Sonntag, 1. Mai 2016

Lotos-Sutra, ausgewählte Zitate in Dogens Shobogenzo

Meister Dôgen hat die folgenden authentischen Zitate in seinem Kapitel zum Lotos-Sûtra besonders hervorgehoben. Nishijima Roshi erklärte mir 2007 im persönlichen Gespräch, dass Dôgens Verständnis des Lotos-Sûtra von demjenigen des üblichen Volksbuddhismus in Ostasien abweicht. Dôgen war mit diesem Sûtra besonders vertraut, weil er bereits als Zwölfjähriger in Japan in ein Kloster der Tendai-Übertragungslinie, die sich auf das Lotos-Sûtra stützt, eingetreten war.

Er wurde dort allerdings nicht an die für ihn existenziellen Lebensfragen, Probleme und vor allem Antworten herangeführt, sodass der Aufenthalt in dem Kloster zwar ein guter Anfang war, ihn aber letztlich nicht befriedigen konnte. Dies war sicher ein wesentlicher Grund dafür, dass er die Reise nach China auf sich nahm, um im Chan-Buddhismus Klarheit zu gewinnen, auf die sein wacher und zutiefst ehrlicher Geist so sehr hoffte. Nach einigen Enttäuschungen fand er sie schließlich mithilfe seines Lehrers Tendô Nyojô, den er außerordentlich schätzte und Zeit seines Lebens hoch verehrte.

Das Lotos-Sûtra entstand in Indien etwa ab dem ersten Jahrhundert vor Christus und wurde von Meister Kumarajiva im Jahr 406 nach Christus aus dem Sanskrit ins Chinesische übersetzt. Diese Fassung war und ist in Japan und China weit verbreitet und wurde von Iwanami Bunko veröffentlicht.

Nach einer ersten Übersetzung ins Englische durch Bunno Kato und William Soothill im Jahr 1930 wurde 1975 eine verbesserte Fassung von Weatherhill und Kosei herausgegeben. Dieser Fassung folgen die hier verwendete englische Übersetzung von Nishijima und Cross und somit meine deutschen Texte.

Kapitel 1: Einführung
So habe ich gehört: Zu einer Zeit lebte Buddha in Rajagriha. Auf dem Berg Gridhrakûta weilte er mit 12.000 großen bhikshus (Mönchen). Sie waren alle arhats (Erleuchtete Hörer), die alle Extreme und Übertreibungen beendet hatten, ohne Schwierigkeiten waren, im Gleichgewicht waren, die Grenzen der Existenz verwirklichten und im Geist befreit waren.

Zu jener Zeit sprach Manjushrî zu dem Bodhidsattva-Mahâsattva Maitreya und allen anderen großartigen Wesen: „Gute Söhne! Im Einklang mit meiner Überzeugung wird jetzt der Buddha, der Weltgeehrte, den großen Dharma lehren.

Er erklärte den wahren Dharma, der gut am Anfang, gut in der Mitte und gut am Ende ist.
Bevor die letzten jener (Sonne, Mond, Licht) Buddhas ihr Heim verließen, hatte er acht königliche Söhne. Diese acht Prinzen, unbehindert in ihrer Majestät, regierten jeweils vier Kontinente. Diese Prinzen entsagten alle dem Thron, als sie hörten, dass ihr Vater das Heim verlassen und (die Wahrheit von) anuttara-samyak-sambodhi erlangt hatte. Sie folgten ihm, verließen ebenfalls ihr Zuhause und errichteten den Geist des Großen Fahrzeugs. Sie praktizierten fortwährend reines Handeln und wurden alle Lehrer des Dharma. Unter Tausenden von unzähligen Buddhas hatten sie viele Wurzeln des Guten gepflanzt.

Die Zuhörer in jenem Orden blieben an einem Ort sechzig kleinere Zeitalter lang sitzen und bewegten nicht Körper und Geist.
Daher nehme ich an, dass der Tathâgata heute das Sûtra des Großen Fahrzeugs lehren wird, das die Lotosblume des Wundervollen Dharma genannt wird, die Methode, die Bodhisattvas zu lehren, die Buddhas bewahren und erinnern.

Dieses Licht erleuchtete das östliche Viertel von achtzehntausend Buddha-Ländern.
Als der Buddha (Sonne, Mond, Licht) die Blume des Dharma gelehrt hatte und bewirkte, dass die Versammlung sich freute, dann, an jenem besonderen Tag, erklärte er der Versammlung von Göttern und Menschen:

„Die Wahrheit, dass alle Dharmas wirkliche Form sind, wurde für euch alle gelehrt.“

Dieser Lehrer des Dharma, mystisches Licht, hatte zu jener Zeit einen Schüler, dessen Geist immer nachlässig war, der gierig an Ruhm und Vorteil hing, der voller Unruhe Ruhm und Vorteil suchte, der oft Unterhaltung fand in den Palästen der aristokratischen Familien, der verlassen hatte, was er auswendig gelernt hatte, alles vergessend, bevor er es klar verstanden hatte, und der aus diesem Grund „Der Ruhmsüchtige“ genannt wurde.

Auch er war in der Lage – durch die Praxis guter Taten –, zahllosen Buddhas zu begegnen, ihnen Gaben zu überreichen, ihnen zu folgen, indem er die große Wahrheit praktizierte, und die sechs Paramitâs (Tugenden) zu vollenden.
Jetzt hat er Shâkyamuni gesehen. Danach wird er Buddha werden. Und er wird Maitreya genannt werden.

Jetzt sandte der Buddha ein Leuchten aus, um zu helfen, die Bedeutung der wirklichen Form zu enthüllen. Menschen, jetzt müsst ihr aufmerksam und klar sein! Haltet die Handflächen zusammen und wartet mit ganzem Herzen!

Kapitel 2: Wirkungsvolle buddhistische Methoden und Mittel
Zu jener Zeit erhob sich der Weltgeehrte ruhig und klar aus dem Samâdhi und wandte sich an Shariputra: „Die Weisheit der Buddhas ist tiefgründig und unergründlich. Ihre Übertragungslinie der Weisheit ist schwer zu verstehen, und der Zugang ist schwierig. Alle Shrâvakas und Pratyekabuddhas können sie nicht begreifen Warum? (Weil) ein Buddha vertraut ist mit zahllosen Hunderttausenden unendlichen Ansammlungen (kotis) von Buddhas und die unergründliche Wahrheit und Wirklichkeit der Buddhas vollständig praktiziert hat.

Tapfer und ausdauernd sorgt er dafür, dass Buddhas Namen umfassend gehört werden, vollendet er den tiefgründigen beispiellosen Dharma und lehrt, wie es die Situation erlaubt, die Bedeutung, die schwer zu verstehen ist.
Der Tathâgata ist vollkommen ausgerüstet mit Zweckmäßigkeit und dem Paramitâ der Weisheit. Shariputra! Die Weisheit des Tathâgata ist weit, groß, tiefgründig und ewig.

Buddhas allein, zusammen mit Buddhas, können klar und vollkommen erkennen, dass alle Dharmas wirkliche Formen sind. Was „alle Dharmas“ genannt wird, ist Form wie sie ist, die Natur wie sie ist, der Körper wie er ist, die Energie wie sie ist, das Handeln wie es ist, die Ursachen wie sie sind, die Bedingungen wie sie sind, die Wirkungen wie sie sind, die Ergebnisse wie sie sind und der höchste Zustand der Gleichgewicht von Substanz und Einzelheit wie er ist.
Ich und die Buddhas in den zehn Richtungen sind unmittelbar in der Lage, diese Dinge zu wissen.

Selbst wenn die Welt voll von Wesen wie Shariputra wäre, würde all ihr Intellekt nicht ausreichen, um Buddhas Weisheit zu ermessen.
So (reichlich vorhanden wie) Reis, Hanf, Bambus und Schilf.
Nur ich kenne die konkrete Form, und die Buddhas der zehn Richtungen sind genauso.

Zu der Zeit gab es in der großen Versammlung Shrâvakas, den Arhat Ajnâta-Kaundinja, der alle Extreme beendet hatte, und andere (zusammen) 1.200 Menschen.
Kinder geboren aus dem Mund Buddhas, Handflächen zusammengelegt, aufschauend, wir warten. Bitte stoße den feinen Ton aus und lehre für uns (die Wahrheit) wie sie wirklich ist.

Halt, halt, keine Notwendigkeit, es zu erklären. Mein Dharma ist zu außergewöhnlich, um darüber nachzudenken. Arrogante Menschen werden es nicht mit Respekt glauben, wenn sie davon hören.

Als er diese Worte in der Versammlung predigte, erhoben sich 5.000 Mönche, Nonnen und Laien von ihren Sitzen, verbeugten sich zum Buddha hin und zogen sich zurück.
Die Wurzeln des falschen Tuns dieser Gesellen waren tief und schwer. (Aber Buddha ließ es geschehen und hielt sie nicht zurück!)

Daraufhin wandte sich Buddha an Shariputra:
„Nun bin ich in dieser Versammlung frei von Ästen und Zweigen, und nur die Wahren und Wirklichen bleiben. Shariputra! Es ist fein, dass solche arroganten Menschen wie diese sich zurückziehen. Nun hört gut zu und ich werde für euch predigen.“

Shariputra sagte: „Bitte tue das, Weltgeehrter. Ich möchte unbedingt voller Freude hören.“ Der Buddha wandte sich an Shariputra: „Die Buddha-Tathâgatas predigen nur von Zeit zu Zeit den wundervollen Dharma, genau wie die Udumbara-Blume nur einmal in einem Zeitalter erscheint.“

Der Dharma kann nicht durch Denken und Unterscheiden verstanden werden. Nur Buddhas sind direkt in der Lage, ihn zu kennen. Warum? Die Buddhas, die Weltgeehrten, erscheinen in der Welt nur aufgrund der einen großen Aufgabe. Shariputra, warum sage ich, dass die Buddhas, die Weltgeehrten, in der Welt nur aufgrund der einen großen Aufgabe erscheinen? Die Buddhas, die Weltgeehrten, erscheinen in der Welt, weil sie ein großes Verlangen haben zu bewirken, dass die Lebewesen die Weisheit Buddhas enthüllen, die sie in die Lage versetzt, rein zu werden.

