Sonntag, 27. Dezember 2020

Das große Erwachen und die Erleuchtung (Daigo)

 

Die Erleuchtung (japanisch Satori) oder das Erwachen hat im Buddhismus eine zentrale Bedeutung. Und es gibt sie wirklich, die neue Klarheit, Freude und Erleuchtung. Jeder Mensch kann sie erfahren und erleben! Jeder hat die Möglichkeit und das Potential zum Erwachen im Sinne Buddhas und der vielen Menschen, die das erwchen selbst erfahren haben. Das ist Buddhas klare Aussage. Über Erleuchtung und Erwachen wird eben nicht nur geschrieben, abgeschrieben und geredet. Mein Lehrer Nishijima Roshi war der glücklichste und klarste Mensch, den ich in meinem langen Leben kennen gelernt habe. Das ist für mich der verlässliche Beweis für das Erwachen; und ich war mehrere Wochen Gast in seinem kleinen Appartement in Tokyo, kannte ihn also recht gut.

Durch die Erleuchtung haben wir mehr Lebensenergie, mehr Freude, mehr Klarheit und ruhen in unserer Mitte. Mit anderen Menschen kommen wir besser aus und lassen uns nicht von Pessimismus, Fake News und Verschwörungstheorien anstecken. Das ist in der jetzigen Korona-Krise besonders wichtig. Die Erleuchtung muss nicht unbedingt der große einmalige Sprung sein. Und es ist sicher nicht der Sprung zum Allwissen, denn das gibt es für den Menschen nicht. Es ist vernünftiger sich auf eine schrittweise Entwicklung einzustellen und sein Leben kontinuierlich zu verbessern. Das geht Hand in Hand mit unserer Übungspraxis und mit menschlich positiven Kontakten.

Dôgen sagt, dass wir vor allem durch die Zazen-Praxis zur Wirklichkeit und Wahrheit erwachen und damit ein erfülltes und kreatives Leben führen. Wer an der Zen-Praxis dran bleibt, wird sein Leben ganz sicher verbessern, je nach Stetigkeit seiner Praxis mehr oder weniger. Das kann ich aus eigener Erfahrung voll bestätigen.

Aber der Begriff der Erleuchtung wird vielfach missverstanden und auch immer wieder missbraucht, so dass eine Klärung außerordentlich wichtig ist. In Japan gibt es einen zweiten wichtigen Begriff, Kenshô, der etwa „Selbst-Klarheit“ bedeutet. Marianne Wachs bezieht sich auf dabei auf Daikan Enô (Hui-neng), und fügt hinzu:

„Nach einem kenshô erweist es sich aber, dass nicht alle Begierden und Leidenschaften für immer verschwunden sind. Es wird zwar begleitet von der Vernichtung der verblendeten Ansichten und aller Zweifel an Buddha, Dharma und Sangha und an der eigenen Buddha-Natur."

Aber die vier Übel Gier, Hass, Unwissen und Stolz würde es noch geben. Es braucht noch manche Jahre des Trainings, um sich vollständig von diesen Übeln und unnötigen, ja sogar unheilsamen und schädlichen Doktrinen und Ideologien freizumachen

Dōgen behandelt in diesem Kapitel ausführlich und in die Tiefe gehend die Verwirklichung des Menschen beim Erwachen. Nishijima Roshi benutzt lieber den Begriff der Verwirklichung als Erleuchtung, weil das weniger Missverständnisse hervorruft. Buddha sprach bekanntlich von Erwachen. 

