Sonntag, 21. September 2014

Glück und Buddhismus – Wie hängt das zusammen?

(Yudo J. Seggelke)

Selbst heute gibt es namhafte Buddhisten, die behaupten Buddha, habe gelehrt: "Alles ist Leiden". Aber das ist nicht richtig: Weder in den buddhistischen Pali-Texten gibt es diese Aussage, noch kann sie historisch-philologisch begründet werden. Sie ist m. E. eine Erfindung späterer Jahrhunderte und spiegelt den Geist übereifriger Mönche wieder. Buddhismus ist eine optimistische Religion, die Lebensfreude, Lernen und Weiterentwicklung in ihren Mittelpunkt stellt.

Übrigens wurde auch die Lehre von der Erbsünde im Christentum abschließend von Augustinus erst um 400 n. C. formuliert. Ein analoger Vorgang?

Was sagt die moderne Gehirnforschung zum Glück?
Im Folgenden möchte ich Freude und Glück synonym verwenden. Dagegen werde ich nicht von Spaß reden, obgleich der semantische Unterschied zu Freude weitgehend verschwunden ist, ebenso wenig von Vergnügen. Beide Begriffe haben sich im Sprachgebrauch zu deutlich aus einem Kontext von Spiritualität entfernt  
Vorweg in aller Klarheit: Glück und Freude zu erlernen ist tatsächlich möglich, das ist heute etwa von Seiten der Gehirnforschung völlig unbestritten. Nachhaltiges Glück erfordert allerdings einen längeren Lernprozess unseres Gehirns, also des neuronalen Netzes, das u. a. Sitz der Gedanken, des Wissens und der Gefühle ist. Unser Gehirn ist bis ins hohe Alter erstaunlich lernfähig. Diese sogenannte Neuro-Plastizität ist am besten mit Freude und positiver Geisteshaltung zu bewahren.

Übrigens kann im Gehirn kein Ich-Kern gefunden werden. Wir sind das ganze neuronale Netz, ein holistisches Ganzes: Es gibt im Gehirn keinen abgegrenzten Bereich, keinen Ich-Kern. Die Übereinstimmung mit Buddhas Lehre ist verblüffend, denn der Schlüssel zur Überwindung des Leidens liegt entsprechend seiner Lehre gerade in der Überwindung der Illusion eines solchen fixierten Ichs.

Der Gehirnforscher Manfred Spitzer sagt:
"Angst macht dumm, und Glück macht schlau"

Eine negative Religion, die Angst und Panik in den Menschen erzeugt, verhindert also wichtige Lernprozesse, insbesondere das Erlernen der Lebensfreude, des Glücks und der Geistes-Klarheit. Glück und Lernen sind unauflöslich miteinander verbunden.

Im Folgenden möchte ich einige Ergebnisse verlässlicher Gehirnforschung (nach Spitzer) zusammenstellen:


Glückszentrum
Gehirnphysiologisch gibt es ein Zentrum für das Glück, das den Stoff  Dopamin ausschüttet. Von einem anderen Zentrum werden dann die Endorphine erzeugt. Diese sind körpereigene Opiumstoffe, die starke Glücksgefühle auslösen. Insbesondere der vordere Cortex, also das Bewusstsein, wird in entsprechenden Situationen mit diesen Glücksstoffen überschwemmt. Dies ist die Grundlage für unsere Erfahrung von Glücksgefühlen und Glücksgedanken.

Das Glückszentrum ist etwa 12 sec. aktiv, also recht kurz. Nach Spitzer ist dieser Zustand im Gehirn besonders eng mit dem Lernen verbunden: In einem Zustand, in dem das Glückszentrum aktiviert ist, lernen wir ganz schnell. Für die menschliche Evolution war es von existentieller Bedeutung, gerade in Glück-Zuständen effizient zu lernen, weil sich dadurch die Überlebenschancen wesentlich verbessert haben. Diese Funktionsweise unseres Gehirns ist noch heute von fundamentaler Wichtigkeit.

Spitzer betont, dass Glück kein isolierter Zustand für sich selbst ist, sondern als Belohnung sinnvoll, um lebenslang immer wieder zu lernen.

Es gibt Glücksgefühle, wenn die Situation besser ist, als erwartet. Eine vorher angenommene gute Situation erzeugt nur neutrales Gefühl, bei negativem Ergebnis wird das als besonders deprimierend empfunden.
Glücksgefühle entstehen also dadurch, dass etwas unerwartet Positives geschieht. Glück ist aber nicht für sich selbst da, sondern ist mit dem Lernen verkoppelt. Wir haben Glücksgefühle, wenn wir lernen und es uns damit im Leben besser geht. Glück ist also nicht ein dauerhafter Zustand, sondern wird jeweils neu ausgelöst durch eine neue Erfahrung, die eine bestehende Erwartung übertrifft. Glück macht also klug und lernfähig.

Angst dagegen ist eine Reaktion auf bestehende oder vermutete Gefahren. Sie war evolutionsgeschichtlich erforderlich, um unmittelbar zu überleben. In einer Situation der Angst erfolgt sofort ohne zeitliche Verzögerung eine der beiden möglichen Reaktionen: Flucht oder Angriff. Dabei ist ein anderes Modul im Gehirn aktiv, der Mandelkern. Er erzeugt negative Gefühle und Angst, unmittelbare Reaktionen noch bevor Bewusstsein und Nachdenken einsetzen können. Er bewirkt ausschließlich schwarz-weiß-Erkennung, ebenfalls schneller als Bewusstsein und Reflexion.
Wir wissen heute, dass Angst verhindert, dass wir gründlich denken und abwägen, was tatsächlich das Beste für uns ist. Das würde zu viel Zeit beanspruchen, weil höhere Ebenen des Gehirns eingeschaltet werden. Angst erzeugt sofortige Reaktionen und verhindert Denken und Kreativität: Angst macht dumm.
Es gibt auch genetisch programmierte Angst, die in früheren Phasen der Evolution durchaus Sinn machte, z. B. Gefahren durch Spinnen, Schlangen und gefährliche Raubtiere. Diese Angstbereiche sind zwar bei uns genetisch fest verankert, aber machen in der Gegenwart unserer entwickelten Industriegesellschaft ohne unmittelbare Feinde keinen Sinn mehr. Es gibt hier keine gefährlichen Spinnen und normalerweise auch keine giftigen Schlangen. Das heißt, diese automatischen Reaktionen der Angst sind noch vorhanden, aber heute dysfunktional.

Wenn irgendetwas mühsam (weil besonders schwierig) unter Angst gelernt worden und so mit Angst zusammen im Gehirn gespeichert ist, entsteht diese Angst immer wieder von neuem, wenn das entsprechende Thema aktuell ist. Wer beispielsweise in der Schule bei Mathematik Angst hatte und die Mathematik so im Zustand der Angst gelernt hat, wird diese Angstgefühle erneut haben, wenn mathematische Fragestellungen auftauchen. Unweigerlich bleibt er wegen dieser Angst weit unter seinen mathematischen Möglichkeiten. Zudem wird seine Kreativität unterdrückt, die bekanntlich bei der Mathematik besonders wichtig ist. Angst hatte evolutionsgeschichtlich eine Funktion, um zu überleben. Heute kommt es darauf an, Angst abzubauen, um besser zu leben und besser zu lernen.

Möglich ist allerdings, mit Drogen sein Glückszentrum künstlich zu stimulieren.In einem Experiment wurde allerdings die besondere Gefährlichkeit nachgewiesen. Unter Drogeneinfluss handelt ein Mensch ähnlich wie eine Maus, die über eine Taste elektrische Impulse in ihr Glückszentrum eingeben. Sie drückte die „Glückstaste“ 2.000 mal in der Stunde und vernachlässigte alles Andere, sogar die Aufnahme von Nahrungsmitteln. Sie hat so lange scheinbares "Glück" für sich erzeugt, bis sie tot war. Das ging schließlich sehr schnell.

Damit ist die Gefährlichkeit von Drogen zur Stimulation des Glückszentrums klar beschrieben. Nach Spitzer haben Drogen nicht die Funktion, wichtige Lernprozesse des Menschen zu ermöglichen, sondern die Glücksstimulation geschieht, ohne die eigentliche Funktion des Lernens in Gang zu setzen. Das führt rasch zur Unfähigkeit, in einer sich verändernden Welt angemessen zu leben und führt mindestens geistig zum Tod.

Weitere Anstriche zur Funktion unseres Gehirns:
Der weit aus größte Teil unserer Gehirnleistung ist nicht bewusst.
Geben ist besser als nehmen und bedingt Glück und Zufriedenheit; zudem ist in Folge eine um ca. 3 bis 6 Jahre erhöhte Lebenserwartung  empirisch nachgewiesen.
Etwa ein Drittel der gesamten Gehirnleistung wird für das Sehen genutzt : Nach Umwandlung der in den Augen ankommenden Impulse wird deren Verarbeitung in diversen Schichten des Gehirns durchgeführt. Die Verknüpfung mit Bedeutung und Moral erfolgt in höheren Regionen unseres Gehirns. Insgesamt sind etwa 40 Module des Gehirns für das Sehen zuständig.
Flow: Zufriedenheit beim Handeln, z. B. Arbeiten.
Risikoangst verhindert notwendiges Handeln; Wettbewerb aktiviert zwar den Menschen, aber verringert rationales Denken und Handeln, macht also auch dümmer.
Die Motorik ist immer mit Denken und Geist verbunden, z. B. gibt es eine enge Interaktion von Worten, Symbolen und Metaphern mit dem Motorik-Teilsystem des Gehirns. Durch die Einschaltung der Motorik kann man wesentlich besser - weil ganzheitlich und holistisch - lernen.
Durch Bewusstsein und Reflexion kann den falsch gebahnten Automatismen des Gehirns gegengesteuert werden.
Religiöse überhöhte Ziele und überhöhter Idealismus machen unglücklich und lernunfähig.
Angst und Aggression sind insgesamt primitive alte Verhaltensweisen aus früheren Entwicklungsstufen der Evolution, sie ermöglichen heute keine komplexen Fähigkeiten auf höherer Ebene.
Digitale Demenz: Mehr als ½ Stunde Fernsehen für Kleinkinder reduziert den Intelligenzquotienten nach dem 7.ten Lebensjahr um ca. 30%.
Besonders wichtig bei der Frage der Zufriedenheit und des Glücks sind Vergleiche. Spitzer erläutert dies an den Menschen der DDR: als die DDR noch Teil des Ostblocks war, ging es ihnen im Verhältnis zu den anderen Ländern, insbesondere auch zur UdSSR, ganz gut, sodass sie nicht unzufrieden waren. Obgleich Viele Zugang zu Informationen aus dem Westen hatten, waren dies keine für diese Menschen relevanten Vergleichsgrößen.