Sie erscheinen in der Welt, weil sie das Verlangen haben, den Lebewesen die Weisheit Buddhas zu zeigen. Sie erscheinen in der Welt, weil sie das Verlangen haben zu bewirken, dass die Lebewesen die Weisheit Buddhas verwirklichen. Sie erscheinen in der Welt, weil sie das Verlangen haben, die Lebewesen dazu zu bringen, dass sie in den Zustand der Wahrheit eintreten, der die Weisheit Buddhas ist. Shariputra, deshalb erscheinen die Buddhas in der Welt, nur aufgrund der einen großen Aufgabe.
Shariputra, der Tathâgata predigt nur mit den Mitteln des einen Buddha-Fahrzeugs den Dharma für die Lebewesen. Es gibt kein anderes Fahrzeug, weder ein zweites noch ein drittes. Shariputra, der Dharma aller Buddhas der Zehn Richtungen ist auch genau wie dieses.

Shariputra: „Wenn irgendwelche meiner Schüler, die sich selbst Arhats oder Pratyekabuddhas nennen, weder die Tatsache hören noch verstehen, dass die Buddha-Tathâgatas nur Bodhisattvas lehren, dann sind sie nicht Buddhas Schüler, weder Arhats noch Pratyekabuddhas.

Noch einmal, Shariputra: Wenn diese Mönche und Nonnen sich selbst denken: „Ich habe schon den Zustand eines Arhat erlangt, dies ist mein letztes Leben, höchstes Nirvâna“, und dann nicht länger (die Wahrheit vom) anuttara-samyak-sambodhi erstreben möchten, solltest du wissen, dass diese Menschen von hochmütiger Arroganz sind. Warum? (Weil) es nicht so etwas wie einen Mönch gibt, der den Zustand eines Arhat erlangt, ohne diese Lehre zu glauben.

Dieser mein Dharma von neun Kapiteln, der gelehrt wird, wie es sich für Menschen geziemt, ist die Grundlage für den Eintritt in das Große Fahrzeug. Darum lehre ich dieses Sûtra.

In den Buddhaländern der zehn Richtungen gibt es nur den Dharma eines Fahrzeugs. Es gibt weder ein zweites noch ein drittes.
Ich, dessen Körper mit Zeichen geschmückt ist und mit strahlendem Licht, das die Welt beleuchtet, bin geehrt durch zahllose Mengen, für die ich das Siegel der wahren Form lehre.

Wenn Menschen achtungsvoll den Stûpas und Schreinen, den Juwelenbildern und gemalten Bildern mit Blumen, Räucherstäbchen, Flaggen und Baldachinen Gaben spenden, (oder) wenn sie andere dazu bringen, Musik zu machen, Trommeln zu schlagen, Hörner und Muscheln zu blasen, Panflöten, Flöten, Lauten, Lyras, Harfen, Gongs und Zimbeln (zu spielen) und viele feine Töne wie diese (hervorzubringen), dann dienen sie dauernd als Gaben, oder (wenn) sie mit Herzen voller Freude den Lobpreis von Buddhas Tugend dann haben sie alle Buddhas singen, selbst mit einem leisen Ton, Wahrheit verwirklicht. Wenn die Menschen, deren Geist abgeirrt ist, mit nur einer einzigen Blume einem gemalten (Buddha-)Bild Gaben spenden, werden sie nach und nach zahllose Buddhas sehen.

Noch einmal, Menschen, die Niederwerfungen machen oder einfach die Hände zusammenlegen oder auch nur eine Hand ein wenig anheben oder den Kopf ein wenig senken und auf diese Weise einem Bild Gaben spenden, werden allmählich zahllose Buddhas sehen, werden auf natürliche Weise die höchste Wahrheit verwirklichen und werden in weitem Umkreis zahllose Mengen retten.
Der Dharma weilt an seinem Ort im Dharma, und die Form der Welt verweilt dauerhaft. Weil sie dies an einem Ort der Wahrheit erkannt haben, lehren führende Lehrer es durch geeignete Mittel.
Zur Zeit dieser Überlegung werden die Buddhas der zehn Richtungen alle erscheinen.

In derselben Weise wie die Buddhas der drei Zeiten den Dharma lehren, so werde auch ich den Dharma lehren, der ohne Unterscheidung ist. Das Erscheinen der Buddhas in der Welt ist (für viele) weit entfernt, und es ist schwierig, ihm zu begegnen. Selbst wenn sie in der Welt erscheinen, ist es deshalb schwer, dass der Dharma gelehrt wird.

Kapitel 3: Die Parabel des brennenden Hauses
Zu dieser Zeit erhob sich Shariputra vor Freude springend sofort und legte seine Handflächen zusammen.

In der Vergangenheit hörte ich einen solchen Dharma von dem Buddha und sah, wie die Bodhisattvas die Bestätigung empfingen und Buddhas wurden.
In meinem Geist waren große Unruhe und großer Zweifel: War es nicht ein Dämon, der wie ein Buddha handelt und meinen Geist betrübt und verwirrt?
Das Land (des Blumenlichts Tathâgata) ist eben und gleichmäßig, rein und strahlend, ruhig und reich.

Obgleich ich sicher durch das brennende Tor weggehen kann, sind die Kinder in dem brennenden Haus ganz in ihr Spiel versunken. Sie bemerken und kennen (die Gefahr) nicht, und sie sind weder alarmiert, noch ängstlich (weil sie die Realität nicht sehen können).

Dieses Haus hat nur ein Tor, das außerdem schmal und klein ist. Die Kinder sind jung und besitzen noch nicht das Wissen. Sie lieben den Ort, an dem sie spielen. Sie könnten in das Feuer fallen und verbrannt werden. Ich muss ihnen diese gefährliche Situation erklären.

Viele Arten von Ziegenkutschen, Hirschkutschen und Ochsenkutschen sind jetzt außerhalb des Tores, um mit ihnen zu spielen. Kommt schnell heraus aus dem brennenden Haus, und ich werde euch alles geben, was ihr möchtet.

Dann sieht der wohlhabende Mann, dass seine Kinder sicher herausgelangten und alle auf dem offenen Grund an der Kreuzung sitzen und nichts sie behindert. Sein Geist ist leicht, und er hüpft vor Freude. Dann sagen alle seine Kinder zum Vater: „Vater, gib uns jetzt jene wunderbaren Spielsachen, die du uns vorhin versprochen hast: die Ziegenkutschen, Hirschkutschen und Ochsenkutschen.“ Shariputra! Nun gibt der wohlhabende Mann jedem seiner Kinder eine großartige Kutsche. Die Kutsche ist hoch und geräumig, mit allen Arten von Schätzen geschmückt und bespannt mit weißen Ochsen.

Gelangt schnell aus der dreifachen Welt heraus und ihr werdet die drei Fahrzeuge erlangen: die Fahrzeuge von Shrâvaka, Pratyekabuddha und Buddha. Ich gebe euch jetzt meine Garantie dafür, und am Ende wird es nicht falsch sein. Ihr müsst nur sorgfältig und ausdauernd sein.
Daraufhin fängt das Haus plötzlich Feuer. Sofort brennt es in den vier Richtungen lichterloh.

Alle Lebewesen sind meine Kinder. (Aber) tief gefangen in weltlichen Genüssen sind sie ohne Weisheit. Der Tathâgata, schon frei von dem brennenden Haus der dreifachen Welt, lebt ruhig in Zurückgezogenheit und weilt friedvoll in Wäldern und Feldern. Jetzt ist die dreifache Welt ganz mein Besitz, und die Lebewesen in ihr sind alle meine Kinder.
(Wir) fahren in dieser prächtigen Kutsche und kommen direkt am Ort der Wahrheit an.

Kapitel 4: Vertrauen und Verstehen
Und dann erhoben sie sich von ihren Sitzen, ordneten ihre Kleidung und entblößten nur ihre rechten Schultern.
Ohne Erwartung sind wir jetzt plötzlich in der Lage, den selten anzutreffenden Dharma zu hören. Wir gratulieren uns von ganzem Herzen, dass wir eine große Wohltat empfangen haben, sie für uns selbst erhalten zu haben, ohne sie gesucht zu haben. Ein unermesslicher Schatz.

Der Dharma ist wie ein Mensch, der in seiner Jugend seinen Vater verlässt und wegrennt.
Dies ist mein von mir gezeugter Sohn. (Weil) er mich in einer bestimmten Stadt verließ und fortging, ist er herumgewandert und erduldete über 50 Jahre lang ein hartes Schicksal.

Jetzt sind wir wahrlich die Hörer der Stimme. Wir veranlassen alle, die Stimme von Buddhas Wahrheit zu hören. Wir sind jetzt wahrhaftig Arhats (Hörer Buddhas).

Kapitel 5: Die Parabel der Heilpflanze
Der Dharmakönig, der die „Existenz“ bricht, erscheint in der Welt und entsprechend der Wünsche der Lebwesen lehrt er den Dharma auf vielfältige Weise. Wenn die Weisen ihn hören, sind sie in der Lage, sofort zu vertrauen und zu verstehen. Die Törichten zweifeln und grämen sich und verlieren ihn auf diese Weise für immer.

Pflanzen, Büsche, Heilkräuter, große und kleine Bäume, verschiedenartiges Getreide und Sämlinge, Zuckerrohr und Weinranken werden ausreichend vom Regen benetzt,. Trockener Grund wird ganz durchtränkt, Heilkräuter und Blumen gedeihen zusammen.
Eure Handlungen sind der Bodhisattva-Weg selbst. Durch schrittweise Praxis und Lernen werdet ihr alle Buddhas werden.

