Freitag, 9. Juni 2017

Der Mittlere Weg Nagarjunas: Widerspruch oder Konsens mit moderner Wissenschaft

Die Präambel: Eine Ouvertüre
(Yudo J. Seggelke mit Elisabeth Steinbrückner)
((Aus meinem neuen Buch "Sternstunden des Buddhismus", bitte Urheberrecht beachten)

Wir möchten Ihnen unsere neue Interpretation des berühmten Mittleren Weges (im Folgenden MMK) vorstellen. Es handelt sich um einen der wichtigsten Basis-Texte des Buddhismus, der allerdings nicht einfach zu verstehen ist und seit vielen Jahrhunderten immer wieder zu Missverständnissen geführt hat. Er ist u. a. der zentrale Grundlagentext für den Begriff und die Bedeutung der Leerheit (Kapitel 24 des MMK, hier nicht behandelt).

Wir sind davon überzeugt, dass diese neuen Erkenntnisse einer wortgetreuen Erst-Übersetzung und der modernen Systemforschung z. B. der Ökologie und Gehirnforschung ein nachhaltig besseres Verständnis als bisher ermöglichen. Etwas zugespitzt kann man sagen, dass Buddha und Nagarjuna ein tiefes intuitives Verständnis derartiger lebender System-Vernetzungen und deren Veränderungen hatten, das bisher zu wenig beachtet wurde. Aber der Buddhismus geht selbstverständlich über eine rein wissenschaftlich Sichtweise hinaus.

In einem folgenden Post werde ich einen wichtige Basis-Text des Zen-Meisters Dôgen  aus seinem großen Werk Shobogenzo vorlegen, der einen erstaunlichen Bezug zur Präambel des Mittleren Weges hat. 

Hinführung
Die Präambel des MMK lenkt unseren Geist und unser Leben auf das große Anliegen Buddhas und Nagarjunas, uns von bisherigen Begrenzungen und Hemmnissen des Leidens zu befreien und uns auf ein erfülltes und kaum erhofftes Neuland des Lebens zu leiten. Ihr Anliegen ist in hohem Maße emanzipatorisch, therapeutisch und kreativ. Dann können wir bisheriges Leiden überwinden und ein neues Leben mit Freude, innerer Ruhe und Gleichgewicht führen. Das bezeichnet Buddha als Erwachen und wir sagen heute meist Erleuchtung.

Als zentrale Verursachung für ein ungutes Leben ist die Fixierung auf erstarrte Ideologien und die Abhängigkeit von Gier, Hass und Unwissenheit zu sehen. Der Kausal-Zusammenhang des Leidens und auch der Freude ist nach seiner Lehre und Erfahrung weitgehend und zunehmend durch unsere eigene Vernunft zu erkennen und durch neue von uns selbst gesteuerte weiterführende Impulse zu verändern. Ein begrenzter Verstand reicht im Gegensatz zur Vernunft nicht aus.[1] Die Klarheit unseres eigenen Geistes in dem wechsel-wirkenden Zusammenhang kann uns dabei den rechten Weg weisen. Das ist ein kraftvoller Weg der Mitte, der ideologische und dogmatische Extreme vermeidet. Dabei müssen die wichtigen Begriffe des Buddhismus einer laufenden durchaus kritischen Analyse unterzogen werden, indem sie auch in Beziehung zu ihrer eigenen Negation gesetzt werden, z. B. Entstehen und Nicht-Entstehen. Mich überzeugt diese Praxis und Philosophie Buddhas und Nagarjunas in besonderem Maße.

Welches ist nun der Weg, den wir zu diesem neuen Leben einschlagen sollten und mit zunehmender Ruhe und mit wachsendem Selbstvertrauen gehen? Nagarjuna will m. E. für den authentischen Buddhismus eine neue belastbare Grundlage und Klarheit zurück gewinnen und gleichzeitig die seit Buddha entstandene positive Entwicklung in Indien integrieren und vital weiterführen. Aber er will auch und gerade die eingetretenen Fehl-Entwicklungen und philosophischen Verwirrungen dingfest machen, einkreisen und einer wirklich radikalen kritischen Analyse unterziehen. Und wir sollten heutiges Wissen der Moderne von Wissenschaft und Philosophie einbringen. Damit gewinnt der Buddhismus neue Klarheit und Dynamik, und das gilt auch und gerade für unsere Gegenwart.

Das gelingt ihm ohne Zweifel dank seines brillianten, geschulten und messerscharfen Verstandes ausgezeichnet wie kaum ein anderer Denker vor und nach ihm. Aber seine Texte sind nicht einfach zu verstehen, sie waren und sind vielfältigen Missverständnissen ausgesetzt. Mit dem MMK wird m. E. das Tor für die große Verbreitung der authentischen buddhistischen Lehre und Praxis über den chinesischen Chan, japanischen Zen und den tibetischen Buddhismus bis hin zur Moderne im Westen geöffnet. Für mich sind die Arbeiten von Nagarjuna nach intensivem Studium von über 17 Jahren des Mittleren Wegs (Madhyamika) und Mahahayana und 47 Jahren des Zen von zentraler Bedeutung. Dieser Weg wäre ohne meinen Lehrer Nishijima Roshi nicht möglich gewesen. Was sind nun die Kern-Aussagen der Präambel, die in den später folgenden Kapiteln des MMK im Einzelnen ausgearbeitet werden?

Im ersten Teil werden acht wichtige buddhistische Begriffe negiert, z. B. „nicht Entstehen“ und „nicht zur Ruhe kommen“. Damit fordert der Autor uns auf, die erstarrten aber eventuell nur oberflächlich oder sogar falsch verstandenen Begriffe radikal in Frage zu stellen, sie waren nicht selten dogmatisch verhärtet und zu Worthülsen oder sogar zum Gegenteil degeneriert. Aber wir sollten uns auch vor der dogmatischen Verhärtung der Negation hüten, sie darf nicht absolut und isoliert verstanden werden. Durch den dialektischen Zusammenhang des positiven und negativen Begriffes wird methodisch jede extreme Einseitigkeit der Bedeutung überwunden und eine inhärente Dynamik des Begriffes selbst in Gang gesetzt.[2]

Leider waren nach Buddha sektiererische Gruppen entstanden, die den authentischen Buddhismus entstellten und sogar vor-buddhistische, magische, dogmatische und absolute Ideologien wieder belebten: Vor allem soll dabei die indische spirituelle Sehnsucht und Philosophie nach Ewigkeit, Einheit, Unvergänglichkeit und Auflösung des Selbst im Einheits-Ozean des Nirvana genannt werden. Das ist recht genau die Religion der Veden mit brahman als das umfassende moralische Ur-Eine und âtman als der daraus entstandene und zugehörige individuelle unveränderliche Wesenskern.

Aber genau diese Philosophie führt nach Buddha zu Missbrauch und Leiden, nicht zuletzt durch die „göttliche“ unauflösbare Koppelung an das unethische indische Kastensystem. Diese ewige Koppelung hatte Buddha ohne Zögern für ungültig und ethisch unvertretbar erklärt und konsequent ausgeschlossen. Der Buddhismus wird von Nagarjuna von solchen Doktrinen entschlackt und zu neuer Kraft und zu neuem Leben erweckt werden. Es geht ihm keineswegs um die totale Ablehnung aller Ansichten, Lehren und Konzepte oder der Wirklichkeit selbst, wie nihilistische Interpreten behauptet haben. Die genannten vor-buddhistischen Lehren werden jedoch klar bezeichnet, die von Buddha als falsch, unzureichend oder sogar gefährlich markiert wurden[3].

Wie lautet die zentrale positive Botschaft des MMK? Die Wirklichkeit der Welt und des Lebens kann durch das „wechsel-wirkende gemeinsame Entstehen, pratitya samutpada“ treffend verstanden und bezeichnet werden. Dabei ist für mich klar, dass die Wirklichkeit niemals wegen ihrer unendlichen Komplexität total verstanden werden kann und es geht darum, sie so gut wie möglich zu verstehen und in die eigene Selbst-Steuerung zu integrieren. Ich halte das Ziel des absoluten Allwissens im Buddhismus für illusorisch und romantisch überzogen. Es ist typisch für die vor-buddhistische Religion. Damit sind die wirklich belastbaren Grundlagen für unseren eigenen Weg der Befreiung, Emanzipation, Weiter-Entwicklung und des Erwachens umrissen.

Dieses Verständnis der Wirklichkeit als gemeinsames Entstehen in Wechsel-Wirkung hat eine erstaunlich große Übereinstimmung mit den Ergebnissen der neuesten Gehirnforschung und Öko-Systemforschung. Bisher wurde als Übersetzung überwiegend der verkürzte Begriff „abhängiges Entstehen“ verwendet, den ich jedoch nicht wirklich überzeugend finde. Darauf werde ich noch zurückkommen.

Und weiter: Durch unsere eigene Einwirkung („Wirk-Kraft“) im Geist und im Handeln also durch gewollte und bewusste Veränderungen erreichen wir das „gemeinsame Gelingen in Wechsel-Wirkung“. Das ist ohne Zweifel ein zentraler Schlüssel des Buddhismus, denn damit gelingt ein gutes Leben.

In unserem Leben entstehen vielfache wegführende Fehlentwicklungen, die nach Buddha und Nagarjuna durch die buddhistische Lehre und Praxis zur Ruhe kommen. Sie hemmen und verwirren uns dann auf dem Mittleren Weg nicht mehr, sodass sich unser fast unbegrenztes menschliches Potential entwickelt und genutzt werden kann, ein Potential, das sonst wohl vergeudet würde.

Im Laufe der Argumentation des MMK wird der Begriff der Leerheit als Bezeichnung für die  gemeinsame Wechsel-Wirkung in der Realität ohne schädliche Doktrinen eingeführt. Aber auch der Begriff der Leerheit stiftet oft tiefgreifende Verwirrungen.

Die Leerheit hat etwa folgende Bedeutung: Bezeichnung der Wirklichkeit ohne Mystifizierungen, doktrinäre Verzerrungen, ohne leidenschaftliche Abhängigkeiten und mit unserer eigenen Selbst-Steuerung. Das ist die dynamische „Wirklichkeit wie sie wirklich ist und sich fortlaufend verändert“. Philosophisch gilt: Die Wirklichkeit ohne die Doktrin einer innewohnenden, unsichtbaren und unveränderlichen Substanz (âtman, svabhâva). Die Wirklichkeit ist also leer von einer solchen unsichtbaren ewigen und absoluten Substanz des Selbst.

Die Dynamik der Wirklichkeit ist durch Entstehen, Vergehen, Veränderungen usw. gekennzeichnet. Diese Veränderungen sind Voraussetzungen sowohl für die Überwindung des Leidens als auch die Befreiung, Weiterentwicklung, Emanzipation und Erleuchtung des Menschen. Die Vernetzung und Wechselwirkung der Prozesse und Strukturen der Wirklichkeit sind dabei wichtig. In der Wirklichkeit können wir überhaupt keine Isolation, keine totale Unabhängigkeit und kein Entstehen ohne Wechselwirkung und kein Entstehen nur aus sich selbst heraus erkennen. Dabei ist die Interaktion in der Vernetzung des Ganzen von zentraler Bedeutung.

