Dienstag, 11. August 2020

Die Leerheit des Mittleren Weges: Sinn, Weisheit und Funktion


Die Leerheit ist eines der zentralen Begriffe des Buddhismus und von tiefer Weisheit. Es gibt aber kaum eine andere buddhistische Formulierung, die so häufig und fundamental missverstanden wurde, wie die Leerheit. Sie wurde vor allem von dem genialen indischen Meister Nagarjuna formuliert und mit großen Präzision analysiert. Aber seine Texte sind nicht einfach zu verstehen und wurden leider häufig falsch oder ungenau übersetzt. Damit wurden sie unpräzise in den Westen transportiert. Die Indologin Elisabeth Steinbrückner und ich haben daher eine ganz neue Übersetzung aus dem indischen Urtext erarbeitet und zur Grundlage unserer Interpretation gemacht. Dabei sind wir auf fast sensationelle Ähnlichkeiten zur aktuellen Forschung lebender Systeme und der Gehirnforschung gestoßen, die bisher nicht entdeckt wurden. So klug waren also die alten großen Meister. Denn sie haben die Menschen und ihre Lebenswege sehr genau beobachtet und ihre Weisheiten an uns weiter gegeben.

Der folgende Vers des Mittleren Weges, MMK, ist zweifellos von fundamentaler Bedeutung. Meines Erachtens ist er das Herzstück des MMK und beschreibt in großer Klarheit den Sinn, also die Bedeutung und Funktion, Sichtweise und Bezeichnung der Leerheit (shūnyatā). Leerheit ist danach der Begriff für die unverzerrte Realität der Wechselwirkung des gemeinsamen Entstehens.

MMK, Vers 24.18
Was gemeinsames Entstehen in Wechselwirkung hat, dieses sehen wir als Leerheit an.
Indem wir uns diese Bezeichnung angeeignet haben, ergibt sich eben der mittlere Zugang (zum Buddha-Weg von Frieden und Freude).

Nāgārjunas Aussage gliedert sich zunächst in zwei Schritte und eröffnet dann den Weg zum Ziel des Buddhismus, also dem Zugang zum Mittleren Weg. Dieser Weg der Mitte führt zur Buddha-Wahrheit und zum Erwachen. Er vermeidet die Extreme von ideologischen Übertreibungen, die die Wirklichkeit nicht sachgerecht beschreiben können und damit auch keinen Ausweg aus dem Leiden eröffnen. Solche Extreme führen nicht zum Erwachen und nicht zur Erleuchtung. Ein Extrem ist zum Beispiel die Doktrin der absoluten Substanz oder Essenz.

Ausgangspunkt der Argumentation sind das gemeinsame Entstehen und die Wechselwirkung, wie es im Vers heißt: „Was gemeinsames Entstehen in Wechselwirkung hat (pratitya samutpada), dieses sehen wir als Leerheit an. Das ist eine bemerkenswerte Formulierung, denn Nāgārjuna sagt hier, dass wir das Betreffende so ansehen. Es wird also eine phänomenologische Sichtweise der Wirklichkeit und nicht eine absolute Wahrheit beschrieben. Denn die Wirklichkeit kann mit dem Denken nicht vollständig erfasst werden. Nāgārjuna behauptet aber nicht, dass es überhaupt keine Wirklichkeit gäbe, denn das wäre unsinniger Nihilismus. Durch duales Denken im Sinne des absouten „Entweder-Oder“ ist überhaupt kein Zugang zur Wirklichkeit möglich, und duales Denken widerspricht grundsätzlich dem Buddha-Weg. Das heißt, dass die Wirklichkeit ohne Extreme ist. Sie ist, wie sie ist. Die Wirklichkeit ist auch von Natur aus frei und leer von einer falschen Doktrin, die Buddha nur angeblich gelehrt hat. Leerheit bedeutet die Leerheit von Unwahrheiten, Illusionen, Täuschungen und unsinnigen Doktrinen, die das Leiden gerade nicht überwinden können.

Im nächsten Schritt geht es um die Aneignung der Bezeichnung und des Begriffs der Leerheit: „Indem wir uns diese Bezeichnung angeeignet haben, ergibt sich eben der mittlere Zugang (zum Buddha-Weg der Wahrheit).“ Mit dieser Bezeichnung können wir gut und wirkungsvoll kommunizieren und tiefgründiger denken, und wir überwinden damit auch den Dualismus. Aber die Leerheit ist kein Selbstzweck und nicht das Ziel des Erlösungsweges, sondern sie eröffnet die ganzheitliche Weiterentwicklung zum Erwachen, die sich auf dem Fortgang auf dem Mittleren Weg ereignet. Damit ergeben sich die folgenden Schritte:

– Erkennen der intellektuell unfassbaren Wirklichkeit, nämlich des gemeinsamen Entstehens in Wechselwirkung,
– Erkennen der Leerheit dieser Wirklichkeit von falschem Buddha-Dharma und falschen Doktrinen,
– Benutzen der Bezeichnung „Leerheit“ zur effektiven Kommunikation für die weitere umfassende Entwicklung des Menschen,
– Eröffnung des Mittleren Weges zum Erwachen und zur Erleuchtung.