Als dann die DDR Teil der Bundesrepublik wurde, veränderte sich der Bezugsrahmen: der Vergleich mit dem Westen wurde aktuell. Im Vergleich dazu standen die Menschen aus den neuen Bundesländern wirtschaftlich deutlich schlechter da. Entsprechend war die Zufriedenheit gering und die Wiedervereinigung Deutschlands wurde weniger positiv erlebt als zu vermuten war.

Vergleiche und entsprechende Bewertungen sind fast immer psychisch dysfuntional und verhindern Zufriedenheit und Glück

Ganz wesentlich ist die Empathie der Erwachsenen: Das Kind lernt nur dann, wenn der Erwachsene mit Engagement, Begeisterung und Zuwendung für das Kind redet. Spitzer empfahl daher, dass ein begeisterter Philosophie-Professor seinem Säugling durchaus schon von der Philosophie, selbst von. Platon, erzählt. Das ist die beste Voraussetzung dafür, dass das Kind die Sprache lernt. Inhaltlich wird es überhaupt nichts verstehen, aber durch die positive Empathie und Begeisterung des Vaters, die sich auf das Kind übertragen, entsteht ein optimaler Lernprozess.

Umgekehrt sind Lernprozesse ohne Freude und Begeisterung schwierig oder unmöglich. Lernprozesse verlaufen demnach am besten wenn Glücksstoffe beteiligt sind, Spitzer nennt sie daher auch Lernstoffe.

Wie hängt Glück und Geld zusammen?
Wer sehr wenig Geld zum Leben hat, bei dem hängt relativ viel vom Geld ab, damit er überhaupt sinnvoll leben kann. In USA gibt es das folgendes Phänomen: Bis etwa 20.000 $ Einkommen pro Jahr (Spitzer) steigt das Glücksgefühl steil an, ab dieser Höhe bleibt das Glücksgefühl des Lebens weitgehend konstant, selbst wenn das Einkommen steigt oder wesentlich darüber liegt. Mehr Geld erhöht nicht Zufriedenheit und Lebensglück.

Geld ausgeben.
Wer Geld für andere ausgegeben hat, ist grundsätzlich glücklicher als der Durchschnitt der Menschen, auch das ist empirisch belegt. Wer zusätzliches Geld in erheblichem Umfang für andere ausgegeben hatte, ist signifikant glücklicher, als wenn er das Geld selbst verbraucht hat. Ein ähnlicher Effekt ergibt sich, wenn man Anderen hilft: dann ist man glücklicher und lebt statistisch länger. Menschen sind also noch in höherem Maße soziale Wesen als Tiere, lebendige "gebende" Gemeinschaft wirkt lebensverlängernd.

Von großer Bedeutung für ein gutes Leben ist die Effizienz von Selbst-Steuerung und Selbst-Kontrolle. Dadurch werden primitive und gesellschaftlich überholte "Automatismen" wie Aggression, Wut, Rache usw. entschärft.

Im Buddhismus geht es vor allem um nachhaltiges Glück und nicht nur um Kurz-Zeit-Happiness, so wichtig diese auch für unser Leben ist. Was sind die zentrale Lehren des Buddhismus? Das werde ich im Folgenden erläutern und dabei die Begriffe Glück und Erwachen sowie Erleuchtung weitgehend synonym verwenden.

Kern-Lehren des Buddhismus

Der Achtfache Pfad zum Glück, Aufhebung des Leidens
Nach der Überlieferung wurde der Achtfache Pfad zur Ausschaltung des Leidens und zum Erwachen zur Wirklichkeit von Gautama Buddha nach seinem Erwachen in seiner ersten Lehrrede in Vārānasī dargelegt. Dōgen behandelt den Achtfachen Pfad ausführlich in Kapitel 73 des Shōbōgenzō, „Die 37 Elemente des Erwachens“, das die Verbindung des frühen Buddhismus (Hīnayāna, Theravāda) mit dem Zen-Buddhismus auf der Grundlage des Mahāyāna darstellt.
Der erste Zweig des Pfades ist die rechte Sichtweise. Diese ergibt sich der Entscheidung, den Buddha-Weg zu gehen. Behindert wird sie durch das Nicht-Wissen und die falsche Sichtweise. Die rechte Sichtweise ist in einem umfassenden Sinn zu verstehen und beschränkt sich nicht auf die Wahrnehmung durch die Augen.

Der zweite Zweig sind die rechte Gesinnung und Zielsetzung; sie gehen über die einfache unterscheidende Denktätigkeit hinaus und nähren keine eigennützigen Absichten. Die rechte Gesinnung beinhaltet die umfassende Einheit von Körper-und-Geist, und Dōgen erläutert dazu Folgendes:

„Wenn wir das Denken in der Wirklichkeit erwecken, sind wir jenseits vom Ich und überschreiten die äußere Welt. Zur gleichen Zeit gehen wir direkt nach Vārānasī, indem wir genau im Augenblick der Gegenwart die konkreten Tatsachen denken.“

Er betont hier sowohl den gegenwärtigen Augenblick als auch die konkreten Tatsachen der Wirklichkeit, die einbezogen werden müssen.

Als dritter Zweig des Achtfachen Pfades ist die rechte Rede zu nennen, die über isolierte verbale Äußerungen hinausgeht und den gesamten Körper-und-Geist umfasst. Sie ist für die Lehre des Buddha-Dharma selbstverständlich von großer Bedeutung.

Besonders ausführlich behandelt Dōgen den vierten Zweig, das rechte Handeln. Er nutzt dafür verschiedene Kapitel des Shōbōgenzō und einige Kōan-Geschichten, die sich diesem Thema widmen. Das Nach seiner Lehre ist das Handeln die direkte, unverstellte Wirklichkeit des Soseins. Es findet in der Sein-Zeit im gegenwärtigen Augenblick statt und verwirklicht die Welt, das Universum und das eigene Leben. Dies beschreibt er eindrucksvoll in Kapitel 3 des Shōbōgenzō, „Das verwirklichte Leben und Universum“. Großen Wert legt Dōgen auf die Tatsache, dass das Handeln im sozialen Leben selten wirklich rein ist, sondern häufig von Interessen gesteuert und besonders von Gier nach Reichtum und Ruhm angetrieben wird. Ganz schwierig sei es, bei Staatsaufgaben das wahre Handeln des Buddha-Dharma auch politisch zu verwirklichen.

Er warnt in diesem Zusammenhang insbesondere vor den sich anbiedernden falschen Meistern, die den Mächtigen und Reichen in der Politik und im Staat nach dem Munde reden und diesen verkünden, dass ihr politisches Handeln identisch mit dem Tun von Gautama Buddha und den Vorfahren im Dharma sei. Als Gegenbeispiel nennt er Buddhas berühmten Laien-Schüler Vimalakīrti, der gezeigt habe, dass auch ein Laie im sozialen Leben wahres Handeln verwirklichen kann. Vor allem kritisiert Dōgen, dass der Begriff „Leerheit“ von einigen dazu missbraucht wird, um falsches, von eigenen Interessen geleitetes Verhalten zu beschönigen. Das Handeln müsse eindeutig auf den konkreten Augenblick bezogen und zweckfrei sein.

Als fünfter Zweig gehört der rechte Lebenserwerb zum Achtfachen Pfad. Darunter versteht man den moralisch einwandfreien Erwerb für den Lebensunterhalt, dass man also von seiner eigenen Arbeit lebt.

Ohne die richtige Anstrengung und Ausdauer als sechsten Zweig kann man den buddhistischen Weg der Überwindung des Leidens nicht gehen. Dieses Bemühen gestaltet den gesamten Körper-und-Geist und verbindet im Klosterleben den Meister mit seinen Mönchen.

Der siebte Zweig ist die Achtsamkeit in ihrer umfassenden Bedeutung. Dōgen kritisiert, dass einige buddhistische Gruppen behaupten, eine solche Achtsamkeit sei überhaupt nicht erforderlich. Er bezeichnet solche Menschen als Nicht-Buddhisten und zitiert dazu Bodhidharma, der zu seinen vier Schülern sagte:

„Du hast meine Haut, mein Fleisch, meine Knochen und mein Mark erhalten, und dies ist genau die richtige Achtsamkeit des Achtfachen Pfades.“

Als letzter und achter Zweig wird der Samādhi, die Sammlung, besprochen. An anderer Stelle bezeichnet Dōgen die Zazen-Praxis als „König der Samādhis“. Mithilfe der Zazen-Praxis könne man sich von Gedanken und Vorstellungen befreien – auch von der einseitigen Abhängigkeit von den großen Meistern und buddhistischen Vorfahren im Dharma.

Der Samādhi ist die „Lebendigkeit der Nüstern“. Die Nüstern galten im alten China als Symbol für das wirkliche Leben, weil man durch die Nase die Luft ein- und ausatmet. Die Zazen-Praxis öffnet dabei sozusagen das begrenzte „Denken unseres Schädels“. In den allgemeinen Richtlinien Dōgens zum Zazen (Fukan zazengi) heißt es, dass wir aus dem „Nicht-Denken denken sollen“ und damit das übliche, dualistische und bewertende Denken überschreiten.

Die Fünf Hemmnisse der Achtsamkeit und des Erwachens zum Glück
In der großen Lehrrede von den Grundlagen der Achtsamkeit beschreibt Buddha auch die Fünf Hemmnisse des Erwachens (Übersetzung nach Peter Gäng):

1. auf Sinnlichkeit gerichtetes Wollen,
2. Übelwollen,
3. Erstarren und Trägsein,
4. Aufgeregtheit und Unruhe,
5. Zweifelsucht.
Diese Hindernisse und Blockaden, die sich uns auf dem Weg zum Erwachen entgegenstellen, umfassen in der Tat das ganze Spektrum menschlichen Handelns und Denkens und werden auch von Dōgen in vielen Kapiteln behandelt. Im Abschnitt über die geistigen Gegebenheiten sagt Buddha über die Fünf Hemmnisse:

„Da weilt, ihr Mönche, ein Mönch bei den geistigen Gegebenheiten in Betrachtung der geistigen Gegebenheiten, und zwar bei den fünf Hemmnissen.“

Peter Gäng hat bei seiner Übersetzung die Wiederholungen Buddhas akkurat beibehalten, obwohl der Satz für uns deshalb etwas umständlich klingt. Wir müssen aber bedenken, dass es sich um einen mündlichen Vortrag handelte und Gautama Buddha ungewöhnlich hohe pädagogische Fähigkeiten besaß, die nicht einfach zu verstehenden Inhalte rhetorisch so aufzubauen, dass sie wirklich zu tiefgreifenden Veränderungen des Lebens bei den Zuhörern führten. Dazu sind Wiederholungen unumgänglich.