Bedeutsam ist die konsequente Vermeidung von gedachten oder geglaubten Extremen, das ist der Mittlere Weg. Wir brauchen zudem Klarheit über die Möglichkeiten und Grenzen von Verzerrungen der Sprache und der Vernunft: „Weisheit jenseits der Weisheit“. Dazu gehört auch die Überwindung reiner „gelehrter“ Scholastik und der mathematischen Logik, also des ausschließenden „Entweder-Oder und der totalen Identität“ (wie etwa Aristoteles).
Schließlich ist es ohne die wirkliche Bedeutung der Leerheit nach Nagarjuna m. E. sehr schwer, das MMK und die weitere Entwicklung des Buddhismus zu verstehen.

Übersetzung:
Nicht-zur-Ruhe-Kommen, Nicht-Entstehen.
Nicht-Abschneiden, Nicht-Dauerhaftigkeit.
nicht einen Zweck habend, nicht viele verschiedene Zwecke habend.
Nicht-Ankunft, Nicht-Fortgehen.

Buddha, der vollkommen Erwachte, zeigte das wechsel-wirkende gemeinsame Entstehen in der Welt und den Mittleren Weg zu einem befreiten Leben. Er zeigte das beglückende Aufhören der wegführenden Fehlentwicklungen und Verwirrungen.

Ihn, den besten der Sprechenden und Lehrenden, verehre ich


Erster Teil der Präambel

Nicht-zur-Ruhe-Kommen
Wie zum frühen Buddhismus beschrieben, ist der Kern Buddhas Lehre die Veränderung, Weiterentwicklung, Befreiung des Menschen und vor allem die Überwindung des Leidens. So kommt das Leiden zur Ruhe. Wenn zum Beispiel das auf „Sinnlichkeit gerichtete Wollen“ oder die „Aufgeregtheit und Unruhe“ als Hemmnisse nicht zur Ruhe kommen, kann es den Befreiungsweg des Erwachens für uns nicht geben. Wer nicht darauf vertraut, dass sich diese Hemmnisse kontrollieren und überwinden lassen, sondern daran glaubt, dass sie unveränderliche Phänomene und substanzhafte Entitäten des Menschen sind, dem fehlt der Mut und die Kraft zur eigenen Entwicklung.

Solche Hemmnisse sind vielleicht irgendwann einmal in der frühen Jugend entstanden oder auf äußere Einflüsse zurückzuführen, aber sie sind keine unveränderlichen Merkmale eines angeblich unveränderlichen Kerns der Persönlichkeit. Es ist sicher kein Geheimnis, dass heute viele Menschen resignierend nicht daran glauben, dass es solche Veränderungen zum Positiven geben kann, sodass man zur Ruhe kommen und Gelassenheit in seiner Mitte finden kann. Das eigene Handlungs- und Entwicklungs-Potential bliebe dann ungenutzt und kann sich nicht entwickeln. Besonders fatal ist es, wenn erstarrte konventionelle Weltanschauungen und Doktrinen von den Menschen Besitz ergreifen und sie meinen, dass das Leiden wie Kummer, Jammer, Schmerz, Gram, Verzweiflung usw. grundsätzlich nicht überwunden werden können.
Buddhas Lehre sagt das Gegenteil und nennt Neid, Gier, Hass und Verblendung als Verursachung für einen solchen falschen Glauben der Erstarrung und Dauerhaftigkeit des Leidens. Wenn wir von diesen „Giften“ beherrscht werden, können wir nicht mehr klar denken, sehen, hören, fühlen usw., sodass sogar die sinnliche Wahrnehmung unklar, verzerrt und ideologisch gefesselt ist. Das gilt in noch stärkerem Maße für geistige und psychische Bereiche des Menschen. Buddha sagt in den Vier Edlen Wahrheiten, wie wir uns befeien, zur Ruhe kommen und das Leiden aufheben:

„Eben jenes Durstes restlose von Gier freie Aufhebung, sein Aufgeben, seine Entäußerung, die Befreiung davon, das ohne Grundlage ist.“[4] Der Achtfache Weg wird als praktischer Weg der Befreiung genannt, zum Beispiel rechte Sichtweise, rechter Entschluss usw.

Die Aussage „Nicht zur Ruhe kommen“ scheint gegen den authentischen Buddhismus gerichtet zu sein und im Widerspruch mit ihm zu stehen. Was will Nagarjuna damit ausdrücken? Ich folge dabei Kalupahana[5], der die sektiererische Doktrin einer unsichtbaren, unveränderlichen Substanz in den Phänomenen der Welt benennt, die gerade nicht zur Ruhe kommen kann (Sarvastivadins). Das gilt für etwas, das sich nicht dynamisch verändert.

Nicht-Entstehen:
Wenn man von unveränderlichen Dingen und Phänomenen, dem angeblich ewigen Seienden einer unsichtbaren und inhärenten Substanz in der Welt ausgeht, kann es keine Veränderungen und Bewegungen in unserem Leben geben. Dann kann nichts entstehen und es gibt keinen Entwicklungs-Weg aus dem Leiden der Welt. Bei einer solchen Philosophie und Weltanschauung kann die buddhistische Befreiungslehre gar nicht in der Praxis in Gang kommen, sie bleibt im philosophisch Unverbindlichen und hat keine Wirkung für den Menschen. Bei einer allgemeinen Ideologie des „Nicht-Entstehens“ müssen wir von totaler Isolation des Menschen ausgehen, es gibt dann keine Einwirkung von anderen Menschen, der Umgebung und keine Wechsel-Wirkung.

Aber die buddhistische Lehre kennt auch Lebens-Situationen, in denen bestimmte negative Phänomene gerade nicht entstehen sollen. Zum Beispiel heißt es bei den fünf Hemmnissen zum Übelwollen: Der Mönch erkennt „wie vergangenes Übelwollen künftig nicht mehr entsteht“. Ähnliches gilt für die anderen vier Hemmnisse Aufgeregtheit, Unruhe oder Zweifelsucht. Buddha sagt auch: Wenn Neid, Gier Hass usw. nicht entstehen, so gibt es kein Leiden. Jeder menschliche Entwicklungs-Prozess lässt dagegen neue Kräfte, Freiheiten und kreative Alternativen entstehen. Wer nicht darauf vertraut, kann sich nicht entwickeln und ist eigentlich geistig und psychisch schon halb gestorben.

Gerade die positive Veränderlichkeit ist ein zentrales Merkmal des Menschen, weil er immer etwas Neues verwirklichen kann und sich dadurch Freiräume und Unabhängigkeiten erarbeitet, die anderen Lebewesen, z. B. den Tieren, nur in geringem Umfang oder überhaupt nicht möglich sind. Lernprozesse sind wesentlich Entstehungs- und Erweiterungs-Prozesse und laufen am besten natürlich und mit Freude ab, das wissen wir aus der Gehirnforschung.[6] Es gilt insbesondere für die sieben Glieder des Erwachens: Achtsamkeit, Unterscheidungsvermögen, Energie, Freude, Gestilltheit, Sammlung und Gleichmut. So heißt es bei Buddha von einem solchen Menschen, der diese Glieder des Erwachens entstehen lässt: „Unabhängig lebt er und er haftet an nichts in der Welt“[7].

Nicht-Abschneiden:
Alle lebenden Prozesse dieser wirklichen Welt entwickeln sich fort und hören nicht plötzlich auf: Sie verschwinden nicht plötzlich im Nichts. Sie können also zeitlich nicht abrupt beendet werden und es gibt daher kein zeitliches Abschneiden. Auch die in einigen buddhistischen Gruppen gelehrte plötzliche Erleuchtung bedeutet nicht, dass alles Vorherige abgeschnitten ist und etwas total Neues entsteht, sondern dass es sich einerseits um eine kontinuierliche Entwicklung des Menschen handelt, aber dass zusätzlich ein plötzlicher qualitativer Schub der Lebensqualität und Klarheit für die weitere Entwicklung entsteht, der neue Dimensionen eröffnet.

Die buddhistische Lehre des Handelns im Augenblick und der vollen Klarheit der Achtsamkeit bedeutet ebenfalls, dass das Bisherige nicht abrupt beendet ist, sondern dass es sich um Umwandlungen und Transformationen handelt. Bei der Karma – Lehre ist es sicher unbestritten, dass es kein radikales Abschneiden gibt. In bestimmten materialistischen Sekten gab es zudem den Glauben an ein abruptes materielles Ende. Andere Linien lehnten die moralische Verantwortung ihrer Taten ab, sodass nach dem Tun keine Fortsetzung bestehen sollte.

Nicht-Dauerhaftigkeit:
Es gab die Doktrin der unverbundenen isolierten Ereignisse, die aus dem Nichts entstehen und sofort wieder abrupt enden. Sie dauern überhaupt nicht an. Durch irgendeine metaphysische nicht beobachtbare Verbindung sollte dabei die Verbindung zu einer Kette von Ereignissen hergesellt werden (Doktrin der Sautrantika). Nach Nagarjuna entspricht dies nicht der authentischen Lehre und ich folge ihm dabei.

Die bisherigen Ausführungen machen klar, dass es in unserem Leben und in der Welt nichts Ewiges und Dauerhaftes gibt, das beobachtet werden kann. Ewiges unterliegt der Fantasie, Spekulation und dem Glauben und ist oft eine „schöne“ Illusion der Menschen. Aber Prozesse haben auch ein Bestehen, das veränderlich ist und zum Vergehen überleitet.

Nicht den einen Zweck haben und Nicht-Einheit:
Mit dieser Aussage wird m. E. das Extrem der totalen Identität oder des absoluten  all-umfassenden Einen angesprochen. In der vorbuddhistischen Zeit wurde dieses Eine mit Brahman bezeichnet. Die Sehnsucht nach einem solchen Einen bestand aber auch im Buddhismus immer weiter fort und äußert sich sogar in der heutigen volks-buddhistischen Literatur. Es wird aber von Buddha als unrealistisches Extrem abgelehnt und bei klarer Sicht kann es in der Welt nicht beobachtet werden.

Es ist von zentraler Bedeutung für die Steuerung und Entwicklung in unserem Leben, dass wir uns zwar ein erreichbares Ziel setzen und einen übergeordneten sinnhaften Zweck verfolgen, zum Beispiel den Willen zur Wahrheit entwickeln. Es macht Sinn, anderen Menschen durch Bodhisattva – Handeln zu helfen, ohne unser eigenes egoistisches Ich aufzuwerten, also ohne eigene narzisstische Grandiosität zu handeln. Aber wer nur ein einziges fixiertes Ziel verfolgt, neigt zum Extremismus und vernachlässigt die Achtsamkeit des Handelns im Augenblick. Das lehrt auch die Geschichte der meisten Religionen. Man darf sich nicht auf fernliegende ideologische Ziele versteifen, sondern in voller Achtsamkeit im vielfältigen Hier und Jetzt handeln.

