Freitag, 22. August 2014

Buddhistische Grundlagen: Abhängigkeit oder Wechselwirkung?

(Yudo J. Seggelke mit Elisabeth Steinbrückner)
(Zu meinem neuen Buch "Sternstunden des Buddhismus")

Zusammenfassung:
Gautama Buddha, Meister Nagarjuna u. A. verstehen die Wirklichkeit der Welt als ein vernetztes Ganzes, dessen wesentliche Bereiche sind die Lebewesen, also Menschen, Tiere und Pflanzen, und die Materie, also Dinge und Gegenstände. Der treffende Sanskrit-Begriff ist pratitya samutpada; er kann ins Deutsche etwa mit gemeinsames Entstehen in Wechselwirkung übersetzt werden.

Die bislang verwendete Übersetzung abhängiges Entstehen gibt daher die umfassende Bedeutung Buddhas nicht vollständig wieder, weil die Vernetzung und Wechselwirkung der Lebewesen nur unzureichend bezeichnet werden, diese Formulierung ist daher bestenfalls für die Materie geeignet. Das Materielle ist zwar nicht unwichtig, aber nur eine Teil-Wirklichkeit und als solche naturwissenschaftlich und philosophisch interessant.
Im Buddhismus geht es aber vor allem um den Menschen: seine Suche nach der Wahrheit, die Befreiung, das Erwachen oder die Erleuchtung, und die Überwindung des Leidens, gerade nicht nur um Materielles.

Daher sollte der bisher übliche Begriff "abhängiges Entstehen" durch "Entstehen in Wechselwirkung" oder vernetztes Entstehen ersetzt werden. Das ist m. E. keineswegs trivial!

Die Formulierungen abhängiges Entstehen oder bedingtes Entstehen haben bisher zentrale Bedeutung im Buddhismus. Aber sind sie wirklich eine vollständige Übersetzung von pratitya samutpada, der Sanskrit-Formulierung, die Meister Nagajuna als zentrale Lehre Buddhas ansieht, die den Menschen befreit? Ich meine nein und frage mich, warum sie im Buddhismus so häufig verwendet und nicht hinterfragt wird.

Denn wer möchte damals und heute  abhängig sein? Abhängig von einem Menschen, von Geld, von einer Sekte, von einem Guru oder sogar von Drogen, Tabletten oder vom Alkohol. Viele Menschen wissen ganz genau, dass Übergewicht und Bewegungsmangel schädlich für ihre Gesundheit sind und die Lebenserwartung um mehrere Jahre vermindert, aber es fällt ihnen sehr schwer, solche Gewohnheiten zu ändern: auch und gerade das ist Abhängigkeit. Und digitale Abhängigkeit führt besonders bei Kindern zu digitaler Demenz, wie der Gehirnforscher Manfred Spitzer nachweist, das bedeutet für sie später wahrscheinlich Unglück und sozialen Abstieg.

Solche Abhängigkeiten hat Gautama Buddha bei pratitya samutpada sicher nicht gemeint, denn ihm ging es gerade um die Befreiung von derartigen Zwängen, und er lehrte beim Achtfachen Pfad, wie man seine eigene Befreiung erlernt und die obigen Zwänge überwindet. Wer abhängig bleibt, hat keine guten Chancen den buddhistischen Weg der Wahrheit zu gehen, den auch der Zen-Meister Dôgen so eindringlich beschreibt. Was hat Buddha also wirklich gelehrt?

Er hat die zentrale Wahrheit und Wirklichkeit der Welt gefunden: das Entstehen in Wechselwirkung, das Zusammen-Entstehen, in Sanskrit eben pratitya samutpada . Damit wird die wechselseitige Vernetzung des Geschehens in der wirklichen Welt gekennzeichnet und genau diese Vernetzung ist die Realität unseres Lebens, mit der wir fertig werden müssen und die große Chancen zur Verwirklichung unseres wahren Selbst enthält. Die Abhängigkeit von Gier, Hass und Verblendung ist nach Buddha gerade die Ursache des Leidens.

Peter Gäng verwendet im Sutra der Grundlagen der Achtsamkeit dafür den Begriff Anhangen: "Was nun, ihr Mönche, ist die edle Wahrheit vom Leiden?" Die Antwort lautet zusammengefasst: "die fünf Gruppen des Anhangens". Mit den fünf Gruppen sind die Skandas gemeint, die buddhistischen Komponenten des Menschen. Wir leiden also, wenn wir mit unseren Komponenten der Form, des Gefühls, der Wahrnehmung, der formenden Kräfte des Handelns und des Bewusstseins von Gier, Hass und Verblendung bestimmt werden und von ihnen abhängig sind. Die Bedeutungen der Begriffe "Anhangen" und "Abhängigkeit" sind in der Tat ziemlich ähnlich und fast identisch, sie bezeichnen Unfreiheit durch Determination. Der Mensch hat dabei keine reale Chance, sich selbst oder die Umgebung zu steuern.

Hält die Formulierung des abhängigen Entstehens nun einer tiefer gehenden Analyse als Beschreibung der Wirklichkeit stand? Oder basiert sie auf einem stark einfachen Modell der Wirklichkeit? Ist die Übersetzung abhängiges Entstehen für pratitya samutpada noch zeitgemäß, da wir heute viel mehr über Vernetzung, Kreativität und Evolution wissen? Keiner wird heute ernsthaft bestreiten, dass die Welt ein vernetztes Ganzes ist.

Es besteht sicher kein Zweifel, dass sich unsere Welt und wir uns selbst dauernd verändern und dass wir nicht isoliert existieren, sondern uns miteinander in lebendiger Wechselwirkung entwickeln und so maßgeblich ein Leben lang lernen. Ganz isoliert für uns allein, ohne Wechselwirkung und ohne Vernetzung müssen wir sterben, auch ein Starker muss allein zu Grunde gehen.

Im Sanskrit wird eine solche gedachte oder eingebildete Ich-Isolation durch das Wort svabhava charakterisiert und fundamental als Kennzeichnung unserer Wirklichkeit abgelehnt, das ist die Negation einer „isolierten unveränderlichen Eigen-Existenz" des Menschen und aller Gegebenheit der Welt, also einer isolierten Entität: Es gibt in der uns bekannten Welt keine empfindenden Wesen, Menschen und Tiere, nicht-empfindende Wesen, Pflanzen und keine Dinge, die total von einander isoliert sind und aus sich selbst entstanden wären. Eine solche isolierte Eigen-Existenz zu behaupten, führt in die Irre und ist sowohl naturwissenschaftlich als auch logisch und spirituell Unsinn. Und nicht nur das: Eine solche Weltanschauung ist sehr gefährlich, sie ist die Grundlage der Ideologie des Egoismus, der heute leider weit verbreitet ist. Deshalb sagt Meister Nâgârjuna in seinem berühmten Lehrgedicht der Mitte (MMK):

"Es wird nichts gefunden, das nur aus sich selbst entstanden ist."

Entstehungs- und Lern-Prozesse benötigen Zeit, sie sind ohne zeitliche Veränderungen nicht zu realisieren. Aus der einfachen Tatsache, dass es keine unveränderlichen isolierten Entitäten gibt, folgt zwingend, das alles in der Welt zeitabhängig und vernetzt ist, sich also alles mit der Zeit verändert. Sei es, dass etwas entsteht oder dass etwas vergeht. Oder wie wir Menschen häufig empfinden, dass sich etwas zum Besseren oder zum Schlechteren entwickelt. Aber die Aussage, etwas sei schlechter oder besser geworden oder entwickelt sich günstig oder ungünstig, beinhaltet eine menschliche Bewertung und charakterisiert nicht den natürlichen Prozess ohne Bewertung, sei es aus naturwissenschaftlicher oder spiritueller Sicht.

Wenn keine menschlichen Bewertungen einwirken, wird das im Buddhismus als Soheit bezeichnet. Sie ist die unverstellte Wirklichkeit und das Erkenntnis-Ziel des Buddhismus: Dann werden wir nicht von Täuschungen und Illusionen gesteuert und rennen dadurch wahrscheinlich in das eigene Verderben. Das will sicher niemand! Erwachen heißt, dass die Menschen, die Natur und Dinge so gesehen werden wie sie sind: nichts hinzusetzten und nichts weglassen. Die Zen-Meditation, Zazen, heißt auf japanisch in diesem Sinne Shikantaza: "Nichts als sitzen", ohne rotierende Gedanken und Emotionen und damit frei. Eine solche Meditation ist die unmittelbare Erfahrung der Wirklichkeit, sie kann Wunder wirken.