Dôgen berichtet hier aus seiner ganz eigenen langjährigen Erfahrung und seiner eigenen Sicht: Diese Verwirklichung erlebter er erst in China, nachdem er seinen wahren Lehrer Tendo Nyojo gefunden hatte. Dabei war die Praxis des Zazen von größter Bedeutung für ihn. Er macht klar, dass man bei diesem Thema mit Denken und Theorien allein nicht zum Kern vorstoßen kann, dass also die Lebensphilosophie der Gedanken und Ideen nur begrenzt dafür geeignet ist. Aber auch eine Lebensphilosophie des Materialismus, also der nur sinnlichen Wahrnehmung bzw. des Genusses, ist ziemlich ungeeignet für die Verwirklichung. Das gilt vor allem, wenn wir glauben, dass das Glück ohne eigene ausdauernde Praxis und von selbst zu uns kommt. Ich möchte hier an die Erklärungen zur ersten und zweiten Erleuchtung im Buddhismus von Nishijima Roshi anknüpfen. Die erste Erleuchtung ist das gute Sitzen im Zazen. Er sagt in aller Klarheit, dass die sogenannte plötzliche und die allmähliche Erleuchtung, die im Zen-Buddhismus bisweilen kontrovers diskutiert werden, überhaupt nicht im Widerspruch zueinander stehen. Sie kennzeichnen nur unterschiedliche zeitliche Sichtweisen der selben Wirklichkeit. Bei jedem Weg der Befreiung sei fortdauernden Praxis notwendig, also die Meditation des Zazen. Überhaupt sind die Kontroversen  zur ursprünglichen, plötzlichen oder allmählichen Erleuchtung meist ideologisch verhärtet und damit Extreme. Und Extreme sind immer unwahr und müssen auf dem Buddha-Weg ent-ideologisiert werden.

Für Meister Dōgen ist die Erleuchtung vor allem durch das Handeln aus der Mitte und im gegenwärtigen Augenblick ausgezeichnet. Wie wir wissen, ist es ihm zunächst in Japan mit der Theorie des damaligen Buddhismus nicht gelungen, so etwas Ähnliches wie Erleuchtung selbst zu erfahren. Wir können annehmen, dass er sich selbst gegenüber sehr ehrlich war und dass ihn dies sicher von manchen sogenannten Meistern der damaligen Zeit unterschied.

Bekanntlich reiste er dann nach China, wo er durch die Zazen-Praxis des Shikantaza („Nichts als Sitzen“) das erlebte, was wir mit dem Begriff „Erleuchtung“ bezeichnen. Dies ist im Lehrsystem von Nishijima Roshi die umfassende buddhistische Lebensphilosophie der Einheit von Lehre und Praxis, der intuitiven Weisheit und Klarheit im Augenblick und vor allem der Einheit mit Moral und Ethik. Das rechte Handeln erläutert Dōgen in einem gesonderten Kapitel mit dem Thema „Erzeugt kein Unrecht, sondern tut die vielfältigen Arten des Rechten“.

Er fragt in diesem Zusammenhang danach, was passiert, wenn man aus dem Zustand des Erwachens wieder heraus fällt und sich erneut in Täuschungen und Illusionen verstrickt.

Das große Erwachen ist der Alltag und das tägliche Handeln der Buddhas und Vorfahren im Dharma. Das Erwachen wird nicht durch eine Theorie des Erwachens verwirklicht oder dadurch, dass man scharfsinnig darüber nachdenkt. Die Verwirklichung ereignet sich schon gar nicht, wenn man anderen etwas vorspielt. Es ist also von fundamentaler Bedeutung, das Erwachen als Vorstellung, Begriff und Doktrin zu vergessen, es loszulassen und klar direkt zu handeln. Genauso sinnvoll wie aktiv zu handeln kann es aber sein, etwas geschehen zu lassen und gerade nicht einzugreifen, um nämlich zum Wohl des Ganzen zu handeln. Dieses Höchste der Buddhas und Vorfahren im Dharma ist nach Dōgen unauflösbar mit der Zazen-Praxis und dem Leben im Alltag verbunden. Diese Höchste sprengt den Rahmen der Vorstellung und Theorie des großen Erwachens und geht weit darüber hinaus.

Bei den Menschen gibt es beim Erwachen nach Dôgen große Unterschiede, aber alle verwirklichen es durch verdienstvolles Tun jeweils auf ihre eigene Weise und mit den ihnen eigenen Fähigkeiten. Diese Fähigkeiten können auf natürliches Wissen gegründet sein, aber werden immer durch fortdauernde Übung und Anstrengung entwickelt. Sie verbinden sich in Wechselwirkung mit der körperlichen Realisierung des Erwachens und befreien sich so aus der Sackgasse von Zwängen und Dogmen des Lebens.

