Sonntag, 3. April 2016

Buddhismus ist freudige Bewegung. Was denn sonst?


Der Buddhismus ist eine positive und lebensvolle Lehre und Praxis, die uns Menschen in zwei großen Entwicklungsschritten aus überflüssigem und selbst verursachtem Leiden herausführen möchte, damit wir zunächst einmal ein „normales“ Leben führen können. Dazu müssen wir natürlich unser Leiden möglichst klar erkennen und die Verursachung und Wechselwirkung mit anderen Menschen und Einflüssen gründlich und so weit es geht ohne Tabus analysieren: Das ist der wesentliche Impuls der Vier Edlen Wahrheiten Buddhas für Körper, Psyche und Geist.[1] Es bringt nichts, immer bei anderen die Schuld zu suchen oder sich selbst zu beklagen.

Beides sind Extreme, die der Wirklichkeit niemals entsprechen können und uns nicht wirklich weiterhelfen. Denn Buddhismus ist der Mittlere Weg der Wechselwirkung, auch und gerade beim Ausweg aus dem Leiden. Extreme sind nur hohle Ideologien, die uns verhärten, aber sie führen nicht zur freudigen psychischen, geistigen und spirituellen Bewegung. Sie dienen meist nur dem eigenen Helden-Status, sei es als grandioses Ich mit Sieg oder Untergang oder sei es als Klage-Ich des Opfers. Im Gegensatz dazu sind die buddhistischen Bewegungen und Entwicklungen für unsere Befreiung unbedingt erforderlich und sinnvoll.

In der Abbildung habe ich Einzelheiten dem sutta „Grundlagen der Achtsamkeit“ entnommen: die Arten des Leidens, die fünf Hemmnisse auf dem Weg der Befreiung und die sieben Glieder des Erwachens.[2]


Aber die Lehre Buddhas bleibt bei dem Zustand des „normalen“ Lebens nicht stehen. Sie will uns darüber hinaus zu dem bringen, was Erwachen, Licht oder Erleuchtung genannt wird. Es geht darum, aus einem schwierigen dunklen, durch Kummer, Gram und Verzweiflung bestimmten Leben heraus zu kommen, das Leiden zu überwinden und zur Freiheit und Leichtigkeit zu gelangen, dann können wir an deren Kraft und Wahrheit teilnehmen. Nishijima Roshi sagt im Einklang mit Meister Dôgen, dass dies die Verwirklichung der Buddha-Natur oder des Buddha-Wesens ist. Und Buddha lehrte, dass es für uns keine Utopie und Illusion ist oder bleiben muss, sondern dass wir durch Übung und klärende Lebens-Prozesse unser Buddha-Wesen wirklich erleben können

Welche Blume ist nun als Symbol besonders geeignet, um eine solche Entwicklung und Befreiung zu kennzeichnen? Ohne Zweifel ist das die Lotos – Blume, die aus dem Schlamm und dem schmutzigen Sumpf eines stehenden Gewässers ihre Knospe nach oben an die Oberfläche und zum Licht wachsen lässt, um sich dann in ihrer ganzen überwältigenden Schönheit der Sonne zu öffnen. Damit ist der Entwicklungs- und Befreiungsweg des Buddhismus aus dem Leiden gleichnishaft präzise beschrieben.

Gautama Buddha hat diese Lehre mit den Vier Edlen Wahrheiten und dem Achtfachen Pfad zum Erwachen und zur Befreiung einfühlsam und psychologisch treffend beschrieben. Im Zen – Buddhismus wird dabei besonders betont, dass es nicht allein um den Geist und die theoretische Lehre geht, sondern um das praktische Erleben durch sich verfeinernde Übungen und Methoden der buddhistischen Praxis: Das freudige Bewegen zur Befreiung in unserem Leben.

Das Lotus – Sûtra ist typisch für einen von Freude durchdrungenden Befreiungsweg und, wie uns Dôgen in seinem Kapitel zum Lotus – Sûtra sagt, alles andere als ein weltfremdes illusorisches „Märchenbuch“[3]. So ist es verständlich, dass das Lotus – Sûtra das wohl am meisten gelesene und rezitierte buddhistische Werk Ostasiens ist. Die wichtigste Botschaft dieses Sûtras lautet: Selbstverständlich gibt es Schlamm, Schmutz und Leiden, zum Beispiel drei Gifte Gier, Hass und Verblendung in dieser Welt.

Aber es liegt weitgehend an uns selbst, dass wir uns wie die Lotus – Blüte nicht von all diesem Negativen und diesem Schlamm verunreinigen lassen, sondern uns befreien und zum Licht der Schönheit und Freiheit unseres Lebens entwickeln. Dann können wir auch anderen Menschen effizient helfen. Dazu gibt es im Lotus – Sûtra mehrere Gleichnisse: Zum Beispiel bemerken die in ihr Spiel völlig vertieften Kinder gar nicht, dass ihr Haus Feuer gefangen hat und sie in großer Gefahr sind, eingeschlossen zu werden und zu verbrennen.