Kapitel 6: Bestätigung, ein Buddha zu werden
Dieser mein Schüler Mahâkâshyapa wird in zukünftigen Zeitaltern in der Lage sein, dreihundert Milliarden hunderte von Millionen weltgeehrter Buddhas  zu dienen, ihnen Gaben darzubringen, sie zu schätzen, zu ehren und zu preisen und den grenzenlosen Dharma der Buddhas weithin zu verkünden

Meine Schüler, 500 an der Zahl, vollkommen ausgerüstet mit würdevollen Tugenden, werden alle die Bestätigung (und Dharma-Übertragung) empfangen. Und in einem zukünftigen Zeitalter werden alle in der Lage sein, Buddha zu werden.

Kapitel 8: Die Bestätigung der fünfhundert Schüler
Mönche! Purna war in der Lage, unter den sieben Buddhas der herausragende Dharma-Redner zu werden. Nun wurde er auch der beste Dharma-Redner in meinem Orden. Er wird unter zukünftigen Buddhas in diesem kraftvollen Kalpa wieder der Beste unter den Dharma-Rednern sein und wird den Buddha-Dharma schützen, erhalten, unterstützen und lehren.

500 Mönche werden Buddha werden, jeder von ihnen. Mit demselben Namen, „Universales Licht“, werden sie einem nach dem anderen die Bestätigung geben.

Weltgeehrter! Es ist so, als ob jemand zum Haus eines engen Freundes geht, betrunken wird und sich niederlegt. Inzwischen befestigt der Freund eine Perle von grenzenlosem Wert in der Kleidung des Menschen als ein Geschenk und geht fort, weil er seine Geschäfte wahrnehmen muss.

Es ist so, wie wenn ein armer Mensch zum Haus eines engen Freundes geht, dessen Familie sehr wohlhabend ist. (Der Freund) tischt viele feine Gerichte auf und befestigt eine Perle von grenzenlosem Wert innen in der Kleidung (des Armen).
Nun, da wir von Buddha von der wundervollen Tatsache der Bestätigung und der folgenden Annahme der Bestätigung hören, sind Körper und Geist voll von Freude.

Kapitel 14: Friedvolle und freudige Praxis
Ein Bodhisattva-Mahâsattva sollte nicht in die Nähe von Königen, Prinzen, Ministern und hohen Beamten gelangen.
(Der Bodhisattva) wendete Öl für seinen Körper an, nachdem er den Staub und Schmutz weggewaschen hatte, und er legte eine frische und reine Robe an: vollständig sauber innen und außen.

Obgleich jene Menschen dieses Sûtra weder hören, noch daran glauben, noch es verstehen, werde ich sie – wo immer ich bin – mithilfe der übernatürlichen Kraft und der Kraft der Weisheit führen und dazu bringen, in diesem Dharma verweilen zu können, wenn ich (die Wahrheit von) anuttara-samyak-sambodhi erlange.

Wenn es einen mutigen und kraftvollen Menschen gibt, der schwierige Taten ausführen kann, holt der König aus dem Inneren seines Haarknotens die leuchtende Perle und gibt sie ihm. Es ist so, als ob der König aus seinem Haarknoten die strahlende Perle herausholt und weitergibt. Dieses Sûtra wird als das höchste unter allen Sûtras geehrt. Ich habe es immer bewahrt und nicht wahllos preisgegeben. Jetzt ist die Zeit, es für euch alle zu lehren.

Wenn wir vollkommen den Gleichgewichtszustand von Dhyâna erreicht haben, treffen wir die Buddhas der zehn Richtungen.
Die Körper der Buddhas, golden gefärbt und geschmückt mit 100 Zeichen des Glücks: Indem wir den Dharma hören und ihn für andere lehren, existiert dieser erfreuliche Traum für immer. Und in der Traumhandlung verlässt der König des Landes seinen Palast, seine Nachfolger und die fünf Begierden nach dem Höchsten und Feinen, und er geht zu einem Ort der Wahrheit.

Am Fuße eines Bodhi-Baums sitzt er auf dem Löwensitz strebt nach der Wahrheit sieben Tage lang und erlangt die Weisheit der Buddhas. Nachdem er die höchste Wahrheit verwirklicht hat, erhebt er sich und dreht das Rad des Dharma. Er lehrt den Dharma für die vier Gruppen, Tausende von Myriaden von Zeitaltern lang. Er lehrt den fehlerfreien wundervollen Dharma und rettet unzählige Lebewesen. Danach geht er auf natürliche Weise in das Nirvâna ein, wie eine Laterne, die ausgeht, wenn der Rauch verbraucht ist. Wenn (irgendeiner) in zukünftigen korrupten Zeiten diesen umfassenden Dharma lehrt, wird jener Mensch großen Vorteil erlangen, so wie die oben (beschriebenen) wunderbaren Wirkungen.

Kapitel 16: Die Lebenszeit des Tathâgata
Gute Söhne! Es ist unzählige und unbegrenzte Hunderttausende Myriaden von Weltaltern her, seit ich tatsächlich den Zustand Buddhas verwirklicht habe. Nehmt zum Beispiel an, dass es 500.000 Myriaden von Zeitaltern von dreitausend großen tausendfachen Welten gibt. Lasst sie von jemanden in Atome zermahlen, lasst ihn ostwärts wandern durch Hunderttausende Myriaden von Weltaltern und Länder und dann ein Atom fallen lassen. (Nehmt an, dass der Mensch) ostwärts weitergeht und so verfährt, (bis) alle jene Atome aufgebraucht sind. Gute Söhne, was denkt ihr? Ist es möglich oder nicht, alle jene Welten zu begreifen und zu zählen, um auf diese Weise ihre Anzahl zu kennen?

Gute Söhne! Wenn er Lebewesen sieht, die sich an Geringem erfreuen, deren Tugend gering ist und deren Schmutz sich angesammelt hat, dann sagt der Tathâgata zu diesen Menschen: „In meiner Jugend verließ ich das Familienleben und erreichte anuttara-samyak-sambodhi.“ Und seit ich tatsächlich (den Zustand von) Buddha verwirklicht habe, ist (meine) Ewigkeit so wie sie ist. Nur um Lebewesen durch gut geeignete Mittel zu lehren und zu transformieren, sodass sie die Wahrheit Buddhas erreichen, mache ich Aussagen wie diese.

Alles was er sagt ist wirklich, nicht hohl. Warum? (Weil) der Tathâgata die Form der dreifachen Welt, wie sie wirklich ist, kennt und sieht – ohne Leben und Tod oder Verschwinden und Erscheinen, ohne Existenz in der Welt und ohne Auslöschung, weder real noch ohne etwas weder so noch anders. Es ist am besten, die dreifache Welt als die dreifache Welt zu sehen (genauso wie sie ist, auch im Samsara und ohne an Antworten und Lehrmeinungen zu hängen).

So liegt es weit in der fernen Vergangenheit zurück, seit ich (den Zustand des) Buddha verwirklicht habe. (Meine) Lebenszeit umfasst zahllose Weltalter, existiert ewig und geht nicht unter. Gute Söhne! Die Lebenszeit, die ich durch meine unverfälschte Praxis des Bodhisattva-Wegs verwirklicht habe, ist noch nicht erschöpft, sondern wird noch zweimal so lange wie die vorherige Anzahl (von Weltaltern) dauern.

Als gut geeignete Methode, um Lebewesen zu retten, manifestiere ich das Nirvâna. Ich habe wirklich noch nicht die Welt verlassen, weile hier dauerhaft und lehre den Dharma. Ich lebe immer an diesem Ort mit mystischen Kräften. Ich bewirke, dass Lebewesen, die verwirrt sind, nicht in der Lage sind, mich zu sehen, obgleich ich nahe bin. Viele sehen, dass ich gestorben bin, und weit und breit opfern sie Gaben für meine Knochen, haben romantische Sehnsüchte und tragen Durst in ihren Herzen. Wenn Lebewesen geglaubt haben und sich gebeugt haben, einfach und geradeaus sind, beweglich im Geist, und sie von ganzem Herzen dem Buddha begegnen wollen, ohne ihren eigenen Körper und ihr Leben bequem zu schonen, dann erscheinen ich und viele Mönche zusammen auf dem Vulture-Gipfel.

(Ich bin) ewig auf dem Vulture-Gipfel anwesend und an anderen Stätten. Selbst wenn Lebewesen am Ende eines Zeitalters sehen, dass sie im großen Feuer verbrannt werden müssen, ist mein Land ruhig, immer mit Göttern und menschlichen Wesen angefüllt. Seine Parks und Paläste sind geschmückt mit vielfältigen Schätzen. Wertvolle Bäume tragen Blüten und Früchte im Überfluss. Es ist ein Ort, wo die Lebewesen sich erfreuen. Die Götter schlagen göttliche Trommeln und machen andauernd Theater und Musik und überschütten den Buddha und die große Versammlung mit Mandârava-Blüten. Mein reines Land ist unsterblich, dennoch betrachten es viele als verbrannt und voll von Gram, Entsetzen und Qualen.

Diese Lebewesen mit vielen Sünden, mit ihrem schlechten Verhalten, als direkte und indirekte Ursachen, hören den Namen der drei Schätze nicht, selbst wenn sie unzählige Zeitalter überdauern. Lebewesen, die Tugend praktizieren, die freundlich, einfach und geradeaus sind, sehen alle meinen Körper, der hier existiert und den Dharma lehrt.

Andauernd habe ich diesen Gedanken: „Wie kann ich die Lebewesen in die Lage versetzen, die höchste Wahrheit zu erlangen und schnell den Körper Buddhas zu verwirklichen.

