Sonntag, 9. Januar 2022

MMK, Kap. 13: Formende Kräfte, Unbewusstes, Wille und Leerheit

 

Erstarrte, unheilsame und doktrinäre Verhaltens- und Denkmuster führen zu Unfreiheit und Leiden. Solche Prägungen können unbewusst oder bewusst sein. Aber sie sind nach Buddhas Lehre nicht statisch oder starr, sondern veränderlich und können durch heilsame Lernprozesse überwunden werden. Wir müssen die unheilsamen, negativen Kräfte also zur Ruhe kommen lassen und zu Klarheit und zur Leerheit gelangen.[i] Diese Leerheit eröffnet uns den Zugang zum Befreiungsweg der Mitte, wie Nāgārjuna es sagt.[ii] Die Mitte bedeutet das Gleichgewicht in der Dynamik unseres Lebens, das sind unser guter Flow und die Überwindung von Extremen, die nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Aber das ist sicher einfacher gesagt als getan. Viele Menschen identifizieren sich sogar mit ihren Vorurteilen, Mustern und unheilsamen formenden Kräften und meinen, diese seien ihr Ich oder ihre Persönlichkeit. Kann das richtig sein? Sicher nicht.

In diesem Kapitel geht es um Verhaltensmuster, Prägungen und formende psychische und geistige Kräfte sowie deren Veränderungen und Steuerungen. Es geht um Wandel und vor allem um Befreiung von Fixierungen und absoluten dogmatischen Konzepten. Damit erarbeitet Nāgārjuna wichtige Grundlagen für weitere Analysen im MMK: Wie das Leiden wirklich zur Ruhe kommen kann und wie festgefahrene restriktive Muster und hemmende Strukturen von Psyche und Geist überwunden werden. Dann können Körper, Geist und Psyche zu neuem Leben und zum Heilsamen verändert werden. Das gilt heute mindestens so wie früher. Denn im Buddhismus gibt es die klare Wahrheit, dass sich alles verändert, im Wandel ist und dass es nichts Dauerhaftes, Absolutes und Ewiges gibt. Unveränderliches existiert nur in Doktrinen, Ideologien, unheilsamen Sichtweisen und bestenfalls spekulativen Philosophien. Aber das ist nicht die erlebbare Wirklichkeit. Auch wenn Idealisten und Romantiker dies vielleicht bedauern mögen, ich verstehe es als Chance und Hoffnung.

Die ständigen Veränderungen gelten nicht nur für Lebewesen, sondern auch für die Materie. Wir wissen, dass unsere Erde etwa sechs Milliarden Jahre alt ist und sich dauernd verändert. Seit etwa drei Milliarden Jahren gibt es Leben auf der Erde. Beim Menschen geht es sowohl um Veränderungen zum Schlechteren, etwa Krankheiten, Trennungen, depressive Phasen oder Verarmung, aber vor allem um Veränderungen zum Besseren. Zu Letzterem zählen Lern- und Befreiungsprozesse, materieller Fortschritt, eine neue gute Partnerschaft oder Genesung von einer schweren Krankheit. Es ist einleuchtend, dass es keine dauerhaften unveränderlichen Existenzen in der realen Welt geben kann, weder bei der Materie noch bei den Lebewesen. Hier unterscheidet sich der Buddhismus fundamental von den westlichen Philosophien, die unveränderliche Ideen (Platon) oder das unveränderliche metaphysische Sein in den Mittelpunkt der philosophischen Analysen stellen. Buddha fragte also, wie wir selbst steuernd auf die Veränderungen und Wechselwirkungen einwirken können.

Wenn man an eine ideelle oder religiöse ewige und dem Menschen gegenüberstehende Existenz glaubt, zum Beispiel einen Gott, den Aristoteles den „Unbewegten Beweger“ nennt, gäbe es in dieser Hinsicht eine dauerhafte Absolutheit. Im Brahmanismus gilt die ewige Unveränderlichkeit vor allem für Brahman und Ātman. Buddha und Nāgārjuna konzentrieren sich jedoch auf diese Welt der Beobachtungen und auf die Erfahrungen unseres Lebens. Im Hier und Jetzt gibt es eben keine dauerhafte unveränderliche Existenz und keinen plötzlichen totalen zeitlichen Abbruch der Phänomene und Prozesse ins Nichts, sondern das Entstehen und Vergehen in Wechselwirkung. Um diese genau zu beobachten und zu erfahren, bedarf es der geschulten Achtsamkeit. Sie ist die Richtschnur und wichtige Methode der eigenen positiven Entwicklung und Befreiung. Die Frage ist nun, wie wir unser Leben emanzipativ und therapeutisch gestalten können, um Hemmnisse zu überwinden und die Prozesse des Erwachens zu beleben und zu aktivieren.

