Sonntag, 9. Januar 2022

Die Präambel des Mittleren Weges, MMK – eine Ouvertüre

 

The Preamble of the Middle Way - Master Nagarjuna

Die folgende inhaltliche Zusammenfassung der vier Verse der Präambel stützt sich auf Nishijima Roshi sowie den Buddhologen Kalupahana[i] und auf meine eigene Interpretation. Basis ist die präzise wörtliche Übersetzung der Indologin Elisabeth Steinbrückner, die zur Klärung der Bedeutung des MMK einen wichtigen Beitrag leistet.

Das MMK ist ein Lehrgedicht oder – wie Nishijima Roshi sagte – ein Gesang. Die wichtigen Themen werden in der Präambel wie in einer Ouvertüre kompakt vorgestellt, um später in den einzelnen Kapiteln vertieft und ausführlich behandelt zu werden. Die Präambel umreißt den Rahmen und Ausgangspunkt des Mittleren Weges. Es gab und gibt heftige Kontroversen über Inhalt und Bedeutung dieser ersten Verse. Sie lenken unseren Geist und unser Leben auf das große Anliegen Buddhas und Nāgārjunas, uns von bisherigen Begrenzungen und Hindernissen durch das Leiden zu befreien und uns auf ein erfülltes Neuland zu leiten. Dieses Vorhaben ist also in hohem Maße emanzipatorisch, therapeutisch und kreativ. Denn wenn wir das Leiden überwunden haben, können wir ein neues Leben mit Freude, Glück, innerer Ruhe und im Gleichgewicht führen. Wenn das gelingt, bezeichnet es Buddha als Erwachen, und wir nennen es heute meist Erleuchtung. Und diese Befreiung kann grundsätzlich jeder Mensch verwirklichen.

Die zentrale Ursache für ein unerfülltes, leidvolles Leben ist die Fixierung auf erstarrte Ideologien, Dogmen und die Abhängigkeit von Gier, Hass und Unwissenheit. Dieser Kausalzusammenhang ist nach Buddhas Lehre und Erfahrung weitgehend durch unsere eigene Vernunft und Achtsamkeit zu erkennen und durch neue, von uns selbst gesteuerte weiterführende Impulse zu verändern. Ein begrenzter Verstand reicht im Gegensatz zur umfassenden Vernunft dafür jedoch nicht aus.[ii] Die Klarheit unseres eigenen Geistes im wechselwirkenden Zusammenhang mit sich, anderen Menschen und der Welt kann uns dabei den rechten Weg weisen, der ein kraftvoller Weg der Mitte ist, der ideologische und dogmatische Extreme vermeidet. Extreme sind nach Buddha niemals wahr. Mich überzeugt diese Praxis und Philosophie Buddhas und Nāgārjunas in hohem Maße.

Auch im Buddhismus müssen die wichtigen Begriffe laufend reflektiert und einer kritischen Analyse unterzogen werden. Das kann wie bei Nāgārjuna dadurch geleistet werden, dass sie auch zu ihrer eigenen Negation in Beziehung gesetzt werden, zum Beispiel: Entstehen und Nicht-Entstehen. Nāgārjuna möchte meines Erachtens für den authentischen Buddhismus eine neue belastbare Grundlage zurückgewinnen und gleichzeitig die seit Buddha entstandene positive Entwicklung in Indien integrieren und vital weiterführen. Die in seiner Zeit eingetretenen Fehlentwicklungen und philosophischen Verwirrungen möchte er dabei dingfest machen und einer wirklich radikalen kritischen Beurteilung unterziehen. Allerdings sind seine Texte nicht einfach zu verstehen, sie waren und sind daher vielfältigen Missverständnissen ausgesetzt. Wenn wir jedoch heutiges Wissen aus der Wissenschaft und Philosophie damit verbinden, gewinnt der Buddhismus neue Klarheit und Dynamik für unsere Gegenwart, und die menschliche Freiheit der Entscheidung für den Erleuchtungsweg und für unsere Selbstverwirklichung wird philosophisch zwingend begründet.