Die 37 Elemente des Erwachens zum Glück
Für Dōgen gab es nur einen einzigen Buddhismus, er lehnte die Aufteilung in Mahāyāna und frühen Buddhismus, also Hīnayāna oder Theravāda, oder in sonstige Schulen und Sekten grundsätzlich ab. Da sich alle authentischen Übertragungslinien und Lehren des Buddha-Dharma nur auf Gautama Buddha selbst und seine Lehre zurückführen ließen, sei eine derartige abgrenzende Aufsplitterung überhaupt nicht gerechtfertigt. Gleichwohl hat der Buddhismus mit seiner lebendigen Verbindung zur Wirklichkeit und Wahrheit in den verschiedenen Zeitaltern und Kulturen bestimmte Färbungen angenommen und Schwerpunkte gebildet.

Aber es handelt sich immer um die einheitliche Lehre des Erwachens, der Wirklichkeit und der Überwindung des Leidens. Besonders unsinnig sind deshalb gegenseitige Vorwürfe der einzelnen buddhistischen Traditionen, da sie nicht nur dem Sinn des Buddhismus als einer toleranten, übergreifenden und verständnisvollen Lebensphilosophie und Lebenspraxis widersprechen, sondern auch im Kern falsch sind. Sicher gibt es verschiedene Wege zum Erwachen und zur Wirklichkeit, aber sie können nur auf Gautama Buddha selbst zurückgeführt werden.

Mit dem Erwachen beschäftigt sich ein  Kapitel des Shōbōgenzō mit dem Originaltitel: „Die Flügel zum Erwachen, die uns in die Luft tragen“. Hier verbindet Dōgen die älteren Lehren des Buddhismus, die zum Beispiel im Abhidharma (...) zusammengefasst sind, mit der von ihm selbst im Shōbōgenzō dargestellten umfassenden Lehre, die er die „Schatzkammer des wahren Dharma-Auges“ nennt. In diesem Kapitel gibt es für den Text des frühen Buddhismus etwa 50 Verweise auf einzelne Kapitel des Shōbōgenzō und 16 Verweise auf Dōgens Kōan-Sammlung, das Shinji Shōbōgenzō. Er entwickelt auf diese Weise ein enges Netzwerk zwischen den beiden Lehr-Traditionen des frühen Buddhismus und des Mahāyāna-Buddhismus..

Die 37 Elemente des Erwachens, lassen sich wiederum in sieben größere Gruppen gliedern, die jeweils vier bis acht einzelne Elemente umfassen und zur Basislehre des früheren Buddhismus gehören. Alle diese Elemente führt Dōgen auf und kommentiert sie. Damit schafft er ein beeindruckendes übergreifendes Dach für die Hauptströmungen des frühen Buddhismus, des Mahāyāna-Buddhismus und des Zen. Gleichzeitig zeugt diese Leistung von seiner umfassenden und tiefgreifenden Kenntnis der gesamten buddhistischen Lehre.

Zweifellos hat aber jede Lehre, jedes Bild oder Gleichnis und jede verbale Äußerung bestimmte Grenzen, die letztlich überschritten werden müssen, wenn man zur buddhistischen Wirklichkeit selbst, also zum Erwachen, gelangen will. Wer nur in intellektuellen und abstrakten Theorien verharrt, bleibt nach Dōgens Überzeugung in der „schwarzen Höhle des unterscheidenden Denkens“ gefangen. Er beginnt dieses Kapitel mit den folgenden Ausführungen:

„Die Wirklichkeit der ewigen Buddhas ist (immer) gegenwärtig. Sie ist insbesondere die Lehre, die Praxis und die Erfahrung der 37 Elemente des Bodhi-Erwachens. Die enge Verflechtung des Aufsteigens und Absteigens durch die Anordnung (dieser 37 Elemente) ist genau der verflochtene Zustand der Wirklichkeit, die wir die Buddhas und Vorfahren im Dharma nennen.“

Dōgen weist hier auf die Wirklichkeit und Wahrheit des Buddha-Dharma hin, die zum Beispiel auch im Kapitel „Das verwirklichte Leben und Universum“ beschrieben werden, und stellt die Verbindung mit den 37 Elementen des Bodhi-Erwachens her. Die Lehre, die Praxis und die Erfahrung bilden eine unauflösbare Einheit und sind im Kern genau dasselbe wie die 37 Elemente, die als nützliche oder notwendige Hilfen für das Erwachen zu verstehen sind. Das genannte Geflecht der 37 Elemente sei die direkte Einheit mit der Wirklichkeit, in der auch Gautama Buddha, die großen Meister und Vorfahren im Dharma existieren.
Als Erstes erläutert Dōgen die vier Grundlagen der Achtsamkeit.


Die vier Arten der rechten Anstrengung
„Die Erste bedeutet, das Schlechte zu verhindern, das sich noch nicht ereignet hat.
Die Zweite bedeutet, zu bewirken, dass das Schlechte ausgelöscht wird, das bereits entstanden ist.
Die Dritte bedeutet, zu bewirken, dass sich das Gute ereignet, das sich noch nicht ereignet hat.
Die Vierte ist die Unterstützung des Guten, das sich bereits ereignet hat.“

Die vier Grundlagen der mystischen Fähigkeiten und Kräfte
„Das Erste ist das Wollen als Basis der mystischen Fähigkeit.
Das Zweite ist der Geist als Basis der mystischen Fähigkeit.
Das Dritte ist die Willenskraft als Basis der mystischen Fähigkeit.
Das Vierte ist das Denken als Basis der mystischen Fähigkeit.“

Der Geist umfasst die ganze Wirklichkeit als mystische Fähigkeit, und dazu zählt Dōgen „Zäune, Mauern, Ziegel und Kiesel“. Der Geist beinhaltet auch die „Berge, die Flüsse und die Erde“. Eine dualistische Abgrenzung von Geist und Objekten der materiellen Wirklichkeit macht es nach Dōgen unmöglich, den wirklichen Geist als mystische Fähigkeit zu erfassen.

Die Willenskraft, um auf dem Weg vorwärts zu gehen, ergibt sich dadurch, dass sich in der Welt und in unserem Leben alles bewegt und vorwärts schreitet. Dōgen zitiert an dieser Stelle den berühmten Ausspruch von Daikan Enō: „Dies ist der Ort, wo etwas Unfassbares existiert.“ Tatsächlich muss man keine übernatürlichen Legenden bemühen, um die mystischen Kräfte des wahren Lebens und der Wirklichkeit zu erahnen. Jedes Handeln im Augenblick und jedes Vorwärtsschreiten im Leben kann vom Verstand niemals vollständig erfasst oder gar mit Worten beschrieben werden. Bereits solches Handeln ist selbst die mystische Grundlage der Wirklichkeit.
Auch das Denken als Basis der mystischen Fähigkeiten wird bei Dōgen über die bewusste Gehirntätigkeit hinaus erweitert. Für ihn ist die umfassende gegenwärtige Intuition maßgeblich, da sie die gesamte Umgebung einbezieht und viel leistungsfähiger als das unterscheidende, lineare Denken ist.

Die fünf grundlegenden Kräfte (Wurzelkräfte)
Als Wurzelkräfte werden im frühen Buddhismus die wesentlichen Grundlagen bezeichnet, auf denen buddhistisches Handeln beruhen.

„Das Erste ist das Vertrauen
Das Zweite sind Fleiß und Sorgfalt
Das Dritte ist Achtsamkeit
Das Vierte ist Samādhi oder Gleichgewicht
Das Fünfte sind Wissen und Erkenntniskraft.“

Die fünf verwirklichten Kräfte
Die fünf Kräfte, die tatsächlich verwirklicht und nicht nur grundlegende Fähigkeiten sind, lassen sich in gleicher Weise wie die oben genannten Wurzelkräfte unterteilen:
„Vertrauen und Glaube als Kraft,
Fleiß und Sorgfalt,
Achtsamkeit,
Samādhi (Sammlung, Gleichgewicht),
Wissen und Erkenntniskraft.“
Vertrauen und Glaube als Kraft haben die Täuschungen und Illusionen überwunden. Dōgen sagt: „Die Übertragung des Dharma und die Übertragung der Robe werden ‚Vertrauen’ genannt.“

Bei Fleiß und Sorgfalt verdeutlicht er den Unterschied zwischen einer verbalen Erklärung und der Wirklichkeit selbst.
Bei der Beschreibung der Achtsamkeit, des Samādhi sowie des Wissens und der Erkenntniskraft als geistige Kräfte geht Dōgen ebenfalls auf die Bedeutung der Wirklichkeit ein und grenzt sie von den Theorien, Spekulationen und Fantasien ab.

Die sieben Glieder des Großen Erwachens
Dōgen behandelt hier die aus dem frühen Buddhismus bekannten sogenannten sieben Glieder des Sambodhi-Erwachens, also des Zustandes des Gleichgewichts und der Wahrheit:

„Das Erste ist das klare Unterscheiden bei den Lehren.
Das Zweite sind Fleiß und Sorgfalt.
Das Dritte ist die Freude.
Das Vierte sind die Klärung und Ruhe (wörtlich: „Gestillt-Sein“; wir sind dann nicht mit uns selbst oder mit der Außenwelt auf komplizierte Weise verstrickt).
Das Fünfte ist die Gleichmut.
Das Sechste ist der Samādhi (der sich nicht zuletzt durch Gleichgewicht und Intuition auszeichnet).
Das Siebte ist die Achtsamkeit (die Dōgen auch als „Brüllen des Löwen in seiner Höhle“ bezeichnet und die die umfassende Lehre Gautama Buddhas ist).