Nāgārjuna behandelt in diesem Kapitel grundlegende Zusammenhänge von psychischen, geistigen und handlungsorientierten Mustern (in Sanskrit samskāra), die mit den formenden Kräften unseres Lebens zusammenwirken. Buddhas Methoden eröffnen Chancen der Veränderung und Emanzipation und lassen einengende Doktrinen zur Ruhe kommen. Dabei wird in diesem Kapitel zum ersten Mal im MMK direkt auf die Leerheit verwiesen. Sie bedeutet Freiheit von fixierenden unheilsamen Verhaltensmustern, Prägungen und Doktrinen.

Nishijima Roshi sagt dazu: „In Chinesisch und Japanisch wird dieser wichtige Sanskrit-Begriff samskāra durch ein Zeichen repräsentiert, das Handeln oder Tun bedeutet.“ Ähnliches wird im Wörterbuch Sanskrit – Englisch von Monier-Williams für den verwandten Sanskrit-Begriff aufgeführt, nämlich folgende Bedeutungen: zusammenfügen, gut formen, perfekt machen, vervollständigen, schmücken, reinigen, fertigmachen, vorbereiten usw.[iii] Nishijima Roshi erläutert: „Damit wird deutlich, dass dieser Begriff ganz eng mit dem wirklichen Handeln zusammenhängt. Er unterscheidet sich damit von abstrakten Vorstellungen und Konzepten oder einem losgelösten Geist. In diesem Kapitel geht es um den Zusammenhang des subjektiven Lebens mit den vielfältigen Gegebenheiten der Dinge und Phänomene und mit dem augenblicklichen Handeln in der wirklichen Welt im gegenwärtigen Augenblick.“ Er unterstreicht: „Ich habe daher den Begriff ‚wirkliches Handeln‘ als Übersetzung für das Wort samskāra gewählt. Für mich ist damit das wirkliche Handeln in der wirklichen Welt im gegenwärtigen Augenblick bezeichnet.“ Das wirkliche Handeln sei als Schnittstelle zwischen dem subjektiven Erleben und der heterogenen Welt zu verstehen. Und das wahre Handeln in der Realität könne sich nur vollziehen, wenn wir im Gleichgewicht des Mittleren Weges seien.

Auch aus meiner Sicht sollte das Handeln und Verändern festgefahrener und hemmender Verhaltensmuster für das Verständnis des Begriffes samskāra im Mittelpunkt stehen: Unheilsame und fixierte psychische und geistige Muster sollen verlernt und in heilsames Handeln „umgelernt“ werden. Die moderne Gehirnforschung sagt uns, dass so etwas möglich ist! Diese Bedeutung halte ich für umfassender als die bisher häufig gebräuchlichen Übersetzungen wie „Tatabsichten“, „Zusammensetzungen“, „Dispositionen“, „Bestimmungen“ oder „Veranlagungen“, weil das Tun, Handeln und Lernen sowie deren wirkliche Steuerung zentrale befreiende Fähigkeiten unseres Lebens sind. Demgegenüber sind Absichten und Bestimmungen im besten Fall Teil-Ursachen für das Handeln, aber nicht die ganze Wirklichkeit des Handelns selbst. Peter Gäng verwendet den Begriff „formende Kräfte“, der auch für mich überzeugend ist.[iv] Ich möchte den Ausdruck „formende Kräfte“ und „Handeln“ benutzen, aber auch weitere Begriffe wie „Prägungen“ und „Handlungsmuster“.

Aus der Gehirnforschung haben wir also heute recht gute Kenntnis über die entsprechenden Funktionen des neuronalen Netzes. Es handelt sich um Bahnungen, Teilnetze und Module, die einerseits prägend sind und damit eine gewisse Dauerhaftigkeit haben, aber andererseits selbst durch Handeln als Lernprozesse verändert werden können. Diese Erkenntnisse entsprechen nach meinem Verständnis ziemlich genau der Bedeutung des Begriffs samskāra.

Auch wenn im MMK der Bezug zu vielen Stellen aus den authentischen Reden und Schriften Buddhas erkennbar ist, so erwähnt Nāgārjuna im MMK nur ein einziges originales Sūtta von Buddha, das Kaccānagotta suttam – Buddhas Lehrrede zum Mittleren Weg und zur Vermeidung von Extremen. Der Mittlere Weg hat eine enge Beziehung zur Leerheit, um die es hier auch geht.[v] Dieses Sūtta hat also eine herausgehobene Bedeutung für das gesamte MMK, weshalb es sinnvoll und notwendig ist, diesen Text genau zu analysieren. Er enthält in sehr kompakter Form die zentralen Eckpunkte, an denen Nāgārjuna seine Argumente festmacht.