Kapitel 18: Das Verdienst der freudigen Annahme des Sûtra
Der Buddha wandte sich an den Bodhisattva-Mahâsattva Maitreya: „Ajita, wenn nach dem Tod des Tathâgata Mönche und Nonnen, Laien und andere weise Menschen, alt oder jung, dieses Sûtra gehört haben und es mit Freude annehmen, den Dharma – Orden verlassen und irgendwo hingehen, um in Klostern und an abgelegenen Orten oder in Städten, Straßen, Dörfern und Feldern (dieses Sûtra), wie sie es gehört haben, entsprechend ihrer Fähigkeit ihrem Vater und ihrer Mutter, Angehörigen und guten Freunden und Bekannten zu erläutern, und wenn alle diese Menschen die Lehre hören, mit Freude annehmen und sie weiter überliefern, dann werden andere Menschen, die die Lehre gehört haben, sie ebenfalls mit Freude annehmen und sie bis zur 50. Generation weitergeben.“

Wie viel mehr ist jenes Glück ohne Grenzen, wenn wir (das Sûtra) mit ungeteiltem Geist hören, seine Bedeutung beleuchten und entsprechend der Lehre praktizieren?

Dann wandte sich der Buddha an den Bodhisattva-Mahâsattva, den immer Eifrigen: „Wenn irgendein guter Sohn oder eine gute Tochter dieses Sûtra der Blume des Dharma empfängt, bewahrt oder es erklärt oder kopiert, dann wird dieser Mensch 800 Verdienste des Auges, 1.200 Verdienste des Ohres, 800 Verdienste der Nase, 1.200 Verdienste der Zunge, 800 Verdienste des Körpers und 1.200 Verdienste des Geistes erhalten. Diese Verdienste werden die sechs Organe schmücken und sie alle rein machen.“

Kapitel 19: Die Verdienste des Dharma-Lehrers
Obgleich (er oder sie) noch nicht die fehlerfreie wirkliche Weisheit erlangt hat, ist sein oder ihr Geistorgan rein wie dieses.

Kapitel 25: Das universale Tor des Bodhisattva Hörer der Laute der Welt
Guter Sohn! Wenn unzählige Hunderttausende Myriaden von Lebewesen, die an Qualen leiden, von dem Bodhisattva „Hörer der Laute der Welt“ hören und mit ungeteiltem Geist den Namen (des Bodhisattva) rufen, dann wird der Bodhisattva „Hörer der Laute der Welt“ sofort ihre Schreie hören, und alle werden erlöst werden.

Guter Sohn! Wenn Lebewesen in irgendeinem Land durch den Körper Buddhas gerettet werden müssen, manifestiert der Bodhisattva „Hörer der Laute der Welt“ sofort den Körper Buddhas und lehrt für sie den Dharma. Für jene, die durch den Körper eines Pratyekabuddha gerettet werden müssen, manifestiert (der Bodhisattva) sofort den Körper eines Pratyekabuddha und lehrt für sie den Dharma. Für solche, die durch den Körper eines Hörers (Shrâvakas) gerettet werden müssen, manifestiert (der Bodhisattva) sofort den Körper eines Hörers und lehrt für sie den Dharma. Für solche, die durch den Körper des Königs Brahma gerettet werden müssen, manifestiert (der Bodhisattva) sofort den Körper des Königs Brahma und lehrt für sie den Dharma.

Für jene, die durch den Körper des Gott-Königs Shakra gerettet werden müssen, manifestiert (der Bodhisattva) sofort den Körper des Gott-Königs Shakra und lehrt für sie den Dharma. Für jene, die durch den Körper von Ishvara gerettet werden müssen, manifestiert (der Bodhisattva) sofort den Körper des Ishvara und lehrt für sie den Dharma. Für jene, die durch den Körper von Maheshvara gerettet werden müssen, manifestiert (der Bodhisattva) sofort den Körper von Maheshvara und lehrt für sie den Dharma. Für jene, die durch den Körper eines göttlichen großen Feldherrn gerettet werden müssen, manifestiert (der Bodhisattva) sofort den Körper eines göttlichen großen Feldherrn und predigt für sie den Dharma.

Für jene, die durch den Körper von Vaishravana gerettet werden müssen, manifestiert (der Bodhisattva) sofort den Körper von Vaishravana und lehrt für sie den Dharma. Für jene, die durch den Körper eines kleinen Königs gerettet werden müssen, manifestiert (der Bodhisattva) sofort den Körper eines kleinen Königs und lehrt für sie den Dharma. Für jene, die durch den Körper eines reichen Mannes gerettet werden müssen, manifestiert (der Bodhisattva) sofort den Körper eines reichen Mannes und lehrt für sie den Dharma. Für jene, die durch den Körper eines Hausverwalters gerettet werden müssen, manifestiert (der Bodhisattva) sofort den Körper eines Hausverwalters und predigt für sie den Dharma.

Für jene, die durch den Körper eines Regierungsvertreters gerettet werden müssen, manifestiert (der Bodhisattva) sofort den Körper eines Regierungsvertreters und lehrt für sie den Dharma. Für jene, die durch den Körper eines Brahmanen gerettet werden müssen, manifestiert (der Bodhisattva) sofort den Körper eines Brahmanen und lehrt für sie den Dharma. Für jene, die durch den Körper eines Mönchs oder einer Nonne, eines männlichen oder weiblichen Laien gerettet werden müssen, manifestiert (der Bodhisattva) sofort den Körper eines Mönchs, einer Nonne, eines männlichen oder weiblichen Laien und lehrt für sie den Dharma.

Für jene, die durch den Körper der Frau eines reichen Mannes, eines Hausverwalters, Offiziellen oder Brahmanen gerettet werden müssen, manifestiert (der Bodhisattva) sofort den Körper einer Frau und lehrt für sie den Dharma. Für jene, die durch den Körper eines Jungen oder eines Mädchens gerettet werden müssen, manifestiert (der Bodhisattva) sofort den Körper eines Jungen oder eines Mädchens und lehrt für sie den Dharma. Für jene, die durch den Körper eines Gottes, Drachens, Yaksha, Gandharva, Asura, Garuda, Kimnara oder Mahoraga, eines menschlichen Wesens oder eines nichtmenschlichen Wesens gerettet werden müssen, manifestiert (der Bodhisattva) in jedem Fall sofort diesen (Körper) und lehrt für sie den Dharma.

Für jene, die durch den Körper eines diamanthaltenden Gottes gerettet werden müssen, manifestiert (der Bodhisattva) sofort den Körper eines diamanthaltenden Gottes und lehrt für sie den Dharma. Unbegrenztes Denken! Der Bodhisattva „Hörer der Laute der Welt“ vollbringt gute Wirkungen wie diese, indem er alle Formen benutzt, alle Länder durchwandert, um die Lebewesen zu retten. Daher müsst ihr alle mit ganzem Herzen Gaben für den Bodhisattva „Hörer der Laute der Welt“ spenden. Der Bodhisattva „Hörer der Laute der Welt“ ist in der Lage, inmitten von Furcht und Schmerzen Angstfreiheit zu geben. Aus diesem Grund nennen alle in dieser Saha-Welt diesen (Bodhisattva) „Geber der Angstfreiheit“.

Während der Buddha dieses Kapitel über das universale Tor lehrte, etablierten die 84.000 Lebewesen in der Versammlung alle den Willen zum unvergleichlichen Zustand des Gleichgewichts, der anuttara-samyak-sambodhi heißt.

Kapitel 28: Ermutigung des Bodhisattva „Universale Tugend“
Während das Sûtra der Blume des Dharma auf seinem Weg durch (das Land) Jambudyipa weiterschreitet, sollte jeder, der es empfängt und behält, Folgendes überlegen: „Dies geschieht alles aufgrund der majestätischen, mystischen Kraft der Universalen Tugend.“ Wenn irgendjemand es empfängt und behält, es liest und rezitiert, es richtig erinnert, seine Bedeutung versteht und praktiziert, wie es von ihm gelehrt wird, dann sollten wir wissen, dass dieser Mensch das Werk der Universalen Tugend verrichtet.

(Der Bodhisattva „Universale Tugend“ sagte:) „Weltgeehrter! Ich werde jetzt durch meine mystische Kraft dieses Sûtra beschützen und bewahren. Nach dem Tod des Tathâgata werde ich dafür sorgen, dass es weit im (Land) Jambudyipa verbreitet wird, und ich lasse es niemals aufhören zu existieren

Daraufhin lobte Shâkyamuni Buddha ihn und sagte: „Wie hervorragend, wie hervorragend, Universale Tugend, dass du in der Lage bist, dieses Sûtra zu beschützen und zu unterstützen, indem du Frieden, Freude und Gutes für viele Lebewesen bewirkst. Du hast bereits undenkbare Tugend erreicht und tiefes Mitgefühl. Seit der weit entfernten Vergangenheit hast Du den Willen zur (Wahrheit von) anuttara-samyak-sambodhi etabliert und konntest das Gelöbnis der mystischen Kraft ablegen, dieses Sûtra zu beschützen und zu bewahren.“

Universale Tugend! Wenn es irgendjemanden gibt, der dieses Sûtra der Blume des Dharma empfängt, behält, liest, rezitiert, richtig erinnert, praktiziert und kopiert, dann wisse, dass dieser Mensch Shâkyamuni Buddha begegnet und dieses Sûtra hört, als käme es aus Buddhas Mund.


Sonntag, 3. April 2016

Buddhismus ist freudige Bewegung. Was denn sonst?


Der Buddhismus ist eine positive und lebensvolle Lehre und Praxis, die uns Menschen in zwei großen Entwicklungsschritten aus überflüssigem und selbst verursachtem Leiden herausführen möchte, damit wir zunächst einmal ein „normales“ Leben führen können. Dazu müssen wir natürlich unser Leiden möglichst klar erkennen und die Verursachung und Wechselwirkung mit anderen Menschen und Einflüssen gründlich und so weit es geht ohne Tabus analysieren: Das ist der wesentliche Impuls der Vier Edlen Wahrheiten Buddhas für Körper, Psyche und Geist.[1] Es bringt nichts, immer bei anderen die Schuld zu suchen oder sich selbst zu beklagen.