Zu erkennen, dass sich die Wirklichkeit in einem dauernden Lern- und Veränderungs-Prozess befindet, ist eine wesentliche Voraussetzung für die Erkenntnis der Wirklichkeit. Denn wenn man diese lebende Wechsel-Wirkung leugnen oder verdrängen würde, käme man früher oder später in große Probleme und erhebliche Schwierigkeiten. Es macht überhaupt keinen Sinn, die Augen vor Veränderungen zu verschließen, weil diese als Wirklichkeit sich nicht wegdenken, weglächeln oder wegwerfen lassen. Besser ist es, solche Veränderungen in die Lebensplanung und Lebensgestaltung einzubeziehen oder noch besser: sie als wechselseitigen Lernprozesse zu begreifen und aus den Veränderungen eine gute Entwicklung und gute Lebensführung zu gestalten.

Denn wir sind den Bedingungen der Außenwelt und Innenwelt nicht hilflos ausgeliefert, sondern können selbst unseren Lebensweg in wesentlichen Bereichen gestalten und steuern. Dies ist die zentrale Aussage Gautama Buddhas in den Vier Edlen Wahrheiten und dem Achtfachen Pfad: wir können das Leiden durch einen realistischen Lernprozess überwinden. Buddha zeigt darin sehr praktisch den Befreiungsweg aus den verschiedenartigen Leiden wie Kummer, Gram, Verzweiflung usw. auf. Gerade psychische Leiden sind nicht das endgültige Schicksal, das wir erdulden müssen, sondern lassen sich in den wesentlichen Ursachen erkennen, therapeutisch angehen und mithilfe des buddhistischen praktischen Erlösungsweges überwinden. Das ist in der Tat eine gute Botschaft mit großer psychischer und spiritueller Kraft.

Bei unserer Analyse stoßen wir also auf die Wirklichkeit der Veränderung, des Entstehens und Vergehens in vernetzten Zusammenhängen. Wer das leugnet, geht nicht nur an der Wirklichkeit des Lebens und der Welt vorbei, sondern nutzt die tiefgründigen Lehren des Buddhismus nicht.

Ich möchte nun den Begriff der Abhängigkeit in der Formulierung „abhängiges Entstehen“ erneut aufgreifen. Abhängig heißt unfrei zu sein und von angeblich unbeeinflussbaren Bedingungen gesteuert zu werden. Dieser Begriff ist dem des Determinismus sehr ähnlich, also der vollständigen Festlegung unseres Lebens ohne unsere geistige und handelnde Freiheit, ohne Selbststeuerung.

Abhängigkeit und Selbststeuerung schließen sich weitgehend aus, denn wer abhängig ist, wird von anderen und von außen oder von innen durch Gier, Hass und Verblendung gesteuert. Er hat keine eigene Entscheidungsgewalt, er ist ein Spielball der Bedingungen und Einflüsse, von denen er hin- und hergetrieben wird. Es leuchtet ein, dass diese Bedeutung von abhängigem Entstehen im Buddhismus von Gautama Buddha, Nâgârjuna, Dôgen, dem DalaiLama, Nishijima Roshi u. a. wirklich nicht gemeint ist. Derartiges abhängiges Entstehen ist meist ein pathologischer Sonderfall der Wechselwirkung: Wenn wir keine Selbst-Kontrolle haben sind wir unglücklich und müssen leiden. Das wäre auch ein Rückfall in den Geist eines vor-rationalen Zeitalters mit seinen Abhängigkeiten von mythischen Kräften und Mächten, die der Mensch überhaupt nicht beeinflussen kann und denen er total ausgeliefert ist. Wenn wir abhängiges Entstehen auf diese Weise verstehen, entfernen wir uns m. E. vom Kern der buddhistischen Lehre, die gerade die Möglichkeit der Befreiung und Selbststeuerung in den Mittelpunkt des Welt-Verständnisses und der Erlösungslehre stellt.

Die buddhistische Meisterin und Tiefenökologin Joanna Macy hat in ihrer bahnbrechenden Arbeit zur Verbindung der Systemtheorie lebender Systeme mit dem Buddhismus eindeutig nachgewiesen, dass es in der natürlichen Wirklichkeit keine einseitigen Abhängigkeits-Prozesse gibt. Diese Prozesse sind niemals uni-direktional, das heißt einseitig in eine Richtung gerichtet. Die Wirklichkeit hat bei jedem Prozess immer auch eine Gegenkopplung, das ist die Vernetzung, sie ist bi-direktional, also eine Kopplung in beide Richtungen.

Im Übrigen ist dies auch in der Gehirnforschung als maßgebliche Struktur unseres neuronalen Netzes nachgewiesen: alle elektrischen und biochemischen Informations-Verarbeitungsprozesse im Gehirn sind wechselseitig hoch vernetzt und niemals in eine Richtung gerichtet. Diese intensive Vernetzung macht gerade die hohe Leistungsfähigkeit des Gehirns aus und gilt sowohl für bewusste Prozesse des Geistes als auch für nicht bewusste Prozesse wie z. B. die meisten Steuerungen der Motorik und der körperlichen Intelligenz, z. B. des vegetativen Nervensystems. Sie ist von zentraler Bedeutung für alle Lernprozesse des Menschen. Wer also das Verständnis der Wirklichkeit im Buddhismus als uni-direktionale Abhängigkeit interpretiert, begeht einen Irrtum, das ist nicht die Soheit Buddhas. Damit sind wir zu einem Punkt in unserer Analyse gekommen, der die nicht unerheblichen Gefahren des Begriffes „abhängiges Entstehen“ aufdeckt, denn jede Art von Abhängigkeit und uni-direktionaler Beziehung ist ein Sonderfall im Netz und meist nicht natürlich. Oft ist eine uni-direktionale Verbindung sogar pathologisch, sie würde den buddhistischen Befreiungsprozess erschweren oder verhindern. Durch Abhängigkeit entsteht gerade das Leiden und die Unfreiheit.

Der indische Meister Nâgârjuna bezeichnet in den einführenden Versen zum MMK die zentrale Botschaft der Befreiung und Überwindung der Verwirrung im menschlichen Leben durch Gautama Buddha als pratitya samutpada. Ich habe an anderer Stelle diesen Begriff vertieft analysiert. Nach meinem Verständnis ist in aller Klarheit ausgewiesen, dass die Wirklichkeit der Welt ein rückgekoppelter vernetzter Prozess ist und nicht ein un-direktionaler in eine Richtung gehender Abhängigkeits-Prozess. Das wird heute niemand ernsthaft in Frage stellen. Wenn z. B. im ökologischen System die Vernetzung vernachlässigt wird, wie in der modernen Industrie- und Konsum-Gesellschaft geschehen, ergeben sich dramatische Fehlentwicklungen.

Es gibt keinen Vorgang im psychischen und sozialen Bereich, der in eine Richtung, also uni-direktional gerichtet ist. Selbst wenn ein kluger buddhistischer Lehrer seine Schüler unterrichtet und, wie es etwas veraltet heißt „belehrt“, ist dies immer ein wechselseitiger Lernprozess, bei dem auch der Lehrer die Signale der Schüler aufnimmt und zumindest pädagogisch verwendet, um möglichst überzeugend und prägend zu lehren. Aber in Wirklichkeit lernt er selbst Neues, weil soziale Gruppen von Menschen immer wechselseitiges Entwickeln und Lernen beinhalten. So hat auch Gautama Buddha in seiner über 40-jährigen Lehrtätigkeit immer neue Varianten und Verfeinerungen seiner Lehre erarbeitet, nachdem er die fundamentale Erkenntnis über die Wirklichkeit der Welt, pratitya samutpada, in seinem Erleuchtungserlebnis erkannt hatte und die Methoden der Befreiung des Menschen aus dem Leiden entwickelte, vor allem durch die Vier Edlen Wahrheiten und den Achtfachen Pfad.