Nicht verschiedene Zwecke haben:
Hier wird das andere Extrem angesprochen, dass es totale Differenz und damit unverbundenes Chaos gibt. Im MMK werden also sowohl die totale Identität als auch die totale Differenz als Extreme abgelehnt. Die angesprochene Vielfalt wurde in den entsprechenden Doktrinen so verstanden, dass die Phänomene isoliert und voneinander unabhängig sind. Sie wurden als isolierte Entitäten verstanden, wie etwa unabhängige Atome als Bausteine der Welt. Nagarjuna lehnt solche absolute Differenz ab.

Auch unsere Zwecke und Ziele sollten nicht unabhängig und voneinander isoliert sein, es besteht dabei eine Wechselwirkung. Sie sollten eine gewisse Ordnung und Kohärenz haben und sich nicht radikal widersprechen. Wer die Gewinne des rücksichtslos materiellen Reichtums anhäufen will, kann schwerlich für andere Menschen das Bodhisattva – Handeln verwirklichen und menschliche Offenheit für andere entwickeln. Materieller Egoismus lässt sich mit Empathie für andere kaum vereinbaren, solche Zwecke widersprechen sich, sie zeugen von innerer Gespaltenheit und permanenten Verdrängungen. Und sie machen unglücklich. Es ist ein Irrtum der alten Wirtschaftwissenschaften, dass der Mensch ein egoistischer homo oeconomicos ist, wie die neue Gehirnforschung einwandfrei bewiesen hat.[8]

Der Zen-Buddhismus Dogens legt ein besonderes Gewicht darauf, dass uns unrealistische, unverbundene, absolute Ziele und Wünsche in gefährliche Illusions-Welten führen, die wir als solche oft nicht erkennen

Nicht-Ankunft:
Wenn wir absolute, ewige Substanzen für die Phänomene annehmen, sind diese schon immer in der Welt vorhanden. Für sie gibt es kein Ankommen und kein Weggehen. Das ist natürlich eine weltfremde Ideologie, denn wir können fortlaufende Prozesse des Ankommens beobachten. Dass wir in unserem Leben irgendwo ankommen, zum Beispiel in einer bestimmten Stadt, erscheint uns ganz selbstverständlich. Noch dringlicher ist uns oft das Ankommen in einem geistigen, psychischen oder spirituellen Zustand, wie etwa der Erleuchtung. Warum sollte es das nicht geben, auch wenn immer wieder Illusionen im Spiel sind?

Wie können wir diese Aussage außerdem verstehen? Vielleicht ist es auch eine Verbindung zur Wechselwirkung und zum gemeinsamen Entstehen in der Präambel, pratitya samutpada, angesprochen. Die Wechsel-Wirkung ist immer in zwei Richtungen wirksam und vernetzt, niemals nur in einer Richtung ( nicht uni-direktional)[9]. Durch ein zu simples und vordergründiges Verstehen des Ankommens als Entität wäre der Prozess nach dem Ankommen beendet. Wenn wir in einer Stadt, in einer Gruppe oder sonst irgendwo ankommen, bedeutet das, dass es dort weitergeht und dass das Ankommen nicht das totale Ende der Bewegung und des Prozesses ist. Bei der Wechsel-Wirkung geht es darum, dass eine Rückkopplung zustande kommt und erst dadurch überhaupt sinnvolle Gesamt-Prozesse realisiert werden.

Typisches Beispiel dafür ist unser eigenes Gehirn, das neuronale Netz, das in intensiver Wechsel-Wirkung durch die Areale und Moduln miteinander verbunden ist und mit den Input-Informationen von außen unsere bewussten und unbewussten Gehirnleistungen ermöglicht. Viele Buddhisten träumen vielleicht davon, in dem wunderbaren Zustand der Erleuchtung durch ein plötzliches Erlebnis anzukommen, und hoffen, dass dann alle Probleme schlagartig gelöst und ein völlig neuer und radikal besserer Zustand da ist. Ein solches unverbundenes Ankommen gibt es nicht. Große Zen- Meister betonen, dass man sich vorher diesen erleuchteten Zustand des Erwachens gar nicht realitätsnah vorstellen kann, sodass auch das „Ankommen“ in diesem Zustand nur real erfahren und nicht gedacht werden kann. Aber wie Dogen betont, geht dann das eigentliche Leben in „besserer Qualität“ weiter.

Nicht-Fortgehen:
Was für das Ankommen gilt, ist in ähnlicher Weise für das Fortgehen richtig. Unveränderliche absolute Entitäten sind schon immer in der Welt und enden und vergehen nicht. Sie können daher nicht fortgehen.

Im Buddhismus wird der Weg als Metapher für die menschliche Weiterentwicklung gewählt, zum Beispiel der Achtfache Pfad zur Überwindung des Leidens und der Weg zum Erwachen. Unser bisheriges Leben wird bei einer solchen Entwicklung nicht total abgeschnitten, wir gehen nicht total verändert aus einem alten Zustand fort, verlassen ihn nicht zu 100 % und gehen zu einer völlig neuen Existenz. Der Weg ist auch nicht materiell und physisch zu verstehen. Es gibt bei jeder Veränderung eine Verbindung und gewisse Kontinuität zum Bisherigen, gerade wenn sich dabei neue Freiheiten und kreative Möglichkeiten eröffnen. Die vereinfachten Modellvorstellungen von Weggehen und Ankommen bedürfen also einer genaueren Untersuchung für unser wahres prozesshaftes Leben. Wir verändern uns laufend und sind weder genau die selben noch total andere..

In der heutigen Zeit ist es durchaus üblich geworden, Partnerschaften und Ehen „einfach“ zu verlassen und zu beenden. Häufig besteht dann allerdings die Illusion, dass man aus bisherigen Problemen einfach fortgehen kann und in einer neuen wunderbaren Partnerschaft ankommt. Wenn jedoch keine menschlichen Entwicklungsprozesse, Selbsterkenntnisse und die Überwindung bisheriger Hemmnisse stattgefunden haben, ist dies in Wirklichkeit gerade kein psychisch geistiges Fortgehen und kein Ankommen bei etwas fundamental Neuem möglich. Der Kreislaufprozess von Illusionen, Ernüchterung, Frustration und Psycho-Kampf wiederholt sich einfach mit neuen „Objekten“.

Weitere Perspektiven der acht Negationen
Es gibt meines Erachtens eine weitere wichtige Perspektive der obigen genannten Negationen der acht zentralen Begriffe und der Bereiche des Buddhismus: Durch die Negation werden naive oder erstarrte Vorstellungen, Meinungen und Doktrinen dieser Begriffe im Grundsatz erschüttert und aufgebrochen, sodass ein lebendiger Reflexions-Prozess in Gang kommen kann. Wichtig ist auch die innere Dialektik unserer Begriffe: es bestehen semantische Verbindungen der positiven Bedeutung und deren Negation. Beides zusammen ergibt eine undogmatische umfassendere Semantik, die sicher von Nagarjuna angestrebt wird.

Dadurch werden neue Sichtweisen und ein neues umfassenderes eigenes Verständnis der buddhistischen Lehre und Praxis durch eigenes Erleben und Erfahren ermöglicht. Es handelt sich um einen dialektischen Prozess, der über These und Antithese in Gang kommt und sich dann als geistiger lebender Prozess fortsetzt. Vielleicht werden dabei Extreme gestreift, aber durch die jeweilige Antithese sind sie nicht festgeschrieben und fixiert sondern nur aufgehoben. Eine solche Fixierung wäre genau das Falsche beim Mittleren Weg, der von Nâgârjuna im MMK und bei Dogen gründlich untersucht wird. Es liegt nahe an die dialektische Philosophie Hegels anzuknüpfen, der einen solchen fortlaufenden Dreierschritt entwickelt hat, wie sich aus der These und Antithese die Synthese entwickelt, die wiederum Ausgangspunkt als neue These für den weiteren Vorgang ist.

Dabei wird die vorlaufende These nicht ausgelöscht sondern „aufgehoben“, steht als in gewandelter Form weiterhin für den Klärungsprozess zur Verfügung. Im Einklang mit Bertram[10] ist das letzte Kapitel von Hegels „Philosophie des Geistes“ „das absolute Wissen“ die Beschreibung des fortlaufenden Wissensprozesses, der kein Ende hat und keine endgültigen Ergebnisse liefert. Damit wären durch diesen Prozess ideologische Verhärtungen oder dogmatische Verengungen des Geistes und Wissens überwunden. Das Wissen ist also nicht ein ewiges unveränderliches Ergebnis-Wissen oder starres Resultat, sondern eine Methode und ein Prozess, wie man Wissen fortlaufend weiterentwickelt. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass Nâgârjuna ähnliche methodische Überlegungen an den Anfang seiner Untersuchungen des Mittleren Weges stellt.

Durch die Negationen werden verengte Dogmen der Begriffe aufgebrochen, sodass sich eine neue Beweglichkeit entwickeln kann, die wiederum dem ursprünglichen lebendigen Weg des Gautama Buddha das Tor öffnen. Wie der bekannte Interpret des MMK, Kalupahana betont, hatten sich verschiedene wirklichkeitsfremde Lehrmeinungen entwickelt, die zum einen Dauerhaftigkeit und Unveränderlichkeit postulierten (Sarvastivadins) und zum andern den abrupten Wechsel von Ereignissen von Nichts und Realität (Sautrantikas) behaupteten, ohne selbstähnliche Veränderungen und prozesshafte Interaktionen sinnvoll erklären zu können. Beide extremen Lehrmeinungen können einer solchen dialektischen Negation nicht standhalten: Die Dauerhaftigkeit hat keine Fortentwicklung und Erweiterung des Körpers und Geistes und der abrupte Wechsel kennt keine Verbindung von der These über die Antithese zur Synthese usw..

Zweiter Teil der Präambel
Nâgârjuna umreißt im zweiten Teil der Präambel durch die Formulierung pratitya samutpada, wechsel-wirkendes gemeinsames Entstehen, seinen zentralen Ansatz für das MMK und beruft sich dabei u. a. auf das authentische im frühen Buddhismus wiedergegebene sutta.
Ich halte Nâgârjunas Ansatz, die authentischen Lehren Buddhas durch Antithesen und Negationen in Verbindung mit Fehlentwicklungen bestimmter Lehrmeinungen und Sekten für fruchtbar, wenn auch nicht immer leicht zu verstehen. Dies gilt nicht nur philosophisch sondern auch ganz praktisch für unser Leben. Mein Lehrer Nishijima Roshi hat die maßgeblichen Aussagen des Zen – Buddhismus von Meister Dôgen mit Nâgârjunas Versen verbunden und damit als erster einen großen Schritt zur Integration dieser beider Bereiche getan. Ich folge diesem Ansatz und habe mich entschlossen, ausgewählte Themen der Texte Dôgens an die entsprechenden Kapitel Nâgârjunas anzufügen.