Schließlich erläutert Dōgen ausführlich die einzelnen Elemente des Achtfachen Pfades, der dazu beiträgt, das Leiden auszuschalten und das Erwachen zur Wirklichkeit zu erlangen. Zum Schluss unterstreicht Dōgen, dass die 37 Elemente des Erwachens nicht einzeln oder als Rangfolge zu verstehen sind, sondern in Kombination und Verflechtung miteinander: in vernetzter Wechselwirkung (pratitya samutpada).

Im tibetischen Buddhismus geht es nach Matthieu Ricard vor allem um die Schulung, Transformation und Kultivierung des Geistes, also der Gedanken und Emotionen. Die negativen Geistes-Gifte wie Hass, Zorn, Neid, Gier, Eifersucht Rache, Schadenfreude usw. sollen durch Geistestraining schon im Entstehen erkannt werden und durch geistige Gegenmaßnahmen wie liebevolle Zuwendung, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut (Himmlische Verweilungen) unschädlich gemacht werden. Das erfolgt durch die Hinwendung nach innen in der Meditation und die Abwendung vom Äußeren.


Das Ziel ist die liebevolle Zuwendung zu allen Lebewesen und das reine Gewahrsein, das Gleichgewicht, in jeder Lebenssituation des Lebens, ganz ohne die Geistes-Gifte. Dabei ist es von essentieller Bedeutung, die Illusion eines selbständigen und dauerhaften Selbst zu erkennen und zu überwinden Diese Illusion ist die Ursache für sehr viel Leiden und Negativität in unserem Leben.

Dienstag, 9. September 2014

Alles fließt: Gautama Buddha und der griechische Philosoph Heraklit


(Yudo J. Seggelke)

Wenn wir uns auf den Weg nach Indien zur Wirkungsstätte Gautama Buddhas am Ganges machen, könnten wir von Berlin aus nach etwa einem Drittel der Wegstrecke in Ephesus in der heutigen Türkei Halt machen, wo der griechische Philosoph Heraklit etwas mehr als 500 vor der Zeitenwende lebte und wirkte. Er ist also ein Zeitgenosse Gautama Buddhas und im Übrigen auch vom  chinesischen Weisen Laotse. Wir treffen in dieser Zeit auf drei Genies in drei verschiedenen Kulturbereichen, dem antiken Griechenland, Indien und China.

Heraklit und Buddha sprachen und dachten in einer sehr ähnlichen Sprache, nämlich der indo-europäischen Sprachfamilie, die damals den gesamten Kulturkreis von England bis nach Indien umfasste. Die Indo-Europäer stammen nach heutiger Forschung aus dem südlichen Russland, nördlich des Kaukasus, in der Nähe des Schwarzen Meeres. Sie wanderten etwa in der Zeit von 1800 bis 1200 vor der Zeitenwende in die verschiedenen Himmelsrichtungen aus. Der gleiche Ursprung der sich daraus entwickelnden Sprachen und deren Grammatik ist noch heute für Sprachwissenschaftler eindeutig erkennbar und nicht zu bezweifeln.

Ich vermute, dass Gautama Buddha sich noch mit Heraklit hätte verständigen können: Der Unterschied der Mundart könnte etwa so ähnlich gewesen sein, als wenn ein Bayer sich mit einem Holländer oder einem Norddeutschen auf Plattdeutsch unterhält. Vokabeln, Grammatik, Sprachaufbau waren sehr ähnlich. Wir haben es also mit dem großen Bereich indo-europäischer Kultur und deren Sprachwurzeln zu tun: der alten indischen Sprache Sanskrit und der etwas später gesprochenen Sprache Pali. Buddha ist also keineswegs für uns ein ganz fremder exotischer Denker gewesen, wie vielleicht manche vermuten: Er benutzte die leistungsfähige und komplexe indo-europäische Sprache des Sanskrit und beherrschte sie sicher in hohem Maße. Aber er überschritt m. E. dessen manchmal rigiden Grenzen des Denkens, der Sprache und der Weltanschauung, auch durch die Vereinigung mit den bereits hoch entwickelten Kulturen Indiens vor der Ankunft der Indo-Europäer. Diese waren nach unserer Kenntnis ausgesprochen pazifistische Kulturen und hatten u. a. das Yoga als leistungsfähige Meditation entwickelt: den Zugang zum spirituellen und psychischen Gleichgewicht, zur Lebensfreude und zur Stärkung des Immunsystems (!)  durch körperliche Übungen.

Heraklit ist ein eigenständiger und, wie viele sagen, nicht leicht zu verstehender Philosoph der Zeit der Vor-Sokratiker, also vor Sokrates, Platon und Aristoteles. Er blieb in der griechisch-europäischen Philosophie ein besonderer Denker und gründete keine Schule, die zum Beispiel eine direkte Verbindung zum Idealismus Platons und zur Pragmatik und Naturwissenschaft von Aristoteles führte. Heraklit galt sogar als "dunkler" und trauriger Philososph, der manchmal sogar weinend dargestellt wurde. Allerdings haben sich hervorragende westliche Philosophen in neuerer Zeit intensiv mit Heraklit beschäftigt, vor allem Nietzsche und Hegel, aber auch Heidegger hat eine tiefgründige Schrift über ihn verfasst. Das ist wirklich spannend. Warum ist Heraklit heute so aktuell?

Was ist nun das Besondere an diesem alten griechischen Philosophen? Berühmt ist ein Ausspruch, der ihm zugeschrieben wird: „Alles fließt“. Daraus wird deutlich, dass es ihm um die Veränderungen und Entwicklungen der Menschen und der Natur ging und ihn die Suche nach der Wahrheit in dieser Welt im Einklang mit präzisen Beobachtungen antrieb. Was später die Frage nach dem ewigen unveränderlichen Sein in der klassischen Philosophie wurde, war ihm eher fremd.

Heraklits Schriften sind nur in Fragmenten überliefert und bilden daher keine zusammenhängende Lehre. Er kritisierte die selbst erfundenen Weltanschauungen von Menschen, die sich naiv oder borniert als Super-Zentrum dieser Welt sehen und sich insofern für etwas ganz Besonderes halten, sie wollen nicht das Ganze sehen. Er sagt, alle Zitate nach Hans-Georg Gadamer:

„Drum tut es Not, dem gemeinsamen Geiste zu folgen. Obwohl der Sinn der Rede der des gemeinsamen Geistes ist, leben die Vielen doch, als hätte jeder seine eigene Vernunft“.

Daraus wird deutlich, dass Heraklit einen oberflächlichen Individualismus ablehnt und das Gemeinsame der Menschen aber auch des ganzen Kosmos als wesentlich ansieht. Wir wissen heute, dass ein derartiger geistiger Egoismus und eine Ich-zentrierte Weltanschauung zwangsläufig in Schwierigkeiten führen muss, das Leiden erzeugt und es geradezu anzieht. Aber wir sollten nicht dem Irrtum verfallen, voreilig an ein System von absoluten ewigen Ideen zu glauben, denen Idealisten häufig anhängen, sich damit nur allzu schnell von der Wirklichkeit entfernen und aus der konkreten Welt des Hier und Jetzt verabschieden. Genau diesem Fehler sind Buddha und die großen Zen-Meister nicht erlegen.

Ich betrachte Heraklit als wesentliches Bindeglied der griechischen Philosophie zu Gautama Buddha und möchte dazu zwei weitere Zitate anführen. Zum Fließen sagt Heraklit wörtlich:
„Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen. Er teilt sich und geht wieder zusammen. Es kommt heran und es geht wieder weg."
Und weiter:
„Wenn wir in denselben Strom steigen, so ist es doch immer Anderes und anderes Wasser, das da heran fließt".

In einem anderen wichtigen Zitat übersetzt Gadamer:

„In den gleichen Strom steigen wir hinein und steigen wir nicht hinein. Wir sind und wir sind nicht“.

Das hat in der Tat große Ähnlichkeiten mit einem Kôan-Ausspruch des Zen-Buddhismus in China und Japan und fordert unsere Interpretation heraus. Wie deuten Sie diese Sätze?

Zentrale Aussage Heraklits ist, dass sich der Fluss laufend verändert, aber dass wir uns auch selbst laufend verändern. Wo bleibt da das unveränderliche Selbst des Westens oder der dauerhafte Ich-Kern des Atman im alten Indien der vor-buddhistischen Zeit, den Buddha so eindeutig ablehnte?

In manchen Interpretationen wird ein festes dauerhaftes Ufer des Flusses als Gegensatz zum fließenden Wasser herausgestellt. Dies halte ich nicht für richtig. Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass Heraklit nicht weit von dem Fluss des Mäander lebte, der nur wenige Kilometer von seiner Heimatstadt Ephesus entfernt lag. Dieser Fluss gab dem Mäander-Zeichen und Symbol die charakteristische Form, die von den Griechen häufig als Randverzierung verwendet wurde.

In seinem breiten fruchtbaren Tal fließt der Mäander in großen Schleifen von Ost nach West der Ägäis zu. Dabei verändert er dauernd sein Bachbett, denn gerade dadurch entstehen die ausladenden Flussschleifen, die sich manchmal auch wieder schließen, weil sie an der engsten Stelle durchbrechen und dadurch eine direkte Verbindung für den Fluss schaffen. Der Mäander ist also sicher unbestritten das Symbol für einen Flusslauf, der sich laufend verändert und laufend an seinen Böschungen und seinem Flussbett arbeitet.

Es erscheint mir ausgeschlossen, dass Heraklit dies nicht in seine Überlegungen einbezog, das heißt, dass sowohl der Fluss wandert als auch das Wasser sich laufend in Bewegung befindet und in dem sich verändernden Flussbett nach Westen fließt. Wir haben es also hier mit mindesten zwei Veränderungen zu tun, die nur zeitlich unterschiedliche Werte haben.

Als Zwanzigjähriger bin ich Anfang der 60iger Jahre in einem alten VW-Käfer von Ephesus in das Mäander Tal gefahren. Es war Frühling, alles war saftig und grün und in dem weiten Mäander Tal, das von Hügeln begrenzt ist, schimmerte das gewundene Band dieses wunderbaren Flusses. Eine ganz besondere Landschaft, die sich mir tief eingeprägt hat und die ich noch nach vielen Jahrzehnten als genaues Bild vor dem geistigen Auge habe. Dies ist die Umgebung, in der Heraklit seine tiefgehenden philosophischen Untersuchungen anstellte.

