Mittwoch, 24. März 2021

Herz-Sutra, neue Übersetzung aus dem Urtext

 

Buddha, dem großen Wissenden

(Mit Erläuterungen von Yudo J. Seggelke)

 

Das Herz-Sutra ist eines der wichtigsten kurzen Texte des Buddhismu. Es gibt mehrere ausgezeichnete Fassungen, aber auch Anlass zu Verwirrungen und sehr eigenartigen Interpretationen. Ich möchte daher bei einer sehr genauen Übersetzung des Sanskrit-Textes ansetzen, die auf einer wörtlichen Wort-für-Wort-Übersetzung des Urtextes basiert. Diese Methode haben die Indologin Elisabeth Steinbrückner und ich bei der Bearbeitung des Mittleren Weges (MMK) von Nagarjuna und der Lehrgedichte des Yogacara von Vasubandhu konsequent angewendet. Dadurch konnten m. E. einige bisherigen Unklarheiten beseitigt werden. Übrigens ist mein Zen-Lehrer Nishijima Roshi bei der Bearbeitung des Shobogenzo von Meister Dogen in gleicher Weise vorgegangen. Er hat damit eine erste verlässliche Gesamtfassung dies fundamentalen Werkes erarbeitet. Meine eigenen Arbeiten zum Zen beruhen überwiegend auf seinen Texten, die eine hohe Validität haben.

Hier möchte ich zum Herz-Sutra einige Erläuterungen und Interpretationen einfügen, die bei einer wörtlichen Übersetzung klarer erkennbar sind. Später sollen detailliertere Untersuchungen folgen.

In der buddhistischen Forschung setzt sich eine ganz neue historische Einordnung des Herz-Sutras immer mehr durch, dass es sich nämlich um einen ursprünglich chinesische Text aus dem siebten Jahrhundert handelt Dieser sei dann ins Sanskrit übersetzt worden.[1] Es wird weiter vermutet, dass diese Übersetzung den Sinn hatte, die Glaubwürdigkeit und buddhistische Authentizität in China zu unterstützen. Ich halte diese Hypothese für sehr beachtenswert. Das Herz-Sutra beginnt:


Der Bodhisattva „edler Avalokiteshvara“, der die Praxis in der tiefen Prajnâpâramitâ praktiziert, blickte herab. Er sah die fünf Komponenten des Menschen, skandhas, als leer.


Man sollte hinzufügen als leer von den drei Giften Gier Hass und Verblendung und besonders durch eine eingebildete Substanz für die Komponenten des Menschen, Skandhas. Diese fiktive Substanz sei unveränderlich und ewig. Sie ist aber eine Schein-Substanz (svabhâva) und unheilsame Illusion, weil sie als unveränderlich und isoliert gedacht wird. Sie ist daher eine gefährliche und illusionäre Ideologie der Dinge und Phänomene, Dharmas, und führt zum Leiden. Wer einer solchen Ideologie anhängt und von ihr ergriffen ist, kann die Wirklichkeit der Welt und des Menschen nicht annähernd klar erkennen und lebt in einer Scheinwelt voller Leiden und Plagen. Es heißt wörtlich:


Hier: Form - Leerheit / Leerheit - wirkliche Form.

Von Form nicht gesondert Leerheit; von Leerheit nicht gesondert Form.

Was Form, das Leerheit; was Leerheit das Form

Diese wörtliche Übersetzung des Urtextes wirkt sicher zunächst eigenartig, hat aber nach meinem Verständnis genau so eine große Bedeutung. Die bisherigen Übersetzungen lauten meist: "Form ist Leerheit und Leerheit ist Form" Oder auch "Form ist Leere und Leere ist Form" . Das "ist" gibt es aber nicht im Urtext, es ist also schlicht zugesetzt und stiftet bei vielen erhebliche Verwirrung. Dadurch entsteht die Gefahr, dass eine Identität von Form und Leerheit geglaubt wird. Im Buddhismus wird jedoch die totale Identität als Schein-Wahrheit abgelehnt, denn es handelt sich um die Dualität von Identität und Differenz. Durch den Zusatz von "ist" ergibt sich in diesem Sinne aus meiner Sicht ein unlösbares Paradox, das typisch für dualistisches Denken ist, von Buddha als falsch entlarvt wurde.

Wie kann man die Formulierung des Urtextes wirklich verstehen? Antwort: Der Autor des Textes fordert uns auf über die wahre Bedeutung und den Zusammenhang von Form und Leerheit jeweils im Sinne des Buddhismus zu kontemplieren. Das heißt besonders, das Dogma des Dualismus und der Scheinsubstanz muss überwunden werden, um die Wirklichkeit zu sehen und zu erfahren.

Und was ist die Bedeutung von Leerheit? Dies klärt Meister Nagarjuna im MMK.[2]  Leerheit ist die Bezeichnung für das natürliche gemeinsame Entstehen in Wechselwirkung. Das ist vor allem die Wirklichkeit ohne die drei Gifte, ohne die verzerrende Dogmatik der Dualität und unveränderlicher Schein-Substanzen. Es geht schlicht um die wahre Form des Menschen ohne dogmatische und ideologische Perversion!

Diese Wirklichkeit der Form also ist leer von einer eingebildeten isolierten Schein-Substanz und damit leer von Dualität, also von eingebildetem Subjekt und Objekt. Damit wird klar, dass die Form des Menschen nicht isoliert und statisch verstanden werden darf. Sie ist dagegen in lebendiger Wechselwirkung mit den anderen Komponenten des Menschen, den Skandhas, und der Umwelt.

