Sonntag, 9. Januar 2022

MMK, Kap 20: Die Gesamtheit von Verursachung, Frucht und Wechselwirkung, Karma

Das Zusammenwirken von Ursache oder Verursachung und Wirkung in einer ganzheitlichen Situation ist im Buddhismus von zentraler Bedeutung. Es hat nicht zuletzt für die Vier Edlen Wahrheiten zur Überwindung des Leidens eine hohe Aussagekraft. Gautama Buddha war einer der Ersten in der Menschheitsgeschichte, der Leiden direkt auf eigene oder fremde Verursachungen zurückführte. Er lehrte, dass man die Ursachen des Leidens möglichst genau analysieren, achtsam beobachten und erkennen könne. Dann sei es möglich, bei diesen Ursachen anzusetzen, Veränderungsprozesse in die Wege zu leiten und dadurch aus dem Leiden herauszukommen. Buddha war also ein Therapeut, der ohne religiöse Glaubensmodelle durch Vernunft und geschulte Intuition die Ursachen und Wechselwirkungen von Schmerzen und Leiden erkannt hat. Bei der Überwindung des Leidens ging es ihm darüber hinaus um den praktischen Weg zum Erwachen aus dem Unwissen, das heißt um die Befreiung des Menschen von Doktrinen, Hemmnissen, Vorurteilen und Eingrenzungen, die wiederum Ängste und Leiden hervorrufen.

Buddha entwickelte eine sehr praktische Philosophie, die für Entwicklungsprozesse und therapeutisches Handeln gleich gut geeignet ist. Er baute auf dem gemeinsamen Entstehen in Wechselwirkung (pratitya samutpada) in der Welt und beim Menschen auf. Das Grundmodell des Lebens ist für Buddha also, dass verursachende und auslösende Prozesse auf ein gesamtheitliches lebendes Gefüge treffen und dadurch Wirkungen entstehen, die zum Leiden oder hoffentlich im Gegenteil zur Befreiung führen. Sein Modell des Lebens ist aber nicht eindimensional, sondern es geht um Vernetzungen, Rückkoppelungen und Nicht-Linearitäten. Kalupahana spricht daher von der „Harmonie“ der Ursache, Bedingungen und Wirkungen bzw. Früchten.[i] Damit wird deutlich, dass wir es mit einem Systemansatz zu tun haben, der eine große Ähnlichkeit mit Ökosystemen aufweist. Das ist fast sensationell modern.

Auf der Basis der Lehre des gemeinsamen Entstehens in Wechselwirkung ergibt sich ein leistungsfähiges philosophisches System, das die Grundlage für Nāgārjunas MMK bildet. Die Wechselwirkung ist eine Prozessvernetzung und genaue Analyse der funktionalen Beziehungen. Sie ist kein linearer Prozess, wie die Begriffe Ursache und Wirkung vielleicht zunächst suggerieren mögen. Denn beginnend mit der Ursache sind in der Folge komplexe lebende Systeme wirksam, die verschiedene Gesetzlichkeiten und Selbststeuerungen haben. Die Wirkung ergibt sich dann als erkennbarer Output.

Im Buddhismus wird die Wirkung meist als Frucht oder Ergebnis bezeichnet und häufig am Modell der Wiedergeburten festgemacht. Damit wird eine Verbindung zwischen vorigen und folgenden Leben hergestellt, also dem guten oder schlechten Schicksal oder Karma. Unabhängig davon ist aus meiner Sicht vor allem wichtig, dass die Wirkungen des Handelns bereits in diesem Leben eintreten, dass also das Kausalprinzip hier und jetzt wirksam ist. Im Zen-Buddhismus steht dieses konkrete Hier und Jetzt im Mittelpunkt der Lehre und Praxis.

Das Modell der Wiedergeburt birgt die Schwierigkeit, dass man mit phänomenologischen oder empirischen Methoden nur sehr schwer Klarheit bei der Reinkarnation bekommen kann. Es gibt viel Raum für oft abenteuerliche Spekulationen, die wiederum Ängste und Abhängigkeiten von religiösen Machtstrukturen und Unterdrückungsmechanismen erzeugen. So wird eventuell ein Mensch, dem es schlecht geht, zusätzlich dadurch belastet, dass behauptet wird, er habe ein schlechtes Karma. Die Ursache seien Fehler in einem früheren Leben, es sei selbst verschuldet und müsse nun abgearbeitet werden. Eine solche viel zu vereinfachte Doktrin steht natürlich nicht im Einklang mit Buddhas authentischer Lehre. Nāgārjuna sagt einleitend:

 

Vers 20.3

Wenn die Frucht in der Gesamtheit der Verursachung und der wechselwirkenden Faktoren existiert, fragt sich, ob sie nicht in dieser Gesamtheit beobachtet und erfasst werden kann.