Buddha erläutert dem verehrten Kaccāna die beiden extremen Alternativen der Existenz und der Nicht-Existenz oder anders ausgedrückt: „Es ist“ oder „Es ist nicht“. Die Destruktion dieser Extreme und unvereinbaren Positionen ist für die fulminante Lehre des Mittleren Weges von größter Bedeutung und die Grundlage des MMK. Beide Extreme sind laut Nāgārjuna in der Welt nicht real sichtbar und höchst spekulativ: „Existenz“ würde Dauerhaftigkeit und unveränderte Ewigkeit bedeuten, „Nicht-Existenz“ das Nichts. Das Nichts darf aber auf keinen Fall mit der Leerheit verwechselt werden, mit der Nāgārjuna das wechselwirkende gemeinsame Entstehen (pratitya samutpada) ohne Täuschungen bezeichnet.

Buddha erklärte die Nicht-Existenz im ersten Teil des Sūtta und seiner Antwort für den jungen Kaccāna. Er legte dabei ein Weltbild der positiven Veränderungen und Prozesse und nicht der unveränderlichen Entitäten und Substanzen zugrunde. Dies nennt er die „rechte Erkenntnis des Entstehens in der Welt“. Die Sichtweise der Nicht-Existenz lehnte Buddha besonders im Hinblick auf das Entstehen eindeutig ab. Es ist also nicht sinnvoll zu sagen, es entsteht irgendetwas aus dem absoluten Nichts oder aus der Nicht-Existenz. Denn in den Prozessen und Abläufen der Welt gibt es immer ein Vorher, aus dem sich das Nachfolgende entwickelt, und ein Nachher. Dies gilt vor allem beim wechselwirkenden vernetzten Entstehen.

Bei allen Veränderungen im Ablauf der Zeit dürfen wir jedoch die herausragende Bedeutung des Augenblicks und des Jetzt für unser Erleben und Erfahren nicht aus den Augen verlieren. Die unmittelbare Wirklichkeit ist uns am besten im Augenblick zugänglich. Dies gilt besonders beim wahren Handeln und in der Meditation ohne Vorstellungen von Gegenständen, Gedanken und Doktrinen. Das ist Zazen und eine sehr wichtige Wahrheit des Chan- und Zen-Buddhismus. Zusammenfassend kann man sagen: Die Klarheit und Weite des Augenblicks als Zeitpunkt und der zeitliche Prozess der Veränderungen lassen sich nicht trennen. Oder anders ausgedrückt: Der wahre Augenblick gibt den lebenden Impuls für Veränderungen und die Emanzipation des Menschen auf dem Befreiungsweg, wie Buddha überzeugend selbst erfahren und gelehrt hat.

Augenblick und zeitlicher Prozess gehören also zusammen und bedingen sich in Wechselwirkung. Man kann sie nicht trennen. Daher spricht Dōgen von vier verbundenen Zeiten der höchsten Weisheit: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft und Augenblick.[vi] Bei der Art der Klarheit des Augenblicks unterscheiden sich verschiedene Menschen radikal. Die große umfassende Klarheit kann man mit dem Erleuchtungserlebnis, dem Erwachen oder Hellblick gleichsetzen: Ohne Klarheit im Augenblick gibt es keine Klarheit im Leben und auch keine Klarheit beim Entscheiden.

Aus der Gehirnforschung wissen wir, dass unsere Erinnerung nicht wie die unveränderliche Speicherung beim Computer funktioniert. Die menschlichen Informationen der erinnerten Vergangenheit werden je nach Zustand von Körper-und-Geist-und-Gefühlen im Augenblick reaktiviert. Sie werden dann wieder abgespeichert, jeweils emotional „gefärbt“ und verändern sich daher meist deutlich im Lauf des Lebens: Wer mit einem Geist des Ingrimms und Hasses etwas erinnert und wieder abspeichert, verändert damit das Erinnerte selbst immer mehr zum Negativen. Auch das Umgekehrte kann man häufig beobachten: Die gute alte Zeit und das damalige Erleben werden im Lauf des Lebens immer goldener und schöner. Aber wenn man diese Verhaltensweisen und Funktionen unseres Gehirns kennt, kann man mit gründlicher Achtsamkeit und Selbstreflexion wirkungsvoll gegensteuern.