Im Vers 1 der Präambel werden die berühmten acht Negationen aufgeführt. Sie haben damals und heute viel geistige Verwirrung und psychologischen Unsinn erzeugt. Nach unserem Verständnis bedient sich Nāgārjuna in der Präambel und im gesamten MMK folgender philosophischer Architektur: Er stellt die Kernbegriffe und Behauptungen der Gegner zuerst ohne Bewertung an den Anfang und entwickelt dann daraus die logischen Schlussfolgerungen. Wenn sich diese als unsinnig, absurd und in sich widersprüchlich erweisen, sind die Behauptungen der Gegner damit zwingend falsifiziert.

Zuerst geht es im Vers 1 um das Nicht-Entstehen (an-utpāda) als zu falsifizierende Doktrin von isolierten Entitäten und unveränderlichen ewigen Substanzen. Denn es könnte auf diese Weise gar kein wahres Entstehen und keine Befreiung geben. Eine solche Doktrin ermöglicht bei genauer Analyse überhaupt keine Veränderung, Befreiung und Emanzipation und widerspricht damit fundamental der Kernlehre Buddhas.

 

Vers 2 der Präambel

Buddha, der vollkommen Erwachte, zeigte das wechselwirkende gemeinsame Entstehen,

das beglückende Aufhören der wegführenden Fehlentwicklungen und Verwirrungen.

Ihn, den besten der Sprechenden und Lehrenden, verehre ich.

 

Dieser Vers ist von zentraler Bedeutung für das gesamte MMK. Er dient als präziser Bezug für die von Nāgārjuna durchgeführten Analysen von Fehlentwicklungen des Buddhismus. Aus meiner Sicht wird er auch heute oft zu wenig beachtet und nicht in seiner ganzen Tiefe gewertet. Besonders der Begriff Entstehen wird zum Schlüssel für das Verständnis des MMK: wechselwirkendes gemeinsames Entstehen (pratitya samutpāda), also Ko-Entstehen und Verändern in Wechselwirkung. Nur mit diesem Verständnis kann die fortlaufende Veränderung in der vernetzten Dynamik des Lebens und der Welt sinnvoll erfasst werden. Das ist genau unsere Willensfreiheit zur guten Veränderung und entspricht der Lehre Buddhas. Und nur so machen die Vier Edlen Wahrheiten, der Achtfache Pfad und die Befreiung mit zwölf Faktoren wirklich Sinn.

Das Beglückende Aufhören der wegführenden Fehlentwicklungen: Wegführende Fehlentwicklungen sind Verwirrungen, verlassen die wahre Lehre und blockieren den Befreiungsweg. Wir verlieren uns dann in einem Gestrüpp unklarer Begriffe, erstarrter Vorstellungen, absoluter Dogmen und falscher Handlungen. Um diese Fehlentwicklungen beenden zu können und den Mittleren Weg zu beschreiten, brauchen wir zweifellos Klarheit in Körper und Geist und geübte Kräfte zum rechten Handeln. Dann werden die zerstörerischen und hemmenden Extreme vermieden und unsere Weiter- und Fortentwicklung wird gefördert, um Freiheit, Emanzipation und Erleuchtung zu erlangen. Der grundsätzlich richtige Weg wird also im zweiten Vers der Präambel vorgestellt und im weiteren Verlauf des MMK genauer untersucht.

Nāgārjuna betont, dass er Gautama Buddha als den „besten der Sprechenden und Lehrenden“ schätzt und hoch verehrt, und unterstreicht damit sein Vertrauen in die authentische Lehre.

Von besonderer Bedeutung ist die Klarheit darüber, was Nāgārjuna mit wechselwirkendem gemeinsamem Entstehen (pratitya samutpāda) sagen will und wie er es vom nicht gemeinsamen Entstehen (anutpāda) abgrenzt, das im ersten Vers der Präambel mithilfe der berühmten acht Negationen falsifiziert wurde. Wesentlich ist zudem der Zusammenhang von wechselwirkendem gemeinsamem Entstehen und der Leerheit. Wer die Bedeutung der Leerheit nicht aus dem MMK, sondern aus anderen, nicht zuverlässigen Texten ableitet, wird kaum Klarheit darüber gewinnen können.