Aber auch der Mensch wandelt sich und verändert sich laufend, wie Heraklit sagt. Wenn jemand in einen Fluss steigt und wieder herauskommt, ist er schon ein anderer. Er ist zwar sich selbst ähnlich aber er ist niemals genau der selbe von vorher. Eine Interpretation, die in den Mittelpunkt stellt, dass gerade die Individualität des Menschen in dem sich verändernden Fluss identisch und unveränderlich sei, ist daher meines Erachtens unsinnig. Dies wird allerdings von westlichen Denkern manchmal etwas naiv behauptet: Der Mensch als Konstante und das Wasser als die veränderliche Umgebung.

Heraklit ist dagegen ein genauer Beobachter: er spricht davon, dass der Fluss sich auch besonders dort ändert und teilt, wo der Mensch sich aufhält, wenn er in den Fluss steigt, und dass der Fluss sich wieder zusammenbewegt, wenn der Mensch heraus gestiegen ist, also den Raum wieder ausfüllt, in dem vorher der Mensch war.

Auch diese Beschreibung zeigt, dass sich Heraklit hauptsächlich mit den Veränderungen beim Menschen und in der Natur beschäftigt. Nicht zuletzt geht es ihm um die menschliche Gesellschaft und um deren laufenden Veränderungen; wie auch Buddha lehrt: wer diese Veränderungen leugnet und verdrängt, sich ihnen also nicht stellt, wird kein gutes Leben haben. Sicher haben viele Sehnsucht nach etwas Dauerhaftem und Ewigem, so wie es philosophisch mit dem Begriff des Seins gekennzeichnet wird.

Aber ein genauer Beobachter stellt fest, dass sich die Welt laufend verändert, dass die Natur in stetem Wandel ist und dass auch wir Menschen niemals dieselben sind, wenn sich die Zeit bewegt, wir also von einem Augenblick in den nächsten gelangen. Bei Dôgen stehen daher die Wirklichkeit und Wahrheit des Augenblicks im Mittelpunkt seiner Philosophie, das Jetzt in der Veränderung. Die lineare Zeit können wir nicht aufhalten, ganz gleich welche gewaltigen psychischen Energien wir aufbringen. Diese Energien verpuffen ohne brauchbare Wirkungen für unser Leben.

Typisch für den Philosophen Heraklit ist m. E. weiterhin, dass er Gegensätze und Unterschiede akzeptiert und nicht als unvereinbar betrachtet, sondern gerade deren Beziehung zueinander bedenkt: Das Ganze braucht die Einzelheiten und die Einzelheiten brauchen das Ganze. Auf der Sprachebene gibt es in solchen Fällen viele Begriffspaare, wie hell und dunkel, hoch und tief, hart und weich, usw., sie beziehen sich aufeinander und bilden insofern auf einer höheren Ebene eine Einheit.

Spannend ist dabei im Übrigen, dass die neue Gehirnforschung festgestellt hat, dass derartige Begriffspaare nahe beieinander im Gehirn gespeichert sind, und daher in enger Wechselwirkung bewusst und nicht bewusst erlebt werden. Wenn man den einen Begriff im Bewusstsein hat, taucht im allgemeinen sehr schnell der andere auf. Es handelt sich also um gut vernetzte assoziative Verbindungen im neuronalen Netz, die in enger Wechselwirkung miteinander gespeichert, erinnert und erfahren werden, die also keineswegs logisch völlig unabhängig von einander gespeichert sind.

Ganz im Gegenteil: Wenn der eine Begriff oder der eine Gedanke auftaucht, ist der andere meistens schnell zur Stelle und schwingt als dazugehörig mit. Der Gehirnforscher Manfred Spitzer empfiehlt daher, sich derartiger Gedächtnisstützen zu bedienen, wenn uns ein Begriff mit aller Gewalt nicht einfallen will. Das Gehirn speichert also überwiegend assoziativ und nicht formal logisch nach ja und nein im Sinne des Exklusiven Oder: Denken Sie jetzt sofort an keinen rosa Elefanten! Das ist kaum zu schaffen, schon ist der rosa Elefant in unserem Geist.

Derartige Gegensätze, die in der Logik als unvereinbar definiert sind, haben also geistig und psychologisch eine ganz enge Beziehung und verweisen aufeinander. Das kann man vereinfacht als die Einheit von Unterscheidungen bezeichnen, die zum Beispiel auch in der neuen Philosophie wieder aufgegriffen wurde und intensiv bearbeitet wird (z. B. George Spencer-Brown). Es wäre also völlig falsch, Heraklit als irrational und dunklen Mystiker zu bezeichnen, der sich in unverstehbaren Paradoxien ergeht, die der menschlichen Vernunft nicht zugänglich sind. Er sagt selbst ganz im Gegenteil:

„Vernünftig Denken ist die höchste aller Tugenden, und Weisheit ist es, das Wahre zu sagen und im Handeln auf die Natur der Sache zu hören"

Daraus wird deutlich, dass er mit dem Begriff Logos etwas viel Umfassenderes versteht, als was wir in der heutigen Zeit meistens mit Logik bezeichnen. Wir sind es gewohnt als selbstverständlich anzunehmen, dass eine Aussage entweder richtig oder falsch ist und dass eine Situation eindeutig hell oder dunkel ist. Das ist aber sehr abstrakt und nicht die Realität. Etwas sich Wandelndes und Vermischtes wird dabei meistens ausgeschlossen und die Welt auf Ja-Nein-Aussagen reduziert. Dies mag für dogmatisches und auch bestimmtes naturwissenschaftliches und technisches Denken nützlich sein, ist aber für psychologische und spirituelle Bereiche wenig leistungsfähig.

Heraklit hat m. E. ein Verständnis der Vernunft und des Logos, das die wahre Wirklichkeit der Natur, des Menschen und des Kosmos mit guter Komplexität erfasst. Er bewertet die Theorie und Philosophie nicht höher als die Wirklichkeit dieser Welt; er sagt aber auch, dass die Vernunft, die er als Logos bezeichnet, in der Welt und im Kosmos wirksam ist.


Für mich sind damit große Ähnlichkeiten zur Erfahrung und Lehre Buddhas erkennbar: Das Leben und die Welt als Zusammen-Entstehen in Wechselwirkung, pratitya samutpada. Auf dieser Grundlage der Weisheit und des Handelns kann m. E. eine tragfähige realistische Lehre des menschlichen Glücks und der Überwindung des vermeidbaren Leidens entwickelt werden: Die Vier Edlen Wahrheiten und der Achtfache Pfad. Und es kann zum Flow ohne Blockaden kommen, ein Ansatz, der in der heutigen Psychologie erhebliche Bedeutung erlangt hat. Auch dabei ist Heraklit von ganz neuer Aktualität.

Freitag, 22. August 2014

Buddhistische Grundlagen: Abhängigkeit oder Wechselwirkung?

(Yudo J. Seggelke mit Elisabeth Steinbrückner)
(Zu meinem neuen Buch "Sternstunden des Buddhismus")

Zusammenfassung:
Gautama Buddha, Meister Nagarjuna u. A. verstehen die Wirklichkeit der Welt als ein vernetztes Ganzes, dessen wesentliche Bereiche sind die Lebewesen, also Menschen, Tiere und Pflanzen, und die Materie, also Dinge und Gegenstände. Der treffende Sanskrit-Begriff ist pratitya samutpada; er kann ins Deutsche etwa mit gemeinsames Entstehen in Wechselwirkung übersetzt werden.

Die bislang verwendete Übersetzung abhängiges Entstehen gibt daher die umfassende Bedeutung Buddhas nicht vollständig wieder, weil die Vernetzung und Wechselwirkung der Lebewesen nur unzureichend bezeichnet werden, diese Formulierung ist daher bestenfalls für die Materie geeignet. Das Materielle ist zwar nicht unwichtig, aber nur eine Teil-Wirklichkeit und als solche naturwissenschaftlich und philosophisch interessant.
Im Buddhismus geht es aber vor allem um den Menschen: seine Suche nach der Wahrheit, die Befreiung, das Erwachen oder die Erleuchtung, und die Überwindung des Leidens, gerade nicht nur um Materielles.

Daher sollte der bisher übliche Begriff "abhängiges Entstehen" durch "Entstehen in Wechselwirkung" oder vernetztes Entstehen ersetzt werden. Das ist m. E. keineswegs trivial!

Die Formulierungen abhängiges Entstehen oder bedingtes Entstehen haben bisher zentrale Bedeutung im Buddhismus. Aber sind sie wirklich eine vollständige Übersetzung von pratitya samutpada, der Sanskrit-Formulierung, die Meister Nagajuna als zentrale Lehre Buddhas ansieht, die den Menschen befreit? Ich meine nein und frage mich, warum sie im Buddhismus so häufig verwendet und nicht hinterfragt wird.

Denn wer möchte damals und heute  abhängig sein? Abhängig von einem Menschen, von Geld, von einer Sekte, von einem Guru oder sogar von Drogen, Tabletten oder vom Alkohol. Viele Menschen wissen ganz genau, dass Übergewicht und Bewegungsmangel schädlich für ihre Gesundheit sind und die Lebenserwartung um mehrere Jahre vermindert, aber es fällt ihnen sehr schwer, solche Gewohnheiten zu ändern: auch und gerade das ist Abhängigkeit. Und digitale Abhängigkeit führt besonders bei Kindern zu digitaler Demenz, wie der Gehirnforscher Manfred Spitzer nachweist, das bedeutet für sie später wahrscheinlich Unglück und sozialen Abstieg.

Solche Abhängigkeiten hat Gautama Buddha bei pratitya samutpada sicher nicht gemeint, denn ihm ging es gerade um die Befreiung von derartigen Zwängen, und er lehrte beim Achtfachen Pfad, wie man seine eigene Befreiung erlernt und die obigen Zwänge überwindet. Wer abhängig bleibt, hat keine guten Chancen den buddhistischen Weg der Wahrheit zu gehen, den auch der Zen-Meister Dôgen so eindringlich beschreibt. Was hat Buddha also wirklich gelehrt?

Er hat die zentrale Wahrheit und Wirklichkeit der Welt gefunden: das Entstehen in Wechselwirkung, das Zusammen-Entstehen, in Sanskrit eben pratitya samutpada . Damit wird die wechselseitige Vernetzung des Geschehens in der wirklichen Welt gekennzeichnet und genau diese Vernetzung ist die Realität unseres Lebens, mit der wir fertig werden müssen und die große Chancen zur Verwirklichung unseres wahren Selbst enthält. Die Abhängigkeit von Gier, Hass und Verblendung ist nach Buddha gerade die Ursache des Leidens.

