Donnerstag, 17. Dezember 2020

Die dynamische Sein-Zeit der Wirklichkeit im Hier und Jetzt (Uji)



Dieses Kapitel Dōgens über die „Sein-Zeit“ zählt zweifellos zu den wichtigsten Texten des Buddhismus, aber es ist für uns westliche Menschen nicht einfach zu verstehen.[1] Stark verkürzt besagt es, dass die Zeit untrennbar mit der Wirklichkeit, dem Leben, der Welt und der Wahrheit verbunden ist. Das Sein gibt es nur zusammen mit der Zeit, es ist ein gemeinsamer Prozess und wahres Handeln. Das abendländische philosophische Modell des Seins, das teilweise unabhängig von der Zeit verstanden wird, ist aus buddhistischer Sicht nicht tragfähig und entspricht nicht der Wirklichkeit. Das Sein ist keine Sache, kein Ding und keine Substanz, es hat keine wirkliche Eigen-Existenz. Das wahre Sein kann nur als Augenblick im Prozess-Ablauf der Zeit verstanden werden. Es ist auch kein isolierter Augenblick, denn es gibt immer Wechselwirkung zur Vergangenheit und Zukunft, wie Buddha betont. Aber auch Heidegger hat sich in seinen Spätwerk mit der Publikation "Zeit und Sein" und seinen Untersuchungen zum Ereignis  der Zen-Philosophie beachtlich angenähert. Diese Zusammenhang wäre es wirklich wert, vertieft analysiert zu werden.

Übrigens ist diese Erkenntnis der modernen Physik und Naturwissenschaft seit den bahnbrechenden Arbeiten von Einstein und Heisenberg ganz unbestritten Der bekannter theoretische Physiker Peter Dürr sagt daher, dass der Ansatz von kleinsten unabhängigen Atomen durch die Vorstellung von elementaren Prozessen ersetzt werden muss. Er spricht dabei von Prozesschen. Der Augenblick ist untrennbar mit dem Prozess der Zeit verbunden. Diese fundamentale Wahrheit des Buddhismus wurde besonders von den großen Meistern Nagarjuna, Vasubandhu und Dogen hervorgehoben, schon viel früher als in der westlichen Naturwissenschaft. Dazu ist als Beispiel die Funktion unseres Gehirns einleuchtend: Alle Gehirnleistung des neuronalen Netzes sind Impulse in der Zeit, es gibt keine zeitunabhängig gespeicherten Informationen im Gehirn. Und nur das lebende Gehirn kann dies leisten. Ein totes Gehirn verarbeitet keine Informationen mehr, hat keine Erinnerung und keine ethischen Leistung. Vereinfacht gilt: Leben ist immer auch zugleich Zeit. Ohne Zeit gibt es keine Wirklichkeit, das haben der Buddhismus und die moderne Physik unabhängig von einander geklärt. Ohne die Veränderlichkeit der Zeit kann das Leiden nicht zur Ruhe kommen und überwunden werden. Und ohne Zeit kann es keine heilsame Entwicklung und Befreiung in unserem Leben geben. Wer die Zeit ausklammert, erstarrt und ist eigentlich schon geistig und psychisch tot, wenn er biologisch noch lebt.

Meister F. S. Nakagawa schreibt zur Frage der Zeit: “Wenn man Zeit tief begreift, findet man das wahre Leben. So möchte ich spontan antworten auf die Frage, ob man dem Druck der Zeit entfliehen kann. Doch dann kommt sofort die Frage: Was ist überhaupt die Zeit?“

Meines Wissens haben Harada Roshi und Philip Kapleau zum ersten Mal dieses zentrale Kapitel der Sein-Zeit in eine westliche Sprache übertragen.

Dōgen erklärt, dass die Wirklichkeit aller Menschen, aller Lebewesen und überhaupt aller Dinge und Phänomene des Universums und die wirkliche Zeit unauflösbar zu einer Einheit verbunden sind. Es gibt also kein Erleben, kein Handeln und nichts außerhalb der Zeit, wenn wir von der Wirklichkeit und Wahrheit des Lebens und der Welt ausgehen und diese in den Mittelpunkt der Erfahrung und des Denkens stellen. Das unmittelbare, volle Erleben und Handeln geschieht nur in der Gegenwart, also im Hier und Jetzt. Demgegenüber sind, wie Nishijima eindrucksvoll betont, die Vergangenheit und Zukunft nur Erinnerungen, Erwartungen, Vorstellungen, Gedanken, Bilder und Hoffnungen, aber nicht die unmittelbare Erfahrung der Wirklichkeit selbst. Sie sind sozusagen das Wetterleuchten in unserem Geist, aber nicht das Wetter selbst; sie „zeigen auf den Mond“, sind aber nicht der Mond.