Beides sind Extreme, die der Wirklichkeit niemals entsprechen können und uns nicht wirklich weiterhelfen. Denn Buddhismus ist der Mittlere Weg der Wechselwirkung, auch und gerade beim Ausweg aus dem Leiden. Extreme sind nur hohle Ideologien, die uns verhärten, aber sie führen nicht zur freudigen psychischen, geistigen und spirituellen Bewegung. Sie dienen meist nur dem eigenen Helden-Status, sei es als grandioses Ich mit Sieg oder Untergang oder sei es als Klage-Ich des Opfers. Im Gegensatz dazu sind die buddhistischen Bewegungen und Entwicklungen für unsere Befreiung unbedingt erforderlich und sinnvoll.

In der Abbildung habe ich Einzelheiten dem sutta „Grundlagen der Achtsamkeit“ entnommen: die Arten des Leidens, die fünf Hemmnisse auf dem Weg der Befreiung und die sieben Glieder des Erwachens.[2]


Aber die Lehre Buddhas bleibt bei dem Zustand des „normalen“ Lebens nicht stehen. Sie will uns darüber hinaus zu dem bringen, was Erwachen, Licht oder Erleuchtung genannt wird. Es geht darum, aus einem schwierigen dunklen, durch Kummer, Gram und Verzweiflung bestimmten Leben heraus zu kommen, das Leiden zu überwinden und zur Freiheit und Leichtigkeit zu gelangen, dann können wir an deren Kraft und Wahrheit teilnehmen. Nishijima Roshi sagt im Einklang mit Meister Dôgen, dass dies die Verwirklichung der Buddha-Natur oder des Buddha-Wesens ist. Und Buddha lehrte, dass es für uns keine Utopie und Illusion ist oder bleiben muss, sondern dass wir durch Übung und klärende Lebens-Prozesse unser Buddha-Wesen wirklich erleben können

Welche Blume ist nun als Symbol besonders geeignet, um eine solche Entwicklung und Befreiung zu kennzeichnen? Ohne Zweifel ist das die Lotos – Blume, die aus dem Schlamm und dem schmutzigen Sumpf eines stehenden Gewässers ihre Knospe nach oben an die Oberfläche und zum Licht wachsen lässt, um sich dann in ihrer ganzen überwältigenden Schönheit der Sonne zu öffnen. Damit ist der Entwicklungs- und Befreiungsweg des Buddhismus aus dem Leiden gleichnishaft präzise beschrieben.

Gautama Buddha hat diese Lehre mit den Vier Edlen Wahrheiten und dem Achtfachen Pfad zum Erwachen und zur Befreiung einfühlsam und psychologisch treffend beschrieben. Im Zen – Buddhismus wird dabei besonders betont, dass es nicht allein um den Geist und die theoretische Lehre geht, sondern um das praktische Erleben durch sich verfeinernde Übungen und Methoden der buddhistischen Praxis: Das freudige Bewegen zur Befreiung in unserem Leben.

Das Lotus – Sûtra ist typisch für einen von Freude durchdrungenden Befreiungsweg und, wie uns Dôgen in seinem Kapitel zum Lotus – Sûtra sagt, alles andere als ein weltfremdes illusorisches „Märchenbuch“[3]. So ist es verständlich, dass das Lotus – Sûtra das wohl am meisten gelesene und rezitierte buddhistische Werk Ostasiens ist. Die wichtigste Botschaft dieses Sûtras lautet: Selbstverständlich gibt es Schlamm, Schmutz und Leiden, zum Beispiel drei Gifte Gier, Hass und Verblendung in dieser Welt.

Aber es liegt weitgehend an uns selbst, dass wir uns wie die Lotus – Blüte nicht von all diesem Negativen und diesem Schlamm verunreinigen lassen, sondern uns befreien und zum Licht der Schönheit und Freiheit unseres Lebens entwickeln. Dann können wir auch anderen Menschen effizient helfen. Dazu gibt es im Lotus – Sûtra mehrere Gleichnisse: Zum Beispiel bemerken die in ihr Spiel völlig vertieften Kinder gar nicht, dass ihr Haus Feuer gefangen hat und sie in großer Gefahr sind, eingeschlossen zu werden und zu verbrennen.

Sie werden dann gerettet und besteigen eine geschmückte Kutsche, die viel schöner ist als gedacht. Das Spiel im brennenden Haus ist nicht nur gefährlich sondern auch Zeitverschwendung. Das Lotus – Sûtra spricht häufig in Gleichnissen die Probleme, Schwierigkeiten und Gefahren dieser Welt an, ermutigt uns aber nachhaltig und überzeugend, dass wir diese Gefahren mit klarem Geist und guter Praxis meistern, ihnen entkommen und uns befeien können.

Ein sehr wichtiger Teil des Lotus – Sûtras besteht in der Weissagung, dass alle Menschen irgendwann Erleuchtung und die Freiheit eines Buddhas erlangen können, selbst wenn sie noch so tief in Schwierigkeiten, Unkenntnis und falschem Handeln verstrickt sind. Ein besonders problematisches Beispiel ist Buddhas Vetter Devadatta, der nach buddhistischer Überlieferung die Sangha gespalten hat und Buddha verleumdete. Auch ihm wird aber im Lotus – Sûtra geweissagt, dass er irgendwann nach vielen Zeitaltern ein Buddha wird. Das ist in der Tat eine erstaunliche Weissagung.

Dôgens Interpretation des Lotus – Sûtra bleibt nicht bei der Sichtweise einer schönen aber unbeweglichen Blüte und des Lebens stehen, sondern er wiederholt den berühmten Satz des großen Zen – Meisters Daikan Eno (Hui Neng), dass

sich die Blume des Buddha-Dharma, die durch die Lotos – Blume symbolisiert wird, dreht und dass sich genau in dieser Bewegung, Drehung und Dynamik die Gesundung der Welt und Befreiung des Menschen ereignet.

Wer dumpf und unklar ist, bemerkt diese befreiende Dynamik der sich drehenden Dharma-Blume nicht. Aber wer selbst auf dem Buddha – Weg Freiheit und handelnde Energie erlangt hat, dreht selbst die Dharma – Blume der Wahrheit und gestaltet zugleich sich selbst zusammen und diese Welt. Für mich ist diese Aussage der Bewegung, Dynamik und wie es hier heißt, der Drehung ein fundamentaler philosophischer Fortschritt gegenüber einem statischen Seins-Verständnis der Welt. Bei Buddha und dem großen indischen Philosophen Nâgârjuna gibt es dazu die tiefgründige Lehre der Bewegung und Entwicklung: das wechsel-wirkende gemeinsame Entstehen, pratitya samutpada.[4] Ich bin sicher, dass Dôgen genau diese zentrale Aussage des Buddhismus durch das Zitat des Zen – Meisters Daikan Eno ansprechen wollte.

Der Zen – Buddhismus gründet auf der Wirklichkeit hier und jetzt, ohne das Ganze und den Sinn des Lebens durch falsche Fragmentierung also ideelle, ideologische oder materielle Zersplitterung zu verdecken. Es geht um das Zusammenwirken des Einzelnen mit dem Ganzen, von Differenz und Einheit, Bewegung und Ruhe. Dabei reicht intellektuelles Denken, Wissen oder Rezitieren nicht aus, sondern wesentlich sind erlebendes Erfahren und die zunehmende Offenheit und Wechselwirkung mit anderen Menschen und nicht zuletzt mit der Schönheit dieser Welt, zum Beispiel einer Blume. So heißt es im Lotos-Sutra:

„Die Buddhas zusammen mit den Buddhas können vollständig verwirklichen, dass alle Dharmas (Dinge und Phänomene) wirklich Form sind.“

Dazu bedarf es des festen Vertrauens darauf, dass „wir ursprünglich Könige im Dharma sind“ wie es in diesem Kapitel zum Lotos-Sûtra heißt. Das gibt uns ein Erleben in der Harmonie der Welt.

Ich möchte nun den großen buddhistischen Meister Padmasambhava, der „Lotos - Entstandene“, zu Wort kommen lassen, der im 8. Jahrhundert vermutlich im Ost-Iran geboren wurde und wesentlich in Tibet gewirkt hat, ohne selbst Inder oder Tibeter gewesen zu sein. Für ihn sind die Schönheit, Bewegung der Welt, das Licht und die Helligkeit von zentraler Bedeutung. Seine Texte sind aus meiner Sicht von tiefer Poesie und großer Glaubwürdigkeit:

„Aus dem Zentrum des Daseins, die reine sichtbare Erscheinungsform der dem Himmelsraum (gleichenden) wirbelnden Spiralbewegung (des Seins),
sie haben sich als ein strahlendes Licht manifestiert, unaufhörlich schöpferische Fähigkeiten:
Diese seinsmäßige Turbulenz hat sich als meine schöpferische Fähigkeit erwiesen.
Und das strahlende Licht ist die schöpferische Kraft meines Spiels (und meiner freudigen Bewegung)“ [5]

Ich möchte diese Verse nach meinem Verständnis kurz in diesem Rahmen deuten:
Das Dasein wird als wirbelndes Licht bezeichnet, also Bewegung und Helligkeit. Dabei wird nicht zunächst festgelegt, welches Dasein gemeint ist, des Kosmos oder unser eigenes. Ich meine, der Autor spricht beides an. Da ist die reine Erscheinungsform unseres Lebens und der Welt. Weiter wird das Licht als unsere unaufhörliche sich immer entwickelnde schöpferische Fähigkeit bezeichnet und erkannt. Und das ist die freudige Entwicklung, nicht bierernst, nicht dogmatisch sondern spielerisch, wie im Tanz.

Wie der Übersetzer und Kommentator Herbert Guenther mit Peter Gäng zu Recht betont, sind die Arbeiten Padmasambhavas bisher viel zu wenig beachtet worden und verdienen es, in buddhistischen Kreisen gründlich gelesen, interpretiert und stärker wahrgenommen zu werden.