Ich hoffe, dass damit buddhistische Kernaussagen eine spannende Erweiterung und neue Perspektiven erhalten. Teilweise geht es dabei um relativ klar abgegrenzte Themen, wie zum Beispiel beim Kapitel der Zeit bei Nâgârjuna und die Sein – Zeit bei Dôgen. Es ist aus meiner Sicht spannend und weiterführend, dass etwa eine Zeitspanne von tausend Jahren zwischen den Arbeiten Nâgârjunas und Dôgens liegt und zwei große menschliche Kulturen den Buddhismus prägten. Da ich außerdem einen direkten Bezug zu den authentischen suttas Buddhas gesucht habe, wird damit eine Entwicklungszeit von circa 2.500 Jahren Buddhismus direkt in unseren Blick gerückt. Nagarjuna und Dogen markieren zweifellos Höhepunkte der buddhistischen Weisheit und Praxis!

Damit gewinnen die acht obigen Kernpunkte der Fehlentwicklungen Nâgârjunas nicht nur ein scharfes Profil innerhalb der Präambel mit der Verbindung des wechsel-wirkenden gemeinsamen Entstehens, sondern auch zu Dôgens kaum zu überschätzende Texte aus der Blütezeit des chinesischen Chan- und japanischen Zen – Buddhismus.

Zur Ruhe Kommen der wegführenden Fehlentwicklungen
Aber wie können wir nun die obigen Fehlentwicklungen beenden, wie kommen sie zur Ruhe und wo finden wir den Mittleren Weg, der zerstörerische Extreme vermeidet und unsere Weiter- und Fortentwicklung fördert? Wie können wir Gier, Hass und die Verblendung falscher Sichtweisen überwinden? Wie erlangen wir Freiheit, Emanzipation und Erleuchtung? Dazu brauchen wir zweifellos Klarheit im Körper und Geist und geübte Kräfte zum rechten Handeln.

Der grundsätzlich richtige Weg wird im zweiten fulminanten Teil der Präambel vorgestellt und später im MMK genauer interpretiert. Nagarjuna sagt völlig klar und eindeutig, dass er Gautama Buddha als den "besten der Sprechenden" und Lehrenden schätzt und hoch verehrt, und unterstreicht damit sein Vertrauen in die authentische Lehre.

Es ist richtig, dass wir für die nicht leicht zu verstehenden Verse Nagarjunas selbst Achtsamkeit, Konzentration und wachsende Klarheit benötigen. Aber wenn "wir dran bleiben", wird der alte Text ganz neu zu uns sprechen, ja der Text wird in einen lebendigen Dialog mit uns eintreten. Was dabei herauskommt, können und sollten wir vorher gar nicht unbedingt genau festlegen.

Von besonder Bedeutung ist zweifellos die Klarheit darüber, was Nagarjuna mit wechsel-wirkendem „gemeinsamen Entstehen“, pratitya samutpāda, sagen will und wie er es von dem obigen falsifizierten , nicht gemeinsamen Entstehen, anutpāda, abgrenzt.

Nagarjuna gilt als Hauptvertreter der damals weitgehend neuen Richtung der Leerheit des Mittleren Wege des Madhyamaka und Mahayana. Im MMK können wir daher die genaueste Analyse des oft mystifizierten oder missverstandenen Begriffs der Leerheit finden. Oder anders gesagt: Wer die Leerheit nicht aus dem MMK sondern aus anderen nicht zuverlässigen Texten ableitet, wird kaum Klarheit zur Bedeutung der Leerheit gewinnen können. Wesentlich ist der Zusammenhang von wechsel-wirkendem gemeinsamen Entstehen und dem Begriff der Leerheit.

Und weiter: Was versteht Nagarjuna unter „wegführenden Fehlentwicklungen“, die die wahre Lehre verlassen, in die Irre gehen und den Befreiungsweg verstellen. Dies meint, dass wir uns in einem Gestrüpp unklarer Begriffe, erstarrter Vorstellungen und falscher Handlungen verlieren!

Nagarjuna geht es m. E. um das klare Verständnis von Dingen, der Materie und anderen Phänomenen der belebten Welt und Natur: Was ist die Wahrheit und was ist ein gutes Leben in unserer Welt? Die Festkörper-Physik lehrt uns bereits heute die Wechselwirkung der Materie. Sie ist in der Tat ein universelles Prinzip, sei es in lebenden oder nicht lebenden Systemen.

Gibt es nun unabhängige, absolute Wahrheiten und entsprechende verborgene Substanzen und Entitäten, die uns Sicherheit und Halt in unserem Leben geben können, nach denen sich so viele Menschen sehnen? Populistische, dogmatische oder gar extremistische Antworten würden uns dabei noch tiefer in Unsicherheiten und wegführenden Fehlentwicklungen stürzen; es ist also Vorsicht geboten.

Ohne in eine zu komplexe Diskussion einzusteigen, soll nun kurz eine erste Deutung gegeben werde, die sich auch auf den großen Buddhologen Kalupahana[11] stützt.
Die wichtigen Themen des MMK werden der Präambel, wie in einer Ouvertüre, kurz vorgestellt, um später vertieft und umfangreich ausgeführt zu werden. Wir dürfen dabei nicht vergessen: MMK ist ein Lehr-Gedicht, oder wie Nishijima Roshi sagte, ein Gesang.

Ergebnis
Im ersten Teil werden acht Negationen von zentralen buddhistischen Begriffen aufgeführt. M. E. ist es sinnvoll sie semantisch auch auf ihre jeweiligen positiven Begriffe zu beziehen, um den vollen Umfang der Bedeutungen zu erkennen. Es handelt sich nicht um absolute unabhängige Negationen, sondern um ihren erweiterten Bedeutungsumfang, der philosophisch durch die Verbindung von positiver und negativer Formulierung erreicht wird. Die Unterscheidung und Negation ist nicht jeweils isoliert und absolut zu verstehen, sondern maßgeblich ist gerade ihre Verbindung.

Das kann philosophisch als „Ganzheit der Differenz“ verstanden werden. Dabei ist die Differenz gerade nicht absolut, sondern als relative Unterscheidung bei gleichzeitiger Verbindung zu verstehen. Der positive und negative Begriff haben eine inhärente Differenz, dabei eine inhärente Beziehung zueinander (vgl. „Arbeit des Negativen“ bei Hegel) [12]Dieses Verständnis hat große Bedeutung für den späteren Buddhismus des Madyamika und Mahayana, wie z. B. für das Herz-Sutra. Falsch verstandene Deutungen haben sicher dazu beigetragen, dass Nagarjuna immer wieder als Nihilist missverstanden wurde.

Nach meinem Verständnis gibt es in der Präambel zwei Schlüsselbegriffe, die fundamentale Bedeutung haben und auch in das große Werk des MMK einführen:
„Wechsel-wirkendes gemeinsames Entstehen“ als konstruktive positive Aussage der buddhistischen Befreiung und des Neuanfanges.

„Nicht-Entstehen“ als Verharren und Festhalten an alten, verhärtenden und prägenden Leid-bringenden Mustern und Verhalten, sodass weder Befreiung noch Neuanfang zur Erleuchtung gelingen können. Das „Nicht-Entstehen“ sollte m. E. begrifflich inhärent dialektisch verstanden werden.[13] Es ist ohne Beziehung zum positiven„Verstehen“ in der Wechselwirkung unbrauchbar.

Was soll damit gesagt werden? Beide Male verwendet Nâgârjuna den Sanskrit-Begriff utpada, der Entstehen bedeutet, und einmal positiv in der Verbindung mit „sam“, das zusammen, gemeinsam und kombiniert bedeutet, also gemeinsames Entstehen, und einmal in der Form der Negation, gewissermaßen die fehlende Entwicklung, das Nicht-Entstehen. Nâgârjuna verneint eine verengt dinghafte und erstarrte Vorstellung und Ideologie des isolierten Nicht-Entstehens von Phänomenen ohne wirkliche Veränderungen und Prozess-Charakter.

Lebendiges Entstehen gelingt in Wechselwirkung und nicht isoliert allein aus sich selbst. Er setzt dem das richtige prozesshafte gemeinsame Entstehen in Wechsel-Wirkung entgegen. Die Wechsel-Wirkung kann nur in zeitlichen, vernetzten Prozessen ablaufen und verstanden werden. Dies ist ein unverzichtbares Verständnis der dynamischen Wirklichkeit in der Welt, ganz gleich wie genau man sie im Detail oder als Ganzes analysieren und verstehen kann.

Denn die Wirklichkeit von vernetzen Systemen, z. B. der Ökologie und des neuronalen Netzes unseres Gehirns, kann nach heutiger gesicherter Kenntnis nur sinnvoll durch rückgekoppelte Prozesse in Verbindung mit entsprechenden Strukturen beschrieben werden. Wechselwirkung ist daher für alles Lebendige der Welt typisch und charakteristisch; eine Beschreibung durch eindimensionales unidirektionales „abhängiges Entstehen“, wie bisher meist im Buddhismus üblich, ist verengt und reicht nicht aus, vielleicht hat ein solches Verständnis manche Irrtümer zur Folge gehabt. M. E. wird mit diesem Paradigmenwechsel die Verständlichkeit, Klarheit und Wirkkraft des MMK nachhaltig verbessert.

Nagarjuna wählt dabei exemplarisch markante Begriffspaare in der Präambel, die sicher in seiner Zeit im Buddhismus häufig verwendet, aber wohl auch sektiererisch falsch verstanden wurden. Für das unzureichende Verständnis verwendet er die Formen der Negation und Destruktion und kennzeichnet damit die Sichtweise ohne Veränderungen, Entwicklungen und Emanzipation. Wir sollten ein isoliertes und erstarrtes Verständnis heute im Westen besonders gründlich analysieren, wo der Individualismus aus den Fugen geraten ist und wo Fakenews, ein hohler Materialismus und übersteigerter Egoismus um sich greifen. Das kann helfen, dass kein falsches Verständnis des Buddhismus aufkommt.