Wie erklärt und begründet Dōgen nun diese zunächst eigenartig erscheinende Aussage? Welche praktische Bedeutung hat eine solche Erkenntnis für unser eigenes Leben und Handeln mit all den Mühen, aber auch den Augenblicken der Freude? Wie hängen nun Augenblick Zeitprozess, Wirklichkeit und das Sein zusammen? Bereits hier wird klar, dass es das Sein ohne Zeit und damit ohne zeitliche Veränderungen nicht geben kann. Wer also die abendländische Ontologie des Seins als Konstanz oder unveränderliche Substanz versteht, ist im fundamentalen Widerspruch zum Buddhismus. Der Mittlere Weg ist gleichzeitig ein zeitlicher Weg. Er verwirklicht die Überwindung des Leidens und führt zur Befreiung und zum Erwachen. Wer ohne Veränderung und Entwicklung lebt, ist geistig schon fast tot. Wahres Sein ist Dynamik im Augenblick oder, wie Heidegger in späten Jahren sagt Ereignis. Damit hatte er sich von der Metaphysik des Abendlandes endlich verabschiedet. Ich führe das nicht zuletzt auf den bekannten Einfluss des Zen zurück.

Wenn wir es mit der Wirklichkeit und Wahrheit des Lebens und der Welt ernst meinen und uns nicht in Gedanken, Spekulationen, Hoffnungen und Ängsten verlieren, findet diese Wirklichkeit nur in der Gegenwart statt. Wie Meister Nishijima betont, ist Buddhismus die Lehre und Praxis der Wirklichkeit, also des Realismus, und ist unauflösbar mit dem Handeln und mit der Zeit als Gegenwart verbunden. Jede Flucht aus der Wirklichkeit und Zeit führt letztlich zu psychischem Leiden und Verdrängungen, die zwar kurzfristig eventuell ein Überleben ermöglichen, aber langfristig mehr oder minder große psychische Schäden anrichten. Diese erschweren dann die Bewältigung des Alltags oder schließen sie sogar aus. So kann man die immer auftretenden Probleme des Lebens nicht meistern, auf jeden Fall wird das Leben schwieriger und man verliert zum Beispiel durch Verdrängungen das eigene Gleichgewicht. Das gemeinsame Entstehen in Wechselwirkung, das Buddha lehrt, führt ins nicht ins Chaos, wie manche vielleicht befürchten. Und Wechselwirkung ist vernetze Dynamik des Lebens.

Sigmund Freud und andere namhafte Psychologen haben bei uns im Westen herausgearbeitet, dass man sich der Wirklichkeit stellen muss, um psychisch gesund zu werden und gut zu leben. Dieser Ansatz bildet die Grundlage wirkungsvoller Therapien, vor allem psychoanalytisch orientierter Praxis. Dabei deckt der Therapeut gemeinsam mit dem Patienten die Verdrängungen auf und macht sie bewusst. Dann beginnt die gemeinsame Bewältigung und Heilung. Dadurch wird also der psychische Heilungsprozess eingeleitet und die Erstarrung der Verdrängung kann gelöst werden.

Dōgen gelangt zu der klaren Schlussfolgerung, dass die Wirklichkeit, die Gegenwart als Zeit und das Handeln unauflösbar miteinander verbunden sind. Nur wenn wir dies in unserem Leben praktisch realisieren, sind wir in der Wirklichkeit und Wahrheit, und dies ist der Buddha-Dharma oder das Erwachen. Eine solche Erfahrung kann man besonders klar bei der Zazen-Praxis erleben, und ich bezeichnen dies mit Nishijima Roshi als die erste Erleuchtung. Ich praktiziere außerdem die beiden anderen Zen-Übungen des japanischen Bogeschießens, Kyudo, und der Zen-Flöte, Shakuhachi. Bei diesen Übungen werden nach meiner festen Überzeugung auch Endorphine also Glücksstoffe ausgeschüttet, die einen positiven Fluss des Lebens bewirken und den Geist erstaunlich klar machen. Diese drei Übungen sind Handeln und kein statischer oder sogar starrer Zustand. Im Westen wird dafür auch der Begriff Flow verwendet.