Joanna Macy verwendet als Übersetzung den Begriff „mutual casuality“, also etwa wechselseitige Verursachung. Dadurch bringt sie die zentrale Erkenntnis der Systemforschung, nämlich der rückgekoppelten Systeme, in die zeitgemäße buddhistische Lehre ein.

Die Übersetzung von pratitya samutpada muss daher aus heutiger Sicht als wechsel-wirkende Vernetzung oder wechsel-wirkendes Entstehen bezeichnet werden. Maßgeblich ist nicht zuletzt, dass durch diese Wechselwirkung und Rückkopplung erhebliche Kreativitäts-Potentiale entstehen, aktiviert werden und in die vernetzten Systeme eingebracht werden können. Der Nobelpreisträger Gerd Binnig sagt: "Kreativität ist das Ermöglichen von Wechselwirkung" Beim abhängigen Entstehen gibt es keine Wechselwirkung und daher keine oder nur geringe Kreativität, die in das lebende Netz eingehen könnte.

Der bekannte Neurowissenschaftler und Buddhist Francisco Varela, der in engem Kontakt mit dem Dalai Lama stand, hat weitere Fortschritte in der Systemtheorie lebender Systeme in Gang gesetzt. Für ihn ist es außer Frage, dass gerade kreative lebende Systeme, die er autopoetische Systeme nennt, in permanenter Wechselwirkung mit ihrer Umgebung stehen und in sich selbst vernetzt sind und dabei eine gewisse lebende Eigenständigkeit aufweisen, die sich selbst erneuert und fortentwickelt. Diese Architektur wird auch Selbstorganisation genannt.

Damit wird deutlich, dass der Sanskrit-Begriff pratitya samutpada nicht zuletzt das kreative Potential der Menschen und der Lebewesen in Wechselwirkung mit anderen und dem hoch vernetzten Gesamtsystem beinhaltet und nicht auf passive Abhängigkeit ohne Innovation beschränkt ist.

Der Ansatz der Systemtheorie bezieht sich hauptsächlich auf die naturwissenschaftliche Dimension der Realität. Aber auch unser spirituelles Leben widerspricht nicht den naturwissenschaftlichen Gesetzen, wie auch Nishijima Roshi mehrfach betont hat. Dabei geht die Lebens-Dimension des Handelns und der Spiritualität über naturwissenschaftliche Dimensionen hinaus oder anders ausgedrückt: die naturwissenschaftlichen Instrumente sind für die spirituellen Lebensbereiche nicht falsch aber wenig effizient und oft zu eindimensional.

Psychologische und spirituelle Bereiche sind beim Menschen jenseits der Sprache und des rationale Denkens der Natur- und Geisteswissenschaft wirksam. Meister Dôgen beschreibt diesen Zusammenhang in dem fulminanten Kapitel mit dem Titel: „Das Geist kann nicht erfasst werden“. Eine einfache Ja/Nein-Logik, also das exklusive ODER der gängigen Logik, ist ungeeignet, um vernetzte kreative Lebensprozesse zu erkennen und angemessen zu beschreiben. Selbst für die Wechselwirkung der Festkörper-Physik ist eine mathematische Beschreibung nicht vollständig gelungen, rückgekoppelte Systeme entziehen sich weitgehend der Mathematik, da sie zu viele Dimensionen besitzen. Wie auch der Philosoph Heidegger betont, ist es eher in der Dichtung und Kunst möglich, diese Grenzen der Philosophie und Wissenschaft zu überschreiten. Das heißt natürlich keinesfalls, dass wir präzises Denken und die Fähigkeit des menschlichen Logos geringschätzen dürfen, sondern im Gegenteil ausschöpfen und darüber hinaus gehen. Und genau so verstehe ich die zentrale buddhistische Philosophie von pratitya samutpada, also das wechsel-wirksame Entstehen in dieser Welt.


Freitag, 8. August 2014

Buddha erkannte: Der Starke ist am schwächsten allein


(Yudo J. Seggelke mit Elisabeth Steinbrückner )

Gautama Buddha erkannte in seinem Erleuchtungs-Erlebnis, als er den Morgenstern in aller Klarheit erblickte, dass der Kosmos und die Welt ein wunderbares vernetztes Gefüge sind, in dem sich dauernd etwas verändert, sich etwas neu entwickelt und etwas anderes aufhört. Wer das nicht erkennt und erfährt, muss leiden. Buddha hatte vorher mehrere Tage und Nächte in der Natur unter einem Baum meditiert, nicht behindert durch körperliche Askese oder religiöse Ideologien. Er nannte dieses sich dauernd erneuernde, lebende Gefüge pratityata samutpada (in Pali paticca samuppada). Die genaue Bedeutung kann am besten als

Entstehen in Wechselwirkung, Co-Evolution, Co-Entstehen oder auch Kooperation bezeichnet werden.

Seit Joanna Macy ist klar geworden, dass die neue Systemtheorie und die zentralen Aussagen Gautama Buddhas dieselbe Architektur haben, denn es geht um rückgekoppelte, hoch vernetzte Systeme, die sich dauernd ändern und kreativ weiter entwickeln. Nur am Rande sei erwähnt, dass das Gleichgewicht derartiger ökologischer Systeme in große Gefahr geraten ist, seitdem die menschliche industrielle Produktion z. B. chemischer Stoffe, und der Raubbau an natürlichen Ressourcen eine Größenordnung erreicht haben, die den Ökosystemen direkt flächendeckend schadet.

Dadurch können fundamentale Gleichgewichte der vernetzten Systeme zerstört werden, sodass sich katastrophale Kettenreaktionen einstellen, die eventuell durch menschliche Eingriffe nicht mehr gestoppt werden können und zu problematischen Prozessen und Zuständen im ökologischen Netzwerk führen. Solche Zerstörungen sind dann irreversibel!

Der Buddhismus steht heute vor neuen Herauforderungen und seine Kernaussagen müssen eventuell in neuem Licht analysiert werden. Auch der Dalai Lama betont, dass die tibetische buddhistische Lehre aufgrund der Erkenntnisse der modernen Wissenschaft zum Teil bestätigt wird, aber zum Teil auch neu gefasst werden muss. Diesen Ansatz verfolgte auch Francisco Varela, der ein enger Vertrauter des Dalai Lama war und als Neurowissenschaftler tiefe Einblicke in das systemische Verhalten der Lebewesen und Lebensgemeinschaften hatte. Nicht zuletzt beschäftigte er sich mit evolutiven Entwicklungsprozessen in vernetzten Zusammenhängen.

Bevor ich auf zentrale Aussagen des Mahâyâna Buddhismus z. B. von Meister Nâgârjuna und Chandrakirti, der etwa 500 Jahre nach Nâgârjuna lebte, komme, möchte ich das systemische Wirken unsere Welt nach meinem gegenwärtigen Wissensstand kurz beleuchten. Chandrakirtis Verständnis des Mittleren Weges und der Lehre Nâgâjunas waren übrigens wesentliche Grundlage für die weitere Entwicklung des Mahayana, und auch diese Aussagen gehören heute auf den Prüfstand.

Wie können wir nun in wenigen Worten das wechsel-wirkende System der Erde und des Kosmos beschreiben? In diesen Systemen und Teilsystemen gibt es Materielles, wie etwa die chemischen Elemente der Naturwissenschaft oder die Elemente der alten indischen Lehre: Hartes wie Stoffe, Steine und Erde; Flüssiges wie Wasser; Luftartiges wie Gase und weiter Wärme und Energie. Diese Bereiche des Gesamtsystems betrachten wir im Westen als unbelebt, während es eine derartige fundamentale Unterscheidung nach belebt und unbelebt im Buddhismus nicht gibt.

Weitere fundamentale Bereiche des Gesamtsystems sind Pflanzen, Bäume, Blumen, usw., die im Buddhismus auch als lebende nicht empfindende Wesen bezeichnet werden, weil sie keine Empfindungen und Sinnesorgane im üblichen Sinne haben.

Nicht zuletzt gibt es empfindende Lebewesen in einer unglaublichen Vielfalt und Menge, wie zum Beispiel Insekten, Vögel, Säugetiere und natürlich Menschen mit ihren vielfältigen geistigen und künstlerischen Fähigkeiten.