Ein ähnliches Begriffspaar verwendet Nâgârjuna für „nicht zur Ruhe kommen“ und „angenehmes Aufhören der wegführender Fehlentwicklung“. Denn unser Gleichgewicht zu finden, zur Ruhe zu kommen und den Mittleren Weg zu gehen sind zweifellos zentrale Eckpunkte des Buddhismus. Sie können aber nur verstanden werden, wenn prozesshafte Wechsel-Wirkung, Werden und Emanzipation einbezogen werden. Das heißt, dass wir in unserem Leben nicht zur Ruhe kommen, wenn wir von isolierten, dinghaften Phänomenen und ewigen unsichtbaren Substanzen ausgehen, die sogar durch Magie beeinflusst werden können. Durch falsche Sicherheiten und substanzhafte Weltanschauungen entstehen gerade Unruhe und Hektik. Dann würden wir die erkennbaren wechsel-wirkenden Veränderungs-Prozesse vernachlässigen oder verdrängen. Dies ist aber ein typisches Merkmal statischer und erstarrter Doktrinen, Weltanschauungen und Ideologien.







[1] Vgl. Kant zur Definition von Vernunft und Verstand. Ähnlich bei Georg W. Bertram Hegels „Phänomenologie des Geistes“, S. 322 f.
[2] Hegel in Georg W. Bertram Bertram
[3] Kalupahana, Casuality
[4] Peter Gäng, Achtsamkeit
[5] Kalupahana, MMK
[6] Manfred Spitzer
[7] Peter Gäng, Achtsamkeit
[8] Manfed Spitzer
[9] Joana Macy
[10]  Hegel zitiert in Georg W. Bertram
[11] Kalupahana, MMK
[12] Hegel Phänomenologie des Geistes, „Arbeit des Negativen“, zitiert in Georg W. Bertram, S. 316 f.
[13] Hegel, zitiert in Georg W. Bertram

Donnerstag, 5. Januar 2017

Neuer Kommentar: Das Geheimnis des Herz-Sutra

(Von Yudo J. Seggelke Roshi, überarbeitete Fassung vom 29.Februar 2020)


Neue Klarheit beim Herz-Sûtra durch Nâgârjûnas Mittleren Weg
Um es vorweg zu sagen: Zum Verständnis und zur Interpretation des geheimnisvollen und für viele verwirrenden Herz-Sutra ist es aus meiner Sicht ein neuer Ansatz erforderlich. Ich halte es für sinnvoll, ja notwendig, die Aussagen Nâgârjunas aus seinem großen Werk des Mittleren Weges (MMK) heranzuziehen. Denn dadurch lassen sich scheinbare Paradoxien und Unklarheiten weitgehend auflösen. In ähnlicher Weise gehen Kazuaki Tanahashi und Joan Halifax in dem großartigen und umfassenden  Buch "The Heart Sutra" und dessen Übersetzung ins Englische vor. Auch Karl Brunnhölzl geht in seinem wertvollem Buch: "Das Herz Infarkt Sutra. Ein neuer Kommentar des Herz-Sûtra" spannende neue Wege zum Verständnis dieses von Geheimnissen umgebenen Sûtras auf der Grundlage des tibetischen Buddhismus. Er schafft bisher nicht gekannte Detaillierungen und Klarstellungen durch das tibetische Verständnis der Leerheit und den vielfältigen Negationen des Sûtra. Es wäre  dabei aus meiner Sicht sicher weiterführend, auch eine Beziehung zu Nagarunas Weg der Mitte auszuarbeiten. Dies umso mehr, da Nagarjunas Werk auch im tibetischen Buddhismus fundamentale Bedeutung hat.

Was könnte der Grund sein, dass Nâgârjunas Werk  des MMK bisher zu wenig für das Verständnis Herz-Sutra herangezogen wird? 

Die Antwort lautet aus meiner Sicht: Das MMK ist sicher eines der schwierigsten buddhistischen Werke. Es gab gerade beim MMK viele Missverständnisse und fatale Fehlinterpretationen. Dieses Werk wurde bis vor wenigen Jahrzehnten als Nihilismus, und als total neue Lehre des Buddhismus und der Leerheit verstanden. Das ist nicht zu halten. Mein Lehrer Nishijima Roshi fand einen neuen Schlüssel durch die enge Beziehung zum Zen-Buddhismus und besonders zu Dogens Shobogenzo. Wissenschaftlich haben die Arbeiten von Kalupahana und Garfield eine neues konstruktives Verständnis erarbeitet. Denn es geht Nâgârjuna gerade darum, den authentischen Buddhismus von Erstarrungen und Dogmatisierungen durch das absolute Substanz-Denken und durch das Trennen und "Zerhacken" in unverbundene getrennte Momente (Momentanismus) zu befreien. Auf diesen Grundlage habe ich weiter gearbeitet und zusammen mit der Indologin Elisabeth Steinbrückner eine ganz neue Basis-Übersetzung erstellt. Nun möchte die Ergebnisse kurz darstellen. Mit den Doktrinen des Substantialismus und Momentanismus könnte es nämlich bei genauer Analyse weder Veränderungen, Lernprozesse, Fließ-Energien und Kreativität  noch die Überwindung des Leidens geben. Das wäre in der Tat für den Buddhismus absurd.

Von zentraler Bedeutung ist das Verständnis der Wirklichkeit Buddhas und Nâgârjunas als wechsel-wirkendes gemeinsames Entstehen (pratitya samutpada), das bisher meist zu eng und nicht  exakt als abhängiges Entstehen übersetzt wurde. Genau diese Wechsel-Wirkung  der Natur wird von Nâgârjunas mit  Leerheit 
bezeichnet. Denn die Natur ist leer von Doktrinen, Ideologien und noch so intelligenten Konstrukten . Es geht um vernetzte und rückgekoppelte Prozesse und Veränderungen in der Natur und damit auch beim Menschen. Damit ist auch die Fließ-Energie der Natur und des Menschen einbezogen, die chinesisch als Chi bezeichnet wird und zentral für den Chan-Buddhismus ist. Diese Energie kann geradezu als Lebens-Energie bezeichnet werden. Wie kann man überhaupt eine buddhistische Philosophie und Praxis postulieren, die eine solche Lebens-Energie verneint? Genau da setzt das Herz-Sutra an. Schon unser Atmen ist Lebens-Energie, Leben ist niemals Statik und schon gar nicht Erstarrung.  Und wie ist die Verbindung mit der Leerheit?  Für viele von uns ist die Bedeutung und Relevanz der Leerheit schwer zu verstehen. Bei deren falschem Verständnis wird die Leerheit  nach Nâgârjuna zu einer gefährlichen "giftigen Schlange", die man keinesfall ergreifen sollte. Leerheit der Natur bedeutet schlicht, dass sie leer von Täuschungen und Illusionen ist, die von Menschen bewusst oder unbewusst hinzugesetzt werden. Leerheit der Natur und ders Menschen heißt, dass die Natur so ist, so wie wie sie wirklich ist und wie sie wirklich fließt und vernetzt ist. Ohne etwas hinzuzusetzen oder wegzulassen. Wer das verwirklich, ist erwacht und erleuchtet. Das ist das natürliche Entstehen in Wechsel-Wirkung in der Wirklichkeit und kann ohne jede Mystifizierung verstanden werden. Wie geht das?

Verkürzt kann man m. E. sagen, dass das Herz-Sutra als Zusammenfassung der sehr umfangreichen Mahayana- und Madyamika-Schriften als Kurzfassung des Mittleren Weges Nâgârjunas zu verstehen  ist. Daher wird vor allem materialistisches und doktrinäres Denken  abgelehnt. Dadurch kommt die authentische Botschaft Buddhas  des lebendigen und wechselwiekenden Weges klar zum Ausdruck. Wir sollten also das Werk Nâgârjunas studieren und auf dies Weise auch den wahren Sinn das Herz-Sutra klären. Das ist m. E. bisher nicht konsequent genug geschehen.


Ohne das obige Verständnis der lebenden vernetzten Wirklichkeit und der fließenden Energie der Natur kann nach Nâgârjuna die Befreiungs-Lehre Buddhas weder verstanden noch verwirklicht werden. Derer weiter führende WEG wäre dann blockiert und auch durch manche geradezu  abenteuerliche Vorstellungen der Leerheit versperrt oder sogar vergiftet.



Dann bliebe die großartige Wahrheit des Herz-Sutra verborgen und dieses Mantra wäre verwirrend und damit wirkungslos - um es freundlich auszudrücken. Gläubige Naivität, fehlende Reflektion und Verwirrungen sind nach Nâgârjunas gerade nicht das Anliegen des Buddhismus. Dann ist wäre schon besser, das Herz-Sûtra in Japanisch, Chinesisch, Sanskrit,Tibetisch oder auch Deutsch nur zu rezitieren und die Bedeutung ganz beiseite zu lassen. Dann hätte man wenigstens die Energien der Laute und des Rezitierens gerettet. Aber ist das wirklich die Lösung des Problems? Wohl kaum.

Kurze Zusammenfassung des Mittleren Weges (MMK) von Nârgâjuna
Im ersten Teil der Präambel des MMK werden acht wichtige buddhistische Begriffe negiert, z. B. „Nicht-Entstehen“, und "Nicht-Vergehen", sowie "Nicht-Abbrechen" und "Nicht-Andauern" usw.. Das sind übrigens genau die selben Begriffe wie in den sechs Negationen im Herz-Sutra. Damit fordert Nâgârjuna uns auf, die nur oberflächlich verstandenen Begriffe in Frage zu stellen, die nicht selten dogmatisch verhärtet und zu doktrinären Worthülsen verkommen sind. Sie sollen entschlackt und zu neuer Kraft und zu neuem Leben erweckt werden. Das mag für Viele zunächst ein Schock sein, wie auch Brunnhölzl beschreibt. Es geht aber keineswegs um deren vollständige Verneinung, wie nihilistische Interpreten behauptet haben. Nihilismus ist nämlich eine extreme Philosophie, die nach dem Mittleren Weg falsch, gefährlich und abzulehnen ist. Wir dürfen auch nicht nur die mathematische Logik des Exklusiven-Oders (Ja oder Nein) anwenden, das ist nicht die "Weisheit jenseits der Weisheit" (Tanahashi).

Was sagt nun Nâgârjuna positiv zu diesem Thema?
Die Präambel des Mittleren Weges (MMK) beschreibt in sehr kompakter Form dessen Kern-Aussagen. Sie lenkt unseren Geist und unser Leben auf das große Anliegen Nâgârjuna , eine belastbare Grundlage für den authentischen Buddhismus zurückzugewinnen und gleichzeitig die philosophische Entwicklung in Indien seit Buddha einzubeziehen und zu nutzen. Dies Klarstellung war dann wichtiges Fundament des späteren Chan- und Zen-Buddhismus.

Damit wird das Tor für die weite Verbreitung der korrekten buddhistischen Lehre und Praxis über Indien, China, Japan usw. bis hin zur Moderne im Westen geöffnet. Was sind nun die Kern-Aussagen der Präambel, die in den folgenden 27 Kapiteln des MMK im Einzelnen bearbeitet und philosophisch zwingend analysiert werden?