Peter Gäng verwendet im Sutra der Grundlagen der Achtsamkeit dafür den Begriff Anhangen: "Was nun, ihr Mönche, ist die edle Wahrheit vom Leiden?" Die Antwort lautet zusammengefasst: "die fünf Gruppen des Anhangens". Mit den fünf Gruppen sind die Skandas gemeint, die buddhistischen Komponenten des Menschen. Wir leiden also, wenn wir mit unseren Komponenten der Form, des Gefühls, der Wahrnehmung, der formenden Kräfte des Handelns und des Bewusstseins von Gier, Hass und Verblendung bestimmt werden und von ihnen abhängig sind. Die Bedeutungen der Begriffe "Anhangen" und "Abhängigkeit" sind in der Tat ziemlich ähnlich und fast identisch, sie bezeichnen Unfreiheit durch Determination. Der Mensch hat dabei keine reale Chance, sich selbst oder die Umgebung zu steuern.

Hält die Formulierung des abhängigen Entstehens nun einer tiefer gehenden Analyse als Beschreibung der Wirklichkeit stand? Oder basiert sie auf einem stark einfachen Modell der Wirklichkeit? Ist die Übersetzung abhängiges Entstehen für pratitya samutpada noch zeitgemäß, da wir heute viel mehr über Vernetzung, Kreativität und Evolution wissen? Keiner wird heute ernsthaft bestreiten, dass die Welt ein vernetztes Ganzes ist.

Es besteht sicher kein Zweifel, dass sich unsere Welt und wir uns selbst dauernd verändern und dass wir nicht isoliert existieren, sondern uns miteinander in lebendiger Wechselwirkung entwickeln und so maßgeblich ein Leben lang lernen. Ganz isoliert für uns allein, ohne Wechselwirkung und ohne Vernetzung müssen wir sterben, auch ein Starker muss allein zu Grunde gehen.

Im Sanskrit wird eine solche gedachte oder eingebildete Ich-Isolation durch das Wort svabhava charakterisiert und fundamental als Kennzeichnung unserer Wirklichkeit abgelehnt, das ist die Negation einer „isolierten unveränderlichen Eigen-Existenz" des Menschen und aller Gegebenheit der Welt, also einer isolierten Entität: Es gibt in der uns bekannten Welt keine empfindenden Wesen, Menschen und Tiere, nicht-empfindende Wesen, Pflanzen und keine Dinge, die total von einander isoliert sind und aus sich selbst entstanden wären. Eine solche isolierte Eigen-Existenz zu behaupten, führt in die Irre und ist sowohl naturwissenschaftlich als auch logisch und spirituell Unsinn. Und nicht nur das: Eine solche Weltanschauung ist sehr gefährlich, sie ist die Grundlage der Ideologie des Egoismus, der heute leider weit verbreitet ist. Deshalb sagt Meister Nâgârjuna in seinem berühmten Lehrgedicht der Mitte (MMK):

"Es wird nichts gefunden, das nur aus sich selbst entstanden ist."

Entstehungs- und Lern-Prozesse benötigen Zeit, sie sind ohne zeitliche Veränderungen nicht zu realisieren. Aus der einfachen Tatsache, dass es keine unveränderlichen isolierten Entitäten gibt, folgt zwingend, das alles in der Welt zeitabhängig und vernetzt ist, sich also alles mit der Zeit verändert. Sei es, dass etwas entsteht oder dass etwas vergeht. Oder wie wir Menschen häufig empfinden, dass sich etwas zum Besseren oder zum Schlechteren entwickelt. Aber die Aussage, etwas sei schlechter oder besser geworden oder entwickelt sich günstig oder ungünstig, beinhaltet eine menschliche Bewertung und charakterisiert nicht den natürlichen Prozess ohne Bewertung, sei es aus naturwissenschaftlicher oder spiritueller Sicht.

Wenn keine menschlichen Bewertungen einwirken, wird das im Buddhismus als Soheit bezeichnet. Sie ist die unverstellte Wirklichkeit und das Erkenntnis-Ziel des Buddhismus: Dann werden wir nicht von Täuschungen und Illusionen gesteuert und rennen dadurch wahrscheinlich in das eigene Verderben. Das will sicher niemand! Erwachen heißt, dass die Menschen, die Natur und Dinge so gesehen werden wie sie sind: nichts hinzusetzten und nichts weglassen. Die Zen-Meditation, Zazen, heißt auf japanisch in diesem Sinne Shikantaza: "Nichts als sitzen", ohne rotierende Gedanken und Emotionen und damit frei. Eine solche Meditation ist die unmittelbare Erfahrung der Wirklichkeit, sie kann Wunder wirken.

Zu erkennen, dass sich die Wirklichkeit in einem dauernden Lern- und Veränderungs-Prozess befindet, ist eine wesentliche Voraussetzung für die Erkenntnis der Wirklichkeit. Denn wenn man diese lebende Wechsel-Wirkung leugnen oder verdrängen würde, käme man früher oder später in große Probleme und erhebliche Schwierigkeiten. Es macht überhaupt keinen Sinn, die Augen vor Veränderungen zu verschließen, weil diese als Wirklichkeit sich nicht wegdenken, weglächeln oder wegwerfen lassen. Besser ist es, solche Veränderungen in die Lebensplanung und Lebensgestaltung einzubeziehen oder noch besser: sie als wechselseitigen Lernprozesse zu begreifen und aus den Veränderungen eine gute Entwicklung und gute Lebensführung zu gestalten.

Denn wir sind den Bedingungen der Außenwelt und Innenwelt nicht hilflos ausgeliefert, sondern können selbst unseren Lebensweg in wesentlichen Bereichen gestalten und steuern. Dies ist die zentrale Aussage Gautama Buddhas in den Vier Edlen Wahrheiten und dem Achtfachen Pfad: wir können das Leiden durch einen realistischen Lernprozess überwinden. Buddha zeigt darin sehr praktisch den Befreiungsweg aus den verschiedenartigen Leiden wie Kummer, Gram, Verzweiflung usw. auf. Gerade psychische Leiden sind nicht das endgültige Schicksal, das wir erdulden müssen, sondern lassen sich in den wesentlichen Ursachen erkennen, therapeutisch angehen und mithilfe des buddhistischen praktischen Erlösungsweges überwinden. Das ist in der Tat eine gute Botschaft mit großer psychischer und spiritueller Kraft.

Bei unserer Analyse stoßen wir also auf die Wirklichkeit der Veränderung, des Entstehens und Vergehens in vernetzten Zusammenhängen. Wer das leugnet, geht nicht nur an der Wirklichkeit des Lebens und der Welt vorbei, sondern nutzt die tiefgründigen Lehren des Buddhismus nicht.

Ich möchte nun den Begriff der Abhängigkeit in der Formulierung „abhängiges Entstehen“ erneut aufgreifen. Abhängig heißt unfrei zu sein und von angeblich unbeeinflussbaren Bedingungen gesteuert zu werden. Dieser Begriff ist dem des Determinismus sehr ähnlich, also der vollständigen Festlegung unseres Lebens ohne unsere geistige und handelnde Freiheit, ohne Selbststeuerung.

Abhängigkeit und Selbststeuerung schließen sich weitgehend aus, denn wer abhängig ist, wird von anderen und von außen oder von innen durch Gier, Hass und Verblendung gesteuert. Er hat keine eigene Entscheidungsgewalt, er ist ein Spielball der Bedingungen und Einflüsse, von denen er hin- und hergetrieben wird. Es leuchtet ein, dass diese Bedeutung von abhängigem Entstehen im Buddhismus von Gautama Buddha, Nâgârjuna, Dôgen, dem DalaiLama, Nishijima Roshi u. a. wirklich nicht gemeint ist. Derartiges abhängiges Entstehen ist meist ein pathologischer Sonderfall der Wechselwirkung: Wenn wir keine Selbst-Kontrolle haben sind wir unglücklich und müssen leiden. Das wäre auch ein Rückfall in den Geist eines vor-rationalen Zeitalters mit seinen Abhängigkeiten von mythischen Kräften und Mächten, die der Mensch überhaupt nicht beeinflussen kann und denen er total ausgeliefert ist. Wenn wir abhängiges Entstehen auf diese Weise verstehen, entfernen wir uns m. E. vom Kern der buddhistischen Lehre, die gerade die Möglichkeit der Befreiung und Selbststeuerung in den Mittelpunkt des Welt-Verständnisses und der Erlösungslehre stellt.

Die buddhistische Meisterin und Tiefenökologin Joanna Macy hat in ihrer bahnbrechenden Arbeit zur Verbindung der Systemtheorie lebender Systeme mit dem Buddhismus eindeutig nachgewiesen, dass es in der natürlichen Wirklichkeit keine einseitigen Abhängigkeits-Prozesse gibt. Diese Prozesse sind niemals uni-direktional, das heißt einseitig in eine Richtung gerichtet. Die Wirklichkeit hat bei jedem Prozess immer auch eine Gegenkopplung, das ist die Vernetzung, sie ist bi-direktional, also eine Kopplung in beide Richtungen.

Im Übrigen ist dies auch in der Gehirnforschung als maßgebliche Struktur unseres neuronalen Netzes nachgewiesen: alle elektrischen und biochemischen Informations-Verarbeitungsprozesse im Gehirn sind wechselseitig hoch vernetzt und niemals in eine Richtung gerichtet. Diese intensive Vernetzung macht gerade die hohe Leistungsfähigkeit des Gehirns aus und gilt sowohl für bewusste Prozesse des Geistes als auch für nicht bewusste Prozesse wie z. B. die meisten Steuerungen der Motorik und der körperlichen Intelligenz, z. B. des vegetativen Nervensystems. Sie ist von zentraler Bedeutung für alle Lernprozesse des Menschen. Wer also das Verständnis der Wirklichkeit im Buddhismus als uni-direktionale Abhängigkeit interpretiert, begeht einen Irrtum, das ist nicht die Soheit Buddhas. Damit sind wir zu einem Punkt in unserer Analyse gekommen, der die nicht unerheblichen Gefahren des Begriffes „abhängiges Entstehen“ aufdeckt, denn jede Art von Abhängigkeit und uni-direktionaler Beziehung ist ein Sonderfall im Netz und meist nicht natürlich. Oft ist eine uni-direktionale Verbindung sogar pathologisch, sie würde den buddhistischen Befreiungsprozess erschweren oder verhindern. Durch Abhängigkeit entsteht gerade das Leiden und die Unfreiheit.