Dôgen sagt:

„Es gibt diejenigen, die angeborene Weisheit haben“,

die im Leben sich dann befreien. Andere beschreiten den Weg des Buddha-Dharma eher durch Lernen und Studium, er sagt:

„Dann gibt es diejenigen, die ihre Weisheit erlernen“.

Auch dieses muss mit Praxis verbunden werden. Andere verfügen schließlich bereits über das tiefe Wissen der Buddhas, das weder angeboren noch erlernt ist und das die künstliche Trennung des Ich von anderen Menschen oder von Subjekt und Objekt überwunden hat. Es gibt auch Menschen, die eine wunderbare und klare Ausstrahlung haben, ohne dass sie einen Lehrer hatten oder die buddhistischen Schriften studiert haben.

Dōgen sagt, dass es unsinnig ist, nach klugen und törichten Menschen zu unterscheiden, denn es geht vor allem um das Handeln und nicht um Theorie, Wissen und Bewertung. Es ist missverständlich zu sagen, dass ein Mensch dauerhaft erwacht ist oder nicht. Denn dies würde bedeuten, dass er die unveränderliche Eigenschaft des Erwachens besitzt. Diese Eigenschaft wäre eine Schein-Substanz im Sinne von Nagarjunas, aber sie ist nur illusionäre Doktrin.

Denn im Buddhismus gilt die erlangte große Wahrheit nicht als unveränderliches Eigentum eines Menschen, dies wäre Substanz-Täuschung. Das wahre authentische  Handeln im Augenblick steht nämlich im Vordergrund. So ist auch die zunächst eigenartige Aussage des großen Meisters Rinzai zu verstehen, man solle nicht denken, dass es schwierig sei, in ganz China einen Menschen zu finden, der nicht erwacht ist. Nach Nishijima Roshi heißt dies, dass der erwachte Zustand natürlich ist, aber durch Übungspraxis und Studium erarbeitet werden muss. Oder anders ausgedrückt: Jeder Mensch hat die Möglichkeit und das Potential zu erwachen. Aber ohne Praxis und Ausdauer kann das Erwachen nicht verwirklicht werden. Dôgen sagt zu Meister Rinzai, dass man nicht in theoretisches, abstraktes Denken und vor allem nicht in Dogmen abschweifen sollte, um die natürlichen Fähigkeiten und Möglichkeiten zu entfalten. Er fragt sogar, ob Meister Rinzei zu sehr dem Substanz-Denken verhaftet ist und nicht klar zwischen handelnder Wirklichkeit und theoretischer Doktrin unterscheidet. Es wird im Übrigen zu Meister Rinzai berichtet, dass für ihn abstraktes Denken zunächst ein großes Hindernis war, um zum Wirklichen, Konkreten und Natürlichen vorzustoßen. In dieser Phase soll er eine gewisse intellektuelle Arroganz an den Tag gelegt haben. Diesem Meister werden im Übrigen werden viele Koan-Geschichten mit scheinbar paradoxen Fragestellungen zugeordnet. Dadurch soll gewohntes doktrinären Denken und Fühlen ausgeschaltet werden, um zum Gleichgewicht, zur Klarheit, Ruhe und zum eigenen Zentrum zu kommen. Es geht darum, über den dualistisch und trennend denkenden Verstand hinaus zu kommen und zum Ganzen und zur Tiefe zu gelangen.