Der Zen-Buddhismus legt großen Wert auf das tägliche Leben, in dem sich sowohl in der Zazen-Praxis als auch im Alltag die Sein-Zeit als erste Erleuchtung ereignen kann. So heißt es:" Erleuchtung ist Feuerholz tragen und Wassr schöpfen". Erleuchtung ist also kein erträumter Idealzustand des Geistes, der unabhängig vom Körper und der Zeit unveränderlich existiert. Wir wissen heute, dass unser neuronales Netz unaufhörlich in Bewegung ist, weil die elektrischen Impulse der Informationen sich dauernd im Netz bewegen. Nur ein totes Gehirn ist ohne Bewegung und daher ohne Speicherung und Verarbeitung von Informationen. Dann funktionieren kein Denken, Fühlen, keine Wahrnehmung, keine Empathie und keine Ethik. Deshalb konnte die Gehirnforschung erst große Fortschritte machen, als man durch die neuen Bild gebenden Verfahren dem Gehirn bei "der Arbeit zusehen" kann, wie der Gehirnforsche Manfred Spitzer sagt.

Es soll erwähnt werden, dass auch in der modernen Philosophie der Phänomenologie die Frage nach der wirklichen Zeit von ganz neuer Bedeutung ist. Martin Heidegger hat sein großes Frühwerk Sein und Zeit genannt und eine Philosophie vom Sein vertreten, die der abendländischen Geschichte entspricht, und damit kaum Verbindungen zur Zen-Tradition ermöglicht. In einem seiner letzten Vorträge, Zeit und Sein, hat diese philosophische Einschätzung geändert und mit dem Ereignis verbunden. Damit wird eine größere Nähe zu Dôgens Sein-Zeit hergestellt. In der Philosophie der Gegenwart hat sich Rolf Elberfeld in seinem Buch Phänomenologie der Zeit im Buddhismus, Methoden des interkulturellen Philosophierens intensiv mit diesem Thema beschäftigt. In der westlichen Welt und im westlichen Denken wird also endlich die Wirklichkeit der Zeit immer mehr in den Blick gerückt und die Statik der Metaphysik des Seins beiseite gelassen.

 

Ich möchte von der „linearen gedachten Zeit“ sprechen, wenn die uns meist vertraute Vorstellung gemeint ist, dass die Zeit von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft wie eine Linie verläuft. Diese lineare Zeit hat Sie hat jedoch in dem diesem Kapitel von Dōgen nur eine nebengeordnete Bedeutung. Es geht nicht um abstrakte gedachte Theorien sondern um phänomenologisch erfasste Wirklichkeiten. Abstrakte Gedanken-Konstrukte nennt daher Vasubandhu "Fabrikationen" und zwar vor allem, wenn unwirkliche und unheilsame Doktrinen und Ideologien dominieren.

Nishijima Roshi unterstreicht, dass ohne das „Verstehen“ und die Erfahrung der wahren Zeit im Sinne Dōgens die Lehre und Praxis des Buddhismus unverständlich und auch unwirksam bleiben müssen.

Dōgen sagt hierzu in einem Gedicht am Anfang diese Kapitels:

Zu einer Zeit, der Sein-Zeit, auf dem höchsten Berggipfel stehen.

Zu einer Zeit, der Sein-Zeit, sich auf dem Grund des tiefsten Ozeans bewegen.

Zu einer Zeit, der Sein-Zeit, drei Köpfe und acht Arme (des Tempelwächters).

Zu einer Zeit, der Sein-Zeit, der sechzehn Fuß hohe (stehende), oder der acht Fuß hohe (sitzende) goldene Buddha.

Zu einer Zeit, der Sein-Zeit, ein (konkreter) Stab oder ein Fliegenwedel (für die Zeremonien).

Zu einer Zeit, der Sein-Zeit, ein äußerer Pfeiler (des Tempels) oder eine Steinlaterne.

Zu einer Zeit, der Sein-Zeit, der (ganz normale) dritte Sohn des Zhang oder der vierte (Sohn) des Li.

Zu einer Zeit, der Sein-Zeit, die Erde und der Raum.“

Diese Sein-Zeit wird als wahrer Augenblick des veränderlichen Lebens verstanden. Buddha und Nagarjuna verwenden für diese fundmentale Aussage: "Gemeinsames Entstehen in Wechselwirkung, pratitya samutpada". Dadurch wird die rückgekoppelte Vernetzung aller lebendigen Prozesse betont, die zum Beispiel typisch für Öko-Systeme und das neuronale Netz des Menschen sind.

