit ist also schlicht als "gemeinsames Entstehen in Wechselwirkung" zu verstehen, und zwar ohne Gier, Hass und Verblendung durch falsche Ideologien, Vorurteile, Doktrinen usw.. Das hilft m. E. gut, um bei der Leerheit mögliche Unklarheiten, Mystifizierungen und die Verwechslung mit dem Nichts oder Nihilismus zu vermeiden. Die Veränderungen wie Entstehen und Vergehen im Sinne der Leerheit sind also die Kernaussagen des Buddhismus, unverzichtbar und notwendig für die Befreiung als Prozess. Jede Statik, Starrheit oder Ewigkeit wie Nicht-Entstehen ist falsch und entspricht leider dem Brahmanismus vor Buddha, âtman und Dharmas, oder der falschen Doktrin von Substanzen der Sarvastivadins. Dieses Verständnis ohne Leerheit ist abzulehnen.

Aber in der Zazen-Meditation gibt es natürlich: "Körper und Geist fallen lassen" als Pendant zur Alltags-Erleuchtung

Daoismus verstehen

Bisher habe ich mich vor allem mit den Kapiteln 11 und 40 des Dao De Ging beschäftigt.

Zu Kapitel 11:
Ein Rad habe 30 Speichen und die Leerheit der Nabe. Diese Leerheit sei die Brauchbarkeit des Rades. Was kann das bedeuten?
Der Sinn und Nutzen des Wagens ist Bewegung und Transport von Menschen und Waren. Er benötigt als Ganzheit mindestens zwei sich drehende Räder, nur dann ist er real und damit leer. Die Räder sitzen mit ihrer Nabe auf der Achse, Nabe und Achse sind real und damit leer, dann und nur dann wenn sie ordentlich verbunden sind und funktionieren.
Ein Rad als getrennte und abmontierte Entität macht keinen Sinn, es ist funktionslos und nicht-leer und damit nicht real. Es existiert dann als nicht-leeres materielles Ding oder als nicht-leere Idee. Ein sich nicht drehendes Rad gibt es also nach Definition und Funktion in der Wirklichkeit nicht, so wenig wie es einen nicht gehenden Geher gibt (MMK, Kap. 2)

Der sich bewegende Wagen mit sich drehenden Rädern ist gleichzeitig Metapher der Befreiung und Emanzipation des Menschen. Ein stehender Wagen und ein abmontiertes Rad bedeutet falscher Stillstand ohne Befreiung. Ein einzelnes abmontiertes Rad bedeutet außerdem Destruktion, Vereinzelung, Sinnlosigkeit, Funktionslosigkeit und Leblosigkeit des Menschen. Es macht keinen Sinn.

Die gleiche Argumentation gilt für einen Topf ohne Benutzung und Inhalt und für ein Haus ohne Türen und Fenster, da es nicht benutzbar zum Leben und ohne Sinn ist.

Zu Kapitel 40:
Dieses offensichtlich zentrale Kapitel betrifft aus meiner Sicht das Werden als Bewegung, Dynamik und Leben (z. B. neuronales Netz und Ökosystem) im Zusammenhang mit der Statik von Sein und Seiendem der Dinge und Phänomene. Diesen beiden Aspekte sind auch sinnvoll, um die unendliche niemals erfassbare Komplexität der Welt "handhabbar" zu machen, also sinnvoll zu reduzieren. Die Philosophie des Seins und Seiendes, auch wenn man versucht sie existentiell "aufzuladen", bringt dabei für die Erklärung von Lebens-Prozessen nicht viel. Ohne den Ansatz des Werdens und der Emanzipation kommt man nicht weiter. Das ist auch die Bedeutung der rückgekoppelten Prozesse der Wechselwirkung, also der Leerheit. Die Leerheit ist also nicht zuletzt durch die Freiheit des Entstehens und Werdens gekennzeichnet, und d. h. gleichzeitig das "Ohne-Sein" des Hui neng von Gier, Hass und Verblendung durch Ideologien und andere Extreme.