Die formenden Kräfte des Geistes und der Psyche sind also eng mit unseren Weltanschauungen und Doktrinen verbunden. Unheilsame formende Kräfte führen zwangsläufig ins Leiden. Nāgārjuna analysiert im folgenden Vers genauer, wie das wahre und falsche Verständnis dieser Kräfte unterschieden werden kann:

 

Vers 13.1

Der Erhabene sprach: „Was trügerische Phänomene (Dharmas) hat, das ist illusorisch und vergebens.“

Und alle formenden Kräfte und prägenden Muster können diese trügerischen Dharmas haben. Dadurch sind diese formenden Kräfte und Verhaltensmuster dann illusorisch und vergebens.

 

Die formenden Kräfte und Verhaltensmuster (samskāra) des Menschen können also verblendende und täuschende Phänomene haben. Sie führen dann zu unheilsamem Handeln, Denken und Fühlen. Buddha sagt nicht, dass alle formenden Kräfte immer und absolut trügerisch und unheilsam sind, wie manche Autoren behaupten. Vielmehr geht es ihm genau um diejenigen formenden Kräfte und Muster, die trügerisch sind, weil sie trügerische Phänomene beinhalten. Klare, heilsame Verhaltensmuster sind jedoch für unser Leben und die rechte Sichtweise der Wirklichkeit außerordentlich wichtig. Wahres Handeln ist gerade ein Kennzeichen der Bodhisattvas und ist in Wechselwirkung mit heilsamen formenden Kräften und den rechten Verhaltensmustern, wie Nishijima Roshi bestätigt.

Es ist für mich erstaunlich, wie weit die verschiedenen Interpretationen des Begriffs samskāra auch bei bekannten Autoren voneinander abweichen. Hier muss sicher noch Grundlagenforschung ansetzen, um notwendige Klärungen zu erarbeiten. Dazu möchte ich hiermit einen Beitrag leisten. Dabei kann die Gehirnforschung tragfähige neue Einsichten einbringen, denn unser Gehirn und neuronales Netz ist nicht zuletzt ein Muster erkennendes und erzeugendes System.[vii]

Nāgārjuna zitiert am Beginn dieses Verses Buddha, der ganz einfach davon spricht, dass etwas in der Welt unwahr ist, das trügerische Dinge, Phänomene und Prozesse hat. Das wird im Folgenden vertieft analysiert und mit den Komponenten des Menschen in Verbindung gebracht.[viii]

Verhaltensmuster sind vor allem dann trügerisch, wenn wir sie als unveränderliche konstante Entitäten, als „fixiertes Seiendes“ und nicht als wechselwirkendes und prozesshaftes gemeinsames Entstehen begreifen. Wenn wir uns etwas als unveränderliche dauerhafte Entität oder Substanz vorstellen, bewegen wir uns im Bereich der Ideologien, Dogmen, Fiktionen und der Metaphysik. Nach Heidegger ist die Metaphysik auch im Westen am Ende.[ix] Manchmal handelt es sich um naiven Glauben, der aber nicht im Bereich der klaren Beobachtung unserer Wirklichkeit zu Hause ist. Denn die Wirklichkeit ist komplex und hoch vernetzt, sie ist nicht eindimensional. Da sich alles in der Welt verändert, wenn auch mit sehr unterschiedlicher Geschwindigkeit, kann es unveränderliche Einheiten überhaupt nicht geben. Dies gilt gerade für die menschliche Komponente der formenden Kräfte. Im Fall von unveränderlichen Entitäten wären auch keine Prozesse der Befreiung, Weiterentwicklung und Emanzipation des Menschen möglich. Die formenden Kräfte müssen dann als „unwahr“ bezeichnet werden, wenn sie als statisch und unveränderlich gedacht werden.

Nāgārjuna zieht in diesem Kapitel die Schlussfolgerung, dass Leerheit der maßgebliche Begriff für das wechselwirkende gemeinsame Entstehen und die formenden Kräfte von Geist und Psyche ohne Blockaden ist:

 

Vers 13.2

Weil das, was trügerische Dharmas hat, illusorisch und vergebens ist, fragt sich, was dort betrogen wird.

Und dieses (was betrogen wird) ist die Leerheit, die durch den Erhabenen genannt und voll erhellend ist.

 

Das ist eine fulminante Aussage! Die Leerheit ist die Bezeichnung für die Wirklichkeit ohne täuschende Dinge, Phänomene und Prozesse. Dies wird leider häufig falsch verstanden. Durch die Leerheit wird nach Nāgārjuna der Mittlere Weg zur weiteren Befreiung und zum Erwachen eröffnet. Die Wirklichkeit wird aber oft durch vielfältige Ideologien, Doktrinen und Verblendungen unwahr. Das heißt, Leerheit kann es bei einer Weltanschauung und Doktrin von unveränderlichen Entitäten und Substanzen (Substantialismus) überhaupt nicht geben. Leerheit bedeutet: ohne Verblendungen und ohne unheilsame Doktrinen.

