Sonntag, 9. Januar 2022

MMK, Kap 14: Verbindung von Subjekt, Wahrnehmung und Objekt

 


Bei der Wahrnehmung bilden die Sinnesorgane und ihre Funktionen mit den wahrgenommenen Objekten ein wechselwirkendes Ganzes.[i] Es ist deshalb unsinnig, eine totale oder duale Trennung und Differenz zwischen den Sinnesorganen und den Objekten zu behaupten, zum Beispiel zwischen den Augen, dem Vorgang des Sehens und dem Gesehenen. Es handelt sich dabei jeweils nicht um substantiale isolierte Entitäten, wie es die Doktrin des Substantialismus der Sarvastivadins vorgibt. Das genaue Gegenteil wäre allerdings die Behauptung, dass eine totale Identität dieser drei Bereiche besteht. Beide Ansichten lehnt Nāgārjuna folgerichtig und überzeugend ab und führt stattdessen die Wechselwirkung und Vernetzung ein.

In diesem Kapitel über Identität, Differenz und Verbindungen von Gleichem, Ähnlichem und Andersartigem wird stringent nachgewiesen, dass nur die Wechselwirkung zwischen Dingen und Phänomenen die Wirklichkeit sinnvoll beschreiben und erklären kann. Nāgārjuna sagt zum Substantialismus:

 Vers 14.1

Die drei Bereiche, das zu sehende Objekt, das Sehen und der Seher, kommen (substantialistisch) nicht miteinander in Verbindung.

Dies gilt jeweils paarweise oder als ein Ganzes.

 In diesem Vers werden also die drei Bereiche Seher, Sehen und zu sehendes Objekt im Sinne des Substantialismus fiktiv als völlig getrennte und isolierte Entitäten oder Substanzen verstanden. Eine Verbindung und funktionale Beziehung könnte es in diesem Fall zwischen ihnen gar nicht geben.

Was sagt dazu die aktuelle Wissenschaft? Wir kennen das Sehorgan sowie den Sehvorgang mit der entsprechenden Informationsverarbeitung heute recht genau: Die vom Objekt ausgehenden Lichtstrahlen werden auf der Netzhaut des Auges in elektrische Impulse umgewandelt, die im Gehirn in Verbindung mit bereits vorhandenen Mustern zu einem Bild des Objekts zusammengesetzt werden. Dazu bedarf es einer intensiven Wechselwirkung der verschiedenen Module des Sehsystems im Gehirn mit den ankommenden Input-Daten. Das Ergebnis erscheint in unserem Bewusstsein und Gefühl, es ergibt unser Bild des Objekts. Häufig ist damit zudem eine Handlung verbunden, zum Beispiel das Ergreifen eines Gegenstands, den man sieht, oder die Steuerung eines bestimmten Vorgangs. Dann wird die Motorik im Zusammenwirken mit den entsprechenden Gehirnmodulen des Sehsystems sowie den zu steuernden Muskeln, Sehnen und Knochen aktiv. Im Allgemeinen sind damit auch Gefühle verbunden, beispielsweise angenehme, neutrale oder unangenehme Gefühle.

Nāgārjuna beschreibt den Zusammenhang und das Zusammenwirken beim Sehen recht genau, ohne über die heutigen naturwissenschaftlichen Kenntnisse zu verfügen. Er sagt, dass der Sehende selbst in Wechselwirkung mit dem Objekt ist. Mit dem Ansatz der Wechselwirkung wird er der Realität also gerecht und kann den gesamten Sehvorgang sinnvoll darstellen.

Nishijima Roshi bemerkt hierzu: „Wenn ein Mensch etwas sieht, scheint es drei Bereiche zu geben: das Objekt, das gesehen wird, der Mensch, der sieht, und der Vorgang des Sehens selbst. Vielleicht konzentrieren wir uns dabei nur auf einen bestimmten Bereich, zum Beispiel den Menschen, wenn er etwas unternimmt oder handelt.“ Dann würden wir allerdings übersehen, dass die drei Bereiche „ein Ganzes bilden und auch niemals getrennt waren“.