Verkürzt gesagt ist die Leerheit nicht das letzte Ziel der menschlichen Entwicklung, sondern laut Nāgārjuna die Voraussetzung und Bedingung für die kreative Weiterentwicklung. Er bezeichnet diesen Zugang zur Buddha-Wahrheit durch die Leerheit als den Weg der Mitte oder den Mittleren Weg. Dieser Weg über die Leerheit führt zur Fülle und Lebendigkeit. Das heißt, die Leerheit von hemmenden und falschen Doktrinen wie dem Substantialismus eröffnet die kreative Entwicklung des Menschen und die Verwirklichung der Buddha-Natur.

Es ist erstaunlich, dass es so viele unterschiedliche und verwirrende Kommentare von Wissenschaftlern und Autoren zur Leerheit gibt. Daher ist die wirklich exakte Übersetzung von größter Bedeutung: Die Leerheit ist die Sichtweise für das gemeinsame Entstehen in Wechselwirkung (pratitya samutpada). Es handelt sich also nicht wie die bisher üblichen Interpretationen es darlegen um eine vollständige Identität von Leerheit und pratitya samutpada, sondern die Leerheit ist unsere Sichtweise des gemeinsamen Entstehens in Wechselwirkung. Nāgārjuna verwendet den Begriff „Sichtweise“ also, um die Beziehung von Leerheit und Wechselwirkung zu kennzeichnen.

Außerdem hat die Abfolge von Nāgārjunas Argumentation in den vorherigen Versen große Bedeutung, denn eine davon isolierte Interpretation der Leerheit kann meines Erachtens nicht valide sein. Er beschreibt sie als den wahren Zugang der Mitte und des Gleichgewichts zum Leben, zur Wirklichkeit, zur Befreiung, Lebenskraft und zur Emanzipation. Er vermeidet also die Extreme der Ewigkeit und des Nichts genauso wie der Unveränderlichkeit und des chaotischen Wechsels. Bei derartigen dogmatisierten Verzerrungen und absoluten Negationen sprechen wir gerade nicht von Leerheit. Obgleich damit die Semantik des Begriffs Leerheit wirklich eindeutig ist, hat dieser Vers in vielen vergangenen Jahrhunderten bis in die Gegenwart hinein zu gravierenden Missverständnissen und Verwirrungen geführt. Manche Autoren haben seine Bedeutung sogar ganz übersehen.

Leerheit ist also unsere Sichtweise der Wechselwirkung der Wirklichkeit und auf der Wortebene der akzeptierte Begriff dafür. Und das gilt für die Wirklichkeit, soweit wir sie erkennen und wahrnehmen können.[i] Nach meinem Verständnis wird damit auch der Glaube an die mögliche Allwissenheit und Allmacht ausgeschlossen, der im Brahmanismus von zentraler Bedeutung war. Diese so bezeichnete Wirklichkeit ist keine absolute Wirklichkeit und keine absolute Wahrheit, sondern die der praktischen und kompetenten Erfahrung und eng mit der Sichtweise, also der ganzheitlichen und genauen Wahrnehmung, verbunden. Zentral ist dabei die Erfahrung der Veränderung und Bewegung. Deshalb möchte ich für diesen philosophischen Ansatz die Bezeichnung „differentiale Ontologie“ vorschlagen, denn es geht nicht um ein unveränderliches Sein, sondern vielmehr um Veränderungen bzw. um Beschleunigung oder Verlangsamung von Veränderungen. Diese zentrale Aussage ist in der westlichen Philosophie nicht ausreichend beachtet worden.

Ein wichtiges „Instrument“ dieser Praxis und Erfahrung ist die von Buddha gelehrte und erprobte Achtsamkeit der Selbstbeobachtung und Selbstreflexion. Wir sollten daher weniger über den Begriff der Leerheit meditieren und ihn nicht verabsolutieren, als über dessen Bedeutung in der Wirklichkeit, nämlich die Freiheit von Verzerrungen, Dogmen und irrealen Annahmen wie einem substanzhaften ewigen und unveränderlichen Selbst. Nishijima Roshi verwendet deshalb statt des Begriffs der Leerheit den des Gleichgewichts in der Mitte von irrealen gefährlichen Extremen des Idealismus und Materialismus. Damit möchte er Irrtümer im Zusammenhang mit diesem Begriff vermeiden. Das Gleichgewicht wird von Buddha als einer der sieben Faktoren des Erwachens und der Erleuchtung genannt. Es ist leicht nachzuvollziehen, dass ein solches Gleichgewicht von zentraler Bedeutung für unser Leben ist, und dies im besonderen Maße, wenn wir die andauernde Dynamik und Veränderung des Lebens und aller lebenden Systeme in der Wirklichkeit einbeziehen. Ohne ein solches Gleichgewicht bzw. eine solche Mitte würde sich zwangsläufig ein permanentes Chaos des Lebens ergeben, das in desaströse Extreme führt. Wenn wir uns zum Beispiel die dramatischen Fehlentwicklungen des deutschen Faschismus der Nationalsozialisten vor Augen führen, wird klar, dass Hitler, Goebbels und Göring keine Mitte und kein Gleichgewicht hatten. Ihr Handeln, Denken und ihre Ethik waren von Extremen bestimmt, die ganz Europa in ein furchtbares Chaos stürzten.