Den Zustand des Seienden und Seins nach westlicher Philosophie gibt es quasi nur in einem ganz kurzen Augenblick der dynamischen Prozesse und der Vernetzung. Das Sein kann daher in der Wirklichkeit nicht ewig sein, es kann nur als absolute Idee des Menschen ewig sein. Die unendliche Komplexität bleibt Geheimnis, weil sie kein Mensch vollständig erfassen kann. Wer das anerkennt, kann freier leben. Und niemand ist allwissend, auch und gerade nicht der Mensch Buddha.

Dao als Gesetz oder Wahrheit der Welt hat also die Qualität von Sein-Werden. Ein isoliertes absolutes Sein oder Nicht-Sein kann nicht beobachtet werden. Die Semantik von statischem Sein und Nicht-Sein, insbesondere in Form von Absolutheit , bringt daher wenig für unser Welt-Verständnis. Darüber hinaus kann Nicht-Sein und Nicht-Seiendes als Aussage der Veränderung und Dynamik verstanden werden, nämlich nicht die Sichtweise des Statischen. Dynamik ist in diesem Sinne "Nicht-Statik". Und: Dynamik hat dabei Priorität, weil sich alles andauernd verändert und nichts statisch ist. Das zu leugnen oder zu übersehen, führt zum Leiden

Dieser Zusammenhang wird besonders klar beim neuronalen Netz unseres Organs das Geistes: Es verändert sich ohne Unterbrechung und bildet und verändert laufend Synapsen und Nervenfasern, es ist niemals statisch und unverändert. Es gibt auch keine unveränderlich gespeicherten Infos im Gehirn, so sehr das ein alter Menschheits-Traum sein mag. Werden und Sein sind zwei "Gesichter" der Welt und bedingen sich wechselseitig. Es gibt kein Sein ohne Werden und umgekehrt.

Damit kann Kap. 40 relativ leicht entschlüsselt werden:
Aus dem Werden, der Dynamik, also der Nicht-Statik, dem Nicht-Sein entsteht der andere Zustand des statischen Seins und umgekehrt. Dies ist ein fortlaufender rückgekoppelter und vernetzter Prozess. Dieses Seiende des Seins lässt alle Dinge und Phänomene erscheinen.
Eine solche Bewegung des Dao kann als Rückkehr und Rückkoppelung verstanden werden. Da diese Prozesse und Zustände natürlich sind, benötigen sie keine zusätzlichen treibenden Kräfte, Insofern sind sie schwach und im dynamischen Gleichgewicht.

Insgesamt erscheint mir manches bei Dao De Jing, soweit ich es verstehe, auch mythisch und philosophisch eher vor-vernünftig. Es bedurfte m. E. daher deutlicher Klärung durch den vernünftigen Buddhismus, um Chan und Zen zu entwickeln. Dazu eignet sich m. E. besonders der frühe Buddhismus und Madyamika von Nagarjuna, denn das MMK ist von größter philosophischer Prägnanz und Präzision. Außerdem ist der Ansatz der Alltags-Erleuchtung und des praktischen Handelns in Verbindung mit der Meditation des Zazen die zentrale Basis des Chan und Zen.


Mittwoch, 23. August 2017

Vertrauen in den befreiten Geist, Shinjinmei

Ansatz: Dao entspricht dem buddhistischen pratitya samutpada,
dem gemeinsamen Entstehen in Wechselwirkung

Gleichheit, Ähnlichkeit, Unterscheidung, Impulse
(Stand 23.8.2017)

Für das Verständnis der teilweise kryptischen und scheinbar paradoxen Verse des Shinjinmei ist der Bezug zu den Eckpunkten des verlässlichen, erfahrbaren und bewährten Buddhismus hilfreich. Welche Schlussfolgerungen und Impulse ergeben sich aus diesem Vorgehen für Dao und die Aussagen Buddhas/Nagarjunas und wie weit gibt es Zusammenhänge und Gegensätze zum Shinjinmei als „den ältesten Zeugnissen des Tang-zeitlichen Chan“(Dietrich Roloff)?