Nishijima Roshi übersetzt den Sanskrit-Begriff shūnyatā (Leerheit) mit „Gleichgewichtszustand“. Er hält das vulgäre Verständnis der Begriffe Leerheit oder Leere für irreführend, unklar und sogar für gefährlich. Denn es gehe nicht um das Nichts, sondern gerade um die volle Wirklichkeit der Welt und des Lebens. Shūnyatā beziehe sich also auf eine Welt, die nicht durch Ideologien oder täuschende sinnliche Wahrnehmungen sowie Emotionen verdeckt und verzerrt sei. So folgert er, „dass der Begriff des Gleichgewichts für mich besser geeignet erscheint“. Vereinfacht ausgedrückt sagt Nāgārjuna, dass es die höchste Wahrheit ist, dass die Welt leer von der Doktrin einer absoluten Wahrheit und substantialistischer unveränderlicher Substanzen ist: Absolute Doktrinen sind nicht wirklich. Damit sind sie gerade nicht leer und daher unwahr. Sie führen zum Schmerz und Leiden.

 

Vers 13.8

Die Leerheit wurde von den siegreichen Buddhas als Ausweg für alle (doktrinären und täuschenden) Ansichten gepriesen.

Aber (die Buddhas) bezeichneten diejenigen als unheilbar, die die Leerheit selbst als doktrinäre Ansicht haben und sich daher nicht vollenden können.

 

Dieser Vers warnt eindringlich davor, dass Leerheit selbst zur absoluten Ideologie erhoben wird. Ein Mensch mit solcher Doktrin sei unheilbar! Ein ungenaues oder sogar falsches Verständnis der Leerheit vertreten leider manche Autoren, die Nāgārjunas Präzisierungen offensichtlich nicht kennen. In manchen buddhistischen Gruppen gibt es vereinfachte und abenteuerliche Vorstellungen von Leerheit. Die Verbindung des Begriffs Leerheit mit dem gemeinsamen Entstehen in Wechselwirkung analysiert Nāgārjuna allerdings detailliert im Kapitel 24 des MMK. Offensichtlich war ihm bewusst, dass gerade der Begriff und die Bedeutung der Leerheit erhebliche Unsicherheiten erzeugen kann.

Wer die Veränderlichkeit ablehnt und eine dauerhafte unveränderliche Substanz, Essenz, Existenz, Entität oder die fiktive Wirklichkeit des ātman, des Substanz-Selbst oder der Dharmas behauptet, steht im fundamentalen Widerspruch zu Gautama Buddha. Seine Befreiungslehre beinhaltet als buddhistische Kernweisheit gerade die Veränderlichkeit und Umwandlung sowie das Zur-Ruhe-Kommen der Gifte Gier, Hass und Verblendung. Um aus dem Leiden dieser Welt herauszukommen, sind Veränderungs- sowie Lern- und Verlernprozesse voller Kreativität unabdingbar. Absolute Doktrinen sind dagegen verhängnisvoll. Sie müssen erkannt und tatkräftig mithilfe der Lehren Buddhas aufgelöst werden. Durch die Leerheit von absoluten Doktrinen können sich die formenden Kräfte dann positiv entfalten und neue kreative Entwicklungen steuern.


[i] Nāgārjuna: The Philosophy of the Middle Way (Übersetzer: David J. Kalupahana), S. 217ff.
Nagarjuna: Fundamental Wisdom of the Middle Way. Nagarjuna’s Mulamadhyamakakarika (Translation: Gudo Wafu Nishijima), S. 128ff.

[ii] Nagarjuna: MMK, Kapitel 24, Vers 18

[iii] Monier-Williams, Monier: Sankrit-English Dictionary

[iv] Gäng, Peter: Meditationstexte des Pali-Buddhismus I, S. 43ff.

[v] Die Verbindung von gemeinsamem Entstehen in Wechselwirkung, Leerheit und Mittlerem Weg analysiert Nāgārjuna in Kapitel 24, Vers 18 des MMK.

[vi] Dōgen: Shōbōgenzō. Die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges (deutsche Übersetzung), Bd. 1, S. 50ff.

[vii] Spitzer, Manfred: Geist im Netz. Modelle für Lernen, Denken und Handeln

[viii] Gäng, Peter: Meditationstexte des Pali-Buddhismus I, S. 43ff.

[ix] Heidegger, Martin: Zeit und Sein

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