Aber in der Gesamtheit wird eine solche Frucht nicht beobachtet und erfasst.

 

Hier wird danach gefragt, ob man beobachten könnte, dass die Frucht schon als substanzhafte Entität in der Gesamtheit enthalten ist. Dies lässt sich jedoch weder empirisch noch phänomenologisch nachweisen. Es ist eine spekulative und doktrinäre Aussage, die in den Bereich der Metaphysik verwiesen werden muss.

In diesem Kapitel untersucht Nāgārjuna vertieft fehlerhafte Ansätze und doktrinäre Lehren der Beziehung von Verursachung und Wirkung. Sie hatten sich in den Jahrhunderten nach Buddha im Rahmen des Abidharma entwickelt. Dazu gehört zum Beispiel die Theorie des Substantialismus. Die meisten Argumente in diesem Kapitel beschäftigen sich mit dieser Weltanschauung. Nāgārjuna weist präzise nach, dass damit der Zusammenhang von Verursachungen, wechselwirkenden Faktoren und Wirkungen nicht schlüssig verstanden und nicht überzeugend beschrieben werden kann. Das gilt auch für die Theorie der Sautrantikas, den Momentanismus.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sowohl eine Philosophie der totalen Identität von Ursache, Bedingungen und Ergebnis als auch eine Philosophie der totalen Unterscheidung und Differenz von Ursache, Bedingungen und Wirkung unbrauchbar ist, um die Phänomene dieser Welt und den Menschen in seinem Zusammenleben sinnvoll und realitätsnah zu erfassen. Nāgārjuna sagt zur unwirklichen Frucht:

 

Vers 20.17

Eine nicht leere, also nicht wirkliche Frucht wird nicht entstehen, und sie wird auch nicht vergehen und zur Ruhe kommen.

Als solche nicht leere Frucht wird sie also nicht zur Ruhe gekommen sein und kann auch nicht entstanden sein.

 

Eine nicht wirkliche, also nicht leere, substantiale Frucht kann es nicht geben. Sie kann weder entstehen noch vergehen oder zur Ruhe kommen. Alles Reale wird als leer von täuschenden Doktrinen bezeichnet und durch das wechselwirkende gemeinsame Entstehen charakterisiert. Wegen der Wichtigkeit dieser Aussage wiederholt Nāgārjuna sie mit etwas anderen Worten in der zweiten Verszeile.

Dieser Vers ist von großer Bedeutung, da er ganz konkret mit der Frage der Befreiung, der Emanzipation bzw. der wahren Frucht des Handelns und des Karmas zusammenhängt. Diese Wahrheit nimmt Bezug auf die Präambel des MMK mit den acht berühmten Negationen, insbesondere dem Nicht-Entstehen und dem Nicht-Vergehen von fiktiven Substanzen. Damit stellt Nāgārjuna klar, dass beides etwas Unwirkliches, nämlich Nicht-Leeres ist. Mag in der Präambel noch Unklarheit darüber bestehen, wie die Bedeutung der acht Negationen zu verstehen ist, so wird durch diesen Vers eindeutig nachgewiesen, dass die Negationen im radikalen Gegensatz zur Leerheit stehen. Leerheit ist übrigens die Bezeichnung für das gemeinsame Entstehen in Wechselwirkung (pratitya samutpada).

Dieser Zusammenhang wird im Kapitel 24 mit den berühmten Versen 24.18 und 24.19 weiter herausgearbeitet und als Eröffnung des Mittleren Weges bezeichnet. Der Vers 20.17 beweist, dass die beiden Negationen in der Präambel – Nicht-Entstehen und Nicht-Vergehen – auf keinen Fall als neue buddhistische Lehre zu verstehen sind. Ähnliches wird leider dennoch auch in bestimmten buddhistischen Kreisen behauptet. Das Gegenteil ist jedoch richtig. Nāgārjuna weist nach, dass diese beiden Negationen eine falsche Doktrin sind, die eine Befreiung und Emanzipation durch Handeln, Karma und dessen Wirkungen ausschließt. Denn Leerheit bedeutet, dass die Doktrin der fiktiven, täuschenden Eigen-Substanz abgelehnt wird. Diese ist gerade nicht die wahre Natur der Dinge und Phänomene, der Dharmas. Diese substantialistische Doktrin hatte auch ihren Weg nach Tibet sowie nach China in den Chan und von dort in den japanischen Zen gefunden. Sie führte meines Erachtens zu erheblichen Verwirrungen und Verzerrungen des authentischen Buddhismus.