Dōgen zitiert einen alten Meister, der die Frage eines Mönches beantwortet, wann jemand wieder in die Täuschung zurückfällt, nachdem er das große Erwachen erfahren hatte. Der Meister sagte dazu:

„Ein zerbrochener Spiegel reflektiert nicht mehr. Heruntergefallene Blüten können nicht auf den Baum zurück klettern.“

Was ist damit gemeint? In diesem Zitat wird klar gesagt, dass man Erwachen oder Erleuchtung nicht als dauernde unveränderliche Eigenschaft hat, die man erwirbt und dann sein ganzes Leben lang behält. Das wäre falsches Substanz-Denken. Vielmehr kann sich die Erleuchtung von einem Augenblick zum anderen ändern. Alles wird durch das jeweilige ganzheitliche Handeln bestimmt. Oder wie Buddha sagt: Durch das wechselwirkende Entstehen beim Handeln. Genau in dem Augenblick verwirklicht sich die Erleuchtung oder eben nicht! Wenn der Spiegel einmal zerbrochen ist, macht es wenig Sinn, lange darüber nachzugrübeln, wie schön er im früheren Zustand reflektiert hat, als er noch unversehrt war. Denn jetzt in der Gegenwart ist er zerbrochen, alles andere sind nur Erinnerungen und Bewertungen, die im dualistischen Denken auftauchen, aber denen keine wirkliche Qualität der Wirklichkeit im Jetzt mehr zukommt. Wenn die Blüten von einem Baum heruntergefallen sind, wie zum Beispiel die Kirschblüten, nützt es nach Dōgen nicht viel, sich traurig oder romantisch vorzustellen, dass sie wieder oben auf den Ästen sitzen. Es ist noch unsinniger, sie dort wieder anheften zu wollen.

Die Tatsachen und das Handelns wirken im Hier und Jetzt. Sie haben so ihren eigenen Platz in der Welt und im Universum, und zwar genau so, wie sie gegenwärtig sind; nicht mehr und nicht weniger.

Es ist wenig sinnvoll zu behaupten, im großen Erwachen gebe es absolut keine Augenblicke der Unklarheit. Und die Klarheit, Reife und Reinheit des großen Erwachens können immer noch weiter entwickelt werden, wie Dôgen in einem folgenden Kapitel beschreibt. Die buddhistische Übungspraxis sollte daher über das ganze Leben hinweg einfach fortgeführt werden. Gautama Buddha selbst betonte, dass jeder Mensch die Erleuchtung erlangen kann, ganz gleich, wie tief er in Täuschungen, Unklarheiten und falsches Handeln verstrickt ist. Es wird sogar berichtet, dass der ehemals bösartiger Massenmörder Angulimala sich nach der direkten Begegnung mit Gautama Buddha entschloss, sein Leben vollständig zu ändern. Er schloss sich der Sangha an und verwirklichte das große Erwachen.

Dōgen fordert uns auf, dass wir uns sehr gründlich mit verschiedenen Fragen, Möglichkeiten und Grenzen des Erwachens beschäftigen. Dazu gehört auch die Frage, wann ein Erwachter wieder in die Täuschung zurückfällt. Es könnte sogar sein, dass ein solcher Mensch danach umso klarer erkennen kann, was Täuschung ist. Er kann dann anderen umso besser als Lehrer und Therapeut helfen, aus Selbstlügen, Verdrängungen, Dogmen und Illusionen herauszufinden. Und seine wieder verwirklichte Erleuchtung wäre stabiler als vorher.

Wie häufig verwechseln wir in unserem Alltag den äußeren Anschein mit der Wirklichkeit! Man kann nach Dôgen sogar sagen, dass wir einen Räuber mit einem unschuldigen Kind verwechseln und dann bei dem wirklichen Raub völlig überrascht sind. Umgekehrt können wir in einem Kind einen Räuber sehen, obgleich dies völlig unsinnig ist. Wir sollten daran denken, dass sich grausame Diktatoren wie Hitler gern mit Kindern in den Medien abbilden lassen, um dem naiven Betrachter den Eindruck zu vermitteln, dass sie Kinder lieben und genauso harmlos sind wie diese. Nach buddhistischem Verständnis geht ein Kind bei umfassender Sichtweise über das weit hinaus, was wir unter dem verengten Begriff „Kind“ verstehen. Wir vergessen leicht, dass auch ein Kind mit dem dualistischen Verstand und vorgeprägten Geist nicht vollständig erfasst werden kann. Wenn wir von einem Kind abwertend reden, kann dies niemals die Lehre des Buddha-Dharma sein.