Und die Welt ist voller Ideen, philosophischer und naturwissenschaftlicher Erkenntnisse, Kreativität, Gefühle usw., kurz alles das, was wir als Kultur und Zivilisation bezeichnen.

In dem gewaltigen Netzwerk der Welt wird ethisch und unethisch gehandelt, erfunden und gelernt, das alles hält das Gefüge zusammen.

Es ist spannend sich zu vergegenwärtigen, dass nach heutiger Evolutionsforschung die Farben und das farbliche Sehen auf der Welt erst vor ca. 120 Mio. Jahren co-evolutiv von Pflanzen und Tieren entwickelt wurden. Vorher gab es keine Wahrnehmung für Farben, z. B. in der großen Vielfalt von Blüten, Blättern, Früchten usw..Die für uns normale Fähigkeit der Lebewesen, solche Farben zu erkennen, gab es vorher noch nicht: Es gab keine Farb-empflindlichen Seh-Zellen, keine Augen und keine entsprechenden Gehirnareale zur Verarbeitung farbiger Informationen.

Wie kann man nun ein derartig komplexes lebendes System kennzeichnen, das Gautama Buddha pratitya samutpada nannte? Dabei ist es selbstverständlich, dass wir als Menschen - einzeln und in Gruppen - wesentliche Teile und Akteure dieses Gesamtsystems sind und zum Teil von ihm gesteuert werden und es im Rahmen unserer Möglichkeiten zum Teil selbst steuern. Hierbei müssen wir erwähnen, dass Steuerungen ganz wesentlich mit und durch Informationen ablaufen.

Das Prinzip des genetischen Code der Erbinformationen kannten die indischen Philosophen in der Präzision der heutigen Naturwissenschaft natürlich noch nicht und sie hatten auch kein genaueres Wissen von Informations-Verarbeitungsprozessen im Gehirn und im menschlichen Körper: in Individuen, Gruppen, Kulturen und Völkern. Wie wir seit den 60iger Jahren zuverlässig wissen, sind Informationen für die Bildung und das Fortbestehen sozialer Systeme von zentraler Bedeutung. Gleiches gilt für die Neurobiologie und die Steuerung biologischer Prozesse in Zellen, Organen und Organismen.

Ist es denkbar, dass die großen buddhistischen Philosophen und vor allem Gautama Buddha intuitiv und durch genaue Beobachtung derartige systemische Zusammenhänge erkannt haben? Ich meine ja. Sonst hätte Buddha den Begriff pratitya samutpada für die Beschreibung der Wirklichkeit unserer Welt und unseres Kosmos nicht gewählt.

In der Technik gibt es das System-Modell von Teilen und Ganzem, das oft fälschlich auch für lebende intelligente System verwendet wird: Menschen und Gruppen sind keine Maschinen. Wenn wir uns z. B. eine solche Maschine vorstellen, so besteht sie aus abzählbaren speziellen Teilen, die getrennt hergestellt werden und daher getrennte Einheiten (Entitäten) bilden. Sie werden dann nach der Herstellung so zusammengesetzt, dass sie ein funktionsfähiges Ganzes bilden.

In der buddhistischen Literatur wird in analoger Weise häufig ein Wagen zur Beförderung von Menschen und Dingen genannt, der ebenfalls aus speziell hergestellten zunächst unabhängigen Teilen besteht und so aufgebaut seien, sodass sich ein funktionsfähiges Ganzes ergibt. In einem solchen System gäbe es nach dem erwähnten einfachen System-Modell also abgegrenzte Teile, die für sich allein isoliert bestehen können, und ein funktionsfähiges Ganzes bilden. Nagarjuna hält das für einen schwerwiegenden Irrtum. Warum?

Ein solches Modell  ist für die Beschreibung lebender kommunizierender und sich entwickelnder Systeme, die in Wechselwirkung funktionieren, völlig ungeeignet: Maschinen haben keine Gefühle, keine Spiritualität und keine Buddha-Natur. Ein solches System-Modell ist für Buddhas pratitya samutpada absolut unbrauchbar und führt in die Irre und damit zum Leiden. Denn in lebenden interaktiven Systemen kann kein einziges Teil und keine Einheit für sich allein existieren, sondern es geht immer um Wechselwirkung und den lebenden Austausch. Das hat Gautama Buddha in aller Klarheit erkannt und unermüdlich gelehrt.

Nach diesen Überlegungen können wir die zentralen Aussagen des Mittleren Weges (MMK) von Nâgârjuna besser verstehen: Es sind keine Entitäten in der Welt zu finden, die isoliert, unabhängig von einander und gegen einander abgegrenzt existieren. Solche Entitäten gibt es nicht und sie sind niemals entstanden. Die Wirklichkeit der Welt existiert nur als gesamtes Netzwerk, nach Joanna Macy in mutual causality.

Isolierte unabhängige Entitäten werden im MMK als svabhava bezeichnet, die Übersetzung des Sanskrit-Begriffes ist meist Eigenwesen, kein einfacher Begriff für westliches Denken. Denn derartige isolierte Entitäten, die als Eigenwesen beschrieben werden können, gibt es in der Wirklichkeit unserer Welt niemals und unter keinen Umständen. Daher heißt es im MMK, dass derartige isolierte und unvernetzte Entitäten auch niemals entstanden sind. Die Welt ist vernetzt, isolierte Entitäten sind nur gedacht und vorgestellt, sie existieren aber nicht wirklich.

Damit können wir in einer überwiegend wissenschaftlichen Erklärung den buddhistischen Begriff der Leerheit einführen: alles was im vernetzten evolutiven System der Wirklichkeit, pratitya samutpada, vorhanden ist, hat keine isolierte Eigenexistenz. Leerheit heißt leer von einer unabhängigen isolierten Eigenexistenz und anderen Illusionen und Täuschungen. Denn in der Wirklichkeit ist alles miteinander vernetzt und es gibt keine vollständig abgegrenzten selbstständigen Entitäten.

Vor allem gilt, dass lebende empfindende Wesen wie Tiere und Menschen, und auch nicht empfindende Wesen wie Pflanzen, Bäume, Blumen usw. isoliert nicht leben können. Sie sind immer miteinander in Beziehung und isoliert überhaupt nicht lebensfähig: Sie nehmen Stoffe als Nahrungsmittel auf, atmen den Sauerstoff der Atmosphäre ein und geben andere Ausscheidungsstoffe wieder ab. Diese gelangen in den ökologischen Kreislauf und sind die Grundlage für anderes Leben; z. B. Dünger für Pflanzen.

Soziale Systeme bilden sich nicht zuletzt durch intensive Kommunikation und Austausch von Erfahrungen, seien sie bewusst oder nicht bewusst. Kein Lebewesen kann existieren, wenn es aus dem Zusammenhang und der Interaktion von Stoffen und Informationen herausgerissen wird. In der Gesellschaft bilden sich soziale Teilsysteme vor allem durch die Dichte der internen Kommunikation und die Abgrenzung gegenüber der Umwelt und anderen sozialen Systemen.

Wenn sich menschliche kulturelle Teilsysteme also extrem von der Umwelt isolieren, dass kein Informationsaustausch mehr möglich ist, führt das zum Sterben des Systems. Kein Mensch und kein lebendes System der Welt kann isoliert für sich allein existieren.

Resumé
Es gibt in der hoch vernetzten Wirklichkeit der Welt, in der wir leben, keine isolierten selbstständigen Entitäten. Solche unabhängige Eigenexistenz ist nur ideell gedacht und nicht real vorhanden, sie ist Täuschung. In buddhistischer Sprache heißt das: alle Lebewesen und Dinge sind leer von einer solchen unabhängigen Existenz. Sie sind immer vernetzt und in wechselseitiger Veränderung.