In einem anderen Kapitel Dôgens wird der große Zen – Meister Gensa zitiert:
Das ganze Universum ist eine leuchtende Perle“.[6]

Dieser Meister verband klares Erleben mit poetischer Kraft und Direktheit. Auch eine Perle rollt, bewegt sich und spiegelt dabei nicht zuletzt durch ihre eigene Schönheit die Welt in deren ganzer Schönheit wieder. Dieses Kapitel wurde von Dôgen außerordentlich geschätzt, und er stellte es zu den anderen fundamentalen Kapiteln in den Anfangsteil seines Werkes „Shôbôgenzô. Direktes eigenes Erleben und Erfahren ist viel wesentlicher und wichtiger als erlernte Theorie und auswendig gelerntes Wissen, es ermöglicht den unmittelbaren Zugang zur Wirklichkeit dieser Welt.

Auch in diesem Kapitel wird die optimistische und strahlende Erlebnis-Welt des Buddhismus wiedergegeben, ganz im Gegensatz zu dem Pessimismus und Nihilismus, die dem Buddhismus leider häufig angeheftet werden, sei es aus Unkenntnis, mangelndem Verständnis oder sei es aus dem Interesse einer Abwertung oder sogar Verleumdung. Gensa sagt in aller Klarheit, dass das Leben und das Universum wie eine Perle ist, die sich bewegt und damit die Befreiung und Weiterentwicklung im Buddhismus durch eigenes Erleben und Erfahren kennzeichnet.

Die buddhistischen Lehren sind sicher von großer Bedeutung, aber sie sind letztlich nur ein Fingerzeig auf die Wirklichkeit und unseren Befreiungsweg, den wir selbst zu praktizieren und zu gestalten haben: Bewegung, Wandel, Tun und Handeln im Einklang mit der Entwicklung von Körper, Psyche und Geist verwirklichen wir selbst in Wechsel-Wirkung mit anderen und nicht durch intellektuelle Theorie. Insbesondere die auch im Buddhismus zu findende Behauptung, dass es einen Geist isoliert vom Körper gäbe, wird von Gensa überzeugend verneint. Als er sich mit seinen offenen Sandalen an einem Stein stieß und große Schmerzen hatte, wurde ihm blitzartig klar: Es gibt keinen Geist ohne den Körper.

Seine Aussage: „Das ganze Universum ist eine leuchtende Perle“ kann nicht intellektuell und theoretisch erfasst werden, sondern muss durch eigenes Erleben verwirklicht werden. So antwortet Gensa einem Schüler der seine Aussage über die Perle wort-wörtlich wiederholt: „Ich sehe, dass du dich sehr anstrengst, um in die Höhle eines Dämons in einem schwarzen Berg zu gelangen“. Dieser Berg ist das begriffliche unterscheidende Denken und es ist die Höhle des intellektuellen Dämons in einem schwarzen Berg.

Die hier angesprochenen beiden Kapitel aus Dôgens Meisterwerk „Die Schatzkammer des wahren Dharma – Auges, Shobôgenzô“ geben die positive Lebensanschauung und Sinn-gebende Kraft des Buddhismus treffend und poetisch wieder. Sie machen Mut in einer Zeit, die von Horror-Informationen überschwemmt wird, die dann von den Massenmedien noch weiter verstärkt werden: German Angst. Aber weder Angst noch Pessimismus können uns wirklich helfen, die positive Energie und Schönheit in unserem Leben und unserer Umgebung zu entwickeln und zur Blüte zu bringen, wie auch die heutige Gehirnforschung nachweist.





[1] Gäng, Peter (Hrsg.): Meditationstexte des Pali-Buddhismus I, S. 53 ff.
[2] Gäng, Peter (Hrsg.): Meditationstexte des Pali-Buddhismus I, S. 17 ff.
[3] Seggelke, Yudo J.: ZEN Schatzkammer. Einführung in Dogens Shobogenzo, Bd. 1, Kap. 17, S. 152 ff.
[4] Nagarjuna: Verse des Mittleren Wges, MMK, Präambel
[5] Guenther, Herbert: Wirbelndes Licht, S. 47
[6] Seggelke, Yudo J.: ZEN Schatzkammer. Einführung in Dogens Shobogenzo, Bd. 1, Kap. 4, S. 54 ff.

Sonntag, 8. November 2015

Die Wieder-Entdeckung der Mitte

Kaccānagotta suttaṃ
(Aus meinem neuen Buch "Sternstunden des Buddhismus")

Wir sind heute mehr denn je in Gefahr, von einem Extrem ins andere zu fallen, und dabei werden wir immer unruhiger und zielloser. Die Extrem-Berichterstattung der Massenmedien verunsichert dabei zusätzlich, gewollt oder nicht. Im Ausland wird das die German Angst genannt, aber solche latente permanente Angst gibt es sicher in allen Industrienationen, gepaart mit dem geistigen Zerhacken des Multitasking und der Cyber-Sucht. Keine Frage: Wir müssen unsere Mitte wieder-entdecken.

Was kann nun der Buddhismus zur Lösung dieses Problems beitragen? Es heißt doch, dass durch Buddha und den großen indischen Meister Nâgârjuna der Mittlere Weg gelehrt wurde. Um der hoch brisanten Frage unserer verlorenen Mitte nachzugehen, haben ich den wohl wichtigsten Text Buddhas zu diesem Problem vertieft analysiert und bin dabei auf den Urtext des suttas der Lehre für Kaccāna zurückgegeangen. Peter Gäng hat mir dafür dankenswerter Weise seine sehr wörtliche Übersetzung aus dem altindischen Pali, der Sprache Buddhas, zur Verfügung gestellt, die ich modifiziert und als Ausgangspunkt für diesen Text verwendet habe. Ich halte diese Arbeitsweise der präzisen Übersetzung für sehr wichtig ja notwendig, um unsachgemäße Verkürzungen und Veränderungen auszuschalten, die sich in jeder Tradition oft unerkannt einschleichen. Der Buddhismus macht dabei keine Ausnahme.

Wie es heißt, begab sich ein Mitglied des Hauses Kaccāna zu Buddha, der in dem Ort Savatthi weilte, um ihn zur Bedeutung der rechten Sichtweise in seiner Lehre zu befragen. Der Ausdruck der „rechten Sichtweise“ erscheint u. a. als erstes Glied des Achtfachen Pfades und ist dort die wesentliche Grundlage der sieben weiteren Glieder. Und es fragt sich in der Tat, was mit rechter Sichtweise eigentlich gemeint ist. Auch im fundamentalen Text des Mittleren Weges von Meister Nâgârjuna, MMK, kommt dieser Frage eine zentrale Bedeutung zu, nicht zuletzt weil in einem Kapitel dieses fulminanten Werkes, und als einziges explizit, auf diese sutta verwiesen wird. Es ist daher auch ein wesentlicher Schlüssel für das ganze Werk des berühmten MMK. Die falschen Sichtweisen und falsche Doktrinen aus der Sicht Buddhas werden zudem im MMK in anderen Kapiteln beschrieben.

Die rechte Sichtweise beschreibt konkret, genau das, was man mit dem rechten Geist und der rechten Wahrnehmung in dieser Welt sieht und erkennt. Was Buddha mit „recht“ ausdrückt, werde ich noch kurz erläutern. Im englischen Sprachraum wird für eine derartige pragmatische Sichtweise häufig der Begriff „empirisch“ verwendet, der allerdings m. E. im deutschen Sprachraum sehr eng für quantitative naturwissenschaftliche Analysen und Forschung verwendet wird. Ich halte ihn daher für weniger geeignet. Er wäre in der Lehre der vier Lebens-Philosophien Nishijima Roshis die materielle Sicht, die als Teil-Wahrheit und Teil-Realität einzustufen ist.
Der Gegensatz hierzu wird im englischen Sprachraum meistens als „metaphysisch“ bezeichnet und bedeutet dort nicht empirisch oder pragmatisch sondern spekulativ, ideologisch und realitätsfremd. Metaphysische Zusammenhänge können in dieser Terminologie weder beobachtet noch erfahren werden.

Ich möchte im Deutschen dieses Begriffs-Paar nicht verwenden, da die Empirie in der kontinentalen Philosophie eine andere und viel zu enge Bedeutung für Buddhas Texte hätte. Die Metaphysik wird im angelsächsischen Bereich im Allgemeinen heftig, grundsätzlich kritisiert und wenig beachtet, während sie in der europäischen Philosophie eine hohe Bedeutung hat und zur Abgrenzung gegenüber der Naturwissenschaft und Technik verwendet wird. Wir möchten daher in Deutsch den Begriff der Phänomenologie verwenden, der eine sehr genaue Beobachtung beinhaltet aber nicht  durch zu enge quantitative Aussagen nach Zahl, Maß und Gewicht beschränkt ist.

Die Phänomenologie verliert sich aber nicht in reinen Spekulationen und romantischen Fantasien, die im englischen Sprachraum etwa mit Metaphysik gekennzeichnet werden. Nâgârjuna geht nämlich im MMK recht pragmatisch und nüchtern vor, er verfällt aber auch nicht in eine zu enge materielle Sicht und verliert sich schon gar nicht in Spekulationen und romantischen Ideologien. Typische Begriffe für ihn sind „wird nicht gefunden“ und „wird gezeigt“ und kennzeichnet seine pragmatisch nüchterne Beobachtung. Falsifizierungen, die in sich widersprüchlich und unlogisch sind, werden bei ihm dagegen meistens als „passt nicht“ gekennzeichnet.