Meine gegenwärtige Einschätzung kurz zusammengefasst: Der Daoismus war eine überwiegend idealistische Philosophie, die als Antithese zur damaligen schreienden Unrechts-Situation der chinesischen Machtelite (Ernst Schwarz) eine große Bedeutung hatte. Diese Machtelite hatte sich eine viel zu große Überlegenheit im Denken, Reden Schreiben und Lesen angeeignet und war außerordentlich unmoralisch. Daher im Shinjinmei die Ablehnung von falschem und unethischem Denken, Reden, Schreiben, Handeln, Planen, Entscheiden, materiellem Erwerben, berühmt-Werden, Positionen besetzen, Rituale Nutzen usw.. Das sind typische Manipulationen des Geistes.

Die Weisen glaubten nicht an die Realisierbarkeit des Daoismus in der Praxis. Das Ideal wurde geistig in der ungespaltenen und nicht entfremdeten Vergangenheit gesehen: Das friedliche Dorf ohne Hierarchien, betrügerische intelligente Machteliten und in Einklang und Harmonie von Menschen, Tieren, Natur und Kosmos.

In dieser kulturellen Situation konnte der Buddhismus eine große Anziehung entwickeln: Die Ganzheit von Theorie, Praxis und Ethik sowie eine für das Individuum realisierbare Befeiung vom Leiden und der realisierbare Weg zur Erleuchtung.

Die Eckpunkte des Dao waren und sind für die Meditationspraxis von höchstem Wert: Keine Abhängigkeit von Gedanken, Reflexion, Philosophie, Wahrnehmung, Fühlen, Handeln, Auswählen, Bewerten, Vergleichen, Zielen, Zwecken, Ethik, Konzepten, Sorgen des Alltags, Planen, Sünde, Selbst-Vorwürfen, Beurteilen, von allen Ideologien und Doktrinen, von allem Absolutem usw..

Daraus ergibt sich fast zwangsläufig die Meditation des Zazen: Dieses alles für die Zeit der Meditation fallen lassen und daraus Ruhe und Kraft gewinnen. So kann sich das strapazierte neuronale Netz gründlich erholen und vorhandenes Wichtiges regenerieren und neues Wichtiges durch Bahnungen entwickeln und Neues lernen, nicht zuletzt mit Freude (Manfred Spitzer). Das war und ist auch für den Buddhismus weitgehend Neuland.

Grundlagen und Texte des frühen Buddhismus
Die zentralen Aussagen und Erfahrungen Buddhas und Nagarjunas und einige Anmerkungen zu Dogen werden im Folgenden zusammengestellt, die ich als Grundlage der Interpretation heranziehen will.

Bei zwanghafter Abhängigkeit von den Drei Giften Gier, Hass und Verblendung ist die Befreiung des Geistes und damit die Erleuchtung nicht möglich.
Die beobachtbaren Phänomene der Welt sind veränderlich und in Wechselwirkung aber nicht statisch, isoliert, substanzhaft oder ewig.
Ein plötzliche Beenden der Phänomene und Prozesse und deren „Verschwinden im Nichts“ können in der Welt nicht beobachtet oder erfahren werden. Sie sind idealistische Annahmen.

Es geht um identifizierbare und erfahrbare Phänomene, daher sind Sätze wie „Alles ist Leiden“ oder „Alles ist Leere“ nicht authentisch im Sinne Buddhas und Nagarjunas, sondern es muss heißen „Dies ist das Leiden“ und „Dies ist die Leerheit“.

Wichtig sind also das Beobachtbare, Identifizierbare und Erfahrbare im Hier und Jetzt unseres Lebens und der Welt und damit der konkrete Weg der Überwindung des Leidens und der nachhaltigen Befreiung.