Ein einfaches Beispiel dafür ist die menschliche Sprache: wir erlernen sie als wesentliches Merkmal des Menschseins interaktiv zusammen mit anderen Menschen, vor allem mit den Eltern. Wir wachsen also in eine Sprache hinein, erlernen sie und können sie dann für die Kommunikation im Rahmen ihrer Möglichkeiten verwenden. Sprache ist für die Menschen also ein zentrales Moment der Vernetzung, denn ohne Kommunikation ist menschliches Leben undenkbar. Also noch einmal: Menschen sind als völlig isolierte unabhängige Existenzen nicht lebensfähig und können überhaupt nicht entstehen, sich nicht entwickeln, nicht lernen und ihre Aufgaben und Funktionen in der Gesellschaft nicht wahrnehmen.

Ein isoliertes getrenntes Ich ist eine Fiktion, Täuschung oder Ideologie und entspricht nicht der Wirklichkeit im lebenden Netz. Darüber hinaus: Je egoistischer und egozentrischer ein Mensch ist, desto abhängiger ist er von anderen. Die Aussage „Der Starke ist am stärksten allein“ ist daher blanker Unsinn, denn er ist dem Tode geweiht und nicht lebensfähig, wenn er wirklich allein und isoliert leben will.

Wissen Sie, wer mit dieser Lebensphilosophie des Starken am intensivsten gearbeitet hat? Es war Adolf Hitler: In seinem berüchtigten Bestseller "Mein Kampf" gibt es eigenes Kapitel "Der Starke ist am mächtigsten allein"! Er behauptet z. B. : Auch wird durch eine demokratische Zusammenarbeit "das freie Spiel der Kräfte unterbunden, der Kampf zur Auslese des Besten abgestellt und somit der notwendige und endgültige Sieg des Gesünderen und Stärkeren für immer verhindert". Das ist also der geistige Hintergrund einer Ideologie des Stärkeren. Eine größeren Gegensatz zum Buddhismus kann man sich kaum vorstellen. Und wir haben schmerzhaft erfahren müssen, wohin eine solche "Lehre" führt: Sie ist nicht nur falsch und absurd sondern auch diabolisch und Menschen verachtend. Diese sog. Starken des Faschismus sind nicht nur selbst untergegangen, sondern haben 50 Millionen Menschen mit in den Tod gerissen.

Richtig ist daher der Satz: „Der Starke ist am schwächsten allein“, so schwach, dass er als isolierte Entität sterben muss. der Mensch ist das sozialste Leben der Erde, er kann ohne Empathie und ein Wir nicht leben. Und Einsamkeit ist die Ursache für Leiden. Spirituell und psychisch ist ein angeblich starker Egoist natürlich schon viel früher gestorben, aber mit seinem gequetschten Geist hat er das nicht erkannt. Die anderen wussten mit Sicherheit davon, aber die hat er nicht gefragt.


Ein Buddhist sagt dazu: Das selbst erzeugte Leiden hätte der Egoist sich und anderen ersparen können! Es beruht auf einem fundamentalen Irrtum.

Donnerstag, 24. Juli 2014

Interreligiöser Dialog: Franziskus und der Wirsingkohl, ein Koan?

(Yudo J. Seggelke)

In dem kleinen Kloster und der Einsiedelei Montecasale nördlich von Assisi hielt sich Franziskus in den Jahren 1212 bis 1225 häufig auf. Dieses kleine Kloster hat sich seit über 800 Jahre kaum verändert und gibt uns auch heute die tiefe Ruhe und Klarheit eines ganz besonderen spirituellen Ortes. Ich habe nur wenige derartige Orte in Europa, Asien und Amerika erlebt.

Es gibt viele Legenden und Anekdoten über Franziskus: seine Wundertaten, Kranke zu heilen und drei eingefleischte Räuber zur totalen Änderung ihres Lebens gebracht zu haben, sodass sie in den Orden der Franziskaner aufgenommen wurden. Zwei ihrer Schädel werden noch heute im kleinen Kloster Montecasale aufbewahrt und gezeigt.

Es gibt außerdem eine sehr eigenartige Geschichte von Franziskus, die m. E. recht authentisch vom Bruder Bartholomäus von Pisa beschrieben wurde, deren Deutung und Erklärung bis heute weitgehend geheimnisvoll bleibt: Franziskus pflanzt den Wirsingkohl falsch herum mit den Wurzeln nach oben ein und fordert zwei junge Männer auf, dies genau so zu tun.

In dem kleinen Büchlein der Einsiedelei Montecasale heißt es, dass dies eine Geschichte sei, "die nicht unbedingt bezeichnend ist für die Persönlichkeit des Heiligen Franziskus“. An anderer Stelle wird von "Volksglauben" gesprochen, damit ist wohl eine religiöse Abwertung gemeint. Beides erscheint mir wenig überzeugend. Aber was steckt bei Franziskus dahinter, was wollte er uns damit sagen? Nur ein einfältiger Volksglauben? Oder blinder Gehorsam? Sicher nicht!

Ich war von Anfang an von dieser Geschichte fasziniert und bin der festen Meinung, dass sie eine Seite des Franziskus aufdeckt, die bislang nicht oder nur unzureichend herausgearbeitet wurde, weil sie zu dem bald nach seinem Tode einsetzenden legendenhaften Leben weniger passte, das nur die Unterwerfung, den Gehorsam und die Buße nannte. Aber zunächst die seltsame Geschichte (nach dem Büchlein: "Die Einsiedelei von Montecasale"):

„Einmal kamen zwei junge Männer zum Heiligen Franziskus und baten ihn um die Aufnahme in den Orden. Der selige Franziskus wollte sie auf die Probe stellen, ob sie wirklich gehorsam und bereit seien, den eigenen Willen zu verleugnen. Er führte sie in den Garten und sagte, ´kommt wir wollen Kohl pflanzen und was ihr mich tun seht, das sollt ihr genauso machen´.“ Nach der Geschichte pflanzte er die Kohlpflanzen jedoch so ein, dass die Blätter unten in der Erde waren und die Wurzeln nach oben in den Himmel standen.

Einer der jungen Männer pflanzte den Kohl genauso wie Franziskus es vorgemacht hatte, während der andere sagte: „Nicht so pflanzt man Kohl, Vater, sondern umgekehrt.“ Er war auch nach der wiederholten Bitte des Franziskus nicht bereit, den Kohl falsch herum einzupflanzen. Franziskus sagte daraufhin zu ihm: „Brüderchen, ich sehe, dass du ein großer Meister bist. Geh deinen Weg, denn für meinen Orden bist du nicht geeignet.“ Im Gegensatz dazu nahm er den anderen jungen Mann auf. In dem kleinen Büchlein heißt es, dass auch heute noch im Garten von Montecasale Kohl gepflegt wird, weil die Besucher immer wieder danach fragen. Ich habe ihn dort selbst im Terrassen-Garten gesehen.

Bei den Geschichten und Legenden um Franziskus ist diese Überlieferung zum falschen Pflanzen des Wirsingkohls eine spannende Ausnahme. Die bisherigen Erklärungen erscheinen mir widersprüchlich, denn Franziskus bezeichnet den zweiten jungen Mann, der ihm nicht gehorchte, als großen Meister. Allerdings hielt er ihn nicht für geeignet, um in seinem Orden zu leben. Es gibt keine Andeutung, dass er dessen Ungehorsam kritisierte, ihn nicht wertschätzte und ihn deswegen nicht aufnahm.

Nach meiner Ansicht ähnelt diese bislang nicht zufriedenstellend gedeutete Geschichte einem Zen-Kôan: unser fälschlich fixierter Verstand wird durch eine Kôan-Geschichte in die Enge getrieben und kann das scheinbare Paradox nicht lösen. Wir müssen aus unserem hergebrachten zu engen Denken herausspringen, um den Sinn eines Kôans zu erfassen und zu verwirklichen. Durch die zweiwertige Logik des naiven Denkens im Rahmen des scheinbar vorgegebenen Kôans ist das nicht möglich: ein fundamentaler Paradigmenwechsel muss die Lösung bringen. Die Kôans des Zen treffen im übrigen die Kern-Wahrheiten des Buddhismus.

Ich deute diese eigenartige Geschichte wie folgt: Für ein spirituelles Leben ist es notwendig, neue Wurzeln zu entwickeln, die über das materielle Erdgebundene hinausgehen. Oft ist es sogar erforderlich, dass die materiellen Wurzeln, die uns an Dinge wie Besitz und Eigentum fesseln, zuerst vertrocknen müssen, damit sich die Wurzeln der Spiritualität, des Himmels, die neues Leben bringen, überhaupt entwickeln können.