Auch Dōgen negiert zum Beispiel mit dem Kapitel über die Buddha-Natur eindeutig den Substantialismus. Denn die Buddha-Natur ist die wahre Natur des Menschen, die im Erwachen klar erkannt und verwirklicht wird. Sie ist keine Substanz oder Entität. Die Statik und simple Dinghaftigkeit des Begriffs des Nicht-Entstehens und Nicht-Vergehens wird mit diesem Vers ad absurdum geführt. Es geht im Buddhismus um die Überwindung des Leidens, und um unsere Weiterentwicklung, Befreiung, Kreativität, Emanzipation. Dadurch werden Freude und Glück des Lebens verwirklicht. All dieses entsteht wiederum in gemeinsamer Wechselwirkung. Eine solche Veränderung findet genau in der Gegenwart im Augenblick statt. Mit der Beziehung von Verursachung und Wirkung wird gleichzeitig der Impuls der positiven Veränderung in die Zukunft beschrieben, das heißt die Fort- und Weiterentwicklung des Menschen.

Nishijima Roshi sagt eindeutig: „Der Zustand des Gleichgewichts und damit der Selbststeuerung kann nicht künstlich aus Ideen und Vorstellungen entstehen. Im unausgeglichenen Zustand ist auch das Ergebnis unwirklich und kann sich daher in der wirklichen Welt nicht manifestieren. Die unbalancierten Zustände werden sich dann in der Welt fortsetzen. Der Zustand der Selbststeuerung kann erkannt und weiterentwickelt werden.“

Nishijima Roshi unterscheidet im Hinblick auf die Zusammenhänge zwischen Ursache und Wirkung den Buddhismus und die westliche Philosophie. Der Buddhismus sei die Philosophie der umfassenden Wahrheit, also der höchsten, dem Menschen zugänglichen Wahrheit: „In der buddhistischen Philosophie wird darauf vertraut, dass es unmöglich für uns ist, Erfahrung, Praxis oder Handeln zu erkennen, ohne dass wir den Bereich des dualen Intellekts verlassen. Wir müssen in den Bereich der Erfahrung, der Praxis und des Handelns direkt eingehen.“ Wir müssten daher deutlich unterscheiden, wann die Idee eines Ergebnisses gedacht und intellektuell sei, wie es in den sozialen Gesellschaften üblich ist. Dann müsse man das Ergebnis von der Ursache unterscheiden, weil eben das Ergebnis eine intellektuelle Leistung ist, aber nicht eine unmittelbare Wirklichkeit des Erfahrens und Handelns. Die Beziehung von Ursache und Wirkung könne daher nicht in zwei getrennte Entitäten unterteilt werden, sondern sei eine umfassende Ganzheit im Handeln des Augenblicks. Dabei müsse man sich diese Ganzheit nicht zuletzt als intuitive übergreifende Vernunft vorstellen, erklärt Nishijma Roshi: „Meister Nāgārjuna stellt klar, dass sich unsere umfassende und intuitive Ganzheit im Zustand des Gleichgewichts ereignet.“ Das sei die ursprüngliche Quelle der buddhistischen Philosophie.

Wir wissen heute aus der modernen Gehirnforschung, dass viele Funktionen des Gehirns ohne unseren bewussten Willen ablaufen. Dabei ist unser Unbewusstes ein selbstlernendes und sich selbst organisierendes System. Das neuronale Netz fügt Informationen und logische Verknüpfungen hinzu, die uns gar nicht bewusst werden. Diesen gesamten Zusammenhang kann man als umfassende intuitive Vernunft bezeichnen. Der bewusste Teil unseres Gehirns kann sich mit den großen Leistungen des nicht-bewussten Teils verbinden. Damit werden geistige Lösungen ermöglicht, die wir allein mit bewusstem oder intellektuellem Denken nicht leisten können.

Auf diese Weise kann man meines Erachtens auch die Bedeutung der Zazen-Meditation zumindest teilweise erklären: Durch das „Abfallen von Körper und Geist“ im Zazen werden intellektuelles Denken, bewusstes Wollen und ungesteuertes Fühlen zur Ruhe gebracht. Dann wird eine erweiterte intuitive Vernunft wirksam, also das Zusammenwirken größerer Bereiche des neuronalen Netzes. Dadurch entsteht eine neue geistige und auch ethische Klarheit.

Wenn wir dieses Wissen aus der Gehirnforschung auf das 20. MMK-Kapitel über den Zusammenhang von Verursachung und Wirkung anwenden, so wird klar, dass im Augenblick des ganzheitlichen Gleichgewichts ein intuitives Gesamtverständnis möglich ist. Dieses Gesamtverständnis verbindet gespeicherte Informationen der Vergangenheit, also der Erinnerung, und der Zukunft. Diese Informationen erscheinen nicht unbedingt in der bewussten Ratio des Gehirns. Vereinfacht kann man sagen, dass es eine funktionale Einheit von Verursachung und Wirkung im Geist gibt und dass dies ein typischer Augenblickszustand ist. Dieser wird von Buddha und Nāgārjuna als gemeinsames Entstehen in Wechselwirkung bezeichnet. Es geht also um das gemeinsame Entstehen als Impuls aus dem ganzheitlichen Geist.