Dabei ist die Befreiung des Denkens, der Vernunft und des Geistes zwar notwendig, aber nicht hinreichend. Denn es geht um alle fünf Komponenten des Menschen (skandhas): Körper, Gefühl, Wahrnehmung, formende Kräfte und Bewusstsein sowie deren Veränderung in Wechselwirkung.

Ein unveränderliches substanzhaftes Ich oder Selbst ähnlich dem âtman kann nicht beobachtet werden, weil es so etwas nicht gibt. Aber es gibt einen wirklichen Menschen, der allerdings niemals total erfasst werden kann und sich nicht in Nichts auflöst.

Der Buddhismus stellt die lebenden Prozesse von Werden, Entstehen, Vergehen, Verändern, Entwickeln, Emanzipation, Innovation, Lernen, Kreativität usw. in den Mittelpunkt. Dies ist im Einklang mit der heutigen Gehirnforschung des neuronalen Netzes und den sich dauernden Veränderungen der Synapsen und Gehirnfasern, je nach Benutzung und Emotionen wie Freude und Leid oder auch Gier und Hass. Im neuronalen Netz gibt es keine unveränderliche Existenz und nicht einmal vollkommen verlässlich gespeicherte unveränderliche Informationen.

Ohne Veränderung und ethisches Handeln gibt es keinen Buddhismus. Die Sehnsucht und der Glaube der Menschen an Ewigkeit und Unveränderlichkeit sind zwar verständlich, führen aber meist zu Illusionen und vermehren das Leiden.

Jeder Mensch kann in seinem Leben Erleuchtung erlangen (nach Buddhas Gleichnis sogar ein Massenmörder).

Die kritischen Untersuchungen und Erklärungen Nagarjunas sind den gravierenden Fehlentwicklungen späterer Jahrhunderte nach Buddha gewidmet, vor Allem den Doktrinen der totalen Unveränderlichkeit sogenannter substanzhafter Entitäten, und des absoluten Entstehens aus dem Nichts und des „Abschneidens“ in das Nichts.

Leerheit ist nichts Absolutes, kein Nihilismus, keine Metaphysik, kein mystisches schwarzes Loch oder die strahlende Unendlichkeit sondern das gemeinsames Entstehen in Wechselwirkung (pratîtya samutpâda).
Die lebenden Prozesse haben daher vernetzte kausale Beziehungen.
Es gibt kein isoliertes Entstehen total aus sich selbst oder total aus einem anderen.

Nagarjuna erschöpft sich nicht in Kritik. Er sagt gerade nicht, dass die höchste Wahrheit die absolute Leerheit sei und er sagt nicht, dass konzeptionelles Denken und die Sprache völlig inadäquat und nutzlos für den Buddhismus seien. Sein Buddhismus erschöpft sich nicht in Analysen sondern bietet Erklärungen und Hinweise für die Praxis.

Die aus vedantischem und substanzhaftem Denken geprägten Begriffe und Doktrinen der „absoluten Wirklichkeit“ als total „nicht konzeptionell“ und total „nicht sprachlich“ stimmen mit Nagarjuna nicht überein, sie verwirren mehr als dass sie klären.
Im Buddhismus gibt es nicht die totalen Extreme, z. B. von Existenz oder Nicht-Existens, Sein oder Nicht-Sein, Seiendem oder Nicht-Seiendem, Richtig oder Falsch, Identität oder Differenz usw.

Die aristotelische Logik des exklusiven ODER, Ja-oder-Nein, kann die Wirklichkeit nicht angemessen beschreiben und nicht erfassen, vor Allem nicht die relevanten, vernetzten und rückgekoppelten Prozesse der Ökosysteme, des neuronalen Netzes und der Welt sowie deren Systemgrenzen.