Es ging Franziskus daher weniger darum, blinden Gehorsam bei den jungen Männern durchzusetzen und daran zu prüfen, ob jemand für seinen Orden geeignet ist, sondern vielmehr darum, ob er in der Lage ist, in neue spirituelle Bereiche hineinzuwachsen und dort seine neue Nahrung zu finden. Ob der erste junge Mann der Geschichte dies intuitiv verstanden hat, wird nicht berichtet. Ich vermute allerdings, dass er mehr als nur den blinden Gehorsam des Mittelalters gegenüber Hierarchien und Obrigkeiten einbrachte.

Er erkannte wahrscheinlich spontan und intuitiv in aller Klarheit den tiefen Sinn des Handelns von Franziskus. Ihm wurde schlagartig klar, dass dies die Aufgabe seines eigenen Lebens sei. Ich möchte noch hinzufügen, dass die Einsiedelei Montecasale selbst hoch über der Ebene des Tiber, auf dem Ausläufer des Apennin gelegen und selbst schon dem Himmel nahe ist, wie es Franziskus so sehr liebte.

Nun aber zu dem zweiten jungen Mann: Franziskus kritisiert ihn nicht und wirft ihm nicht vor, dass er ungehorsam sei. Sondern im Gegenteil er achtet ihn, nennt ihn Meister und sagt damit, dass seine Aufgabe im Leben eine andere sei, als im Kloster zu leben. Da der zweite junge Mann ein unabhängiger, pragmatisch denkender Mensch war, wusste er, dass Kohl nur gedeiht, wenn er materiell in der fruchtbaren Erde wurzelt. Nur dann kann Wirsingkohl gedeihen und als wertvolle Nahrung für die Menschen dienen. Solche gesunde und ausreichende Nahrung war vor allem damals von großer Bedeutung, weil immer wieder furchtbare Hungersnöte über die armen Menschen hereinbrachen.

Indem er beide jungen Männer für ihre jeweiligen Lebensaufgaben achtete, wollte er m. E. das Prinzip der Zusammenarbeit und Kooperation von spirituellen und praktischen Bereichen des Lebens ausdrücken. Nur im Gleichgewicht und in der Harmonie dieser beiden zentralen Lebensbereiche kann es zur Weiterentwicklung der Menschen und der sozialen Gemeinschaften kommen. Vielleicht hatte er erkannt, dass die einseitige und oft dogmatisierte Religiosität der damaligen Zeit, die die körperlichen und materiellen Bereiche des Lebens vernachlässigt hatte, für das Wohl der Menschen gefährlich war. Er setzte dagegen seine aufrichtige tiefe Spiritualität und das pragmatische Handeln im Alltag.

Er erkannte m. E., dass es in Zukunft kluge und tatkräftige Menschen brauchte, um genügend Nahrung zu erzeugen und darüber hinaus andere materielle Hilfen für das Leben zu entwickeln. In der Tat begann sich mit dem Ende des Mittelalters und dem Beginn der Renaissance die Naturwissenschaft, Medizin und Technik fast explosionsartig zu entwickeln, die gerade in Italien z. B. durch Galilei ihre wesentlichen Wurzeln hatten.

Diese Geschichte lässt sich mit blindem Gehorsam nicht erklären: Das scheinbar paradoxe Verhalten des Franziskus bleibt unverständlich, wenn man allein konkretistisch denkt und meint, dass eine Kohlpflanze vertrocknet, wenn man sie mit den Wurzeln nach oben einpflanzt. Mir zeigt die Geschichte, dass Franziskus ein viel umfassenderer Mensch war, als oft dargestellt, der sich nicht allein durch blinden Gehorsam, Unterwerfung und Demut gegenüber jeder Autorität beschreiben lässt.

Außerdem dürfen wir nicht vergessen, dass die damalige religiöse Oberschicht sich moralisch auf einen Tiefpunkt zu bewegte; dann ist Gehorsam sicher nicht immer richtig. Auch die hygienischen Verhältnisse mit der Folge furchtbarer Krankheiten und Seuchen zeugen von geringem körperlichen Realismus und waren Ursachen großen Leidens. Franziskus suchte die Harmonie und das Gleichgewicht zwischen spiritueller und konkret materieller Lebensweise. Er hat m. E. durchaus Ähnlichkeiten mit einem Zen-Meister. Dabei ist übrigens spannend, dass er ein Zeitgenosse von Meister Dôgen war, der wie Franziskus sicher einer der größten Menschen der Weltkultur ist.


Dagegen leben wir heute in einem überwiegend materialistischen Zeitalter: Wir müssen daher unsere materiellen Wurzen zum Teil vertrocknen lassen und die spirituellen zum Wachsen bringen: das ist die Botschaft des kleinen Klosters Montecasale, das Franziskus so sehr liebte.

Sonntag, 6. Juli 2014

Buddhas Kosmos: Ein wunderbares kreatives und lebendes Netzwerk

(Yudo J. Seggelke mit Elisabeth Steinbrückner)

Zusammenfassung:
Die Übersetzungen von pratitya samutpada mit "abhängiges Entstehen" oder "bedingtes Entstehen" sind m. E. eine erhebliche Verengung der Lehre Gautama Buddhas, weil sie nur Sonderfälle des Entstehens in unserer Welt und unserem Lebens benennen. Sie betreffen uni-direktionale (Joanna Macy) und deterministische Veränderungen. In unserem Leben geht es aber gerade um die Befreiung von quälenden Abhängigkeiten und unnötigen fixierenden Bedingungen des Leidens: Das ist der buddhistische Befreiungsweg der Vier Edlen Wahrheiten und des Achtfachen Pfades im lebenden großartigen Netz der Wirklichkeit: Ein Netzwerk, für das wir heute Lebenden die Verantwortung tragen, damit auch zukünftige Generationen auf der Erde sinnvoll leben können.
Abhängigkeiten verhindern kreatives gemeinsames Entstehen, Lernen und Befreiung, sie müssen daher überwunden werden.


Nach der Beendigung der harten Askese, die Gautama Buddha nicht zum angestrebten Erwachen und zur Befreiung geführt hatte, meditierte er im Freien und versuchte ohne besondere Willensanstrengung einfach da zu sein: als Teil der Natur im Kosmos zu leben. Es wird berichtet, dass er nach sieben Tagen beim Anblick des Morgensterns das große Erwachen erlebte, das in die Menschheitsgeschichte eingehen sollte und m. E. ein Wendepunkt zur Humanität ist.

Was erkannte Gautama bei seinem Erwachen, tief und unmissverständlich? Was ist der Kern seiner Philosophie, auf die er die Vier Edlen Wahrheiten und den Achtfachen Pfad zur Überwindung des Leidens gründete?

Nach meinem Verständnis wurde ihm existentiell und direkt die Wirklichkeit des Kosmos, des Universums und der Welt klar: ein vernetztes sich dauernd wandelndes und entwickelndes Ganzes, in dem wir leben. Wir würden heute sagen (vgl. Joanna Macy, Francisco J. Varela): ein hoch vernetztes System, das sich laufend entwickelt und verändert, bei dem die Lebewesen und die ´unbelebte Natur´ in unauflösbarer Wechselwirkung sich gegenseitig Leben geben und alles von einer niemals ganz erfassbaren dynamischen Kreativität geleitet wird: ein unglaubliches Wunderwerk der Wirklichkeit. Es handelt sich also um ein sich selbst steuerndes System, ein System dessen Typik die Selbststeuerung ist. 

Diese Wirklichkeit des Kosmos, der Welt und des Lebens nannte Buddha pratitya samutpada. Was bedeutet diese Sanskrit-Formulierung genau? In den buddhistischen Schriften wird dieser Begriff häufig mit "abhängiges Entstehen" übersetzt, der meines Erachtens jedoch nur einen Sonderfall betrifft und daher zu kurz greift: die dynamische Kreativität des Ganzen ist viel mehr als eine uni-direktionale Abhängigkeit (Joanna Macy). Schauen wir uns die Bedeutung dieser Sanskrit-Begriffe einmal genauer an.