Sie werden dann gerettet und besteigen eine geschmückte Kutsche, die viel schöner ist als gedacht. Das Spiel im brennenden Haus ist nicht nur gefährlich sondern auch Zeitverschwendung. Das Lotus – Sûtra spricht häufig in Gleichnissen die Probleme, Schwierigkeiten und Gefahren dieser Welt an, ermutigt uns aber nachhaltig und überzeugend, dass wir diese Gefahren mit klarem Geist und guter Praxis meistern, ihnen entkommen und uns befeien können.

Ein sehr wichtiger Teil des Lotus – Sûtras besteht in der Weissagung, dass alle Menschen irgendwann Erleuchtung und die Freiheit eines Buddhas erlangen können, selbst wenn sie noch so tief in Schwierigkeiten, Unkenntnis und falschem Handeln verstrickt sind. Ein besonders problematisches Beispiel ist Buddhas Vetter Devadatta, der nach buddhistischer Überlieferung die Sangha gespalten hat und Buddha verleumdete. Auch ihm wird aber im Lotus – Sûtra geweissagt, dass er irgendwann nach vielen Zeitaltern ein Buddha wird. Das ist in der Tat eine erstaunliche Weissagung.

Dôgens Interpretation des Lotus – Sûtra bleibt nicht bei der Sichtweise einer schönen aber unbeweglichen Blüte und des Lebens stehen, sondern er wiederholt den berühmten Satz des großen Zen – Meisters Daikan Eno (Hui Neng), dass

sich die Blume des Buddha-Dharma, die durch die Lotos – Blume symbolisiert wird, dreht und dass sich genau in dieser Bewegung, Drehung und Dynamik die Gesundung der Welt und Befreiung des Menschen ereignet.

Wer dumpf und unklar ist, bemerkt diese befreiende Dynamik der sich drehenden Dharma-Blume nicht. Aber wer selbst auf dem Buddha – Weg Freiheit und handelnde Energie erlangt hat, dreht selbst die Dharma – Blume der Wahrheit und gestaltet zugleich sich selbst zusammen und diese Welt. Für mich ist diese Aussage der Bewegung, Dynamik und wie es hier heißt, der Drehung ein fundamentaler philosophischer Fortschritt gegenüber einem statischen Seins-Verständnis der Welt. Bei Buddha und dem großen indischen Philosophen Nâgârjuna gibt es dazu die tiefgründige Lehre der Bewegung und Entwicklung: das wechsel-wirkende gemeinsame Entstehen, pratitya samutpada.[4] Ich bin sicher, dass Dôgen genau diese zentrale Aussage des Buddhismus durch das Zitat des Zen – Meisters Daikan Eno ansprechen wollte.

Der Zen – Buddhismus gründet auf der Wirklichkeit hier und jetzt, ohne das Ganze und den Sinn des Lebens durch falsche Fragmentierung also ideelle, ideologische oder materielle Zersplitterung zu verdecken. Es geht um das Zusammenwirken des Einzelnen mit dem Ganzen, von Differenz und Einheit, Bewegung und Ruhe. Dabei reicht intellektuelles Denken, Wissen oder Rezitieren nicht aus, sondern wesentlich sind erlebendes Erfahren und die zunehmende Offenheit und Wechselwirkung mit anderen Menschen und nicht zuletzt mit der Schönheit dieser Welt, zum Beispiel einer Blume. So heißt es im Lotos-Sutra:

„Die Buddhas zusammen mit den Buddhas können vollständig verwirklichen, dass alle Dharmas (Dinge und Phänomene) wirklich Form sind.“

Dazu bedarf es des festen Vertrauens darauf, dass „wir ursprünglich Könige im Dharma sind“ wie es in diesem Kapitel zum Lotos-Sûtra heißt. Das gibt uns ein Erleben in der Harmonie der Welt.

Ich möchte nun den großen buddhistischen Meister Padmasambhava, der „Lotos - Entstandene“, zu Wort kommen lassen, der im 8. Jahrhundert vermutlich im Ost-Iran geboren wurde und wesentlich in Tibet gewirkt hat, ohne selbst Inder oder Tibeter gewesen zu sein. Für ihn sind die Schönheit, Bewegung der Welt, das Licht und die Helligkeit von zentraler Bedeutung. Seine Texte sind aus meiner Sicht von tiefer Poesie und großer Glaubwürdigkeit:

„Aus dem Zentrum des Daseins, die reine sichtbare Erscheinungsform der dem Himmelsraum (gleichenden) wirbelnden Spiralbewegung (des Seins),
sie haben sich als ein strahlendes Licht manifestiert, unaufhörlich schöpferische Fähigkeiten:
Diese seinsmäßige Turbulenz hat sich als meine schöpferische Fähigkeit erwiesen.
Und das strahlende Licht ist die schöpferische Kraft meines Spiels (und meiner freudigen Bewegung)“ [5]

Ich möchte diese Verse nach meinem Verständnis kurz in diesem Rahmen deuten:
Das Dasein wird als wirbelndes Licht bezeichnet, also Bewegung und Helligkeit. Dabei wird nicht zunächst festgelegt, welches Dasein gemeint ist, des Kosmos oder unser eigenes. Ich meine, der Autor spricht beides an. Da ist die reine Erscheinungsform unseres Lebens und der Welt. Weiter wird das Licht als unsere unaufhörliche sich immer entwickelnde schöpferische Fähigkeit bezeichnet und erkannt. Und das ist die freudige Entwicklung, nicht bierernst, nicht dogmatisch sondern spielerisch, wie im Tanz.