Nâgârjuna  will ganz klar zwischen den Vorstellungen, Doktrinen und Dogmen in unserem Gehirn und der Realität des Fließens und der Entstehens in Wechsel-Wirkung unterscheiden. Dabei wird besonders die Doktrin Lehre Sarvastivadins falsifiziert, die eine dauerhaften Existenz der Dharmas postuliert. Und diese Realität bezeichnet er als Leerheit! Nämlich als Leerheit von Wirklichkeits-fremden Doktrinen und verzerrenden Ideologien. Sie entstehen nicht zuletzt durch den Glauben an die absolute Wahrheit von Begriffen und überhaupt von Sprache. Es geht ihm darum, wann und wo solche Vorstellungen und Dogmen sich in unserem Gehirn verselbständigt und isoliert haben, z.  B. der Glaube an eine isolierte unsichtbare Substanz in der Welt und in der Natur. Dann haben solche Doktrinen den Bezug zur Wirklichkeit verloren, sind Täuschungen und es gibt keine fruchtbare Wechsel-Wirkung von Realität und unserem Geist. Das erzeugt gerade das Leiden1 Es ist für mich undenkbar, dass Entstehen und Vergehen usw. der Natur und des Menschen abgelehnt werden, denn das wäre die Ablehnung von Veränderung, Lernen und Emanzipation. Das ist aber die zentrale Lehre des Buddha-Dharma, der Vier Edlen Wahrheiten, des Achtfachen Pfades und der Zwölffachen Kette usw.. Das Gegenteil ist also richtig. Die Zwölffache Kette führt in einer Folge von fatalen Kausalitäten zwingend ins Leiden, wenn unser Geist von dem Glauben an die  Extremen der Existenz und Nicht-Existenz besetzt ist. Aber sie führt zur Freiheit, wenn wir ganzheitlich dem Mittleren Weg folgen Buddhas und Nâgârjunas (Kaccana sutta). 

Dann kommt die zentrale Botschaft des MMK:
Die Realität der Welt und des Lebens kann durch das „wechsel-wirkende gemeinsame Entstehen“ (pratitya samutpada) treffend verstanden werden. Diese Wechsel-Wirkung ist die wirklich belastbare Grundlage für unseren eigenen Weg der Befreiung, Emanzipation und Weiter-Entwicklung, also der Überwindung des Leidens und die Realisierung des Erwachens. Sie ist gleichzeitig der Schlüssel zu dem Begriff der Leerheit, der diese Wechselwirkung der Natur bezeichnet, (MMK, Kap. 24, Vers 18 und 19). Damit werden mythologischen Bedeutungen der Ontologie und Metaphysik abgelehnt und destruiert. Sie sind Hemmnisse auf dem Weg der Befreiung. Die obigen Negationen des MMK und des Herz-Sutra ist daher das falsche Weltverständnis einer Wirklichkeit, die keine Wechsel-Wirkung und damit keine Leerheit von Doktrinen kennt und gerade nicht mit dem authentischen Buddhismus übereinstimmt. Das berühmte Herz-Sutra stimmt also gerade mit dem MMK und den obigen Aussagen fast wörtlich überein. Damit wird die authentische Theorie und Praxis des Buddhismus von Unklarheiten und Fälschungen befreit.

Auf dem buddhistischem Weg kommen vielfache Fehlentwicklungen unseres Leben zur Ruhe und vergehen, die uns häufig hemmen und verwirren. Sonst würde unser fast unbegrenztes menschliches Potential ungenutzt bleiben, z. B. unseres Geistes: Wir würden solche Möglichkeiten und Chancen schlicht vergeuden.

Die Präambel des MMK sagt zum Shluss: "Gautama Buddha zeigte uns als vollkommen Erwachter diesen Weg der Befreiung." Nâgârjunas verehrt ihn als den größten Lehrer und den „besten der Sprechende".


Zurück zum Herz-Sûtra:
Alle Extreme sind nach dem Mittleren Weg gerade kein brauchbares Verständnis der Wirklichkeit. Deshalb sind Nicht-Existenz, absolute Negationen und Nihilismus mit dem Buddhismus nicht vereinbar (Quelle: Kaccana sutta und MMK). Gegenfrage: Aber im Herz-Sûtra gibt es doch so viele Negationen. Wie soll man diese verstehen?

Alle Doktrinen ohne wechsel-wirkendes gemeinsames Entstehen und damit ohne Leerheit sind wie oben dargestellt unzureichend. Sie beschreiben eine unveränderliche, statische und erstarrte Welt von Gegenständen, Gegebenheiten und Substanzen, die es nicht gibt und nicht geben kann. Dann kann es z. B. kein Entstehen, kein Vergehen, keine Veränderungen, keine Emanzipation und keine Erleuchtung geben. Die verändernde und heilende Lebens-Energie und der Flow würden dabei vernachlässigt. Solche Doktrinen können überhaupt nicht als Grundlage für Buddhas praktischer Philosophie zum Erkennen und Überwindung des Leidens verwendet werden (MMK, Kap. 24). Es sind Doktrinen, die meist fälschlich von einer unsichtbaren Eigen-Substanz (svabhâva) der Dinge und Phänomene dieser Welt ausgehen, die isoliert, aus sich selbst und ohne Wechselwirkung entstanden sein sollen. Aber so Etwas ist nach Buddha Täuschung und gefährliche Illusion, das ist die Dogmatik der Substantialität und des âtman-Ego.

Solche falschen Ideologien hatten sich zur Zeit Nâgârjunas (und bis in die heutige Zeit) wieder im Buddhismus verbreitet und wurden von ihm einer präzisen De-Konstruktion (ähnlich beim französischen Philosophen Derridá) unterzogen (MMK, Kap. 1).

Schlussfolgerung:
Nach Nâgârjunâ kann man analog zum Mittleren Weg konkret zum Herz-Sûtra Folgendes sagen:
Der Bodhisattva ist ein voll Erleuchteter mit Körper, Geist und Handeln, der anderen tatkräftig hilft, ohne für sich selbst einen spirituellen Vorteil anzustreben. Er  hat das Höchste des möglichen Wissens und Handelns erreicht und ist frei von schädlichen Doktrinen und Vorurteilen, wie z. B. des Substantialismus und Momentanismus. Also vor allem der Behauptung einer ewigen, unveränderlichen Substanz wie beim âtman und auch des totalen Verschwindens im Nichts.

Die Komponenten des Menschen (skandhas) werden am Beispiel der Form, des nur scheinbar körperlich isoliertem und unveränderlichem Materiellen, in ihrer Wirklichkeit beschrieben (MMK, Kap. 4): Sie unterliegen dem  gemeinsamen Entstehen in Wechsel-Wirkung und der Vernetzung der Wirklichkeit (MMK, Präambel und Kap. 1), die Nâgârjuna als Leerheit bezeichnet. Daher sind die Form und die anderen skandhas leer von solcher Doktrin. 

Die wirkliche Form ist also in Wechsel-Wirkung und genau deswegen ist sie leer, leer von Erstarrung und Unveränderlichkeit, dem âtman oder einer unsichtbaren und total isolierten Eigen-Substanz. Die Komponenten des Menschen sind in der Wirklichkeit nicht voneinander getrennt und nicht isoliert, sondern vernetzt, in Wechsel-Wirkung und daher ohne isolierte Eigen-Substanz. Sie sind in Wechselwirkung und wirken dynamisch mit Lebens-Energie zusammen. Daher sind sie  nicht nur materiell zu verstehen, sondern gehen über Materielles hinaus. Sie übersteigen auch die Ebene der Sprache und Worte, der Intellektualität und der mathematischen Logik. Alle diese Behauptungen sind unwirkliche Doktrinen und Illusionen, die wie die des âtman ins Leiden und in Abhängigkeit führen. 
Brunnhölzl spricht sehr anschaulich von isolierten aufgeblasenen Luftballons, die platzen müssen.

Die Negationen im Herz-Sutra bezeichnen also falsche Doktrinen, einer unsichtbaren Eigen-Substanz, ohne wechsel-wirkendes Entstehen und damit ohne Leerheit (MMK. Kap. 24). Mit ihnen verirren wir uns in eine imaginäre Scheinwelt, die unveränderlich, erstarrt und substantialistisch ist. Dann gibt es kein Entstehen und Vergehen (MMK, Kap. 7) und keine Entwicklung, Befreiung und Emanzipation des Menschen. Buddhas Befreiungs-Weg ist mit solchen Täuschungen und Illusionen obsolet. Die Negationen des Herz-Sûtra sind aber kein Nihilismus, der behauptet, dass es weder Augen, Ohren usw. in der Wirklichkeit gibt! Das Gegenteil ist richtig: Illusionen, Dogmen und Vorurteile werden durch unverstellte Wahrnehmung beiseite geräumt und dadurch kommt die Wirklichkeit und dynamische Schönheit erst voll zur Klarheit. Durch solche Täuschungen haben wir z. B. keine Augen, die Wirkliches und Wahres sehen können. Solche Augen gibt es in Wirklich keit nicht.

Mit der falschen Doktrin von unveränderlichen unsichtbaren Substanzen beim Menschen und der Welt gäbe es also keine wirkliche unverstellte sinnliche Wahrnehmung (MMK, Kap. 3), keine Organe des Menschen, usw.. Sie wären reine Illusionen und falscher gefährlicher Zauber. Gleiche Illusionen und Täuschungen gelten für abgehobene geistige und spirituelle Tätigkeiten, Wissen,  Ethik, Achtsamkeit, Meditation, Ziele des Erreichens, der Befreiung, Erleuchtung und die anderen Bereiche von Buddhas Lehre. Besonders die Ziele des Erreichens der buddhistischen Freiheit und das Erreichen selbst als Handeln werden durch erstarrte Dogmen, Selbstüberschätzung und andere Illusionen unmöglich gemacht. Daher heißt es im Herz-Sutra: Weil der Bodhisattva frei von solchen doktrinären Verirrungen und Illusionen ist und er lebt frei. Wörtlich heißt es im Herz-Sutra:  "Aus der Nicht-Existenz eines Geistes mit Hemmnissen ist er ohne Schrecken, hat das Gegenteil erklommen, ist gestützt und gegründet im Nirvana". Diese Befreiung ist das Erwachen im alltäglichen Leben, das Nirvana im Hier und Jetzt. Das ist ein Leben ohne Angst, die höchste Weisheit und "das andere Ufer".

Wir besitzen heute verlässliche wissenschaftliche Ergebnisse aus der Öko-Systemforschung und auch der Gehirnforschung, nämlich der Vernetzung, Plastizität, Bahnungen, Vernetzung, des modularen Aufbaus und der permanenten synaptischen Aktivitäten des Lernens und Veränderns. Sie haben keinen materiellen oder Kern etwa des âtman, sondern sind ein hervorragendes, innovatives und vernünftiges Ganzes, das im Gleichgewicht sehr gut funktioniert und von uns beeinflussbar ist. Dieses Ganze nennen wir im Einklang mit Buddha und Nâgârjuna Leerheit. Ist das nicht erstaunlich!