Ein großer alter Meister wurde von einem Schüler gefragt:

„Stützt sich auch ein Mensch des gegenwärtigen Augenblicks auf das Erwachen oder nicht?“

Dieser antwortete:

„Das Erwachen ist nicht ohne Wirklichkeit, aber wie können wir vermeiden, in das (dualistische) zweite Denken zu fallen?“

Wenn man ganz im Hier und Jetzt lebt, also in der wirklichen Sein-Zeit, lebt man bereits in der Wirklichkeit und Wahrheit. Schädliche unheilsame Denkweisen und Emotionen haben keine Kraft mehr, sie können uns nicht mehr verwirren und in falsche Richtungen treiben. Dazu ist Zazen eine sehr wirkungsvolle Methode. Man ist dann erwacht und erlebt die erste oder sogar zweite Erleuchtung. Dann sind wir nicht durch das dualistische Denken auf vergangene Zeiten fixiert und verlieren uns nicht in Spekulationen über die Zukunft. Der Mensch des wirklichen Jetzt ist unabhängig von solchen Fixierungen. Sein ganzes Leben, Handeln, Denken, Wahrnehmen und Empfinden ist von Klarheit und Lebensfreude durchdrungen und baut darauf auf. Aber wie kann man das tatsächlich realisieren?

Die erste Frage des Schülers in der obigen Zen-Geschichte kann also mit einem einfachen Ja beantwortet werden. Der alte Meister bestätigt dies, indem er sagt, dass das Erwachen zweifellos wirklich ist und dass dies für den Menschen des klaren Jetzt gilt. Er sieht aber die Gefahr, dass man in das dualistische und doktrinär bewertende Denken zurückfallen kann und dass sich damit das Bewusstsein in ein Subjekt und ein Objekt aufspaltet. Oder dass eine rigorose Trennung in ein Ich und die anderen oder in ein Ich und das Universum auftut. Dies widerspricht Buddhas zentraler Lehre des gemeinsamen Entstehens in Wechselwirkung, pratitya samutpada. Denn heute wissen wir aus der Wissenschaft, dass die Ökologie und sogar unser Gehirn vernetzt sind und nicht aus getrennten Bausteinen besteht. Und Leben ist immer Wechselwirkung, wie der Gehirnforscher Spitzer betont: Hin und Zurück. Im Leben der Menschen ist doktrinäre Trennungen häufig die Ursache für Leiden, Missverständnisse, Empfindlichkeiten, Verletzungen und Aggressionen. Allzu schnell und oft unbewusst betrachtet man dann den anderen als Feind und unterstellt ihm böse Absichten. Das ruft wiederum bei dem betroffenen negative Emotionen und Gegen-Reaktionen hervor. Dann bauen sich gegenseitige Aggressionen und Vorwürfe auf, und dies steuert das bösartiges gegenseitige Handeln. Das gespaltene zweite Denken, wie es von Dôgen ausgedrückt wird, bewirkt also, dass wir aus dem Erwachen und der Erleuchtung wieder herausfallen, es sei denn, wir erkennen diese ungute Veränderung selbst in aller Klarheit. Dann können wir durch wahres buddhistisches Handeln gegensteuern und uns befreien. Wir entlasten so unseren Körper-und-Geist von den Hemmnissen auf dem Weg der Erleuchtung, die Buddha überzeugend beschrieben hat. Das betrifft vor allem die Gier nach sinnlichen Genüssen zu Lasten anderer, das Übelwollen anderen Menschen gegenüber, andauernder Zweifelsucht, aufgeregter Hektik, unruhigem Leben usw. Diese sind die von Buddha beschriebenen Hemmnisse auf dem Weg der Befreiung.

Wenn es uns dies nicht gelingt, ist uns wirklich die intuitive umfassende buddhistische Weisheit verloren gegangen, und wir können nicht mehr unmittelbar moralisch handeln.