Der indische Meister Nâgârjuna bezeichnet in den einführenden Versen zum MMK die zentrale Botschaft der Befreiung und Überwindung der Verwirrung im menschlichen Leben durch Gautama Buddha als pratitya samutpada. Ich habe an anderer Stelle diesen Begriff vertieft analysiert. Nach meinem Verständnis ist in aller Klarheit ausgewiesen, dass die Wirklichkeit der Welt ein rückgekoppelter vernetzter Prozess ist und nicht ein un-direktionaler in eine Richtung gehender Abhängigkeits-Prozess. Das wird heute niemand ernsthaft in Frage stellen. Wenn z. B. im ökologischen System die Vernetzung vernachlässigt wird, wie in der modernen Industrie- und Konsum-Gesellschaft geschehen, ergeben sich dramatische Fehlentwicklungen.

Es gibt keinen Vorgang im psychischen und sozialen Bereich, der in eine Richtung, also uni-direktional gerichtet ist. Selbst wenn ein kluger buddhistischer Lehrer seine Schüler unterrichtet und, wie es etwas veraltet heißt „belehrt“, ist dies immer ein wechselseitiger Lernprozess, bei dem auch der Lehrer die Signale der Schüler aufnimmt und zumindest pädagogisch verwendet, um möglichst überzeugend und prägend zu lehren. Aber in Wirklichkeit lernt er selbst Neues, weil soziale Gruppen von Menschen immer wechselseitiges Entwickeln und Lernen beinhalten. So hat auch Gautama Buddha in seiner über 40-jährigen Lehrtätigkeit immer neue Varianten und Verfeinerungen seiner Lehre erarbeitet, nachdem er die fundamentale Erkenntnis über die Wirklichkeit der Welt, pratitya samutpada, in seinem Erleuchtungserlebnis erkannt hatte und die Methoden der Befreiung des Menschen aus dem Leiden entwickelte, vor allem durch die Vier Edlen Wahrheiten und den Achtfachen Pfad.

Joanna Macy verwendet als Übersetzung den Begriff „mutual casuality“, also etwa wechselseitige Verursachung. Dadurch bringt sie die zentrale Erkenntnis der Systemforschung, nämlich der rückgekoppelten Systeme, in die zeitgemäße buddhistische Lehre ein.

Die Übersetzung von pratitya samutpada muss daher aus heutiger Sicht als wechsel-wirkende Vernetzung oder wechsel-wirkendes Entstehen bezeichnet werden. Maßgeblich ist nicht zuletzt, dass durch diese Wechselwirkung und Rückkopplung erhebliche Kreativitäts-Potentiale entstehen, aktiviert werden und in die vernetzten Systeme eingebracht werden können. Der Nobelpreisträger Gerd Binnig sagt: "Kreativität ist das Ermöglichen von Wechselwirkung" Beim abhängigen Entstehen gibt es keine Wechselwirkung und daher keine oder nur geringe Kreativität, die in das lebende Netz eingehen könnte.

Der bekannte Neurowissenschaftler und Buddhist Francisco Varela, der in engem Kontakt mit dem Dalai Lama stand, hat weitere Fortschritte in der Systemtheorie lebender Systeme in Gang gesetzt. Für ihn ist es außer Frage, dass gerade kreative lebende Systeme, die er autopoetische Systeme nennt, in permanenter Wechselwirkung mit ihrer Umgebung stehen und in sich selbst vernetzt sind und dabei eine gewisse lebende Eigenständigkeit aufweisen, die sich selbst erneuert und fortentwickelt. Diese Architektur wird auch Selbstorganisation genannt.

Damit wird deutlich, dass der Sanskrit-Begriff pratitya samutpada nicht zuletzt das kreative Potential der Menschen und der Lebewesen in Wechselwirkung mit anderen und dem hoch vernetzten Gesamtsystem beinhaltet und nicht auf passive Abhängigkeit ohne Innovation beschränkt ist.

Der Ansatz der Systemtheorie bezieht sich hauptsächlich auf die naturwissenschaftliche Dimension der Realität. Aber auch unser spirituelles Leben widerspricht nicht den naturwissenschaftlichen Gesetzen, wie auch Nishijima Roshi mehrfach betont hat. Dabei geht die Lebens-Dimension des Handelns und der Spiritualität über naturwissenschaftliche Dimensionen hinaus oder anders ausgedrückt: die naturwissenschaftlichen Instrumente sind für die spirituellen Lebensbereiche nicht falsch aber wenig effizient und oft zu eindimensional.

Psychologische und spirituelle Bereiche sind beim Menschen jenseits der Sprache und des rationale Denkens der Natur- und Geisteswissenschaft wirksam. Meister Dôgen beschreibt diesen Zusammenhang in dem fulminanten Kapitel mit dem Titel: „Das Geist kann nicht erfasst werden“. Eine einfache Ja/Nein-Logik, also das exklusive ODER der gängigen Logik, ist ungeeignet, um vernetzte kreative Lebensprozesse zu erkennen und angemessen zu beschreiben. Selbst für die Wechselwirkung der Festkörper-Physik ist eine mathematische Beschreibung nicht vollständig gelungen, rückgekoppelte Systeme entziehen sich weitgehend der Mathematik, da sie zu viele Dimensionen besitzen. Wie auch der Philosoph Heidegger betont, ist es eher in der Dichtung und Kunst möglich, diese Grenzen der Philosophie und Wissenschaft zu überschreiten. Das heißt natürlich keinesfalls, dass wir präzises Denken und die Fähigkeit des menschlichen Logos geringschätzen dürfen, sondern im Gegenteil ausschöpfen und darüber hinaus gehen. Und genau so verstehe ich die zentrale buddhistische Philosophie von pratitya samutpada, also das wechsel-wirksame Entstehen in dieser Welt.


Freitag, 8. August 2014

Buddha erkannte: Der Starke ist am schwächsten allein


(Yudo J. Seggelke mit Elisabeth Steinbrückner )

Gautama Buddha erkannte in seinem Erleuchtungs-Erlebnis, als er den Morgenstern in aller Klarheit erblickte, dass der Kosmos und die Welt ein wunderbares vernetztes Gefüge sind, in dem sich dauernd etwas verändert, sich etwas neu entwickelt und etwas anderes aufhört. Wer das nicht erkennt und erfährt, muss leiden. Buddha hatte vorher mehrere Tage und Nächte in der Natur unter einem Baum meditiert, nicht behindert durch körperliche Askese oder religiöse Ideologien. Er nannte dieses sich dauernd erneuernde, lebende Gefüge pratityata samutpada (in Pali paticca samuppada). Die genaue Bedeutung kann am besten als

Entstehen in Wechselwirkung, Co-Evolution, Co-Entstehen oder auch Kooperation bezeichnet werden.

Seit Joanna Macy ist klar geworden, dass die neue Systemtheorie und die zentralen Aussagen Gautama Buddhas dieselbe Architektur haben, denn es geht um rückgekoppelte, hoch vernetzte Systeme, die sich dauernd ändern und kreativ weiter entwickeln. Nur am Rande sei erwähnt, dass das Gleichgewicht derartiger ökologischer Systeme in große Gefahr geraten ist, seitdem die menschliche industrielle Produktion z. B. chemischer Stoffe, und der Raubbau an natürlichen Ressourcen eine Größenordnung erreicht haben, die den Ökosystemen direkt flächendeckend schadet.

Dadurch können fundamentale Gleichgewichte der vernetzten Systeme zerstört werden, sodass sich katastrophale Kettenreaktionen einstellen, die eventuell durch menschliche Eingriffe nicht mehr gestoppt werden können und zu problematischen Prozessen und Zuständen im ökologischen Netzwerk führen. Solche Zerstörungen sind dann irreversibel!

Der Buddhismus steht heute vor neuen Herauforderungen und seine Kernaussagen müssen eventuell in neuem Licht analysiert werden. Auch der Dalai Lama betont, dass die tibetische buddhistische Lehre aufgrund der Erkenntnisse der modernen Wissenschaft zum Teil bestätigt wird, aber zum Teil auch neu gefasst werden muss. Diesen Ansatz verfolgte auch Francisco Varela, der ein enger Vertrauter des Dalai Lama war und als Neurowissenschaftler tiefe Einblicke in das systemische Verhalten der Lebewesen und Lebensgemeinschaften hatte. Nicht zuletzt beschäftigte er sich mit evolutiven Entwicklungsprozessen in vernetzten Zusammenhängen.

Bevor ich auf zentrale Aussagen des Mahâyâna Buddhismus z. B. von Meister Nâgârjuna und Chandrakirti, der etwa 500 Jahre nach Nâgârjuna lebte, komme, möchte ich das systemische Wirken unsere Welt nach meinem gegenwärtigen Wissensstand kurz beleuchten. Chandrakirtis Verständnis des Mittleren Weges und der Lehre Nâgâjunas waren übrigens wesentliche Grundlage für die weitere Entwicklung des Mahayana, und auch diese Aussagen gehören heute auf den Prüfstand.

Wie können wir nun in wenigen Worten das wechsel-wirkende System der Erde und des Kosmos beschreiben? In diesen Systemen und Teilsystemen gibt es Materielles, wie etwa die chemischen Elemente der Naturwissenschaft oder die Elemente der alten indischen Lehre: Hartes wie Stoffe, Steine und Erde; Flüssiges wie Wasser; Luftartiges wie Gase und weiter Wärme und Energie. Diese Bereiche des Gesamtsystems betrachten wir im Westen als unbelebt, während es eine derartige fundamentale Unterscheidung nach belebt und unbelebt im Buddhismus nicht gibt.

Weitere fundamentale Bereiche des Gesamtsystems sind Pflanzen, Bäume, Blumen, usw., die im Buddhismus auch als lebende nicht empfindende Wesen bezeichnet werden, weil sie keine Empfindungen und Sinnesorgane im üblichen Sinne haben.

Nicht zuletzt gibt es empfindende Lebewesen in einer unglaublichen Vielfalt und Menge, wie zum Beispiel Insekten, Vögel, Säugetiere und natürlich Menschen mit ihren vielfältigen geistigen und künstlerischen Fähigkeiten.

Und die Welt ist voller Ideen, philosophischer und naturwissenschaftlicher Erkenntnisse, Kreativität, Gefühle usw., kurz alles das, was wir als Kultur und Zivilisation bezeichnen.