Die Schluss-Aussage des Herz-Sutra "gegangen" bedeutet, dass die falschen Doktrinen, Vorstellungen, Täuschungen und unrealistischen Konzepte verlassen wurden, die im Hauptteil des Herz-Sutras im Einzelnen aufgezählt und falsifiziert werden. Das ist der große Befreiungsweg! Denn es geht um die vernetzten unverstellte Wirklichkeit von Körper, Geist, Psyche, Handeln und Lebens-Energie des Hier und Jetzt. Das ist die Grundlage unsere Befreiung von Täuschungen, Illusionen, Vorurteilen absolutistischen Weltanschauungen  und erstarrten Doktrinen. Ein metaphysischer Glauben an ein jenseitiges illusionäres Nirvana ohne Entstehen, Vergehen und der Lebens-Energie ist nach Nâgârjunâ auch nicht erforderlich und führt meist zu Illusionen, Verwirrungen und zum Leiden.


Montag, 5. Dezember 2016

Eckpunkte des Zen-Buddhismus

(Von Gudo Wafu Nishijima Roshi)

Meister Dōgens großes Werk Shōbōgenzō, „Die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges habe ich über vierzig Jahre eingehend studiert, und bin der festen Überzeugung, dass die von mir bearbeiteten Quellentexte auch für den Westen von unschätzbarem Wert sind. Ich unterstütze die deutsche Fassung des Shobogenzo und dessen Einführung: „ZEN-Schatzkammer“ ausdrücklich, weil damit das Verständnis der sicher nicht einfachen Aussagen des Shōbōgenzō im deutschsprachigen Raum für viele Leser wesentlich verbessert werden kann.

Manche meinen, der Buddhismus eigne sich als Religion nur für jene Menschen, die sich aus dem beruflichen Alltag und gesellschaftlichen Leben in die Nische eines Klosters zurückgezogen haben und versuchen, dort auf einer „Insel der Seligen“ ohne die Ungerechtigkeiten des normalen Alltags zu leben. Manche glauben auch, dass der Buddhismus ausgesprochen lebensfeindlich oder gar nihilistisch sei. Vor allem der Zen-Buddhismus sei, so eine verbreitete Ansicht, von lebensfeindlicher Askese und dem schmerzhaften Ringen um die große Erleuchtung (Satori, Kensho) geprägt, diese sei aber für einen „normalen“ Menschen ohnehin nicht erreichbar. Eine solche Sichtweise kann ich jedoch aus meiner praktischen Erfahrung und der in langem Studium gewachsenen Kenntnis heraus nur als völlig falsch bezeichnen – das Gegenteil ist richtig.

Wirklichkeit der Welt 
Wer sich aus der Wirklichkeit der Welt verabschiedet hat, gerät unweigerlich in einen meist ausweglosen Kreislauf von Illusionen, Leiden, Trugbildern, Ängsten und subjektiven Welten und kann von diesem Leiden nur dann befreit werden, wenn er zur Wirklichkeit des Lebens und der Welt und damit zur Wahrheit zurückfindet. Gautama Buddha hat dies erfahren und erkannt und uns die großartige Lehre des Buddha-Dharma geschenkt, die uns nicht zuletzt von Meister Dōgen authentisch übermittelt wurde.

Der Buddhismus lehrt nicht, dass das ganze Leben aus Leiden besteht, wie manchmal behauptet wird, sondern im Gegenteil: Er will uns praktisch gangbare Wege aufzeigen, wie wir das vorhandene oder zukünftige Leiden überwinden können. Dann können wir eindimensionale Weltanschauungen über Bord werfen, Ideologien und Verführungen schnell durchschauen und zu Gleichgewicht und Harmonie zurückfinden. Dies ist der mittlere Weg und der natürliche Zustand des Menschen. Mit Meister Dōgen bin ich der festen Überzeugung, dass die Meditations-Praxis des Zazen in Verbindung mit der authentischen buddhistischen Lehre genau der richtige Weg ist, den wir beschreiten sollten.

Meine eigene Lehre stützt sich neben Gautama Buddha selbst auf die genialen Meister Nagārjuna, Bodhidharma und vor allem auf Meister Dōgen. Ich habe bei meinen zahlreichen Vorträgen und Gesprächen in Asien, Europa und Amerika festgestellt, dass sich die Kernpunkte der Theorie und Praxis des wahren Buddhismus in der heutigen Zeit immer klarer herauskristallisieren und besser verstanden werden. Dies betrachte ich als große Hoffnung. Es wäre von großem Wert für die gesamte Menschheit, wenn der Buddhismus im Westen neue Kraft und Klarheit erlangen könnte, und ich würde mich sehr freuen, wenn mein Schüler, der Zenmeister Prof. Dr. Yudo J. Seggelke, und ich dazu einen substanziellen Beitrag leisten könnten.

Welches sind nun die maßgeblichen Kernbereiche des Buddha-Dharma?
Lassen Sie mich dabei zunächst kurz auf das Leben und die Erfahrungen von Meister Dōgen eingehen. Er wurde 1200 n. Chr. geboren und erlebte schon in früher Jugend schwere Schicksalsschläge, weil sein Vater und seine Mutter früh starben und er auf diese Weise bitter erfahren musste, dass das Leben endlich ist. Dies mag der Grund dafür sein, dass er schon in jungen Jahren nach dem Sinn und der Wahrheit des Lebens und der menschlichen Wiklichkeit suchte. Er trat mit zwölf Jahren in ein buddhistisches Kloster ein und hatte sich nicht zuletzt wegen seiner überragenden Intelligenz und Beharrlichkeit schon bald die verschiedenen buddhistischen Lehren im damaligen Japan erarbeitet und sie durchdrungen.

Der junge Dōgen war nicht nur außergewöhnlich begabt, sondern auch überaus ehrlich sich selbst gegenüber, so dass ihn der damals in Japan gelehrte sehr theoretische und spekulative Buddhismus trotz besten Willens und großer Anstrengung nicht überzeugte. Er entschied sich daher, nach China in das Ursprungsland des Zen-Buddhismus zu gehen. Auch dort erlebte er zunächst Enttäuschungen, bis er schließlich und fast am Ende der Reise seinem Meister Tendō Nyojō begegnete, der neben der fundierten Lehre des Buddhismus vor allem die Praxis des Zazen und das Handeln im Alltag in den Mittelpunkt des buddhistischen Lebens stellte. Dieser hatte selbst viele Jahre lang einen wahren Meister gesucht, aber nicht gefunden. Solche großen Meister gab es zu jener Zeit nur noch wenige in China.

Zazen ist keine geistige Meditation,
bei der die Konzentration auf ein Meditationsobjekt, zum Beispiel auf ein Thema oder ein Bild, auf den Atem, auf das Zählen oder auch auf die paradoxe Frage eines Kōans gerichtet ist. Zazen ist genau das Gegenteil, nämlich praktisches Handeln ohne diskursives Denken in Form des Sitzens in der richtigen Zazen-Haltung. Zazen ist gegenstanslode Meditation: Einfach Sitzen. Dabei stellt sich beim Menschen ein bestimmtes Gleichgewicht ein, und alle Gedanken, Gefühle und die normale Wahrnehmung verschwinden früher oder später. Dadurch befreit sich unser Geist von Grund auf. Nach neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen handelt es sich dabei vor allem um das Gleichgewicht des vegetativen Nervensystems, wenn die Aktivität und Spannung des einen Teilsystems – Sympathikus – und die Passivität und Wahrnehmung des anderen – Parasympathikus – im Gleichgewicht sind.

Das japanische Wort „Shōbōgenzō“ bedeutet: der wesentliche Kern oder die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges, also des Buddhismus. Dieser kostbare Schatz der Lehre ist aus der Sicht von Meister Dōgen zusammen mit der Praxis des Zazen die umfassende Lehre des Gautama Buddha. Er beschreibt sie in seinen Lehrreden (Sūtras) sehr genau und hat sie, wie wir wissen und erfahren, an seine Schüler und an uns weitergegeben.

Eckpunkte der Zazen-Praxis
Was sind nun die Kennzeichen der Zazen-Praxis, die Meister Dōgen sehr umfassend lehrt?
Er führt folgende vier wesentliche Bereiche auf:

(1) Das Überschreiten des üblichen unterscheidenden Denkens mit dem Verstand durch die besondere Art des „Nicht-Denkens“;

(2) Das regelmäßige Sitzen im Zazen in der richtigen Körperhaltung, die von Dōgen exakt beschrieben wird. Dieses Sitzen ist praktisches Tun, umfasst damit den ganzen Menschen und beschreibt wie im Yoga die körperliche Dimension als Grundlage des Handelns und des Geistes.

(3) Dōgen beschreibt das wirkliche Handeln und Erleben bei der Zazen-Praxis mit den Worten „das Fallenlassen von Körper und (denkendem) Geist“ und meint damit, dass wir uns von den einengenden Fesseln des Körpers und des gewöhnlichen Verstandes, die uns in unserem Leben so häufig einengen und quälen, befreien. Ich interpretiere diese von Dōgen formulierte Tatsache als das Gleichgewicht des vegetativen Nervensystems, das durch die Zazen-Praxis erreicht wird.

(4) Die Praxis des Zazen wird durch das japanische Wort Shikantaza beschrieben, das übersetzt etwa heißt „nichts anderes tun als sitzen“. Damit will Dōgen vor allem klar machen, dass wir uns bei der Zazen-Praxis nicht auf ein vorgestelltes Objekt, also ein Thema, Ziel oder Kōan, konzentrieren sollen, sondern dass das richtige Sitzen selbst die wesentliche Übungspraxis ist. Durch das Sitzen werden Gleichgewicht und Harmonie ermöglicht, von denen wir heute wissen, dass sie die Balance des vegetativen Nervensystems ausmachen. Dieses Zazen-Praxis bezeichne ich, wenn sie sich verwirklicht, als die erste Erleuchtung. Sie kann aber nicht auftreten, wenn sich intellektuelle oder andere unruhige Gedanken im Gehirn festsetzen, wenn Gefühle vorherrschen, wenn verzerrte Wahrnehmung dominiert oder man gierig nach irgendetwas verlangt, zum Beispiel auch nach der großen eigenen Erleuchtung. 

Besonders schädlich ist die Gier nach Ruhm, Ansehen, eigener Wichtigkeit, Macht oder Profit und der damit verbundene Stolz. Daher ist es so wesentlich, durch Shikantaza nicht unbedingt irgendein „großartiges“ Ergebnis wie die Erleuchtung erlangen zu wollen und sich nicht auf irgendetwas Spezielles zu konzentrieren. Vielmehr kommt es darauf an, die richtige körperliche Haltung einzunehmen und das Sitzen als Handeln zu verwirklichen. Nur dann wird sich die erste Erleuchtung bei der Zazen-Praxis wie von selbst ereignen.