Form und Leerheit sind also weder absolut identisch noch absolut isoliert und different. Die wirkliche Form ist durch Leerheit gekennzeichnet und damit nach Buddha genau dann die wahre Form und keine Illusion. Und die Form ist auch nicht identisch mit der Leerheit oder der Leere.

In diesen ersten Versen möchte der Autor aus meiner Sicht sagen, dass wir tiefgründig und gründlich klären, dass es keine absolute Identität oder keine absolute Differenz gibt. Oder genauer: Diese können in der Wirklich des Lebens und der lebendigen Vernetzung nicht beobachtet werden. Heute wissen wir aus der Öko-Systemforschung und Gehirnforschung, dass Wechselwirkung und Vernetzung die Grundprinzipien des Lebens sind. Das haben Buddha und Nagarjuna bereits vor zweitausend Jahre durch genaue Beobachtung der Menschen, Tiere, Dinge und Phänomene der Natur erkannt und zur philosophischen Grundlage ihrer Lebenshilfe und Therapie gemacht!

Genau so Gefühl, Wahrnehmung, formende Kräfte und Bewusstseine.

Die obige Klärung für die wirkliche Form gilt damit auch für die anderen Komponenten des Menschen, Skandhas.

Shâriputra, alle Dinge und Phänomene, Dharmas, haben das Merkmal der Leerheit.


Das bedeutet also die von den drei Giften Gier Hass und Verblendung befreite und entleerte Wirklichkeit. Wenn wir aber im Gegenteil durch Dogmen und Vorurteile verblendet, starr und vergiftet sind, dann glauben wir fälschlich:


Die Komponenten des Menschen sind unentstanden, unvergangen, (dualistisch) ohne Flecken oder frei von Flecken, (unveränderlich, also) nicht weniger (oder) nicht mehr.


Nun spricht der Autor Buddhas großen Schüler Shariputra an, der für seine Klugheit und geistige Weisheit berühmt war. Damit wird die Gültigkeit des Herz-Sutra für die im Mitgefühl handelnden Bodhisattvas und die in großer Mitglieder der Sangha mit ihrer geistigen Klarheit betont. Das Herz-Sutra hat beide im Blick.


Von daher, Shâriputra, in Leerheit (erkennt man) nicht (die eingebildete dogmatische Substanz) von Form, nicht Gefühl, nicht Wahrnehmung, nicht formende Kräfte, nicht Bewusstseine.


Nach den Komponenten des Menschen werden nun die Wahrnehmung und deren angeblich getrennten Obejekte analysiert, wenn sie in der Blindheit der Dualität tätig sind. Dann gilt:


Nicht Auge-Ohr-Nase-Zunge-Körper- Denkorgan.

nicht Form-Ton-Duft-Geschmack. (Keine wirklichen Phänomene,) Dharmas des Berührbaren; nicht (die Wirklichkeit des) Augenbereichs bis Denkorganbereichs.


In der Leerheit gibt es keine eingebildete Dualität, denn das wäre:

Nicht Wissen und nicht Nichtwissen. Nicht Schwinden von Wissen


Keine eingebildete Dualität und eingebildete Substanz und Starrheit bei

Nicht Altern, Sterben und nicht Schwinden von Altern und Sterben. Nicht Leiden, Entstehen, Auflösung, Weg, nicht Wissen, nicht Erlangen.


Jetzt wird die Befreiung von der perversen Ideologie der Starrheit, Unveränderlichkeit und eingebildeten Substanz der Dinge und Phänomene beschrieben. Das ist die tiefe Weisheit des gemeinsamen Entstehens in Wechselwirkung, pratitya samutpada, und die höchsten dem Menschen mögliche Weisheit.

Und ein Bodhisattva, der sich auf die prajnâpâramitâ gestzt hat, verweilt mit einem Geist mit (Leerheit von) Hemmnissen. Aus der Nicht-Existenz eines Geistes mit Hemmnissen ist er ohne Schrecken, hat das Gegenteil erklommen, ist gegründet im Nirvâna.


Dabei kann man das Nirvana gemäß Meister Nagarjuna als die Befreiung von Leiden und Plagen im Hier und Jetzt verstehen

Alle in den drei Wegen/Zeiten wurzelnden Buddhas haben sich auf die pranjâpâramitâ gestzt und sind in das höchste rechte Erwachen völlig erwacht.


Nun geht es um die generelle Wirklichkeit und Wahrheit der Vier Edlen Wahheit der Überwindung des Leidens und des Herz-Sutras:

Deshalb soll erkannt werden das große prajnâpârami-mantra, das große vidyâ-mantra, das allerhöchste Mantra, das alle Leiden stillende, die Wahrheit die aus der Nicht-Falschheit kommt, das in der prajnâpâramitâ gesprochene Mantra, und zwar:

Gate gate pâra-gate pâra-saágate bodhi svâhâ .


Gegangen,  gegangen,  hinüber gegangen und  völlig hinüber gegangen. Bodhi svâhâ.

Damit hat der Mensch die Freiheit und den großen Frieden verwirklicht. Er hat die Perversion und Plagen von Dualismus und auch der eingebildeten, ewigen und unveränderlichen Substanz überwunden.

 

Weiterlesen 

[1] Tanahashi, Kazuaki: The Heart Sutra.

[2] Nagarjuna: Mittlerer Weg, MMK, Die Vier Edlen Wahrheiten, Kap. 24. Aus meinem Buch "Sternstunden des Buddhismus" Bd. 3

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