In dem gewaltigen Netzwerk der Welt wird ethisch und unethisch gehandelt, erfunden und gelernt, das alles hält das Gefüge zusammen.

Es ist spannend sich zu vergegenwärtigen, dass nach heutiger Evolutionsforschung die Farben und das farbliche Sehen auf der Welt erst vor ca. 120 Mio. Jahren co-evolutiv von Pflanzen und Tieren entwickelt wurden. Vorher gab es keine Wahrnehmung für Farben, z. B. in der großen Vielfalt von Blüten, Blättern, Früchten usw..Die für uns normale Fähigkeit der Lebewesen, solche Farben zu erkennen, gab es vorher noch nicht: Es gab keine Farb-empflindlichen Seh-Zellen, keine Augen und keine entsprechenden Gehirnareale zur Verarbeitung farbiger Informationen.

Wie kann man nun ein derartig komplexes lebendes System kennzeichnen, das Gautama Buddha pratitya samutpada nannte? Dabei ist es selbstverständlich, dass wir als Menschen - einzeln und in Gruppen - wesentliche Teile und Akteure dieses Gesamtsystems sind und zum Teil von ihm gesteuert werden und es im Rahmen unserer Möglichkeiten zum Teil selbst steuern. Hierbei müssen wir erwähnen, dass Steuerungen ganz wesentlich mit und durch Informationen ablaufen.

Das Prinzip des genetischen Code der Erbinformationen kannten die indischen Philosophen in der Präzision der heutigen Naturwissenschaft natürlich noch nicht und sie hatten auch kein genaueres Wissen von Informations-Verarbeitungsprozessen im Gehirn und im menschlichen Körper: in Individuen, Gruppen, Kulturen und Völkern. Wie wir seit den 60iger Jahren zuverlässig wissen, sind Informationen für die Bildung und das Fortbestehen sozialer Systeme von zentraler Bedeutung. Gleiches gilt für die Neurobiologie und die Steuerung biologischer Prozesse in Zellen, Organen und Organismen.

Ist es denkbar, dass die großen buddhistischen Philosophen und vor allem Gautama Buddha intuitiv und durch genaue Beobachtung derartige systemische Zusammenhänge erkannt haben? Ich meine ja. Sonst hätte Buddha den Begriff pratitya samutpada für die Beschreibung der Wirklichkeit unserer Welt und unseres Kosmos nicht gewählt.

In der Technik gibt es das System-Modell von Teilen und Ganzem, das oft fälschlich auch für lebende intelligente System verwendet wird: Menschen und Gruppen sind keine Maschinen. Wenn wir uns z. B. eine solche Maschine vorstellen, so besteht sie aus abzählbaren speziellen Teilen, die getrennt hergestellt werden und daher getrennte Einheiten (Entitäten) bilden. Sie werden dann nach der Herstellung so zusammengesetzt, dass sie ein funktionsfähiges Ganzes bilden.

In der buddhistischen Literatur wird in analoger Weise häufig ein Wagen zur Beförderung von Menschen und Dingen genannt, der ebenfalls aus speziell hergestellten zunächst unabhängigen Teilen besteht und so aufgebaut seien, sodass sich ein funktionsfähiges Ganzes ergibt. In einem solchen System gäbe es nach dem erwähnten einfachen System-Modell also abgegrenzte Teile, die für sich allein isoliert bestehen können, und ein funktionsfähiges Ganzes bilden. Nagarjuna hält das für einen schwerwiegenden Irrtum. Warum?

Ein solches Modell  ist für die Beschreibung lebender kommunizierender und sich entwickelnder Systeme, die in Wechselwirkung funktionieren, völlig ungeeignet: Maschinen haben keine Gefühle, keine Spiritualität und keine Buddha-Natur. Ein solches System-Modell ist für Buddhas pratitya samutpada absolut unbrauchbar und führt in die Irre und damit zum Leiden. Denn in lebenden interaktiven Systemen kann kein einziges Teil und keine Einheit für sich allein existieren, sondern es geht immer um Wechselwirkung und den lebenden Austausch. Das hat Gautama Buddha in aller Klarheit erkannt und unermüdlich gelehrt.

Nach diesen Überlegungen können wir die zentralen Aussagen des Mittleren Weges (MMK) von Nâgârjuna besser verstehen: Es sind keine Entitäten in der Welt zu finden, die isoliert, unabhängig von einander und gegen einander abgegrenzt existieren. Solche Entitäten gibt es nicht und sie sind niemals entstanden. Die Wirklichkeit der Welt existiert nur als gesamtes Netzwerk, nach Joanna Macy in mutual causality.

Isolierte unabhängige Entitäten werden im MMK als svabhava bezeichnet, die Übersetzung des Sanskrit-Begriffes ist meist Eigenwesen, kein einfacher Begriff für westliches Denken. Denn derartige isolierte Entitäten, die als Eigenwesen beschrieben werden können, gibt es in der Wirklichkeit unserer Welt niemals und unter keinen Umständen. Daher heißt es im MMK, dass derartige isolierte und unvernetzte Entitäten auch niemals entstanden sind. Die Welt ist vernetzt, isolierte Entitäten sind nur gedacht und vorgestellt, sie existieren aber nicht wirklich.

Damit können wir in einer überwiegend wissenschaftlichen Erklärung den buddhistischen Begriff der Leerheit einführen: alles was im vernetzten evolutiven System der Wirklichkeit, pratitya samutpada, vorhanden ist, hat keine isolierte Eigenexistenz. Leerheit heißt leer von einer unabhängigen isolierten Eigenexistenz und anderen Illusionen und Täuschungen. Denn in der Wirklichkeit ist alles miteinander vernetzt und es gibt keine vollständig abgegrenzten selbstständigen Entitäten.

Vor allem gilt, dass lebende empfindende Wesen wie Tiere und Menschen, und auch nicht empfindende Wesen wie Pflanzen, Bäume, Blumen usw. isoliert nicht leben können. Sie sind immer miteinander in Beziehung und isoliert überhaupt nicht lebensfähig: Sie nehmen Stoffe als Nahrungsmittel auf, atmen den Sauerstoff der Atmosphäre ein und geben andere Ausscheidungsstoffe wieder ab. Diese gelangen in den ökologischen Kreislauf und sind die Grundlage für anderes Leben; z. B. Dünger für Pflanzen.

Soziale Systeme bilden sich nicht zuletzt durch intensive Kommunikation und Austausch von Erfahrungen, seien sie bewusst oder nicht bewusst. Kein Lebewesen kann existieren, wenn es aus dem Zusammenhang und der Interaktion von Stoffen und Informationen herausgerissen wird. In der Gesellschaft bilden sich soziale Teilsysteme vor allem durch die Dichte der internen Kommunikation und die Abgrenzung gegenüber der Umwelt und anderen sozialen Systemen.

Wenn sich menschliche kulturelle Teilsysteme also extrem von der Umwelt isolieren, dass kein Informationsaustausch mehr möglich ist, führt das zum Sterben des Systems. Kein Mensch und kein lebendes System der Welt kann isoliert für sich allein existieren.

Resumé
Es gibt in der hoch vernetzten Wirklichkeit der Welt, in der wir leben, keine isolierten selbstständigen Entitäten. Solche unabhängige Eigenexistenz ist nur ideell gedacht und nicht real vorhanden, sie ist Täuschung. In buddhistischer Sprache heißt das: alle Lebewesen und Dinge sind leer von einer solchen unabhängigen Existenz. Sie sind immer vernetzt und in wechselseitiger Veränderung.


Ein einfaches Beispiel dafür ist die menschliche Sprache: wir erlernen sie als wesentliches Merkmal des Menschseins interaktiv zusammen mit anderen Menschen, vor allem mit den Eltern. Wir wachsen also in eine Sprache hinein, erlernen sie und können sie dann für die Kommunikation im Rahmen ihrer Möglichkeiten verwenden. Sprache ist für die Menschen also ein zentrales Moment der Vernetzung, denn ohne Kommunikation ist menschliches Leben undenkbar. Also noch einmal: Menschen sind als völlig isolierte unabhängige Existenzen nicht lebensfähig und können überhaupt nicht entstehen, sich nicht entwickeln, nicht lernen und ihre Aufgaben und Funktionen in der Gesellschaft nicht wahrnehmen.

Ein isoliertes getrenntes Ich ist eine Fiktion, Täuschung oder Ideologie und entspricht nicht der Wirklichkeit im lebenden Netz. Darüber hinaus: Je egoistischer und egozentrischer ein Mensch ist, desto abhängiger ist er von anderen. Die Aussage „Der Starke ist am stärksten allein“ ist daher blanker Unsinn, denn er ist dem Tode geweiht und nicht lebensfähig, wenn er wirklich allein und isoliert leben will.

Wissen Sie, wer mit dieser Lebensphilosophie des Starken am intensivsten gearbeitet hat? Es war Adolf Hitler: In seinem berüchtigten Bestseller "Mein Kampf" gibt es eigenes Kapitel "Der Starke ist am mächtigsten allein"! Er behauptet z. B. : Auch wird durch eine demokratische Zusammenarbeit "das freie Spiel der Kräfte unterbunden, der Kampf zur Auslese des Besten abgestellt und somit der notwendige und endgültige Sieg des Gesünderen und Stärkeren für immer verhindert". Das ist also der geistige Hintergrund einer Ideologie des Stärkeren. Eine größeren Gegensatz zum Buddhismus kann man sich kaum vorstellen. Und wir haben schmerzhaft erfahren müssen, wohin eine solche "Lehre" führt: Sie ist nicht nur falsch und absurd sondern auch diabolisch und Menschen verachtend. Diese sog. Starken des Faschismus sind nicht nur selbst untergegangen, sondern haben 50 Millionen Menschen mit in den Tod gerissen.

Richtig ist daher der Satz: „Der Starke ist am schwächsten allein“, so schwach, dass er als isolierte Entität sterben muss. der Mensch ist das sozialste Leben der Erde, er kann ohne Empathie und ein Wir nicht leben. Und Einsamkeit ist die Ursache für Leiden. Spirituell und psychisch ist ein angeblich starker Egoist natürlich schon viel früher gestorben, aber mit seinem gequetschten Geist hat er das nicht erkannt. Die anderen wussten mit Sicherheit davon, aber die hat er nicht gefragt.


Ein Buddhist sagt dazu: Das selbst erzeugte Leiden hätte der Egoist sich und anderen ersparen können! Es beruht auf einem fundamentalen Irrtum.