Jede Art von totaler Trennung bei der Wahrnehmung in einzelne isolierte und duale Substanzen und Entitäten wird von Nāgārjuna stringent destruiert. Er verwendet dabei den zentralen Sanskrit-Begriff samsarga, der „Zusammentreffen“, „Verbindung“, „Vereinigung“, „Kontakt“ und „Zusammenhang“ bedeutet. Zudem hat der Begriff die Bedeutung von „Freude der Sinne“ im ganzheitlichen Zusammenwirken von Subjekt, Sinnestätigkeit und Objekten. Nishijima Roshi hebt ebenfalls hervor, dass wir weder die totale Identität noch die totale Andersheit annehmen dürfen. Das heißt auch: Ohne Zusammenwirken gibt es auch keine Freude, man denke nur an die Blütenpracht im Frühling. Unsere Sinnestätigkeiten zur Wahrnehmung von Objekten sind also ein zusammenwirkendes Ganzes, das nicht sinnvoll in voneinander unabhängige Bereiche getrennt werden kann.

 Vers 14.5

Wenn irgendetwas mit etwas anderem in Wechselwirkung ist (so ist es nicht total verschieden). Und ein anderes ist nicht ein total anderes ohne das andere.

Und wenn dieses in Wechselwirkung mit jenem ist, kann jenes nicht total anders und getrennt sein.

 

Damit wird die Doktrin der absoluten Trennung und Differenz destruiert und die Wechselwirkung von der falschen substantialistischen Doktrin der totalen Trennung und totalen Andersheit abgegrenzt. Mithilfe des Ansatzes der Wechselwirkung gelingt Nāgārjuna eine konstruktive Analyse der Wirklichkeit ohne die Extreme der absoluten Identität und Differenz. Das entspricht der Methode der De-Konstruktion des Philosophen Derridá.

 Vers 14.7

Die totale Andersheit wird nicht in Beziehung zu dem Anderen gefunden. Genauso wenig wird die Andersheit in dem Anderen gefunden.

Und weil die totale Andersheit nicht gefunden wird, existiert sie eben weder als absolute Differenz noch als absolute Identität.

 Die totale Andersheit oder Differenz wird fälschlicherweise nur vom Geist angenommen und vom Gehirn selbst künstlich erzeugt. Die Destruktion von absoluter Trennung und Andersheit vollzieht Nāgārjuna hier logisch widerspruchsfrei. Da es zudem rein logisch gar keine totale Getrenntheit von etwas geben kann, das gar nicht vorhanden ist, schließt sich damit der Kreis der Destruktion. Weder für ein als getrennt angenommenes Objekt noch für ein nicht vorhandenes Objekt lässt sich eine absolute Trennung isolierter Entitäten nachweisen.

Nishijima Roshi ergänzt: „Wenn wir annehmen, dass es überhaupt keine Wirklichkeit in der Welt gibt, ist es dasselbe, als wenn wir nur in Abstraktionen denken und leben.“ Dann gäbe es nicht die Ganzheit, die er auch als „Verschmelzung“ bezeichnet.

In diesem Kapitel werden noch nicht die Wechselwirkung und Vernetzung mit den anderen Komponenten (Skandhas) des ganzen Menschen analysiert. Von besonderer Bedeutung sind Verzerrungen, Selektionen und Täuschungen, die bei der Wahrnehmung durch Bewertungen, Gefühle und Erregung stattfinden. Im Kapitel 26 des MMK wird Nāgārjuna solche Täuschungen als „Verhüllung des Geistes“ bezeichnen.

Nishijima Roshi fasst das Kapitel folgendermaßen zusammen: „Nāgārjuna betont hier, dass die Ganzheit beziehungsweise Verschmelzung die Wirklichkeit selbst ist. Sie ist im Augenblick des Handelns wirksam.“



[i] Nāgārjuna: The Philosophy of the Middle Way (Übersetzer: David J. Kalupahana), S. 224ff.
Nagarjuna: Fundamental Wisdom of the Middle Way. Nagarjuna’s Mulamadhyamakakarika (Translation: Gudo Wafu Nishijima), S. 134ff.