Gautama Buddha hatte im damaligen Indien zunächst versucht, durch die bekannten Formen der Meditation und geistigen Konzentration sowie durch extreme Übungen der Askese die Befreiung und das Erwachen zu erlangen und war dabei gescheitert. Die damals Indien gelehrte Philosophie des Idealismus, bei dem Gedanken, Ideen, Vorstellungen und Ideale vorherrschend waren, hatte nicht zum ersehnten Erwachen geführt. Aber auch die materielle Lebensphilosophie, die behauptet, allein die Wahrnehmung, Beobachtung und der sinnliche Genuss seien wirklich, hatte sich für ihn als Sackgasse erwiesen. Dasselbe gab die harten Übungen der Askese als wertlos auf. Auch Skeptizismus und Nihilismus, die es schon damals als Denkrichtungen gab, führten nicht zum Erwachen.

Was erkannte Gautama Buddha?
Schließlich erkannte Gautama Buddha beim Zazen und dem Aufleuchten des Morgensterns, wie Meister Dōgen es ausdrückt: „Die ganze Erde und alle Lebewesen verwirklichen zusammen die Wahrheit.“ Ihm wurde plötzlich klar, dass er über das gewöhnliche unterscheidende Denken und die übliche Wahrnehmung hinausgehen musste, um die Wahrheit und Wirklichkeit der Welt direkt zu erfahren und zu erleben. Dazu benutzte er die Praxis des Zazen in der seit langem bekannten Yogahaltung des halben oder ganzen Lotossitzes.

Durch den einfachen Akt des Sitzens im Augenblick und im Hier und Jetzt verlassen wir das oft quälende dualistische Bewusstsein von Körper und Geist und erfahren unser Leben im Einklang und in der Harmonie mit dem Universum ganzheitlich und unmittelbar intuitiv. In der wirklichen Erfahrung des Zazen können wir den Buddha-Dharma vollkommen verwirklichen, wenn wir, wie ich immer wieder betone, zweimal täglich diese Übung praktizieren.

Um das Shōbōgenzō von Meister Dōgen wirklich zu „verstehen“ und sich nicht an scheinbaren Widersprüchen und Paradoxien aufzureiben, gibt es einen Schlüssel, der den großen Wert dieses Werkes besser erschließt, den ich im Laufe meines langen Lebens entwickelt und immer mehr verfeinert habe. Es handelt sich dabei um die, wie ich glaube, umfassende Lehre der sogenannten vier Sichtweisen oder Lebensphilosophien, die Meister Dōgen in dem Kapitel „Das verwirklichte Leben und Universum“ (Genjō-kōan) beschreibt.

Die volle Wirklichkeit des Lebens
und der Welt sind danach weder durch den Verstand noch durch die Wahrnehmung allein ganz zu erfassen, sondern beide ermöglichen nur Teilsichten und Teilwahrheiten, die durch ihre Einseitigkeit als umfassende Philosophien letztlich für das praktische Leben ungeeignet sind und daher zwangsläufig zu verschiedenen Formen des Leidens führen müssen.

Die beiden ersten Lebensphilosophien sind die im Westen vorherrschenden Lehren des Idealismus und Materialismus, des Denkens und der Materie. Gautama Buddha und Meister Dōgen zufolge muss als dritter Bereich das Handeln und Erfahren im gegenwärtigen Augenblick, also im Hier und Jetzt, hinzukommen. Dann können wir die enge Perspektive des Subjekts überschreiten und uns dadurch wesentlich befreien. Bei der Zazen-Praxis und im Alltag eröffnet sich durch das direkte Handeln im Hier und Jetzt eine neue Wirklichkeit, die zum Kern der buddhistischen Lehre gehört.

Die vierte umfassende Lebensphilosophie
des Buddhismus ist das Erwachen oder die Erleuchtung, also die Befreiung. Sie enthält integrierend auch die drei ersten genannten Teilbereiche. Das Erwachen geht aber über diese Bereiche hinaus und bildet den „Schlussstein“ des buddhistischen Lehrgebäudes und der Praxis. Wenn die umfassende buddhistische Lehre im Einklang mit der Zazen-Praxis und dem täglichen Handeln steht, nenne ich das die zweite Erleuchtung.

Meister Dōgen drückt dies im Kapitel Genjō-kōan wie folgt aus:
„Selbst wenn dies alles so ist, fallen die Blüten, während sie geliebt werden, und wuchert das Unkraut, während es ungeliebt ist.“

Damit will er sagen, dass wir über unsere kleinen Wünsche, Hoffnungen, Ängste und Erwartungen, an die wir uns klammern, hinausgehen müssen. Wir müssen sie als solche erkennen und ihnen die einengende Kraft nehmen, um zur Wahrheit des Buddha-Dharma und des Lebens zu gelangen. Denn diese wirkliche Welt ist so, wie sie ist: rein, ohne Bedauern, kraftvoll und voller Dynamik. Warum sollten wir ihr entfliehen? Ich bin der festen Überzeugung, dass wir mit den vier Lebensphilosophien den Schlüssel für die Lehren des Gautama Buddha und Meister Dōgens in der Hand halten und das großartige Werk Shōbōgenzō damit erschließen können.
Das Gesetz von Ursache und Wirkung hat im Buddhismus einen zentralen Stellenwert für uns selbst und für andere, und auch Meister Dōgen bekennt sich zu dieser Wahrheit. 

In dem Shōbōgenzō-Kapitel: „Tiefes Vertrauen in das Gesetz von Ursache und Wirkung“ kommt dies in aller Klarheit zum Ausdruck. Es legt den Schwerpunkt auf die Verantwortung für des eigene Handeln. Es betrifft zunächst die Lebensphilosophie des Materiellen und der Naturwissenschaft, die im Buddha-Dharma als Teilwirklichkeit geschätzt und anerkannt wird. Auch Meister Dōgen beschreibt in verschiedenen Kapiteln die physische Welt und, wie wir heute sagen würden, die Gesetze der Naturwissenschaft. Der große Wissenszuwachs der modernen Zeit ist ja nicht zuletzt in diesem Bereich entstanden und steht keinesfalls im Gegensatz zur buddhistischen Lehre. Besonders deutlich wird dies in den Kapiteln des Shōbōgenzō „Das verwirklichte Leben und Universum“, „Das ganze Universum ist eine leuchtende Perle“ und „Die Stimmen des Tales und die Form der Berge“.

Ethik und Moral 
Das Gesetz von Ursache und Wirkung gilt im Buddha-Dharma jedoch auch und nicht zuletzt für die Ethik und Moral des menschlichen Lebens. Es besagt, dass moralisch schlechte Taten unweigerlich auf den Urheber zurückschlagen, und zwar nach meiner festen Überzeugung noch in diesem Leben. Umgekehrt gilt dies auch für ethisch gutes Handeln, denn uns selbst kommt der „Nutzen“ daraus zugute, und wir entkommen dem Leiden.

Das Gesetz von Ursache und Wirkung erklärt die Zusammenhänge im Zeitablauf oder, wie wir sagen, mit dem Verständnis der linearen Zeit. Dies wird auch von Meister Dōgen im Shōbōgenzō beschrieben. Aus dem Gesetz von Ursache und Wirkung gibt es kein Entrinnen.
Wesentliche Erfahrungen und das wahre Erleben im Hier und Jetzt finden genau im gegenwärtigen Augenblick statt. 

Der gegenwärtigen Augenblick
Dieses hat im Buddha-Dharma eine sehr große Bedeutung, weil wir im gegenwärtigen Augenblick die Wirklichkeit und die Wahrheit selbst erleben und erfahren. Auch das Handeln findet im gegenwärtigen Augenblick statt, so dass die Augenblicklichkeit des Lebens und des Universums in der Lehre und in der Praxis des Buddhismus im Mittelpunkt stehen. Das Handeln im Augenblick bei der Zazen-Praxis ist mit der ersten Erleuchtung identisch und bedeutet, dass wir den Bodhi-Geist erwecken. Dōgen sagt hierzu:

„Wer auf des Tathagatas (Buddhas) Schatzkammer des wahren Dharma-Auges und den wunderbaren Geist des Nirvana vertraut, glaubt auch an den Grundsatz der Augenblicklichkeit des Erscheinens und Vergehens aller Dinge.“

Eine solche intuitive Weisheit und Klarsicht übersteigt bei weitem das übliche verstandesmäßige Denken und intellektueller Ideen, seien sie auch noch so anspruchsvoll, komplex und scharfsinnig. Diese intuitive Weisheit und die volle Gegenwart und Freiheit des Handelns werden im Buddhismus gelehrt und praktiziert. Dann können wir sagen, dass es uns wie „Schuppen von den Augen fällt“ und wir im Einklang mit der Welt und dem Universum handeln und leben. Wir können uns dann selbst erkennen, wie wir wirklich sind und werden. Dann handeln wir ohne Zögern und Hemmnisse unmittelbar, ethisch richtig und entschieden, so wie es die Situation gerade erfordert.

Wie ich an anderer Stelle ausgeführt habe, ist die westliche europäische Philosophie am Endpunkt der alten Kontroverse von Idealismus und Materialismus angelangt und sucht nach neuen Wegen, die nach meinem Verständnis von den großen Meistern des Buddhismus bereits gegangen worden sind. Beispielhaft möchte ich hier das Werk des deutschen Philosophen Martin Heideggers: „Sein und Zeit“ nennen. Das Handeln im gegenwärtigen Augenblick ist dem gegenüber Wahrheit und Wirklichkeit zugleich, es vollzieht sich hier und jetzt. Es ereignet sich in der Einheit von Subjekt und Objekt sowie von Körper und Geist. Dadurch werden wir frei und haben ein erfülltes und freudiges Leben. Dies ist die Überwindung des Leidens.


Es ist sicher unbestritten, dass Ethik und Moral im Buddhismus von fundamentaler Bedeutung sind und dass vor allem die Übereinstimmung von Reden, Denken und Handeln gelehrt und erlernt wird. Hierbei ist die Praxis des Zazen genauso wichtig wie das alltägliche Handeln im Alltag auf dem Buddha-Weg. Aber auch die buddhistische Lehre, die z. B. im Shôbôgenzô von Meister Dôgen formuliert wurde, ist unverzichtbar. 

Zazen ist die reinste Form des Handelns, und indem wir physisch im halben oder ganzen Lotossitz mit aufrechter Wirbelsäule sitzen, kommt das vegetative Nervensystem automatisch ins Gleichgewicht und zur Ruhe. Dieses geistige und körperliche Gleichgewicht gibt uns Kraft und Gelassenheit, es macht uns handlungsfähig und gesund. Es übersteigt das verstandesmäßige Denken oder die irritierenden Gefühle sowie die Genusssucht. Dieses Gleichgewicht ermöglicht intuitive Klarheit, Weisheit und Entscheidungskraft. Der Buddhismus ist die Verbindung von Lehre und Praxis, und er umfasst das ganze menschliche Leben und Universum.