Buddha hat die Fünf Hemmnisse der Erleuchtung herausgearbeitet. Sie werden zum Beispiel durch Extreme von Körper, Gefühlen, Wahrnehmungen, Handlungswillen und Bewusstsein erzeugt. Dazu zählen beispielsweise die Abhängigkeit von Drogen oder Sex, dogmatischer Nationalismus, religiöser Fanatismus und Extremismus, Geld- und Machtgier, egoistische Rücksichtslosigkeit und in neuerer Zeit auch Internet-Sucht, Spielsucht und Abhängigkeit von sogenannten sozialen Netzwerken. Durch solche Hemmnisse wird die menschliche Entwicklung zur Klarheit und Freiheit in dramatischer Weise verhindert.

Ein Weg der Mitte, der Extreme, Extremismus und Fundamentalismus nachhaltig vermeidet, ist zentral für die von Gautama Buddha gelehrte Befreiung, Veränderung und die höchste immer weiter gehende Verwirklichung der Klarheit auch in unserem eigenen Leben (differentiale Ontologie). Wir werden dann nicht mehr von Ideologien, Dogmen, verfestigten unheilsamen Vorurteilen und Vorstellungen sowie Täuschungen und quälenden Abhängigkeiten und vor allem nicht von gefährlichen Extremen behindert und gehemmt.

Bei diesem zentralen Vers zur Leerheit ist es meines Erachtens zudem notwendig, auf die Historie des Sanskrit-Begriffs shūnyatā einzugehen. In der Zeit Nāgārjunas waren die indischen Mathematiker führend in der Welt, nicht zuletzt weil sie das dezimale Zahlensystem entwickelt hatten, das aus den zwei Bereichen der negativen und positiven Zahlen besteht. Die Mitte dieser beiden Zahlenbereiche wird durch die Null, die keinen Eigenwert hat, gekennzeichnet und ermöglicht damit die Funktionsweise der gesamten Arithmetik. Diese Null wurde von den indischen Mathematikern als shūnyatā bezeichnet. Diese Erfindung der Wissenschaftler erzeugte große Folgewirkungen auch in der Philosophie und im Buddhismus.

Vor diesem Hintergrund muss man meines Erachtens die späteren Versuche relativieren, die eine absolute Leerheit postulieren und in Gefahr sind, die Abgrenzung zum Nichts und zum Nihilismus zu verwischen. Die schwerwiegendsten Probleme bei der Interpretation dieses wichtigen Verses entstanden dadurch, dass die Interpreten nicht von einer genauen Übersetzung des Sanskrit-Textes ausgegangen sind und offensichtlich ihr Vorverständnis zur Leerheit und zum Buddhismus bewusst oder unbewusst eingebracht haben. Sowohl Kalupahana als auch Garfield übersetzen pratitya samutpada als „abhängiges Entstehen“ und sagen zudem, dass dieses Entstehen identisch und synonym mit der Leerheit sei.[ii] Eine solche Identität ist aus meiner Sicht nicht überzeugend, weil sie einerseits nicht die genaue Übersetzung aus dem Sanskrit wiedergibt und andererseits Nāgārjuna grundsätzlich eine totale Identität im Buddhismus als Extrem ablehnt. Die empirische und phänomenologische Wirklichkeit hat meines Erachtens keine totale Identität. Dies würde zum Beispiel eine Korrelation von 100 Prozent bedeuten und ist in der Wirklichkeit nicht zu finden.

Weiterhin sagen beide Autoren, dass eine dritte Identität mit dem Mittleren Weg besteht, sodass es sich bei diesem Vers um eine dreifache Identität handle: pratitya samutpada, Leerheit und Mittlerer Weg. Die genaue Übersetzung bedeutet aber, dass die Bezeichnung der Leerheit den Zugang zur Realität des Mittleren Weges als Befreiungsprozess eröffnet. Eine solche dreifache Identität birgt die Gefahr, dass ungewollt substantialistisch gedacht wird, denn die totale Identität und Differenz ist ein typisches Merkmal der substantialistischen Philosophie. Diese destruiert Nāgārjuna aber gerade im gesamten MMK.

Philosophisch betrachtet beinhaltet dieser zentrale Vers 24.18 nach meinem Verständnis die folgenden Aspekte:
– Ontologie: gemeinsames Entstehen in Wechselwirkung der vernetzten Wirklichkeit,
– Bezeichnung: Leerheit,
– Funktion: Eröffnung des Mittleren Weges der Überwindung des Leidens und der Befreiung.



[i] Nāgārjuna: The Philosophy of the Middle Way (Übersetzer: David J. Kalupahana), S. 132ff.
[ii] Nāgārjuna: The Philosophy of the Middle Way (Übersetzer: David J. Kalupahana), S. 339;
Nāgārjuna: The Fundamental Wisdom of the Middle Way (übersetzt und kommentiert von Jay L. Garfield), S. 304

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