In dem Gedicht wird die Untrennbarkeit der Sein-Zeit mit allen Bereichen in der Welt genannt: den Dingen, Phänomenen, der Bewegung, dem Handeln usw. im Leben. Dabei werden der höchste Berg und der tiefste Ozean für die materielle Welt, der Tempelwächter und das Bildnis des stehenden und liegenden Buddhas für den Weg der Befreiung genannt. Diese haben sowohl eine räumliche, konkrete Sicht als auch ideelle und spirituelle Bedeutungen im Buddhismus.

Weiterhin werden die Gegenstände der praktischen buddhistischen Zeremonien sowie die Stützpfeiler des Tempels aufgezählt, die meist außerhalb der Räume des Klosters stehen. Die genannten Steinlaternen werden meist die im Garten des Klosters aufgestellt. In dem Gedicht wird auch das Alltagsleben der chinesischen Familien einbezogen, wobei die Familiennamen Zhang und Li weit verbreitet waren, wie etwa Schmidt, Müller und Schulze bei uns. Das Gedicht schließt mit Nennung der Erde und des Raumes und verallgemeinert damit die erste Zeile. Die ganze Welt, die Erde, unser Leben und überhaupt alles im Universum werden also als Sein-Zeit genannt. Sie ist im Verständnis des Buddhismus unauflösbar mit all diesem verbunden und in andauernder Wechselwirkung. Das eine kann ohne das andere überhaupt nicht sein, sich nicht verändern und nicht leben. Dabei geht es darum, in diesem gemeinsamen Entstehen in Wechselwirkung, pratitya samutpada, unseren Weg der Befreiung, des Gleichgewichts und der guten Entwicklung unseren Gang des Lebens zu steuern und unser Leiden zur Ruhe kommen zu lassen. Das ist der Mittlere Weg, der ideologische, emotionale und körperlich unnütze Extreme vermeidet.

Sein und Zeit bilden ein großartiges gemeinsames Ganzes, das in der erfahrenen und erlebten Wirklichkeit nicht gespalten und getrennt werden kann. Eine solche Trennung würde zum fabrizierten Dualismus führen, wie der große Meister des Yogacara Vasubandhu sagt. So etwas wird nur in unserem Verstand durch doktrinäre Überlegungen und unterscheidendes Denken konstruiert. Dabei haben wir allerdings nach Buddhas Lehre und Praxis bereits die Wirklichkeit und Wahrheit verlassen. Wir kreisen dann oft sinnlos in eigenen Denk-Konstrukten und Emotions-Schleifen. Es ist die große Wirkung der Zazen-Praxis, aus derartigen meistens unbewussten, spekulativen und abstrakten „Denknestern“, Emotions-Schleifen und Fantasiegebilden zur Wirklichkeit des Hier und Jetzt herausfinden und die Flucht aus der Realität zu beenden. Denn diese Flucht ist nach buddhistischer Lehre eine fatale Ursache des Leidens, das überwunden werden kann.

In der klaren Wirklichkeit des Hier und Jetzt kann der Mensch nach Dōgen gut handeln und ein erfülltes und freudiges Leben führen. Dies bedeutet aber nicht, dass es verboten ist, zu denken, zu überlegen und zu planen: im Gegenteil! Wir können und sollten Klarheit erlangen, wann wir unheilsame Vorstellungen und scheinbar schöne oder erbauliche Illusionen haben, und wann wir in der Fülle der Wirklichkeit leben und denken. Beides dürfen wir nicht verwechseln und durch einander bringen. Wie es hier heißt: Die Wirklichkeit besteht aus den vierundzwanzig Stunden des Tages, dem goldenen Körper Buddhas und ist die Zeit als lebendige Sein-Zeit selbst. Kurz gesagt: Es gibt kein Leben unabhängig von der Zeit. Und wir sollten keine Zeit in unserem Leben verschwenden, weil wir dann das Leben selbst verschwenden.