Wegen der menschlichen Sehnsucht nach ewigen, absoluten Wahrheiten und den entsprechenden verborgenen Substanzen und Entitäten, die uns Sicherheit und Halt im Leben geben könnten, sind manche Menschen besonders anfällig für populistische, dogmatische oder gar extremistische Antworten. Diese führen aber noch tiefer in Unsicherheiten und stürzen diese Menschen in wegführende Fehlentwicklungen. Es ist also Vorsicht geboten! Wie zu verfahren ist, wird in den folgenden Kapiteln des MMK analysiert.

In der Präambel führen wie gesagt zwei Schlüsselbegriffe in das große Werk MMK ein: erstens das wechselwirkende gemeinsame Entstehen als konstruktive positive Aussage der buddhistischen Befreiung und zweitens das Nicht-Entstehen und Festhalten an alten, verhärtenden und leidbringenden Mustern, Prägungen und Verhaltensweisen. Solche dogmatischen erstarrten Muster verhindern die Befreiung und den Weg zur Erleuchtung. Die Weisheit und Praxis des Buddhismus können bei einer solchen substanzhaften und statischen Ideologie nicht wirksam werden. Es ist erstaunlich, dass in zwei, zur Zeit Nāgārjunas weit verbreiteten buddhistischen Schulen dieses statische Verständnis vorherrschte. Nāgārjuna enttarnt diese irrigen Scheinwahrheiten mit unnachgiebiger Präzision: Es handelt sich um die Doktrinen des Substantialismus und Momentanismus.

Der Begriff Nicht-Entstehen kann undogmatisch allerdings auch dialektisch verstanden werden.[iii] Er kann sich dann auf die Wechselwirkung beziehen und neue Einsichten ermöglichen. Beide Male verwendet Nāgārjuna daher den Sanskrit-Begriff utpada, der „Entstehen“ bedeutet: Erstens benutzt er ihn positiv in der Verbindung mit sam, was „zusammen“, „gemeinsam“ und „kombiniert“ heißt, also samutpāda – „gemeinsames Entstehen“. Zweitens verwendet er die Form der Negation von utpāda, die die fehlende Entwicklung und das Nicht-Entstehen bedeutet. Nāgārjuna verneint auf diese Weise eine verengte dinghafte und erstarrte Vorstellung und Ideologie des Entstehens und isolierten Nicht-Entstehens von Phänomenen. Bei einer solchen statischen Doktrin werden die wirklichen Veränderungen und der Prozesscharakter ausgeschlossen.

Lebendiges Entstehen gelingt nur in Wechselwirkung und nicht isoliert allein aus sich selbst heraus. Die Wechselwirkung kann nur in zeitlichen, vernetzten Prozessen ablaufen. Dies ist ein unverzichtbares Verständnis der dynamischen Wirklichkeit und des Flows in der Welt, ganz gleich wie genau man sie im Detail oder als Ganzes analysieren und verstehen kann. Denn die Wirklichkeit von vernetzten Systemen, zum Beispiel von Ökosystemen und vom neuronalen Netz des menschlichen Gehirns, kann nach heutiger gesicherter Kenntnis nur durch rückgekoppelte Prozesse in Verbindung mit entsprechenden Strukturen sinnvoll beschrieben werden. Wechselwirkung ist daher für alles Lebendige typisch und charakteristisch. Eine Beschreibung der Wirklichkeit durch eindimensionales, unidirektionales „abhängiges Entstehen“, wie es bisher im Buddhismus bisweilen üblich war, ist eine verengte Sichtweise, die nach meiner Überzeugung viele Irrtümer zur Folge hatte. Es ist erstaunlich, dass Buddha bereits vor 2500 Jahren diese systemischen Vernetzungen der Natur klar erkannt hat. Leider ist dieses Wissen in der Folgezeit verengt oder ganz verwirrt worden. Mit diesem Paradigmenwechsel werden nun die Verständlichkeit, Klarheit und Wirkkraft des MMK nachhaltig verbessert.