Zitate aus dem frühen Buddhismus

Die Vier Edlen Wahrheiten zur Überwindung des Leidens
(Übersetzung Peter Gäng aus dem Pali [1])
„Da erkennt, ihr Mönche, ein Mönch der Wirklichkeit gemäß:
Dies ist das Leiden
Dies ist die Entstehung des Leidens
Dies ist die Aufhebung des Leidens
Dies ist der zur Aufhebung des Leidens führende Weg“

Der Achtfache Pfad zur Aufhebung des Leidens in der Lebenspraxis. Alle acht Bereiche sind notwendig und in Wechselwirkung. Ein Bereich, z. B. Meditation, ist nicht hinreichend, allerdings notwendig:
„Rechte Sichtweise
Rechte Gesinnung und Zielsetzung,
Rechte Rede,
Rechtes Handeln,
Rechter Lebenserwerb,
Rechte Anstrengung und Ausdauer,
Rechte Achtsamkeit (konkrete Selbstbeobachtung),
Rechte Meditation und Sammlung (z. B. Zazen)
Wichtig ist die Bedeutung von "recht": Zum Einen bedeutet es richtig, korrekt und funktional aber zum Anderen ethisch nach Buddhas Lehre, z. B. nach den Zehn Gelöbnisse. Ohne Ethik gibt es also kein Weiterkommen auf dem Achtfachen Pfad.

Ein Gleichnis:
„Gleichwie ihr Mönche ein geschickter Drechsler oder Drechslergeselle, wenn er lang anzieht, erkennt: `ich ziehe lang an`, wenn er kurz anzieht: ich ziehe kurz an`“, ereignet sich die Achtsamkeit.
In derselben Weise solle allgemein in der Achtsamkeit vorgegangen werden und ein klares Identifizieren, Beobachten und Erfahren ermöglichen. Deutlich ist dabei auch, dass das Handeln im Vordergrund steht und dass der Geist als Beobachtung dabei gewissermaßen „mit läuft“ und dadurch das Handeln bewusster und klarer wird. Handeln und Geist sind in Wechsel-Wirkung und nicht voneinander zu trennen.

Die Fünf Hemmnisse des Erwachens
Durch diese Hemmnisse werden zentrale Prozesse der Befreiung und Emanzipation des Menschen blockiert und dauerhaft gehemmt, sodass es kein Erwachen und keine Erleuchtung geben kann:

„Auf Sinnlichkeit gerichtetes Wollen
Übelwollen
Erstarren und Trägsein
Aufgeregtheit und Unruhe (Hektik)
Zweifelsucht“

Diese Hindernisse und Blockaden stellen sich uns auf dem Weg zur Befreiung entgegen; sie bezeichnen ein weites Spektrum fehlerhaften menschlichen Handelns, Fühlens und Denkens.

Die sieben Glieder des Erwachens:
„Achtsamkeit,
Unterscheidung,
Energie,
Freude,
Gestilltheit,
Gleichmut“
Wichtig ist, dass wir die Achtsamkeit „innen, außen und sowohl innen und außen“ haben, und in Bezug auf das Entstehen und Vergehen vertiefen und üben.

Geist der Achtsamkeit: „Unabhängig lebt er und er haftet an nichts in der Welt“.

Buddhas Lehrrede des Mittleren Weges und der Vermeidung von Extremen.
(Nach Peter Gäng)

Kaccâna fragte
"Rechte Sichtweise, rechte Sichtweise, Herr, sagt man. Was, Herr, ist nun die rechte Sichtweise?"
Buddha antwortete:
"Die Welt ist üblicherweise auf zwei Bereiche und Ansichten gestützt:
- auf dauerhafte Existenz, die auch Ist-heit genannt wird,
- auf Nicht-Existenz, die auch Nicht-Ist-heit genannt wird.“
Es ereignet sich aber kein Entstehen aus der Nicht-Existenz.
Es ereignet sich aber kein Vergehen aus der Existenz
Das sind die extremen Ansichten der Existenz und der Nicht-Existenz.“

„Alles existiert ist das eine extreme Ende und Alles existiert nicht
ist das andere extreme Ende. Diese beiden Extreme vermeidend, verkündet der Tathāgata seine Lehre der Mitte:
Durch die beiden Extreme ist der Weg der Befreiung versperrt.