Das Wort samutpada setzt sich aus utpada, das Entstehen und sich Verändern heißt, und der Vorsilbe sam, die  zusammen bedeutet. Samutpada heißt daher "zusammen entstehen". Es geht dabei um vernetztes Enstehen also insbesondere um eine Weiter- und Aufwärts-Entwicklung, ein Lernen, die aus der vorherigen Enge, Begrenztheit und Fixierung heraus führen. Das Gegenteil ist Anhangen (Peter Gäng) oder Anhaften, das unausweichlich Leiden und Unglück erzeugt.

Pratitya setzt sich aus der Vorsilbe prati, die entgegen und wieder zurück bedeutet und itya, das mit dem Wort gehen und bewegen zusammenhängt.

Mit dieser Bezeichnung pratitya samutpada haben wir m. E. die zentrale Philosophie  der Wirklichkeit Gautama Buddhas entdeckt. Sie ist auch wie eine bedeutenden Vertiefung und Fortentwicklung der Lehre des griechischen Philosophen Heraklit zu verstehen, der lehrte, dass sich alles bewegt, alles fließt und sich alles verändert, nämlich die Natur und gerade wir selbst.

Bei Gautama Buddha geht es um das Lernen des ganzen Menschen, um Kreativität und das Überschreiten bisheriger Grenzen und Beengtheiten, nicht zuletzt im psychischen, geistigen und spirituellen Bereich. Dadurch können wir das Leiden in unserem Leben überwinden oder zumindest maßgeblich verringern. Das ist der Kern der Erlösungs-Philosophie.

Was muss nun auf dem Erlösungsweg überwunden werden: Abhängigkeiten, Fixierungen, starre Vorstellungen und Ideologien und nicht zuletzt Ängste, Panik-Attacken und Mutlosigkeit. Denn genau solche Abhängigkeiten erzeugen unser Leiden. Die häufig verwendete Formulierung "abhängiges Entstehen" bezeichnet also gerade das, was auf dem Befreiungs-Weg überwunden werden muss, sie erscheint mir zu pessimistisch und deterministisch. Wer möchte denn abhängig sein, etwa von Drogen, Alkohol, Ess-Sucht, von einem Menschen oder von diktatorischen Strukturen weniger Machthaber?

Etwas vereinfacht haben wir mit der Lehre Gautama Buddhas die Wahrheit und Wirklichkeit unserer Welt und unseres Lebens entdeckt. Sie sind heute u. a. auch Grundlage der Ökologie,  der Öko-Systemforschung und aus der Sozialforschung und Psychologie nicht mehr wegzudenken. Diese Wahrheit wurde von Buddha schon vor etwa 2500 Jahren erkannt, plötzlich nach intensivem Studium und Training im Augenblick der Erleuchtung.

Wie bei der heutigen Systemtheorie und Ökologie ist das Prinzip der Rückkoppelung und Vernetzung von fundamentaler Bedeutung: Hauptgegenstand der erweiterten Theorie lebender intelligenter Systeme, die etwa in den 60iger und 70iger Jahren aus dem technischen Bereich der Rückkopplung und Gegenkopplung entwickelt wurde, die damals als Kybernetik bezeichnet wurde.

Gier, Hass und Verblendung erzeugen Abhängigkeiten und machen unfrei. Sie determinieren den Menschen und machen seine psychisch-geistige spirituelle Entwicklung nahezu unmöglich. Oft wird z. B. die Gier nach ersehnten Produkten und wertvollen Dingen zur dominierenden Kraft des menschlichen Lebens, ähnliches gilt für angestrebte Positionen und Macht. Dabei entsteht eine fatale Eigendynamik, die zu einer sich steigernden Abhängigkeit und zur Sucht führt. Typische Beispiele in der neueren Zeit sind auch das Glücksspiel und die Spekulationsgier an der Börse oder auch im Spielsalon mit der gierigen Hoffnung, möglichst schnell einen großen Gewinn einzustreichen oder Verluste auszugleichen. Dabei gibt es neue dramatische Gefahren durch das Internet. Davon müssen wir uns befreien!

Auch der Hass kann sich selbst verstärkend immer mehr Gewalt über den Menschen erlangen, nicht zuletzt wenn sich der Hass in der Bezugsgruppe, in dessen Abhängigkeit die Menschen leben, verstärkt und so einseitig gesteuert wird. Dann reichen oft die Kräfte des Menschen nicht aus, um sich dem zu widersetzen und unabhängig zu werden. Furchtbare Beispiele eines solchen völlig unbegründeten durch politische Mächte gesteuerten Hasses ist der Holocaust gegen die Juden oder der Völkermord an den Tutsi in Zentralafrika.

Ein solcher Hass wird oft noch durch Angst verstärkt, dass man selbst Opfer werden könnte. Dabei werden ideologische oft absurde Begründungen und scheinbare logische Argumente verwendet, die für einen Außenstehenden, der nicht vom Hass abhängig ist , unmenschlich und absurd erscheinen und überhaupt nicht nachzuvollziehen sind. Die Abhängigkeit von Hass und Verachtung anderer erzeugt starke kriminelle Energie, die den Handelnden oft nicht bewusst ist. Dadurch entsteht großes Leiden, das vollkommen vermeidbar ist.

Ich verstehe die fundamentale Beschreibung der Realität unseres großartigen Netzwerkes durch Gautama Buddha umfassender und positiver, als es der Begriff Abhängigkeit ausdrücken kann. Damit etwas Kreatives wie pratitya samutpada wirksam wird, muss das bisherige eingefahrene Denken, Handeln und Fühlen verlassen werden, dann können sich ganz neue Möglichkeiten der Freiheit und des Glücks eröffnen.

Die Vielfalt von Tieren und Pflanzen ist, wie wir heute zuverlässig und wissenschaftlich fundiert erkannt haben, durch Evolution und Kreativität entstanden, also durch Variationen, die sich bewährt haben und in der Evolution fortgesetzt wurden. Ein besonders markantes Beispiel ist die Entwicklung der Farben bei Pflanzen, also vor allem der Blüten und Früchte, und die co-evolutive Entwicklung des farbigen Sehens der Augen bei den Lebewesen. Es ist falsch zu sagen, dass das eine die Ursache und das andere die Folge ist. Dass es z. B. zuerst farbige Blüten gegeben haben soll und danach Insekten auftraten, die farbig sehen konnten, und diese Blüten bevorzugt und befruchtet haben. Gleiches gilt für farbige Früchte und die Verbreitung von deren Samen. Buddhas Formulierung trifft genau: zusammen entstehen, rückgekoppelt und vernetzt.

Die frappierende Co-Evolution der Farben auf der Erde ereignete sich nach heutiger Forschung etwa vor 120 Millionen Jahren. Dabei wurden zeitlich vernetzt mit Pflanzen die farbempfindlichen Zellen entwickelt, die farbiges Sehen ermöglichten. Co-evolutiv dazu sind farbige Blüten und farbige Früchte entstanden, wobei die Früchte bekanntermaßen dazu dienen, Tiere anzulocken und mit Futter zu versorgen, sodass sie die Samen verbreiten, da sie mobil sind und damit dieser Pflanzenart eine bessere Verbreitung ermöglichen. Vor dieser Zeit konnten die Tiere daher keine Farben sehen, sondern hatten lediglich Seh-Zellen, die hell und dunkel unterscheiden konnten. Auch die grüne Flora der Pflanzen und Bäume wurde also nicht als grün wahrgenommen, sondern lediglich als Grauton.

Es gibt von pratitya samutpada auch die Übersetzung "bedingtes Entstehen" neben "abhängiges Entstehen". Wie steht es nun damit?
Bedingungen gehen Hand in Hand mit Abhängigkeiten. Wenn Menschen sich gegenseitig Bedingungen stellen, können sie nicht gut zusammenleben. Bedingungen verstoßen oft gegen Ethik und die freie Entfaltung der Menschen, sie verhindern Kreativität . Durch Bedingungen wird ein Mensch eingeengt: zum Beispiel Liebe mit Bedingungen. Oder jemandem werden Bedingungen auferlegt, die ihn fixieren, einengen und seine Freiheit bewusst einschränken. Bedingungen gehören eher dem Bereich des Materiellen und Organisatorischen an, sie sind z. B. typisch für Computer-Programme und Apps.