Kernpunkte dieses suttas, was die rechte Sichtweise ist, sind die Aussagen Buddhas über Existenz und Nicht-Existenz.
Nun zum authentischen Text:
Buddha weilte in Sāvatthi.
Da nun begab sich der ehrwürdige Spross aus dem Hause Kaccāna dorthin, wo der Erhabene sich befand. Nachdem er sich dorthin begeben und den Erhabenen ehrfürchtig begrüßt hatte, setzte er sich zu seiner Seite nieder.
An der Seite sitzend, sprach nun der ehrwürdige Spross aus dem Hause Kaccāna zum Erhabenen also:

"Rechte Sichtweise, rechte Sichtweise, Herr, sagt man. Was, Herr, ist nun die rechte Sichtweise?"

Buddha antwortete:

"Die Welt ist üblicherweise auf zwei Bereiche und Ansichten gestützt, verehrter Kaccāna:
- auf  die Ist-heit (unveränderliche Existenz)
- auf  die Nicht-ist-heit (Nicht-Existenz, das Nichts).“

Im Buddhismus gibt es die Grundwahrheit, dass sich alles verändert, im Wandel ist und dass es nichts Dauerhaftes und Ewiges gibt. Das mag Idealisten und Romantiker vielleicht enttäuschen, aber leuchtet bei klarer Betrachtung der Wirklichkeit direkt ein: besonders für Lebewesen, die sich selbst dauernd verändern, einen Stoffwechsel haben, eine Informations-Verarbeitung im zentralen Nervensystem oder auch nur steuernde Ganglien im Rückenmarks besitzen. Aber die Veränderung gilt natürlich auch für die Materie. Wir wissen, dass unsere Erde etwa sechs Milliarden Jahre alt ist und sich dauernd verändert. Dazu gehören nicht nur Vulkanausbrüche, Wärme- und Kaltperioden, sondern auch Katastrophen wie die Sturmfluten, Tsunamis, Hurrikans, Einschläge von Meteoriten usw.

Jeder der die Welt beobachtet und nur etwas darüber nachdenkt, wird dem zustimmen, dass es über längere Zeitperioden immer Veränderungen gibt. Diese können beim Menschen Veränderungen zum Schlechteren, zum Beispiel bei Krankheiten, Trennungen, depressiven Phasen oder Verarmungen sein, es können aber auch Veränderungen zum Besseren sein, zum Beispiel durch Lernprozesse, Befreiungsprozesse, materiellen Fortschritt, eine neue gute Partnerschaft, Genesung usw..

Es ist klar, dass es keine dauerhafte unveränderliche Existenz in der Welt geben kann, weder bei der Materie noch bei den Lebewesen. Nur wenn man sich eine ideelle oder religiöse Andersartigkeit vorstellt, zum Beispiel einen Gott, den Aristoteles den „Unbewegten Beweger“ nennt, gäbe es dauerhafte Existenz. Buddha und Nâgârjuna konzentrieren sich jedoch auf diese Welt der Beobachtungen und Erfahrungen unseres Lebens, in dem es eben keine dauerhafte Existenz gibt.

Buddha erläuterte dem verehrten Kaccāna nun diese beiden extremen Alternativen, die sich vielleicht einfach anhören, aber nicht so einfach zu verstehen sind, wie man zunächst annimmt. Sie sind für die fundamentale Lehre des Mittleren Weges aber von größter Bedeutung und wesentliche Grundlage des MMK von Nâgârjuna.

Buddha erläuterte:
„Jemand betrachtet mit rechter Erkenntnis das Entstehen der Welt, wie sie geworden ist. Für ihn ereignet sich richtiger Weise nicht dasjenige, was in der Welt die Sichtweise der Nicht-Existenz genannt wird. Es ereignet sich kein Entstehen aus der Nicht-Existenz.
Das wäre nämlich die extreme Ansicht des Nichts.“

Was mit der extremen Ansicht der einseitigen Existenz gemeint ist, die vermieden werden soll, wird noch genauer untersucht.

Philosophisch nicht weniger schwierig ist die Frage, was es mit der Nicht-Existenz auf sich hat. Das wäre nämlich das Nichts und könnte unbemerkt in einen diffusen Nihilismus abgleiten. Aber lässt sich das Nichts beobachten und erfahren?

Nach meiner Ansicht ist so ewas in der Wirklichkeit kaum möglich, sondern es ist lediglich als Kontrast zu der Realität und als Idee und Denken in unserem Gehirn möglich. Das Nichts macht auf der Wort- und Denk-Ebene Sinn als Gegenpol zur erfahrbaren Wirklichkeit. Es macht aber wenig Sinn zu behaupten, es gebe überhaupt nichts auf der Welt, es gebe daher keine Realität und keine Wahrheit. Ein solcher Nihilismus ist zudem äußerst unpraktisch und führt in die Verwirrungen oder in Schein-Argumentationen. Die Lösung des Nihilisten wäre nur der Suizid.

Schon Aristoteles empfahl, dass man mit einem Nihilisten, der behauptet, es gäbe keine Wirklichkeit, ins Gebirge an eine steile Schlucht gehen solle und ihm sagen: Es gibt wie Du sagst keine Wirklichkeit, dann mach doch einen Schritt vorwärts, weil es ja den Abgrund und die steile Klippe vor dir gar nicht gibt. Kein Mensch, der nicht Suizid begehen will, würde einen solchen Schritt tun. Wenn er aber den Schritt nicht tut, hat er seine eigene Weltanschauung eines Nihilisten ad absurdum geführt.

Buddha erläutert die Nicht-Existenz in dem ersten Teil seiner Antwort für den jungen Kaccāna. Er benutzt dabei die Begriffe „rechte Erkenntnis des Entstehens in der Welt“, hat daher ein Weltbild der positiven Veränderungen und Prozesse und nicht der unveränderlichen Entitäten und Substanzen zu Grunde gelegt. Dies nennt er die rechte Erkenntnis des Entstehens.

Die Sichtweise der Nicht-Existenz lehnt Buddha hier eindeutig ab und präzisiert, dass dies besonders wichtig ist, wenn man das Entstehen bedenkt und es genau beobachtet. Es ist also nicht sinnvoll, wenn wir sagen, es entsteht irgendwas aus dem Nichts und aus der Nicht-Existenz. Denn in den Prozessen und Abläufen auf der Welt gibt es immer ein Vorher, aus dem sich das Nachfolgende entwickelt. Dies gilt insbesondere im wechsel-wirkenden Entstehen, das in der Präambel des MMK genannt wird. Wenn man daher das Entstehen in dieser Welt beobachtet und selbst erfährt, ist es unsinnig zu sagen, dass es sich aus einer Nicht-Existenz entwickelt.


Buddha fährt fort:
„Jemand betrachtet mit rechter Erkenntnis das Vergehen der Welt, wie sie geworden ist. Für ihn ereignet sich richtiger Weise nicht dasjenige, was in der Welt die Sichtweise der Existenz genannt wird. Es ereignet sich kein Vergehen aus der Existenz.“

Etwas dauerhaft Existierendes, also die Sichtweise der Existenz, ist ebenfalls nicht zu beobachten und nicht erfahrbar. Daher ist es unsinnig zu sagen, dass etwas vergeht, das vorher eine dauerhafte Existenz hatte, denn dieses ist ein Widerspruch in sich: Wenn etwas existiert und dauerhaft da ist, kann es sich nicht verändern und nicht vergehen. Nâgârjuna untersucht an vielen Stellen im MMK die Weltanschauungen einer dauerhaften Existenz oder Substanz, die unveränderlich sei und zudem isoliert für sich allein existieren könne. So etwas ist nicht zu beobachten und kann auch nicht erfahren werden.

Das wäre nämlich die extreme Sicht einer ewigen dauerhaften Ich-Substanz wie der altindische Glaube des âtman.
Eine solche extreme Sichtweise der Existenz ist ebenfalls zu vermeiden

Beide Extreme der Nicht-Existenz und der Existenz müssen in der Lebenspraxis vermieden werden. Sie sind Denk-Konstrukte unseres Gehirns, die sich von der Wirklichkeit und der Wahrnehmung entfernt haben und können bei genauer Beobachtung ohne Vorurteile in der Welt nicht gefunden werden. Eine solche Sichtweise und gründliche Analyse möchten wir phänomenologisch nennen. Dass MMK ist also die Phänomenologie des Mittleren Weges ohne die Extreme der Existenz und Nicht-Existenz.

Diese beiden Extreme können in der Welt nicht beobachtet werden und sind real nicht erfahrbar. Gleichwohl ist immer wieder eine Tendenz festzustellen, in diese beiden Extreme zu verfallen und damit die Prozesshaftigkeit und Vernetzung zur Welt außer Acht zu lassen. Das ist nicht zuletzt eine Fiktion, die vor Allem durch unsere Sprache bedingt ist. Durch diese mangelnde Fähigkeit, die Realität zu sehen und zu erfahren wie sie ist, entstehen für uns Menschen große Gefahren, die zu Leiden und Schmerz führen. Unseres Erachtens ist dies genau der Grund, warum Gautama Buddha die altindische Vorstellung eines unveränderlich existierenden Selbst, des Ich-âtman, abgelehnt hat. Sie schadet den Menschen viel mehr als sie nützt.

Buddha erläutert weiter:
„Kaccāna, diese Welt ist ja zumeist durch Aufsuchen, Ergreifen und Dabei-Verharren gefesselt.
Jemand hat aber nun die rechte Sichtweise, der jenes Aufsuchen und Ergreifen, das Darauf-Richten und Einengen des Denkens, sein Eindringen und Darin-Beharren gerade nicht aufsucht, nicht ergreift, und sich nicht darauf richtet.
Denn die rechte Sichtweise ist: „Dies ist nicht mein Ātman“ und nicht meine dauerhaften Selbst-Existenz oder Ich-Substanz.

Buddha fasst noch einmal zusammen, dass es der prozesshaften realen Welt nicht entspricht, wenn wir etwas als Dauerhaftes ergreifen wollen und uns damit der natürlichen Veränderung entgegenstemmen. Eine solche Weltanschauung erlaubt selbstverständlich keine Lernprozesse, deren typisches Merkmal ja gerade die positive Veränderung zum Besseren ist.