Wie der Übersetzer und Kommentator Herbert Guenther mit Peter Gäng zu Recht betont, sind die Arbeiten Padmasambhavas bisher viel zu wenig beachtet worden und verdienen es, in buddhistischen Kreisen gründlich gelesen, interpretiert und stärker wahrgenommen zu werden.

In einem anderen Kapitel Dôgens wird der große Zen – Meister Gensa zitiert:
Das ganze Universum ist eine leuchtende Perle“.[6]

Dieser Meister verband klares Erleben mit poetischer Kraft und Direktheit. Auch eine Perle rollt, bewegt sich und spiegelt dabei nicht zuletzt durch ihre eigene Schönheit die Welt in deren ganzer Schönheit wieder. Dieses Kapitel wurde von Dôgen außerordentlich geschätzt, und er stellte es zu den anderen fundamentalen Kapiteln in den Anfangsteil seines Werkes „Shôbôgenzô. Direktes eigenes Erleben und Erfahren ist viel wesentlicher und wichtiger als erlernte Theorie und auswendig gelerntes Wissen, es ermöglicht den unmittelbaren Zugang zur Wirklichkeit dieser Welt.

Auch in diesem Kapitel wird die optimistische und strahlende Erlebnis-Welt des Buddhismus wiedergegeben, ganz im Gegensatz zu dem Pessimismus und Nihilismus, die dem Buddhismus leider häufig angeheftet werden, sei es aus Unkenntnis, mangelndem Verständnis oder sei es aus dem Interesse einer Abwertung oder sogar Verleumdung. Gensa sagt in aller Klarheit, dass das Leben und das Universum wie eine Perle ist, die sich bewegt und damit die Befreiung und Weiterentwicklung im Buddhismus durch eigenes Erleben und Erfahren kennzeichnet.

Die buddhistischen Lehren sind sicher von großer Bedeutung, aber sie sind letztlich nur ein Fingerzeig auf die Wirklichkeit und unseren Befreiungsweg, den wir selbst zu praktizieren und zu gestalten haben: Bewegung, Wandel, Tun und Handeln im Einklang mit der Entwicklung von Körper, Psyche und Geist verwirklichen wir selbst in Wechsel-Wirkung mit anderen und nicht durch intellektuelle Theorie. Insbesondere die auch im Buddhismus zu findende Behauptung, dass es einen Geist isoliert vom Körper gäbe, wird von Gensa überzeugend verneint. Als er sich mit seinen offenen Sandalen an einem Stein stieß und große Schmerzen hatte, wurde ihm blitzartig klar: Es gibt keinen Geist ohne den Körper.

Seine Aussage: „Das ganze Universum ist eine leuchtende Perle“ kann nicht intellektuell und theoretisch erfasst werden, sondern muss durch eigenes Erleben verwirklicht werden. So antwortet Gensa einem Schüler der seine Aussage über die Perle wort-wörtlich wiederholt: „Ich sehe, dass du dich sehr anstrengst, um in die Höhle eines Dämons in einem schwarzen Berg zu gelangen“. Dieser Berg ist das begriffliche unterscheidende Denken und es ist die Höhle des intellektuellen Dämons in einem schwarzen Berg.

Die hier angesprochenen beiden Kapitel aus Dôgens Meisterwerk „Die Schatzkammer des wahren Dharma – Auges, Shobôgenzô“ geben die positive Lebensanschauung und Sinn-gebende Kraft des Buddhismus treffend und poetisch wieder. Sie machen Mut in einer Zeit, die von Horror-Informationen überschwemmt wird, die dann von den Massenmedien noch weiter verstärkt werden: German Angst. Aber weder Angst noch Pessimismus können uns wirklich helfen, die positive Energie und Schönheit in unserem Leben und unserer Umgebung zu entwickeln und zur Blüte zu bringen, wie auch die heutige Gehirnforschung nachweist.





[1] Gäng, Peter (Hrsg.): Meditationstexte des Pali-Buddhismus I, S. 53 ff.
[2] Gäng, Peter (Hrsg.): Meditationstexte des Pali-Buddhismus I, S. 17 ff.
[3] Seggelke, Yudo J.: ZEN Schatzkammer. Einführung in Dogens Shobogenzo, Bd. 1, Kap. 17, S. 152 ff.
[4] Nagarjuna: Verse des Mittleren Wges, MMK, Präambel
[5] Guenther, Herbert: Wirbelndes Licht, S. 47
[6] Seggelke, Yudo J.: ZEN Schatzkammer. Einführung in Dogens Shobogenzo, Bd. 1, Kap. 4, S. 54 ff.

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