Aber wie entwickelt sich aus der Auflösung des Nichtwissens und dem Vermeiden der beiden Extreme die Befreiung?

„Aus dem Verschwinden und dem Vergehen des Nichtwissens
entsteht die Befreiung bei den formenden Kräften;
befreit von diesen formenden Kräften entsteht die Befreiung des Bewusstseins,
befreit von diesem Bewusstsein entsteht die Befreiung von (dogmatisierten) Name und Form,
befreit von diesem Namen und dieser Form entsteht die Befreiung des
sechsfachen Bereichs der Wahrnehmung,
befreit von diesem sechsfachen Bereich entsteht die Befreiung der
Berührung,
befreit von dieser Berührung entsteht die Befreiung von Gefühl und
Empfindung,
befreit von diesem Gefühl und dieser Empfindung entsteht die Befreiung
vom Durst (Gier),
befreit vom Durst entsteht die Befreiung vom Anhaften,
befreit vom Anhaften entsteht die Befreiung von (Wieder-)Werden,
befreit vom (Wieder-)Werden entsteht die Befreiung von Geburt,
befreit von der (Angst der) Geburt entsteht die Befreiung von den ganzen Nöten und Störungen von Altern und
Sterben, Kummer, Klagen, Leiden.
So geschieht die Auflösung der gesamten Masse des Leidens.“

Von zentraler Bedeutung für die fatalen Veränderungsprozesse zum Leiden sind die von Buddha genannten Extreme der totalen Existenz und der totalen Nicht-Existenz, also dem Anhaften an Dauerhaftigkeit und Unveränderlichkeit im Leben oder an dem Nichts und dem Nihilismus.
Oder positiv: Durch die Vermeidung von Extremen kann die Befreiung und Emanzipation gelingen: Leiden kommt zur Ruhe, Befreiung entsteht.

Nagarjunas Mittlerer Weg (MMK)
Ohne die wirkliche Bedeutung der Leerheit nach Nagarjuna  ist es m. E. sehr schwer, das MMK und die weitere Entwicklung des Buddhismus, z. B. des Mahayana, tibetischen Buddhismus (alle vier Linien) und des Chan/Zen zu verstehen, und dabei nicht einer spekulative Metaphysik zu verfallen. Diese ist z. T. erst später im Buddhismus entstanden (David J. Kalupahana).

Präambel des MMK, Wechselwirkung und falsche Doktrinen:
Zentraler Aussage (Übersetzung: Elisabeth Steinbrückner, Yudo Seggelke):
„Buddha, der vollkommen Erwachte, zeigte das wechsel-wirkende gemeinsame Entstehen in der Welt und den Mittleren Weg zu einem befreiten Leben. Er zeigte das beglückende Aufhören der wegführenden Fehlentwicklungen und Verwirrungen.“

Die falschen Doktrinen der Fehlentwicklungen, durch Absolutheit:
„Nicht-zur-Ruhe-Kommen, Nicht-Entstehen, (unveränderlich, ewig, statisch, erstarrt).
Nicht-Abschneiden, Nicht-Dauerhaftigkeit, (Nihilismus, ohne ethische Verantwortung).
Nicht einen Zweck habend, nicht viele Zwecke habend, (absolute Identität und Differenz, ohne Wechselwirkung, Dualismus, Dichotomie).
Nicht-Ankunft, Nicht-Fortgehen,(kein zusammenhängender Prozess, isolierte zeitliche Entitäten als Dharmas, keine Realität).“

Leerheit
(MMK, Vers 24.18)
„Das gemeinsame Entstehen in Wechselwirkung sehen wir als Leerheit an.
Indem wir uns diese Bezeichnung angeeignet haben, ergibt sich eben der Zugang zum mittleren Weg.“

Dieser Vers ist zweifellos von fundamentaler Bedeutung: Nagarjuna beschreibt in großer Klarheit die Bedeutung und Funktion des Begriffes der Leerheit für die Sichtweise der unverzerrten Realität des gemeinsamen Entstehens in Wechselwirkung und den Mittleren Weg. Alle drei Bereiche und Begriffe sind nahezu gleichbedeutend. In gleichem oder ähnlichem Sinne wird dieser zentrale Vers von den namhaften Autoren des MMK:
Tsong Khapa, Kalupahana, Garfield,  Weber-Brosamer et al., Batchelor und Nishijima interpretiert, meist allerdings nicht mit dem Verständnis der Wechselwirkung.