Die Menschen zweifeln, wie Dōgen sagt, manchmal nicht an unklaren oder gar falschen Aussagen, während sie große Bedenken an wirklichen und wahren Tatsachen und Fakten haben. Traurige Beispiele sind die Verschwörungstheorien in der Corona Pandemie und der Präsidentschaft Trumps. Auch ein solches Zweifeln ist allerdings Handeln im Leben und findet nicht außerhalb der Zeit statt. Nur etwas Konstantes und Unveränderliches kann außerhalb dieser Sein-Zeit existieren, aber so etwas gibt es in der Wirklichkeit des Lebens nicht. Die Wirklichkeit  geht in Augenblicken und miteinander vernetzten Prozessen voran. Die Zen-Meisterin Ritsunen Linnebach spricht davon, dass die Wahrheit sich „Augenblick für Augenblick“ verwirklich. Mit ihr zusammen habe ich übrigens diesen Text aus dem Japanischen formuliert.

Dōgen sagt weiter:

„Weil (die wirkliche Zeit) nur dieser genaue Augenblick ist, sind alle Augenblicke der Sein-Zeit das Ganze der Zeit und alle wirklichen Dinge, und alle wirklichen Phänomene sind Zeit. Das wahre, nicht doktrinierte Sein und das ganze Universum wirken in einzelnen Augenblicken der Zeit.“

 

Dōgen erklärt hier die zentrale Bedeutung der Gegenwart und der Augenblicklichkeit bei der Zeit. Damit sind alle Phänomene, das Erleben und Handeln und die Welt nur wirklich mit der Zeit. Wenn wir ganz in der Gegenwart und ganz im jetzigen Augenblick leben und handeln, sind wir wirklich in der Sein-Zeit und damit in der Realität. Das falsch gedachte Gegenteil kann wie folgt formuliert werden: Die Dinge und Phänomene, Dharmas, sind unveränderlich und damit unabhängig von der Zeit. Sie sind zudem von einander  isoliert und getrennt. Dieses Denken ist eine schwer wiegende Sackgasse und wurde besonders von Nagarjuna überzeugend falsifiziert. Die abgelehnte Philosophie wird Substantialismus genannt. Es handelt sich dabei um die ideologische Schein-Substanz.

Diese Augenblicke der Sein-Zeit behindern sich nach Dōgen nicht gegenseitig sie sind aber auch nicht isoliert von einander. Es handelt sich um eine lebende Kette und um ein Fließen der Augenblicke. Prozesse der Zeit und Augenblicke der Zeit wirken immer zusammen. Störende Erinnerungen des Geistes oder Ängste über die Zukunft gehören also nicht einer solchen Sein-Zeit an und sind damit im eigentlichen Sinne nicht Wirklichkeit. Dass eine solche Lebensweise mit der vollen Wirklichkeit des Augenblicks nicht einfach zu realisieren ist und zunächst eher als Schulungsziel gelten kann, steht sicher außer Zweifel. Dies ist ein Kern der Buddha-Lehre also des gemeinsamen Entstehens in der vernetzten Wirklichkeit. Vor allem durch die Zazen-Praxis lernen wir, im Augenblick zu handeln und zu erleben, ohne dass wir von Gedanken, Gefühlen, Ängsten, Illusionen, Fantasien usw. gestört und geschwächt werden. Daher nennt Nishijima Roshi die Meditation des Zazen die erste Erleuchtung.

Man kann nach Dōgen nicht sagen, dass die Zeit kommt und geht, auftaucht und verschwindet, denn die wirkliche Zeit ist immer die Gegenwart des Handelns und Wirklichkeit selbst. Er fährt fort:

„Weil (die Zeit wirklich) Sein-Zeit ist, ist sie meine Sein-Zeit.“

Also sind allgemeine, abstrakte Überlegungen über die Zeit nicht die Sein-Zeit des Buddhismus, die Dōgen hier beschreibt. Denn die Sein-Zeit ist mein eigenes Erleben und Handeln, ich bin immer mit einbezogen und kann mich nicht heraushalten. Manchmal wird die lineare Zeit als eine „Kette von jeweiligen Augenblicken“ nur gedacht, aber dies ist dann Theorie und nicht die Wirklichkeit des Erlebens. Tatsächlich ist die Sein-Zeit nur im gegenwärtigen Augenblick, wenn die abstrakte Ebene des unterscheidenden Denkens und der Überlegung verlassen wird und wir uns ganz auf die Wirklichkeit selbst einlassen.