In der Präambel führt Nāgārjuna also die berühmten acht Behauptungen in Form von Negationen von zentralen buddhistischen Begriffen ein, die oft missverstanden wurden. Sie wurden sogar als der neue Buddhismus gefeiert, und Nāgārjuna wurde als neuer Buddha bezeichnet. Das ist jedoch ein fatales Missverständnis! Nāgārjuna wählt bei den Negationen exemplarisch markante Begriffspaare aus, die in seiner Zeit in verschiedenen angeblich buddhistischen Sekten und Lehrrichtungen behauptet wurden, aber nach Nāgārjuna sektiererisch falsch verstanden wurden. Auf dieses unzureichende Verständnis bezieht er seine Destruktionen und Falsifikationen, indem er alle wichtigen Lehren Buddhas durcharbeitet. Er kennzeichnet damit die falsche absolutistische Sichtweise, die keine Veränderungen, Entwicklungen und Emanzipation zulässt.

Im Gegensatz zu den acht sektiererischen Negationen lehren Buddha und Nāgārjuna die richtigen Fundamente der buddhistischen Befreiung und Erleuchtung: Zur-Ruhe-Kommen des Leidens und Verhinderung von dessen Entstehen; Zur-Ruhe-Kommen und Beenden falscher Extreme und damit die gute Fortdauer und Nachhaltigkeit der Befreiung; die Freiheit und Willensfreiheit für den Sinn unseres Lebens und die gute Wirkung heilsamer Ziele für unser Denken, Fühlen und Handeln. Schließlich wird der Nihilismus radikal abgelehnt, weil es Ankunft und Fortgehen in der Wirklichkeit unseres Lebens nachweisbar gibt.

Ein solches isoliertes und erstarrtes Verständnis des Lebens sollten wir auch heute im Westen besonders gründlich analysieren, wo der Individualismus aus den Fugen geraten ist und ein hohler Materialismus und übersteigerter Egoismus um sich greifen. Das kann helfen, um das rechte Verständnis des Buddhismus zu gewinnen.

Die viel beschworene Willensfreiheit des Westens ist mit einem illusorischen Individualismus und dem unveränderlichen metaphysischen Sein gerade nicht vereinbar! Es ist für uns erstaunlich, dass dieser radikale Widerspruch von vielen Philosophen nicht richtig erkannt wurde und heute noch vernachlässigt wird. In der Phänomenologie müsste es aus unserer Sicht daher heißen: „zum Leben selbst“ und nicht nur verengt „zu den Sachen selbst“ wie in der westlichen Philosophie (Edmund Husserl). Und das Leben ist durch gemeinsames Entstehen in Wechselwirkung und Willensfreiheit gekennzeichnet. Zudem werden die materiellen und ideellen Sachen häufig als metaphysische unveränderliche Pseudo-Substanzen verstanden. Dann wird um unsinnige Extrem-Aussagen gestritten: Gibt es die absolute Freiheit oder den absoluten Determinismus? Diese Frage ist in sich unsinnig.

Ein typisches polarisiertes Begriffspaar sind im MMK beispielhaft die Formulierungen der Präambel „nicht zur Ruhe kommen“ und „beglückendes Aufhören der wegführenden (ungesteuerten) Fehlentwicklungen“. Denn es sind zentrale Eckpunkte des Buddhismus, unser Gleichgewicht zu finden und Befreiung mit unserer Willens- und Entscheidungsfreiheit zu realisieren, zur Ruhe zu kommen und den kraftvollen Mittleren Weg zu gehen. Darauf können wirkungsvolle Therapien aufbauen. Das heißt, dass wir aus dem Leiden herauskommen, wenn wir verhärtete Ideologien und Vorstellungen von isolierten dinghaften Sachen und ewigen unsichtbaren und somit illusorischen Pseudo-Substanzen ausschalten. Denn der Glaube an solche Substanzen lässt Unruhe und Hektik entstehen und negiert die erkennbaren wechselwirkenden Veränderungsprozesse. Damit werden die brauchbaren Dimensionen der Befreiung vernachlässigt oder verdrängt.

 

 



[i] Nāgārjuna: The Philosophy of the Middle Way (übersetzt von David J. Kalupahana)

[ii] Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft, Bd. 1, S. 58ff.
Ähnlich:
Bertram, Georg W.: Hegels „Phänomenologie des Geistes“, S. 322f.

[iii] Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Phänomenologie des Geistes

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