Daher halte ich auch die Übersetzung "bedingtes Entstehen" für weniger treffend, um das wechsel-wirkende Entstehen nach Gautama Buddha zu beschreiben. Seine buddhistische fundamentale Philosophie verkehrt sich mit einer solchen Übersetzung fast in ihr Gegenteil.




Samstag, 14. Juni 2014

Das Es und das Ich im Buddhismus

(Yudo J. Seggelke)

Wenn westliche Buddhisten, die in unserer individualistischen Kultur sozialisiert und mit der Grundlage der griechischen Philosophie aufgewachsen sind, klären wollen, was das Wesentliche des Bewusstseins im Buddhismus ist, gibt es häufig tief greifende Schwierigkeiten. Im Gegensatz dazu kann man im Zen-Buddhismus auf die Semantik und Formulierung des „Es“ oder „Etwas“ zurückgreifen, die wohlgemerkt nicht mit dem Es Sigmund Freuds übereinstimmen. Aus dem Zen ergibt sich aus meiner Sicht ein hohes Potential, um wichtige nicht-individualistische Zusammenhänge zu klären. Warum?.

Der deutsche Philosoph Eugen Herrigel, ein Neu-Kantianer, lernte in den Zwanziger Jahren in Japan die Kunst des Bogenschießens, weil seine japanischen Freunde ihm klargemacht hatten, dass er auf diese Weise am besten die Lebensform und praktische Lebensphilosophie des Zen erleben, erfahren und erlernen könne. Er war mit ganz anderen Vorstellungen nach Japan gereist und wollte dort in akademischem Sinn die Philosophie und Theorie des Zen-Buddhismus studieren. Aber es kam dann für ihn ganz anders.

Er schildert in seinem Buch "Zen in der Kunst des Bogenschießens", wie er von seinem bisweilen geradezu schroff agierenden Bogen-Meister Schritt für Schritt aus dem westlichen Denken herausgeführt wurde. Er hatte dabei den schwierigen Weg von dem denkenden und reflektierenden Ich eines westlichen Philosophen zur Erfahrung der ganzheitlichen Wirklichkeit zu gehen. Er musste dabei lernen, das bewusst agierende Ich auszuschalten und sein ehrgeiziges Wollen der Zielerreichung zu verlassen. Nur so war es möglich, das Bogenschießen selbst unmittelbar und in der Klarheit des Augenblicks zu erleben. Dabei stört das ehrgeizige Ich gewaltig.

Nach einigen z. T. tief greifenden Missverständnissen mit seinem Bogen-Meister und schwierigen Sackgassen auf diesem ganz neuen Lern-Weg kommt es dann nach einigen Jahren des Übens ohne Ich-Ehrgeiz zu einer entscheidenden Szene: Plötzlich löst sich unerwartet und unvermittelt und vor allem ungeplant ein Es-Schuss. Der Zen-Meister verbeugt sich zur Verblüffung Herrigels ehrerbietig und sagt: „Es hat geschossen“.

Er macht seinem Schüler anschließend klar, dass diese Verbeugung nicht ihm als Individuum gegolten habe, sondern dass sich das große Es ereignet habe. Herrigel selbst hatte das Ganze kaum bewusst miterlebt und offensichtlich auch gar nicht registriert, dass dies zum ersten Mal ein richtiger Zen-Bogenschuss war.

Ich meine, dass diese Szene das Wesentliche des „Es“ gut beschreibt. Man könnte es verkürzt als „Es-Bewusstseint“ bezeichnen. Aber ist dies ein Bewusstsein in unserem westlichen Verständnis? Eigentlich wohl nicht. Dieses Es ist kein Ich-aktives und willensgesteuertes Handeln durch das Bewusstsein. Wollen und Denken sind nicht dominant, sondern man kann lediglich von einem mitlaufenden Bewusstsein dessen reden, was sich ereignet und was sich abspielt. Das Es-Bewusstsein ist also eher ein handelndes „reines Schauen“ des Geistes als aktionistisches Steuern der Gedanken zur Ziel-Erreichung mit dem eingeengten Willen, dass etwas unbedingt so und nicht anders sein soll.

Das Wesentliche des Es ist daher, dass der Dualismus von Subjekt und Objekt ausgeschaltet wird und dass sich beides zu einer ursprünglichen Einheit verbindet oder besser gesagt: die Spaltung des Dualismus von Ich und Objekt hat nicht stattgefunden. Herrigel schildert, dass er diesen ersten wahren Schuss als glückhaften Augenblick erlebt hat, der ihm eigentlich erst hinterher richtig klar wurde und ihn viele Tage begleitete. Es gibt dieses mitlaufende Bewusstsein, aber das Ich-gesteuerte Denken und der Ich-gesteuerte Wille haben keine Priorität, sie sind völlig im Hintergrund oder wenn man es vielleicht bildhaft ausdrücken will, sind am Horizont verschwunden. Individualistisches Wollen, das im Westen so hoch im Kurs steht, würde nur stören und verhindern, dass "Es schießt".

Der Zen-Meister Dôgen widmet diesem Phänomen des Es ein eigenes Kapitel, "Was ist das Etwas, das uns jäh begegnet, jenseits von Denken und Wahrnehmung? (Inmo)" und unterstreicht damit dessen große Bedeutung im Zen-Buddhismus. Oder klarer ausgedrückt: Ohne das Erleben des Es-Handelns im Augenblick gibt es keine Erfahrung der Wirklichkeit und damit der Wahrheit dieser Welt. Dagegen sind Denken und Wahrnehmung nur bestimmte Teil-Perspektiven unsere Lebens, nicht unwichtig aber niemals das Ganze.

Von diesem Ganzen ist das dualistisch handelnde Ich radikal abzugrenzen, das für den europäischen Individualismus und für die europäische Philosophie seit über zweitausend Jahren von zentraler Bedeutung ist. Das ist das „Ich-Bewusstsein“ und muss von dem „Es-Bewusstsein“ fundamental unterschieden werden.

So wichtig für manche organisatorische und technische Aufgaben ein agierendes Ich und ein Ich-Bewusstsein sein mag, so wenig sind sie für den spirituellen und auch psychischen Wirklichkeits-Bereich des Menschen sinnvoll. Ein Ich-zentriertes Bewusstsein reduziert unser Denken und Handeln in der Welt und mit anderen Menschen ganz erheblich, verengt also die Perspektive der Wahrnehmung des Lebens, des Fühlens und des Denkens. Genau das ist ein zentrales Moment und eine fundmentale Gefahr des modernen westlichen Lebens.

Denn ein solches Ich wird keine Ruhe finden und kein ausgeglichenes Leben ermöglichen. Unzufriedenheit, Missgunst, Neid, Eifersucht, Übelwollen usw. sind die selbstverständliche Folge eines solchen Ich-Bewusstseins, das von der Dualität von Ich und den Objekten und Menschen der Umgebung beherrscht wird. Das Ich ist dann scheinbar von anderen Menschen, Dingen und Phänomenen getrennt, lebt aber in einer mühsam konstruierten Scheinwelt.

Die Zen-Künste des Bogenschießens, z. B. der Bambusflöte und der Kalligrafie, sind wirkungsvolle Lernwege, um aus dem dualistischen Ich-Bewusstsein herauszukommen und in den sehr viel glücklicheren Zustand des Es-Bewusstseins zu gelangen. Das Gleiche, meist noch intensivere Erleben ergibt sich bei der Zen-Meditation, der Entleerung des Ich-Bewusstseins von Gedanken und Gefühlen: dem Zazen. Diese Meditation der Überwindung des Ich-Dualismus wird heute in der Forschung weitgehend unbestritten auf die Yoga-Praxis zurückgeführt, die im alten Indien weit verbreitet war und von Gautama Buddha auch für die Meditation verwendet wurde.


Der Zugang zur Wirklichkeit wird dabei nicht über ein denkendes Ich gesucht, sondern über ganzheitliche Zustände und Bewegungen, die das dualistische Ich ausschalten und damit eine für uns Westler erstaunliche Klarheit und Freude von Körper-Psyche-und-Geist verwirklichen.