Der Glaube oder die Sucht nach Unveränderlichkeit und Dauerhaftigkeit ist also eine Sackgasse, die zu Leiden, Verkrampfungen und psychischen sowie physischen Schmerzen führen muss. Das Gegenteil davon ist eine lebendige Entwicklung, die heute gern als Flow bezeichnet wird. Dabei ist entscheidend, dass der Mensch sich in diesem Fließen und in dieser Veränderung wohl fühlt und vor allem Entwicklungs-Prozesse nicht nur laufen lässt, sondern aktiv und auch bewusst steuert: Wir brauchen für unsere Veränderungen eine wirkungsvolle Selbst-Steuerung.

Buddha fährt zu Kaccāna gewandt fort:
„Leiden ist eben, was entstehend entsteht, Leiden ist eben, was vergehend vergeht.“

Leiden ist also kein Ding und keine dauerhafte Entität und entsteht und vergeht bei dem Prozess des Leidens.

„Dies ist rechte Sichtweise für jemanden, der nicht unsicher ist, nicht zweifelt und dessen Wissen nicht von Anderem abhängig oder durch Andere bedingt ist.

Buddha kommt damit auf das Leiden zu sprechen und sagt, dass es wie jeder lebende Prozess entsteht und vergeht. Das bedeutet, dass wir das Entstehen soweit wie irgend möglich frühzeitig beobachten und vermeiden und das Vergehen des Leidens aktiv erlernen und unterstützen sollten. Diese Prozesse werden von Buddha den erstarrten Weltanschauungen von Existenz und Nicht-Existenz gegenüber gestellt. Wer erkannt und wirklich realisiert hat, dass es derartige Veränderungen zum Besseren gerade beim Leiden gibt, braucht zudem Stabilität und innere Sicherheit, um sinnvoll zu leben. Diese Stabilität lernt man vor Allem durch regelmäßige Meditation. Ein solcher Mensch ist also nicht unsicher und zweifelt nicht, ist nicht von anderen abhängig und nicht durch Ideologien und starre Weltanschauungen festgelegt.

„'Alles existiert', Kaccāna, ist das eine extreme Ende. 'Alles existiert nicht', ist das andere extreme Ende. Diese beiden Extreme vermeidend, verkündet der Tathāgata seine Lehre der Mitte zwischen diesen beiden extremen Enden“:

Und wie entwickelt sich nun die gesamte Masse des Leidens aus dem Nichtwissen und aus den beiden Extremen?

- Das Nichtwissen bedingt die formenden Kräfte
- die formenden Kräften bedingen das Bewusstsein,
- Bewusstsein bedingt Name und Form,
- Name und Form bedingen den sechsfachen Bereich der Wahrnehmung,
- der sechsfache Bereich bedingt die Berührung,
- die Berührung bedingt Gefühl und Empfindung,
- Gefühl und Empfindung bedingen den Durst,
- der Durst bedingt das Anhaften,
- das Anhaften bedingt das Werden,
- das Werden bedingt die Geburt,
- die Geburt die ganzen Nöte und Störungen von Altern und Sterben,
 Kummer, Klagen, Leiden.
- So geschieht das Entstehen der gesamten Masse des Leidens.“

Nachdem Buddha geklärt hat, dass die Weltanschauung sowohl der Existenz und als auch der Nicht-Existenz unbrauchbar sind und dass Abhängigkeiten und gieriges Ergreifen ebenfalls ins Unglück führen, erläutert er in der folgenden Einteilung und Abfolge von zwölf Gliedern die Zusammenhänge im realen Leben der Menschen. Er spricht zunächst davon, wie Menschen sich in ihrer Entwicklung verengen, verhärten, erstarren und wie die „gesamte Masse des Leidens“ entsteht.

Diese Kette von Zusammenhängen wird in einigen Traditionen mit dem Glauben an eine Wiedergeburt und eine Folge verschiedener Leben verbunden. Mir erscheint es allerdings stimmiger und praktikabler die Abfolge auf ein einziges Leben beziehen. Das hat den Vorteil, dass wir die Schritte der Abhängigkeiten oder im Gegenteil der Befreiung klarer beobachten und erfahren können. Sicher ist für die meisten von uns ein wirklich sonnenklares Wissen aus früheren Leben kaum erreichbar. Auch Buddha selbst hat uns eindringlich davor gewarnt, uns viel mit den beiden Fragen zu beschäftigen: „Was war ich im früheren Leben“ und „was werde ich im nächsten Leben sein“. Das führt leider schnell zu ausufernden Spekulationen und auch zum Macht-Missbrauch spiritueller Eliten.

Dieser Ablauf, der ins Leiden führt, wird in einigen Traditionen von den obigen Aussagen Buddhas dieses Textes abgekoppelt. Dem folge ich nicht. Denn der negative Ablauf vollzieht sich nach diesem sutta gerade, wenn wir von den Ideologien der Extreme von Existenz und Nicht-Existenz abhängen und wenn wir durch die drei buddhistischen Gifte Gier, Hass und Verblendung unsere Selbst-Steuerung verloren haben und erstarren. Wenn diese beiden Voraussetzungen der Existenz und des Anhangens entfallen, findet der negative Ablauf dieser Zwölf Glieder nicht statt, sodass unser Leben nicht ins Leiden führt. Im Gegenteil, das ist der Weg der Befreiung.

Die Aussage zur Geburt in der obigen Aufzählung hat sicher eine wesentliche Bedeutung beim Glauben an die Wiedergeburt und mehrere Leben. Ich halte es jedoch für plausibel, dass Buddha dabei auch und gerade die Teufelskreise und zwanghaften Wiederholungen von Fehlern in unserem jetzigen Leben benennt. Gerade psychische Verfestigungen und Wiederholungs-Zwänge von falschem unethischen Handeln sind maßgebliche Gründe für das Leiden und die fehlende Selbststeuerung in unserem Leben.

Besonders deutlich wird dies natürlich bei Suchtabhängigen, die zum Beispiel dem Alkohol, Drogen, aber zunehmend auch digitalen Süchten, die zu digitaler Demenz führen, verfallen sind. Man denke nur an digitale Spielsysteme, die ganze Familien materiell, geistig und ethisch zerstören oder an das Suchtverhalten bei den sog. sozialen Netzen, die eine schwere Bedrohung für die menschliche Kommunikation im lebenden Dialog der Empathie sind.
Dann ist der Weg der Befreiung in zwölf Gliedern versperrt.

Aber wie entwickelt sich aus der Auflösung des Nichtwissens und dem Vermeiden der beiden Extreme die Befreiung?

„- Aus dem restlosen Verschwinden und dem Vergehen des Nichtwissens
entsteht die Befreiung der formenden Kräfte;
- befreit von diesen formenden Kräften entsteht die Befreiung des Bewusstseins,
- befreit von diesem Bewusstsein entsteht die Befreiung von Name und
Form,
- befreit von diesem Namen und dieser Form entsteht die Befreiung des
sechsfachen Bereichs der Wahrnehmung,
- befreit von diesem sechsfachen Bereich entsteht die Befreiung der
 Berührung,
- befreit von dieser Berührung entsteht die Befreiung von Gefühl und
 Empfindung,
- befreit von diesem Gefühl und dieser Empfindung entsteht die Befreiung
vom Durst,
- befreit vom Durst entsteht die Befreiung vom Anhaften,
- befreit vom Anhaften entsteht die Befreiung von Werden,
- befreit vom Werden entsteht die Befreiung von Geburt,
- befreit von der (Angst der) Geburt entsteht
- die Befreiung von den ganzen Nöten und Störungen von Altern und
Sterben, Kummer, Klagen, Leiden.
So geschieht die Auflösung der gesamten Masse des Leidens.“

Von zentraler Bedeutung für die unglücklichen Veränderungsprozesse zum Leiden sind die von Buddha genannten falschen Extreme der totalen Existenz und der totalen Nicht-Existenz, also dem Anhaften an Dauerhaftigkeit und Unveränderlichkeit im Leben oder an dem Nichts und dem Nihilismus. Dabei sind die treibenden Kräfte die Unwissenheit über die Wirklichkeit und nicht zuletzt Gier und Hass.

Wenn unser Geist und unsere Gefühle aber nicht von den Extremen der Existenz und Nicht-Existenz besetzt sind und uns keine fatalen Abhängigkeiten und kein fixiertes Anhaften kettet, kann es „restloses Verschwinden und Vergehen des Nicht-Wissens“ geben und daraus „entsteht die Befreiung der formenden Kräfte“, die maßgeblich für Antrieb, Willen und Handeln in unserem Leben sind. Für eine sinnvolle Selbst-Steuerung ist eine solche Befreiung von zentraler Bedeutung.

Buddha nennt in diesem Sinne die Zwölf Glieder der Befreiung und der Auflösung des Leidens. Dabei werden die verschiedenen Bereiche des Menschen genannt: formenden Kräfte, Körper und Form, Namen und Bezeichnungen, Wahrnehmung, Berührung und vor allem das Gefühl und die Empfindung. Wenn die fixierenden Gefühle wie Gier und „Durst“ zur Ruhe gekommen sind, kann der Befreiungsprozess jeweils weitergehen, wir sind dann vom Anhaften und dem „Werden“ in Teufelskreisen befreit.

Zusatz vom 24.12.2018
In dem neuen Heft von Buddhismus Aktuell (BUDDHISMUS AKTUELL 1/2019, S. 58 ff.)
 behandelt der bekannte Buddhologe Johannes Litsch die wichtige Frage, wie verlässlich wir eigentlich die Wirklichkeit erkennen. Er formuliert: "Wie wir unsere Wirklichkeit erschaffen". Er geht dabei ebenfalls detailliert auf das hier interpretierte sutta des Kaccâna ein, das die rechte Sichtweise und die Vermeidung von irrealen Extremen beinhaltet.