Wie sollen prüfen, ob wir uns im Handeln und Denken auf das Erwachen stützen, wie Dōgen sagt, also gründlich im Herzen und im Geist prüfen und uns darüber Klarheit verschaffen. Buddha bezeichnet dieses als Achtsamkeit. Es geht natürlich nicht ohne eine gewisse Anstrengung, Klarheit und Ausdauer. Aber dieser Aufwand lohnt sich bestimmt! Satte geistige Bequemlichkeit in der Komfortzone führt nicht weiter. Wer denkt, das Erwachen käme von allein, der kann lange warten, denn es wird bestimmt nicht kommen, wenn er nichts tut.

Man darf sich das Erwachen nicht wie ein Ding, eine Entität oder eine unveränderliche Substanz vorstellen. Diese Wahrheit hat Meister Nagarjuna mit hoher philosophischer Präzision herausgearbeitet. Wir müssen uns von unheilsamen Doktrinen, Vorurteilen und Dogmen entleeren. Das ist der wahre Sinn der Leerheit. Das Erwachen kommt also nicht irgendwoher oder geht irgendwohin. Auch die Frage, ob das Erwachen schon vorher vorhanden war oder nicht, ist von untergeordneter Bedeutung und würde nur das Denken unnütz anheizen und zu Spekulationen verführen. Erwachen heißt im Hier und Jetzt erwacht handeln und erwacht denken, erwacht empfinden und aus einem umfassenden Geist heraus und ohne dualistische Spaltung zu leben. Man könnte es fast als nüchtern und pragmatisch bezeichnen, und dies zeichnet den Buddhismus ja gerade aus.

Die Frage nach dem ewigen Wesen des Erwachens bringt also nichts, und jeder gute buddhistische Meister warnt uns davor. Wir sollten uns nicht solchen spekulativen Fantasien hingeben, wenn es darum geht, Befreiung und Freude zu finden. Die gibt es am besten in der Wirklichkeit. Denn wahres Lernen gelingt bei Freude und Wiederholung besonders gut, wie wir aus der Gehirnforschung wissen. Wer krampfhaft nach der egoistischen eigenen Erleuchtung greift, greift ins Leere. Er greift vergeblich nach einer Schein-Doktrin und einer Schein-Wahrheit. Aber durch den Geist des Erwachens kann das gespaltene dualistische Denken von Ich und Du, von dogmatisiertem Gut und Böse, von Ich und Universum usw. aufgelöst und zur Harmonie gebracht werden. Dadurch verliert der Dualismus seinen zerstörerischen Einfluss. Auf diese Weise finden das unterscheidende Denken und das gespaltene Bewusstsein zu einem erwachten Geist also zum harmonische Ganzen. Dann können unnütze Spekulationen wie „ich bin erwacht“ oder „das Erwachen ist zu mir gekommen“ zur Ruhe kommen und das Denken kann sich in Harmonie zusammenfügen.

Hans-Peter Dürr, ein theoretische Physiker, Schüler von Heisenberg, und Träger des alternativen Nobelpreises, spricht davon, dass wir ein neues, nicht dualistisches Denken brauchen. Wenn dieses neue Denken nach Dōgen aus dem Erwachen selbst entstanden ist und sich mit dem Erwachen ereignet, kann man dies ohne Frage als Erleuchtung bezeichnen. Dann kann ich zum Beispiel ruhig darüber nachdenken, was ich gestern getan habe, ohne dass mein Ich von gestern wie ein anderes abgespaltenes Subjekt erscheint. Das wäre vom Jetzt getrennt. Dann kann das Ich von gestern mit dem Jetzt von Heute eine harmonische Ganzheit bilden.

Dies alles darf aber nicht nur gedacht werden, sondern sollte in der Übungspraxis und im Alltag selbst erfahren, erlebt und verwirklicht werden. Dazu ist geistige Schulung allein zwar notwendig aber nicht hinreichend. Es würde sonst das praktische Handeln in Wechselwirkung mit Geist, Wahrnehmung und Gefühlen fehlen. Das ist auch die zentrale Lehre des großen Meisters Vasubandhu. 

Dieses erwachte Handeln, Fühlen und Denken vermeidet Extreme und kommt aus unserer starken klaren Mitte.

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