Im Folgenden heißt es:

„Die (Sein-Zeit), die auch bewirkt, dass (die Tageszeit) des Pferdes und des Schafs so beschaffen in der Welt sind, wie sie heute sind, ist etwas Steigendes und Fallendes. Und es ist etwas Unfassbares, das an seinem Platz im Dharma verweilt.“

Hier werden die Zeiten des Tages und der Nacht angesprochen, die in China nach Tieren benannt wurden. Die Sein-Zeit kann also mit dem üblichen und intellektuellen Denken nicht vollständig erfasst werden und ist damit für den Verstand in diesem Sinne letztlich unfassbar. Die Sein-Zeit geht über das Denken, den Verstand, die Vorstellung und Wissenschaft hinaus und kann ereignet sich vor allem im Handeln und Erleben. Dann ist es die vollständige Verwirklichung der ganzen Zeit als ganzes Leben, und darüber hinaus kann es überhaupt nichts anderes Wirkliches geben. Wenn zu der Sein-Zeit etwas Zusätzliches hinzugedacht oder mit Worten formuliert wird, ist dies eben nur ein Zusatz und nicht die Sein-Zeit selbst.

Nach Dōgen ist die Sein-Zeit, die zur Hälfte, also ohne fabrizierte Zusätze, verwirklicht ist, die vollständige Verwirklichung der wahren Sein-Zeit und nicht mehr und nicht weniger. Die ideelle scheinbar ganze Verwirklichung der Sein-Zeit kann nicht in der Realität erlangt werden, sie wird als Ideal, Hoffnung oder Ziel formuliert. Ideologien und unheilsame Doktrinen sind Verirrungen von der wahren Zeit und deren Wechselwirkungen. Dies gilt besonders für Doktrinen von Schein-Substanzen, die Ewigkeit und Unveränderlichkeit suggerieren, wie Nagarjuna nachgewiesen hat. Der Mittlere Weg kann ohne Zeit nicht erlebt und erfahren werden. Das Leiden kann nur im Gang der Zeit überwunden werden, es ist in der Wirklichkeit niemals unabhängig von der Zeit und zeitlichen Veränderung.

Das Handeln ist mit der Sein-Zeit untrennbar verbunden. Das kommt im folgenden Zitat von Dōgen zum Ausdruck:

„An unserem Platz im Dharma im Zustand des kraftvollen Handelns zu sein ist genau die Sein-Zeit“.

Die Sein-Zeit wird also verwirklicht, ohne dass sie durch Begrenzungen und Hindernisse gestoppt wird, zum Beispiel durch Ideologien und Doktrinen, die Unveränderlichkeit versprechen. Sie kann nicht festgehalten werden, und es hat daher keinen Sinn, Vergangenes festhalten zu wollen und zu beklagen, dass es nicht mehr existiert.

Das wirkliche Erleben des Frühlings kann man nach Dōgen nicht durch den abstrakten zeitlichen Ablauf des Jahres beschreiben, bei dem der Frühling wie eine Sache zwischen den Jahreszeiten des Winters und Sommers gedacht wird. Dies gilt umso mehr, wenn diese Jahreszeiten wie abgegrenzte Dinge oder Entitäten verstanden werden. Die Begriffe suggerieren dabei Schein-Substanzen, die vom wahren Erleben und Handeln wegführen. Die Zeit ist kein Ding, wie übrigens auch Heidegger sagt. Derartige Gedanken von Substanz haben einen hohen Abstraktionsgrad und sind weit von der sich dynamisch verändernden Praxis und dem wirklichen Erleben in der Gegenwart des Frühlings entfernt. Vielmehr geht es um die Gegenwart und das wahre Erleben der Blumen, der Wärme, des milden Südwindes, der Knospen, der frischen Blätter und der vollen Lebendigkeit der Natur. Ein solches Erleben im Augenblick des Frühlings eröffnet dessen Wirklichkeit unmittelbar für uns und benötigt keine abstrakten Gedanken über den vergangenen Winter und den kommenden Sommer. Solche Gedanken stören sogar das Ereignis „Frühling“. Denn uns beschleicht vielleicht die Angst, dass der schöne Frühling schon bald wieder vorbei ist. Eventuell klagen wir, der Frühling sei nur so kurz, und können ihn gar nicht mehr „genießen“. Eine abstrakte Beschreibung des Frühlings kann also niemals die Wirklichkeit ersetzen.

Dōgen rät uns schließlich, dass wir uns mit dieser Wahrheit der Sein-Zeit immer wieder beschäftigen sollen, dass wir uns darauf fokussieren und dann wieder loslassen. Denn wir wissen aus der heutigen Gehirnforschung, dass die Schulung des Geistes am besten mit Freude und Wiederholung gelingt.



[1] Vgl. auch mein Buch: "Strahlende Zeit zum Handeln"

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