Ich finde es erstaunlich und habe tiefe Bewunderung für Buddha und Nāgārjuna, dass sie diese Funktionen unseres Geistes und unserer Psyche so klar erkannt haben. Sie machten sie zur Grundlage unseres geistigen, körperlichen und psychischen Entwicklungsprozesses. Wenn sich die westliche Philosophie dagegen nur auf die Vernunft und Intellektualität bezieht, sind derartige Zusammenhänge nicht erkennbar. Die gesamtheitlichen intuitiven geistigen Leistungen, die sich genau im gegenwärtigen Augenblick ereignen, bleiben dann unberücksichtigt.

Dabei wird deutlich, dass ein vereinfachtes Modell von Ursache und Wirkung in einem eindimensionalen unidirektionalen zeitlichen Ablauf die Realität der Vernetzung nicht wiedergeben kann. Daher muss das Verständnis der simplen Kausalität erweitert werden, um die vernetzte Wirklichkeit zu erfassen. Das umfassende intuitive Verstehen aus unserer menschlichen Mitte und Balance ist der Kern der buddhistischen Lehre. Dabei ist vor allem zwischen der wahren umfassenden Vernunft und den angestrebten Zielen und Ergebnissen zu unterscheiden. Letztere gehören dem Bereich der Ideen und des dualen Intellekts an. Außerdem sind sie nicht selten Teil von völlig unzuverlässigen Scheinwahrheiten der Gesellschaft, Politik oder Wirtschaft. Nāgārjuna fährt fort:

 

Vers 20.23

Welche Gesamtheit es von wechselwirkenden Faktoren und Verursachungen auch immer geben mag, eine solche Gesamtheit erzeugt das Ātman-Selbst nicht aus sich selbst.

Und es stellt sich die Frage, wie eine solche Gesamtheit eine Frucht erzeugen könnte.

 

Wir kommen nun zu den abschließenden Aussagen über die Gesamtheit von Verursachung, wechselwirkenden Faktoren und Frucht als Ergebnis. Eine solche Gesamtheit kann laut Nāgārjuna niemals total aus sich selbst oder total aus anderem erzeugt werden. Es kann auch keine Erzeugung durch ein Ātman-Selbst geben. Damit kann also auch eine Frucht nicht aus der genannten Gesamtheit erzeugt werden.

Nishijima Roshi fasst zusammen: „Die Welt basiert auf der Vernunft (als Kausalität) als einer verlässlichen Tatsache (wechselwirkender Faktor). Dadurch kann aber niemals die Ātman-Seele erzeugt werden. Die Welt beruht nämlich überhaupt nicht auf einer isolierten Ātman-Seele.“ Er fragt, wie ein Ergebnis (eine Frucht) erzeugt werden könne in einer Welt, die als große Identität gedacht werde und in sich total gleich sei. „Die integrative Vernunft ist also fundamental für die Welt“, fügt er hinzu. Ohne eine umfassende intuitive Vernunft könne es keine wirkliche Frucht geben.

In diesem Kapitel weist Nāgārjuna anhand der Prüfung aller Varianten und logischen Alternativen nach, dass eine Weltanschauung getrennter Entitäten in die Irre geht. Isolierte, aus sich selbst entstandene Pseudo-Substanzen sind für den zentralen Zusammenhang von Verursachung und Wirkung unbrauchbar. Mit dieser Doktrin würden sich bei den wichtigen Phänomenen der Verursachung, der wechselwirkenden Bedingungen und des Ergebnisses, der Frucht, unsinnige und widersprüchliche Schlussfolgerungen ergeben. Damit wäre die gesamte Karmalehre des Buddhismus unterminiert!

Eine ethische Verantwortung muss vom Zusammenhang von Verursachung und Wirkung ausgehen, sonst würde es zur totalen Willkür des moralischen Handelns unter den Menschen kommen. Dies hätte für uns alle fatale Folgen. Eine Gemeinschaft und ein sinnvolles Zusammenleben wären dann nicht möglich, weil die Menschen keine Verantwortung für ihre Handlungen übernehmen würden. Das widerspricht im Kern der buddhistischen Lehre. Sie ist die Grundlage des heilsamen Zusammenlebens der Menschen und des schonenden und nachhaltigen Umgangs mit der Umwelt und den Ökosystemen.

 



[i] Nāgārjuna: The Philosophy of the Middle Way (Übersetzer: David J. Kalupahana), S. 280ff.

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