Diese Realität hat keine Abhängigkeit von den Giften, Dogmen und Doktrinen. Sie ist „ohne“ (Hui neng) und dieses „Ohne“ bedeutet Leerheit („Ohne-heit“). Nicht mehr und nicht weniger! Eine „absolute Leerheit“ gibt es im MMK und nach Buddha nicht. Wahrheit und Leerheit, richtig und falsch usw. werden also gerade nicht absolut sondern konkret-phänomenologisch verstanden.
Die „höchste Wahrheit“ ist gerade keine „absolute Wahrheit“, und sie ist auch keine „absolute Leerheit“, denn dann wäre sie ein Extrem, ohne Wechselwirkung und isoliert. Sie müsste daher aus sich selbst entstanden sein, aber das kann nicht beobachtet werden.

Einige Kernaussagen des Zen nach Dôgen und Nishijima:
Zazen-Mediation: „Körper und Geist fallen lassen“.
„Denken aus dem Nicht-Denken“.
Ohne Meditation des Zazen kein Buddhismus.
Erleuchtung ist „Feuerholz tragen und Wasser schöpfen“.
Der Erleuchtungs-Geist ist nicht unveränderlich, absolut, ewig oder isoliert sondern dynamisch und in Wechselwirkung.
Nur der Augenblick erschließt die Wirklichkeit, nicht die Vergangenheit und nicht die Zukunft.
Der Geist des Augenblicks sollte ohne wegführende Fehlentwicklungen z. B. des Multitasking sein.
Der „Geist ist Buddha hier und jetzt“
Der Geist ist „nicht vollständig erfassbar“ und kann nicht vom Körper getrennt werden.
Buddha-Natur ist nicht statisch sondern dynamisch und in Wechselwirkung, also weder dinghaft ("Gold- Ding, Diamant-Ding") noch unveränderliche Idee (z. B. bei Platon).

Die "große Erleuchtung" ist nicht planbar und nicht vorher denkbar, sondern ereignet sich auf dem buddhistischen Weg der Befreiung und Emanzipation. Wahre Erleuchtung ist Alltags-Erleuchtung von Körper-Handeln-Fühlen-und-Geist, sie ist mehr als der isolierte Geist.
Die „erste Erleuchtung“ ereignet sich beim Zazen (Nishijima).

Der direkte Kontakt zu erfahrenen Buddhisten, die wirklich überzeugen und ein gelungenes Leben führen oder geführt haben, ist wichtig. Reden und Texte reichen nicht. Allerdings sind schlechte Lehrer noch viel schädlicher, man muss sie vollständig meiden! Dies gilt leider auch für manche Lehrer der beiden Linien Rinzai und Soto (Dôgen), aber z. B. auch für den tibetischen Buddhismus (Sogyal Rinpoche).

Lehre der vier Lebens-Philosophien (Nishijima): drei Teilwahrheiten, Idealismus, Materialismus, Theorie des Handelns sowie
die Realität des Handelns, des Erwachens und der Erleuchtung im Augenblick. Das ist die Integration der drei Lebensphilosophien in Theorie und Praxis und der Weg der Befreiung und Klarheit. Äußerst gefährlich ist die Trennung von Idealismus des Geistes durch Reden, Denken und Schreiben vom ethischem Handeln (Problem bei Sogyal Rimpoche?).
Eine Theorie der Erleuchtung des Geistes bringt nicht viel, sie ist bestenfalls die Teilwahrheit des Idealismus.






[1]  Gäng, Peter (Hrsg.): Meditationstexte des Pali-Buddhismus I.